Wie soll die Politik mit der “digitalen Lehrmittelfreiheit” umgehen?

Die Große Koalition setzt sich im Koalitionsvertrag für freie Bildungsinhalte ein. Dabei kündigt sie an, dass Schulbücher und Lehrmaterial „soweit möglich frei zugänglich sein“ sollen und dass „die Verwendung freier Lizenzen und Formate ausgebaut“ werden soll. Gemeinsam mit den Ländern will sie die „digitale Lehrmittelfreiheit“ stärken. Ich habe den Bildungsexperten Jöran Muuß-Merholz um eine Einschätzung gebeten. Er zeigt sich skeptisch, aber auch ein wenig hoffnungsfroh – und schreibt:

“Im Koalitionsvertrag sind unter der Überschrift ‚Digitale Bildung’ nur allgemeine Absichtserklärungen und unverbindliche Formulierungen zu finden. Material soll ‚soweit möglich frei zugänglich sein’, man will eine ‚Strategie [...] entwickeln’, und hält Fortbildung für ‚dringend notwendig’. Die Koalition kann für den Bereich Schule nichts konkret und handfest versprechen – einfach weil die Entscheidungen bei den Bundesländern liegen und nicht beim Bund.

Forderungen wie ‚Schulbücher und Lehrmaterial auch an Hochschulen sollen, soweit möglich, frei zugänglich sein’ sind butterweich. Der Bund kann hier viel fordern, aber nichts entscheiden. Für bemerkenswert halte ich die etwas konkreteren Aussagen wie ‚ein bildungs- und forschungsfreundliches Urheberrecht’ – hier wäre ja tatsächlich der Bund gefragt. Allerdings ist in der genauen Formulierung gar keine Überarbeitung des Urheberrechts versprochen – man kann auch interpretieren, dass der Status Quo ausreicht. Auch die Forderung nach Informatikunterricht ab der Grundschule ist bemerkenswert – aber auch hier gilt die Hoheit der Länder.

Grundsätzlich sind alle Bekenntnisse in Sachen ‚Digitales Lernen’ oder digitale Materialien begrüßenswert. Dadurch steigt der Druck, dass sich in diesem Bereich endlich wirklich etwas bewegt und nicht nur unsystematische und vereinzelte Versuche stattfinden.

Einen richtig großen Wurf wird es aber nur geben, wenn tatsächlich eine bundesweite, die Länder verbindende Strategie zu dem Thema angegangen wird. Ganz wichtig wäre dabei, dass nicht nur über den Einzug von digitalen Materialien, digitalen Werkzeugen oder digitalen Plattformen gesprochen wird, sondern über die Chance, die schulische Pädagogik mithilfe digitaler Technologie zu modernisieren. Japan macht es vor: Hier hat gerade im Sommer die Regierung einen Masterplan beschlossen, der eine flächendeckende Digitalisierung vorsieht – und gleichzeitig eine grundlegende Reformierung der Didaktik.

„Jedem Kind ein Gerät“ oder „Digitale Lehrmittelfreiheit“ sind populäre Forderungen. Aber sie zeigen nicht an, in welche Richtung man Schulen überhaupt weiterentwickeln will. Wir wissen, dass digitale Geräte Katalysatoren und Verstärker für Entwicklungen sind – aber nicht unbedingt in neue Richtungen. Die Digitalisierung kann auch die alte Pädagogik von frontalem Input, von Drill&Practice perfektionieren. Mit moderner Technologie lässt sich wunderbar eine altmodische Pädagogik umsetzen.

Das wahre Potential steckt darin, die Geräte für selbständiges, kollaboratives und kreatives Lernen zu nutzen.

Es ist nicht klar, was mit ‚Digitaler Lehrmittelfreiheit’ eigentlich gemeint ist. Eine konsequente Umsetzung im Sinne von Open Educational Resources (OER) darf nicht damit enden, dass Materialien kostenfrei bereitgestellt werden. Die wahren Potentiale stecken darin, dass Materialien unter einer Lizenz stehen, nach der sie weiterverarbeitet und auch in veränderten Fassungen weitergegeben werden können. Das würde dann ganz neue in Sachen Teamarbeit und Austausch unter Lehrenden eröffnen.

Für OER sind noch gar keine Finanzierungs- und Geschäftsmodelle zu erkennen. Man darf ja nicht vergessen, dass zwar die Nutzung kostenfrei sein soll – die Produktion von hochwertigen Materialien aber natürlich weiterhin Geld kostet.”

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Informationsfreiheit in China

Wetten, dass die meisten Leser bei der Überschrift „Informationsfreiheit“ an Themen wie Zensur, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit denken? Freier Fluss von Informationen, Informationsgesellschaft und globales digitales Dorf, solche Sachen? Darum geht es heute nicht. Vielmehr geht es um einen Rechtstext, den China vor fast genau fünf Jahren in Kraft gesetzt hat. Am 17. Januar 2008 hat der chinesische Staatsrat eine Regulierung verabschiedet, die man mit dem deutschen „Informationsfreiheitsgesetz“ oder dem US-amerikansichen „Freedom of Information Act“ vergleichen kann. Informationsfreiheit in China? Für diejenigen, die das überrascht, hier eine Zusammenfassung;

Die „Regulierung zur Publizität von Regierungs-Informationen“ (klingt im deutschen holpriger als im Chinesischen; Hintergrundinformationen zum Beispiel hier) regelt, welche Informationen und Dokumente aus den Schränken und Festplatten von Regierungsstellen für die Bürger einsehbar sind – und welche nicht. Ähnliche Gesetze werden weltweit als wichtiges Mittel im Kampf gegen Korruption und Amtsmissbrauch eingesetzt. Meine Lieblingsversion eines solchen Gesetzes ist kurz und existiert nicht. Sie lautet: “Die Institutionen des öffentlichen Sektors publizieren alle Informationen, über die sie verfügen – außer es spricht etwas nachweisbar dagegen.”

Das kann man dann auf acht Seiten ausbreiten (Deutschland), oder auf 70 (Großbritannien), bleibt am Ende aber doch das Gleiche: Die Gesetze reißen ein paar Löcher in die bürokratischen Festungswälle, erlauben es Bürgern, Journalisten oder Medien, genauer hinzusehen. Sie legen üblicherweise fest, welche Informationen „der Staat“ (was dann unterschiedlich definiert wird) proaktiv publizieren muss, und formulieren Regeln, wie Bürger darüber hinaus den Zugang zu spezifischen Informationen beantragen können. All diese Gesetze enthalten Ausnahmetatbestände: Staatsgeheimnisse, Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse, persönliche Daten sind in aller Regel von der Transparenzpflicht ausgenommen.

Die chinesische Regulierung (hier in einer englischsprachigen Übersetzung) macht da erst einmal keine Ausnahme. Sieht man sich den Text an, stellt man einen Fokus auf proaktive Informationspflichten der Regierungsstellen fest, während das Recht auf antragsbasierten Informationszugang ein wenig versteckt und im Artikel 13 knapp formuliert daher kommt. Die Intention der Regulierung stellt sich dar als Regierungsreform, Modernisierung, bessere Aktenpflege, effizientere Informationsverwaltung – und natürlich Kampf gegen Amtsmissbrauch und Korruption, weiterhin als Schwerpunkt der obersten chinesischen Regierungsebene ausgerufen. Entsprechend sind die detailliertesten Passagen des Gesetzes, und die meisten Richtlinien und Fortbildungen, die chinesische Beamte zur Implementierung erhalten, darauf ausgerichtet, die Arbeitsabläufe innerhalb der Verwaltung darauf auszurichten, dass mehr Informationen und Dokumente auf den Webseiten der Behörden angeboten werden können. Das alleine ist eine gewaltige Anstrengung, sie betrifft im Prinzip jeden einzelnen Beamten im ganzen Land – das sind etwa 7 Millionen.

Informationszugang auf Antrag ist im Prinzip viel einfacher: Man muss nichts tun, außer darauf warten, dass ein Bürger nach einem Dokument fragt, und dann entscheiden, ob man es ihm geben kann, oder ob ein Ausnahmetatbestand greift. In der Praxis der chinesischen Verwaltung ist es nicht ganz so einfach: Bei weitem nicht jeder Beamte ist im Umgang mit seiner eigenen Transparenzpflicht geschult, kennt die gesetzlichen Regelungen und Verwaltungsprozesse. Das Beamtengesetz droht zudem mit disziplinarischen Konsequenzen für Staatsdiener, die Informationen herausgeben, die sie nicht hätten herausgeben sollen. Das Gesetz zu Staatsgeheimnissen lauert im Hintergrund mit noch drakonischeren Strafen. Und die Definitionen in der Transparenzregulierung dazu, was nun eine Ausnahme vom Prinzip der Öffentlichkeit darstellt und was nicht sind so vage, dass die Motivation der Behördenmitarbeiter klar ist: Im Zweifel ist es für die Beamten immer von Vorteil, einen Antrag negativ zu bescheiden, eine Information nicht online zu stellen. Ein abgelehnter Antrag ist entweder das Ende der Geschichte, oder der Fall geht über die Konfliktlösungsmechanismen zu höheren Hierarchiestufen, mit mehr Autorität, die Sachlage zu interpretieren. Die Quote der Anträge, die innerhalb des von der Regulierung vorgebebenen Zeitrahmens (in der Regel 15 Tage) positiv beschieden wurden – eine Information, die andernorts oft in die Evaluation einer Behörde oder eines Beamten eingeht – spielt für die Karriereaussichten des Beamten bisher keine Rolle. Eine Disziplinierung aufgrund der Publikation geheimer Informationen würde dagegen eine fatale Rolle spielen.

Die Erfahrung der ersten fünf Jahre Umsetzung der Regulierung hat noch weitere Schwächen offenbart: Nichtregierungsorganisationen und Medien sind international die intensivsten Nutzer von Informationsfreiheitsgesetzen. In China spielen die Massenmedien als Kontrollorgan staatlichen Handelns praktisch keine Rolle. Durch die vergleichsweise schwache Rolle der Zivilgesellschaft gibt es wenige Institutionen, die als Vorreiter des Informationszugangs die Grenzen des Möglichen austesten würden. Individuen haben kein großes Interesse, sich über die Fälle hinaus, in denen es um die eigenen Belange wie drohende Umsiedelung oder Wasserverschmutzung geht, mit staatlichen Stellen anzulegen. Eine genervte oder gar zornige Verwaltung gegen sich zu haben ist in China noch weniger angenehm als anderswo. Natürlich gibt es auch engagierte Bürger, die mehr wissen wollen als die staatlichen Bulletins verraten möchten, aber solches Engagement ist noch rar (hier ist ein schönes und amüsantes Beispiel, passend zum bald wieder anstehenden chinesischen Neujahrsfest-Reisewahnsinn).

Auch der Weg vor ein Gericht im Rahmen eines Verwaltungsverfahrens ist im China des sich noch entwickelnden Rechtsstaatssystems weniger zuverlässig als er sein sollte. Verfahren können lange und kostspielig werden – und gleichzeitig haben auch die Gerichte noch wenig Erfahrung mit der Auslegung der Informationzugangsregulierung. Gerade die Balance der Rechte aus verschiedenen Gesetzen und Regulierungen bedeutet für die Verwaltungsrichter oft Pionierarbeit. Das Resultat solcher Beschwerdeverfahren ist schon deshalb schwer vorherzusagen.

Natürlich wurden Fortschritte erzielt in den fünf Jahren Regulierungspraxis:

  • Die Provinz Guangdong war schon 2009 Vorreiter einer umfassenden Transparenzinitiative zumProvinzhaushalt (hier in einem Blog des Wall Street Journal erwähnt, mit mehr Beispielen), etablierte ein zu gewissem Ruhm gelangtes umfassendes System der Budget-Transparenz, und veröffentlicht regelmäßig die Ausgaben für Reisen, Bewirtung und den Fuhrpark, die größten Quellen der Verschwendung öffentlicher Mittel in China.
  • Das Dorf Baimiao in der Provinz Sichuan ist derzeit so etwas wie der Popstar der Transparenz-Szene (Spitzname „naked government“), nachdem die lokale Regierung 2010 begann, alle Ausgaben inklusive der exzessiven Bewirtungsrechnungen online zu stellen und die resultierende Kritik der Öffentlichkeit an der bisherigen Verschwendung zum Anlass für Reformen zu nehmen (mehr dazu hier).
  • Immer mehr Ministerien nehmen an Evaluationen zur Qualität ihrer Transparenzbemühungen teil. Ein Beispiel einer solchen Analyse ist der jährlich publizierte Bericht des Center for Public Participation Stduies and Supports (CPPSS) der Peking Universität. Im letzten Bericht (Zusammenfassung hier) wurde festgestellt, dass für die Mehrheit der Ministerien auf nationaler Ebene stetige Transparenz-Verbesserungen gemessen werden konnten, mit dem Transportministerium als Gewinner der diesjährigen Untersuchung.
  • Nichtregierungsorganisationen wie das Institute for Public and Environmental Affairs IPE des prominenten Umweltaktivisten Ma Jun beginnen, die Zugangsrechte und die von den verschiedenen Regierungsstellen systematisch publizierten Informationen zu nutzen. Das IPE sammelt publizierte Regierungsinformationen, ergänzt sie durch Informationszugangsanträge und eigene Recherchen, und stellt sie auf der Website in Form von Wasserverschmutzungs- und -verschmutzertabellen bereit. Ziel ist es, Druck auf die internationalen Unternehmen auszuüben, die in China produzieren lassen, um ihre Zulieferer zu verantwortlicherem Umgang mit den Wasser-Ressourcen zu bewegen.
  • Die Diskussion zur Reform der Informationszugangsrechte ist lebendig und offen. Eine Gruppe akademischer Experten und motivierter Beamter arbeitet seit Jahren daran, sowohl bessere Richtlinien zur Umsetzung der existierenden Regulierung auszuarbeiten als auch Vorschläge zur Reform des Rechtsrahmens zu formulieren. Im Dezember 2012 kamen führende Experten und Praktiker in einer Konferenz der Peking Universität und des US-amerikanischen Carter Center zusammen und entwickelten Empfehlungen zu Chinas nächsten Schritten Richtung mehr Transparenz. Recht überraschend herrschte vor allem Einigkeit dazu, dass die derzeitige Regulierung ein zu schwaches Instrument sei und durch ein Gesetz ersetzt werden müsse, um sich gegen die Widerstände der Verwaltung und der verwandten Gesetze durchsetzen zu können. Eröffnungsredner Jimmy Carter hatte dies der Konferenz mit auf den Weg gegeben – und er erwähnte nebenbei, dass er auch dem künftigen Premier Li Keqiang diesbezüglich sehr deutlich ins Gewissen geredet hatte (kurzer Konferenzbericht hier).

Der Weg zur Regulierung, wie sie jetzt existiert, war außerordentlich schwierig. Das merkt man dem Papier an, es wird nicht besser durch die vielen Kompromisse. Dass die Regelung gegen viele Widerstände aber überhaupt existiert, ist allein schon ein kleines Wunder. In diesem Bereich gab es keine Welthandelsorganisation, die auf Vereinbarungen und Vertragsanhänge pocht (aus denen dann oft doch nichts wird, siehe Telekommunikationsgesetz). Der Druck zur Informationszugangsregulierung kam von innen: In einem kleinen Workshop des EU-China Information Society Project waren schon 2005 zwei Vizeminister anwesend, die beide in ihren Kommentaren die starke Bedeutung einer solchen Regulierung für Chinas „Demokratisierung“ betonten. Natürlich ist Chinas Demokratie-Konzept ein anderes, und es wird sich sicher einmal lohnen, hier im Blog auseinander zu dividieren, wie dieses Konzept aussieht bzw. aussehen könnte. Aber wenn mehr Transparenz staatlichen Handelns und Verfügbarkeit von mehr Informationen Teil davon ist, dann ist das ein gutes Signal.

Die Maßnahmen, die die Regelung in Kraft setzt, sehen dann in der chinesischen Realität anders aus als in Kanada oder in Schweden. Das schadet aber erstmal nichts – die gesetzten Signale und die Qualität der Diskussion sind spannend, und es wird interessant sein zu sehen, wie die Lehren der letzten fünf Jahre Informationszugangsregulierung in Reformen umgesetzt werden. Informationszugangsrechte sind weiterhin eine Baustelle – nicht nur, aber auch in China.

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“Urheber ohne Recht?” – Podiumsdiskussion zwischen Rechteinhabern und Rechteverwaltern

In den Räumen der Bayrischen Landesanstalt für neue Medien (BLM) in einer gemeinsamen Veranstaltung mit dem US-Generalkonsulat diskutierten Juristen, ein Blogger und ein Komponist miteinander und mit dem Publikum. Dabei wurden die Unterschiede zwischen US- und EU-Recht beleuchtet – von Seiten der Juristen und Verwerter -, und klargestellt – von Seiten der Urheber -, dass die “Kulturflatrate” ausgesprochen unerwünscht ist.

Nach Grußworten der Chefs der beiden Institutionen, also von Siegfried Schneider, Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) und von Conrad Tribble - noch wenige Tage US-Generalkonsul in München – kamen erst einmal die Juristen zu Wort. Die stellten denn auch gleich klar, daß sie nicht die “Guten” sind, aber auch nicht die “Bösen”, sondern “Söldner”: D’Lesli M. Davis stellte gleich zu Beginn ihrer Keynote klar, dass sie nur erzähle, für was man sie bezahle, und Dr. Stefan Ventroni beklagte sich zu Beginn seiner Keynote prompt, dass die Kollegin Davis ihm damit just diesen seinen Einstiegsgag geklaut habe. Zu juristischen Auseinandersetzungen soll es deshalb aber glücklicherweise nicht gekommen sein.

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Ein anwesender Urheber, der sehr plakativ das genaue Gegenteil von CC-Lizenzen offeriert: Namensnennung ist entbehrlich, dafür wird ein solides Honorar fällig. Der Erfolg dieser “Trikotwerbung” ist unbekannt – falls konkreter Bedarf besteht, wäre allerdings auch der Autor dieses Beitrags und Fotograf dieser Aufnahme für eine derartige Tätigkeit zu begeistern, weil er sich allein von der nicht existenten Kulturflatrate nicht ernähren kann… (Bild: W. D. Roth)

Doch bei allen berechtigten Zweifeln an der Jura-Branche, die oft Probleme erneut schafft, die andere längst gelöst zu haben glaubten: Die beiden Keynotes schafften einen schnellen Überblick über die Unterschiede zwischen den US- und den EU-Urheberrechtssystemen.

Die Rechteproblematik hat sich durch das Internet verschärft, weil hier eben sehr schnell tausendfach kopiert werden kann, nur weil Lieschen Müller ihr Lieblingsmusikstück ins Netz gestellt hat, oder, blöder noch, eine Tauschbörsensoftware benutzt hat, ohne zu wissen, dass diese den Download anschließend automatisch auch zum Upload anbietet.

Zudem wird eine “wir kriegen sowieso, was wir wollen”-Mentalität beklagt – Dr. Stefan Ventroni verwies hier auf den Song “Illegale Fans ” von Deichkind, der diese Haltung zum Thema habe.

 

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IP-Allmende unter Beschuss

Nehmen wir an, unsere Postadressen gehörten nicht uns, sondern der Post. Und die Post würde sagen:

„Hey, wir machen das in Zukunft so: Wer will, dass wir seine Briefe und Drucksachen ordentlich zustellen, muss einen Vertrag mit uns unterschreiben, in dem wir erklären, was zu tun ist.”

Merkwürdige Vorstellung? In der Tat. Aber so ähnlich passiert das gerade mit den IP-Adressen des Internets. Der Mechanismus ist nicht so schwer zu verstehen, da man ihn aus fast allen Lebensbereichen kennt. Aber eins nach dem andern und am besten ganz von vorn.

Das Internet (> interconnected net) besteht aus vielen Rechnernetzwerken, die eine ozeanische Flut von Daten austauschen. Dieser Datenaustausch funktioniert nur, wenn es eindeutige Adressen für jeden Absender und Empfänger gibt. Und eindeutig heißt eindeutig, im mathematischen Sinne. Ein Briefträger kommt auch manchmal nur mit der Postleitzahl aus. Ein Computer nicht.

Um die Adresszuweisung zu regeln gibt es das ‘internet protocol‘ (‘IP’). Davon existieren im wesentlichen zwei Versionen, die ‘klassische’ Version ‘IPV4′, sowie die Version der Zukunft ‘IPV6‘. Letztere spielt bislang noch eine untergeordnete Rolle. Aber sie wird kommen. Das ist klar.

Der Grund dafür ist einfach: Was sich noch vor 20 Jahren kaum jemand vorstellen konnte, ist eingetreten. Die verfügbaren IP-Adressen gehen zur Neige. Und zwar nicht, weil wir auf der Welt bald mehr als 4,3 Milliarden PCs haben … (so viele Adressen generiert das bisherige System), sondern weil alle möglichen Geräte des Alltags Minicomputer enthalten (werden). Handys sowieso, Kühlschränke, Uhren, Messgeräte, Autos, “Bücher”, Gehilfen, Sehhilfen und fast alles wo “smart” davorsteht.

Die IP-Adressen nach der klassischen Version bestehen aus 32 Ziffern. Jeder Rechner bekommt also bislang irgend eine Zahl zwischen 0 und 2^32-1, also 4,3 Milliarden zugewiesen. Doch diese Anzahl verfügbarer Adressen ist bald ‘ausgeschöpft’. Seit einiger Zeit ist deshalb von der „Knappheit der IP-Adressen“ die Rede (woran man gut sehen kann, das Knappheit sozial hergestellt ist und kein natürliches Ereignis ist).

Im neuen System, IPV6, besteht die Kennung der Internetadressen aus 128 Stellen, was sagenhafte 340 Sextillionen Adressen möglich macht. Das sieht so aus: 340.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.

Die Frage ist nun: Wie werden diese Adressen konkret vergeben und genutzt? Was darf man damit machen, was nicht?

Bisher wurde der IPV4-Adressbereich (‘ip address space‘) immer als Commons gesehen. Alle sollten gleichberechtigten Zugang haben. Freilich war es trotzdem so, dass Geld in der Zugangssicherung einen gewissen Unterschied machte (etwa beim Reservieren von Adressbereichen), aber das Prinzip war Zugangsneutralität.

Die Vergabe der IP-Adressen, die koordiniert sein muss, um die Eindeutigkeit sicherzustellen, erfolgt durch so genannte ‘regional internet registries, RIR‘, die sich innerhalb der ‘community‘ (also der Gruppe von Menschen, die sich mit Internetverwaltung befasst) herausgebildet haben. Diese „community“ bestand insbesondere zu Beginn – zu Beginn der 90er Jahre – aus einer Mischung interessierter Techies und kommerzieller Interessengruppen, die dann immer stärker zugelegt haben. Die Vergabe der Adressen erfolgt nach Hierarchieebenen, was man sich so vorstellen muss:

Die 1. Hierarchieebene (oberste) ist nicht eindeutig bestimmt. Die USA haben hier die Internet Assigned Number AuthorityIANA‘ platziert. IANA schwebt, wenn ich das richtig verstehe, noch immer etwas über der eigentlichen, aber noch sehr jungen “Internetregierung” ICANN. Das mag mit der Geschichte des Internets zusammenhängen, wirft aber Legitimationsprobleme auf. „IANA“ so schrieb mir jüngst jemand, der sich in diesen Diskussionen sehr engagiert:

„wird von der community eher ‘mitgeschleift’ und zum Grossteil auch einfach ignoriert“.

Trotzdem besitzt IANA die Autorität über die Zuweisung von Adressblöcken an drei unterschiedliche Regional Internet Registries (RIR). Und das ist ziemlich viel Macht.

Ein theoretisch halbwegs legitimiertes Organ an dieser ersten Position wäre wohl das ‘NRO’ – das eigentlich nur die Gemeinschaft aller RIRs (siehe 2. Hierarchieebene) bezeichnet. Derzeit gibt es 5 davon: RIPE für (erweitertes) Europa, ARIN für Nordamerika, LACNIC für Lateinamerika, APNIC für Asien, AFRINIC für Afrika. Sie alle sind, soviel ich weiß, gemeinschaftsbasiert, d.h. die jeweiligen juristischen Personen handeln im Sinne, in Vertretung und auf Weisung einer community. Zumindest offiziell. Das muss man sich dann so vorstellen, dass sich jeder an den Diskussionen zur Meinungsbildung – z. B. über das neue ipv6 beteiligen kann (siehe unten).
Die 3. Hierarchieebene besteht aus sogenannten LIRs (‘local internet registries‘). Im Prinzip sind das fast ausschließlich Unternehmen, größtenteils Internet-Provider irgend einer Art, unter anderem die Telekom oder Vodafone.
Die 4. Hierarchieebene sind schließlich wir. Einzelpersonen die nicht ‘LIR’ sind, also die ‘Endnutzer_innen’ ganz unten in der Pyramide.

Die Vergabe der IP-Adressen geschieht also entlang dieser vier Hierarchieebenen. In wenigen Fällen kann Ebene 3 ausgelassen werden.

Und jetzt zum Punkt, der die Überschrift erklärt:
In RIPE (und nicht nur dort) gibt es starke Bestrebungen, die ‘IP commons’ zu Waren zu machen und Regelungen durchzusetzen, die dazu führen, dass die LIRs die Adressen als veräußerbares Eigentum bekommen. Bei ARIN ist das Kind offenbar schon in den Brunnen gefallen, was nicht wundert, denn in US-dominierten Debatten ging es schon immer etwas marktfundamentalistischer zu.  Der Markt soll die Sache mit den IP-Adressen also künftig richten (und die “community” legt jetzt nur fest, wie Marktregeln eingeführt werden und beansprucht, sie später zu überwachen). Folgerichtig erklärt dann der CEO von ARIN, John Curran, warum man in öffentlichen Äußerungen ‘Transfer’ und nicht ‘Verkauf’ sagen solle, schließlich würden ja noch community-Regeln gelten, „obwohl die Begriffe „verkaufen“ und „verkauft“ nicht unkorrekt sind“, schiebt er hinterher!

Die Auswirkungen dieses Paradigmenwechsels kann man sich leicht vorstellen:
Bisher haben alle ‘IP-Halter’ (ob nun die kommerziellen oder die „Endnutzer“) nur Anspruch auf Adresszuweisung gemäß dem eigenen Bedarf. Das heißt, die konkrete Nutzung steht im Mittelpunkt. Das ist ein altes Allmendeprinzip. Nutze, was Du brauchst, aber nicht mehr, wie im Allemansrecht.
Nun soll schleichend eingeführt werden, dass die ‘IP-Halter’ auf Ebene der LIR tatsächlich die absolute Verfügungshoheit über ‘ihren’ IP-Raum besitzen. Es wird ihnen damit ermöglicht, Adressen bzw. Teile davon zu verkaufen. Ein Anspruch der Allgemeinheit z.b. auf Rückgabe nicht (mehr) benötigter IP-Adressen wird abgewehrt.

Wenn man das zu Ende denkt, wird vorstellbar, dass sich irgendwann einmal selbst die 340 Sextillionen IP-Adressen erschöpfen. Denn im Prinzip ist das künftig nur eine Frage des Preises. Sind IP-Adressen erst zur Ware geworden, kann man sie aufkaufen und horten. Man kann wunderbar damit handeln und wo gehandelt wird, da sind Handelskriege nicht weit. Und man kann natürlich ebenso wunderbar Politik damit machen.

Das wäre das Ende des allgemeinen IP-Adressen-Pool. Eines Pools, der bislang als Gemeingut galt (auch wenn es manche anders sehen, weil sie Commons mit dem Niemandsland verwechseln). Um in Zukunft ‘Internet zu machen’ muss man zunächst IP-Adressen von einer Firma kaufen (das kann im Zweifelsfall in einem bestimmten Bereich nur noch eine einzelne Telecom sein) und sich deren Bestimmungen unterordnen.  Das wäre dann die Post, die wir uns zu Beginn des Artikels vorgestellt haben. Die Möglichkeiten ihrer Einflussnahme auf die Internet-Realität wären schier endlos und Netzneutralität Schnee von gestern.

Das RIPE, wo die Diskussion derzeit geführt wird, gliedert sich in themenbezogene Arbeitsgruppen. Die für dieses Thema relevanteste ist vermutlich die ‘address-policy-wg’, auf deren Mailingliste die Diskussion nachvollzogen und beeinflusst (!) werden kann. Dort darf jede_r (des Englischen mächtige_r) mitmachen. Das Diskussionsergebnis gilt als ‘Wille der community‘.

IP-Adressen und der Umgang damit bieten also jede Menge politischen Zündstoff. Die Zündschnur ist recht lang. Sie droht allmählich abzubrennen, aber es knallt erst, wenn es schon zu spät ist. Die Öffentlichkeit widmet dem Thema wenig Aufmerksamkeit. Das kann auch daran liegen, dass der technische Jargon in der Debatte abschreckt. Dabei geht es dort um grundlegende Fragen zur Gestaltung der ‘Internet-Landschaft’ der Zukunft. Es geht um die Frage, ob wir Endnutzer_innen auf die Konsumentendimension zusammengeschnurrt werden, um Zentralisierungstendenzen im Management des Internets und Monopolbildung bei Internet Service Providern (ISP) und Carriern (also jenen, denen die Leitungen gehören.)

Ich kann mir gerade nicht vorstellen, dass die Mehrheit der Menschen solch ein Internet will!

PS. Falls ich irgendwelche Strukturen, Kürzel oder Zuständigkeiten verwechselt oder sonstwas falsch verstanden habe, bin ich für Hilfe der Internet-Governance-Auskenner dankbar. Schreibt einfach in die Kommentare

PPS: Und ein dicker Blumenstrauß für meine Internetberater, die mir geduldig solche Themen erklären :-) .

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Studie über Crowdsourcing als Marketing-Methode

McDonald’s, L’Oreal, Henkel: Immer mehr Unternehmen nutzen mit Hilfe von Crowdsourcing die Kreativität und das Wissen der User um Ihre Produkte zu vermarkten. Durch einen öffentlichen, webbasierten Aufruf zur Lösung unterschiedlicher Aufgaben, werden die User zu Co-Entwicklern und Co-Vermarktern für das Unternehmen.
Doch die Folgen sind nicht immer kontrollierbar. Crowdsourcing-Kampagnen können schnell zum Shitstorm werden, wenn Unternehmen den Fehler machen, die Internetnutzer zu missachten.

Wie groß der Unmut werden kann, verdeutlicht der Design-Wettbewerb der Marke Pril. Henkel suchte 2011 auf Facebook ein neues Etikett für die Pril-Spülmittelflaschen. Eine Jury sollte aus den zehn Motiven mit den meisten “Likes“ zwei auswählen. Die User machten sich einen Spaß aus dem Wettbewerb und voteten die absurdesten Entwürfe nach oben, unter anderem das Design „Pril – Schmeckt lecker nach Hähnchen“. Henkel stellte umgehend unter Beweis, dass ihm derartiger Humor nicht passt und sortierte einige Vorschläge aus. Der anschließende Aufstand der Community war vorprogrammiert. Spiegel online berichtete darüber.

Ein positives Beispiel ist das kunsthistorische Projekt „duz“ der Ludwig-Maximilians-Universität München, bei der Internetnutzern den digitalen Bildbestand des Instituts für Kunstgeschichte verschlagworten. Hier ein Kommentar von Spiegel online.

Crowdsourcing-Desaster wie bei Henkel müssen nicht sein. Aktuelle Forschungsarbeiten beschäftigen sich mit der Wirkung von Crowdsourcing als Marketinginstrument. Am Lehrstuhl für Direct Marketing der Universität Bayreuth führt Michèle Engel für ihre Masterarbeit eine empirische Untersuchung zum Thema “Crowdsourcing” durch:

Die Arbeit befasst sich mit den Forschungsfeldern der Werbewirkung und Kunden- bzw. User-Integration. Die quantitative Umfrage besteht aus 14 verschiedenen Untersuchungsgruppen, bei der jeweils die gleichen Marketingkonstrukte (Einstellung zur Marke, Weiterempfehlungsbereitschaft etc.) abgefragt werden. Die Gruppen variieren jedoch bezüglich der Ausgestaltung der Crowdsourcing-Kampagne, beispielsweise hinsichtlich niedrigem Produkt-Involvement (Mehl) / hohem Produkt-Involvement (Handy) oder der unterschiedlichen Reaktion des Unternehmens auf den unerwarteten Ausgang einer Kampagne.

Forschungsziel der Untersuchung ist zum einen herauszufinden, welchen Einfluss Crowdsourcing auf externe Interessentengruppen (Kunden, Lieferanten, Experten etc.) hat. Zum anderen soll untersucht werden, inwiefern die unterschiedliche Kommunikation (neutraler Stil, humorvoller Stil etc.) seitens des Unternehmens die Kunden beeinflusst.

Unterstützen Sie die Arbeit, indem Sie den Online-Fragebogen ausfüllen: https://ubayreuthmarketing.qualtrics.com/SE/?SID=SV_4O7cypfjM5FJjne
Die Teilnahme an der Befragung dauert ca. 10 Minuten.

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Initiative Nachrichtenaufklärung stellt vernachlässigte Top-10-Themen aus 2012 vor

Die Initiative Nachrichtenaufklärung wählte heute aus 21 Themen, die an drei Hochschulen aus einer Liste mit über 100 Themen in mühsamer Recherchearbeit vorgefiltert wurden, 10 aus. Das ist das Ergebnis:

1: Keine Rente für arbeitende Gefangene

Strafgefangene in Deutschland sind verpflichtet zu arbeiten, sie erwerben dafür aber keine Rentenansprüche. Dies liegt daran, dass die Rentenversicherung nur bei freiwilliger Arbeit greift. Ein Gesetz zur Einbeziehung der Häftlinge wurde 1976 außer Kraft gesetzt. Seitdem ist jedoch nichts geschehen, obwohl die Bundesregierung im Jahr 2008 Handlungsbedarf eingeräumt hat. Ehemalige Gefangene stehen deshalb im Alter vor finanziellen Problemen, da ihre im Gefängnis geleistete Arbeit nicht angerechnet wird. Diese Entlassung in die Altersarmut widerspricht dem Gebot der Resozialisierung. Über das Problem wurde in den Medien bisher kaum berichtet. Rechte von verurteilten Straftätern sind in der Öffentlichkeit vermutlich wenig populär. Menschenrechtler weisen jedoch darauf hin, dass eine gelungene Resozialisierung auch im gesamtgesellschaftlichen Interesse liegt.

2. HIV-positiv auf dem Arbeitsmarkt: Kein Rechtsschutz gegen Diskriminierung

HIV-positive Menschen klagen darüber, dass sie in der Arbeitswelt auch in Bereichen benachteiligt werden, in denen ihre Infektion keinerlei Risiko darstellt. Momentan sind sie dagegen auch nicht durch den gesetzlichen Gleichbehandlungsgrundsatz geschützt. Unter das Schutzziel „Behinderung“, das im deutschen Antidiskriminierungsgesetz und der einschlägigen EU-Richtlinie genannt sind, fallen HIV-Positive (aus gutem Grunde) nicht. Die Politik sieht offensichtlich keinen Anlass, eine allgemeingültige Rechtsgrundlage zu schaffen, sondern überlässt die Frage der Rechtsprechung. Auch 30 Jahre nach dem Bekanntwerden von AIDS sind Betroffene deshalb im Bereich des Arbeitsrechts den existierenden Vorurteilen schutzlos ausgeliefert.

3. Die Antibabypille – gefährliches Lifestyle-Medikament

Die Antibabypille ist für viele Frauen in Deutschland zu einem „Lifestyle-Medikament“ geworden – und das, obwohl die Informationslage für Nutzerinnen schwer durchschaubar ist. Pharmakonzerne werben im Netz und bei Frauenärzten für Pillen der „dritten und vierten Generation“. Diese Hormonpräparate mit neuartigen Gestagenen (weiblichen Geschlechtshormonen) werden vermehrt verschrieben – trotz höherer Thromboserisiken und einem ungünstigen Risiko-Nutzen-Verhältnis. Auf Internetseiten, welche die Pharmaindustrie als Informationsportale betreibt, werden die „Beauty- und Wellness-Effekte“ der Pille beworben: schönere Haut und aufschiebbare Menstruation. Der hormonelle Eingriff in den weiblichen Zyklus und seine Risiken treten in den Hintergrund. 70 Prozent der 19-jährigen weiblichen Versicherten in Deutschland bekamen 2010 die Antibabypille verordnet. Die problematischen Werbestrategien und ihre Folgen werden in den Medien vernachlässigt. 

4: Weiterbildung zum Hungerlohn

Alle reden von der „Wissensgesellschaft“. Aber wer als Dozent Weiterbildungskurse im Auftrag des Arbeitsamtes gibt, verdient oft so wenig Geld, dass er selbst auf zusätzliche Unterstützung angewiesen ist. Betroffene und Gewerkschaften berichten von geringer Bezahlung und schlechten Arbeitsbedingungen. Dabei haben die Arbeitsbedingungen der Ausbilder große Auswirkungen auf die Qualität der Weiterbildung vieler Arbeitsloser. Am 4. Juli hat zwar die deutsche Bundesregierung einen Mindestlohn im Bildungssektor von 12,60 Euro (Osten: 11,25 Euro) beschlossen. Da aber jede Unterrichtsstunde mindestens eine Vorbereitungsstunde bedingt, liegt dieser Lohn mit 6,30 Euro noch unter dem Mindestlohn im Reinigungsgewerbe. 

5: Hartz IV bei Krankheit – kein Thema

Menschen, die durch eine Behinderung oder chronische Krankheit arbeitsunfähig geworden und auf Hartz IV angewiesen sind, haben oft Schwierigkeiten, ihre gesundheitliche Versorgung sicherzustellen. Sie können zusätzlich zur Grundsicherung bei Erwerbsminderung einen geringen Betrag für Mehrbedarf bekommen, dieser reicht jedoch oft nicht aus. Wenn sie z.B. nicht-verschreibungspflichtige Medikamente (OTC-Arzneimittel) benötigen, müssen sie diese häufig selbst bezahlen. Auch für die Bewältigung ihres Alltags entstehen zusätzliche Kosten aufgrund ihrer Erkrankung. Das Schlagwort Hartz IV wird in der Medienberichterstattung größtenteils nur auf die arbeitsfähige Bevölkerung bezogen. Schwerpunkt ist deshalb auch meist die Eingliederung in den Arbeitsmarkt, die jedoch für dauerhaft berufsunfähige Menschen keine Rolle spielt. Die Lebensumstände der vielen berufsunfähigen Hartz-IV-Empfänger sind dagegen nur selten ein Thema. Eine Aufklärung über das Thema könnte dazu beitragen, dass die Betroffenen und ihre Familien ihre Rechte besser kennen und wahrnehmen.

6: Vergessene Zivilprozesse

In Deutschland finden jährlich etwa doppelt so viele Zivilprozesse wie Strafprozesse statt – dennoch wird in den Medien überwiegend über die skandalträchtigeren Strafprozesse berichtet. Dabei kommen häufig die Verfahren an den Zivilgerichten zu kurz. Dort werden Fälle verhandelt, deren Inhalte und Urteile für viele Bürger relevant sind – so zum Beispiel eine langjährige Auseinandersetzung um eine Erwerbsminderungsrente mit umstrittenem Ergebnis. 

7. Gekaufte Kundenbewertungen im Internet

Viele Menschen kaufen heute Waren in Online-Shops – doch die Kundenbewertungen, auf die sie sich dabei häufig verlassen, werden systematisch und auf illegale Weise gefälscht und manipuliert. In den vergangenen Jahren ist eine Schattenbranche von Dienstleistern entstanden, die sich im Auftrag von Herstellern als Kunden ausgeben und bezahlte Wertungen im Netz abgeben: Dabei werden eigene Produkte gelobt, die Konkurrenz schlechtgemacht, obwohl eine solche Praxis gegen geltendes Recht verstößt. Recherchen haben ergeben, dass dieses Falschvoten nur selten erkannt und von den Betreibern der Verkaufsportale entfernt werden. Branchenkenner schätzen, dass rund ein Drittel der Online-Kundenbewertungen gefälscht sind. Doch vielen Konsumenten ist das nicht bewusst.

8. Miserable Zustände in europäischen Haftanstalten

Trotz allgemein geltender Menschenrechte, wie die der Vereinten Nationen und der Europäischen Union, sind die Haftanstalten in vielen Ländern Europas geprägt von menschenunwürdigen Bedingungen: Zellen sind völlig überbelegt, es mangelt an Hygiene und sanitären Einrichtungen, und Gefangene sind Gewalt seitens des Gefängnispersonals ausgesetzt. Das Problem der Überbelegungen haben fast alle Staaten Europas, denn in den letzten Jahren hat sich die Tendenz entwickelt, Menschen sofort – auch bei geringen Straftaten oder bloßem Verdacht – zu inhaftieren. Das stellen Experten des „Europäischen Komitees zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe“ des Europarates (kurz: CPT) fest. Oft werden Verdächtige viel zu lange in Untersuchungshaft festgehalten, weil sich viele Gerichtsverfahren über Monate hinziehen. Obwohl es hier in erster Linie um die Bedingungen in Haftanstalten anderer europäischer Staaten geht, ist das Thema auch für Deutschland relevant. Denn viele der Länder, in deren Haftanstalten menschenunwürdige Bedingungen herrschen, sind Mitglied der Europäischen Union oder haben ein Abkommen mit der EU und pflegen einen engen politischen Kontakt zu Deutschland. Über die miserablen Bedingungen in europäischen Haftanstalten haben deutsche Medien in den vergangenen Jahren nur wenig berichtet. 

9. Die undurchsichtige Industrie humanitärer Hilfe

Eine Industrie ohne Rechenschaftsbericht: Jeder kann eine humanitäre Hilfsorganisation gründen. Doch ob sie sinnvoll arbeitet und ihre Gelder an der richtigen Stelle einsetzt, ist von außen schwer nachvollziehbar. Die Medien berichten zwar ausführlich über humanitäre Hilfseinsätze bei Krisen und Naturkatastrophen. Transparenz darüber, wie sich die Hilfsgelder etwa über das Jahr verteilen, schaffen sie aber nur selten. Gleiches gilt für Diskussionen über Reformen der Finanzstruktur humanitärer Hilfe.

10. Betrugsanfälligkeit von Drogentests

Mehr als 25.000 Autofahrern wurde 2011 nach Angaben des Kraftfahrtbundesamt der Führerschein wegen „charakterlicher Mängel aufgrund Neigung zu Trunk-, Arzneimittel oder Rauschgiftsucht“ entzogen. Wer seine Fahrerlaubnis wiederhaben will, muss oft Urinproben für einen Drogentest einreichen. Doch diese sind anfällig für Betrug: Offenbar ist es möglich, unerkannt Kunsturin einzureichen (der bei Internethändlern wie Amazon frei verkauft wird ebenso wie Boxershorts oder gar Kunstpenisse mit einem kleinen Beutel „Clean Urin“). Die Behörden gestehen ein, dass es Manipulationsversuche gibt. Aber offensichtlich wird das Problem unterschätzt, weil zum Beispiel bei Drogentests nicht einmal stichprobenartig überprüft wird, ob es sich um Kunsturin handelt.

In der Rubrik Top-Themen sind für die einzelnen Themen – auch der vergangenen Jahre – die genauen Begründungen zum Sachverhalt, zur Relevanz und zur Vernachlässigung zu finden.

Über die Initiative Nachrichtenaufklärung:

Die INA wurde im Mai 1997 gegründet und ist ein Gemeinschaftsprojekt folgender Hochschulen: TU Dortmund, Universität Siegen und MHMK Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation. Vorbild der Initiative ist das US-amerikanische “Project Censored”.

Ziel der INA ist es, wichtige Nachrichten und Themen, die in den Medien nicht genügend berücksichtigt wurden, stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen.

Medienschaffende, gesellschaftliche, wissenschaftliche und politische Institutionen, aber auch alle Bürger können bei der INA ihrer Meinung nach vernachlässigte Themen einreichen. Die Themenvorschläge werden von Studierenden in Recherche-Seminaren der beteiligten Hochschulen auf Richtigkeit und Vernachlässigung geprüft. Alle Themen, die dieser Prüfung standgehalten haben (meist rund 20), werden der Jury der INA vorgelegt. Diese entscheidet dann über die gesellschaftliche Bedeutung der Themen, indem sie jeweils im Juli die Rangliste der vernachlässigten Top-Themen des vergangenen Jahres kürt.

Die Jury:

Die Jury der INA setzt sich aus Journalisten und Wissenschaftlern zusammen, u.a. Prof. Dr. Rainer Geißler, Christina Kiesewetter, Prof. Dr. Dr. Peter Ludes, Leif Kramp, Prof. Dr. Horst Pöttker und Rita Vock (DLF).

 

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Exzessiv unterhaltsam: Chinas Medienlandschaft

Es gibt in China gerade keinen großen Medien-Aufruhr, es wird nicht viel mehr oder weniger zensiert als sonst, es werden künftig sogar ein paar zusätzliche ausländische Filme unterdurchschnittlicher Qualität auf den chinesischen Kino-Leinwänden zu sehen sein, nachdem Hollywood lange genug genörgelt hat. Aber auch ohne die großen Skandale kann man regelmäßig über „Anpassungen“ in der Ausgestaltung und Regulierung des chinesischen Mediensystems lesen und hören. Es gibt fast täglich Nachrichten, die die Besonderheiten der chinesischen Medien beleuchten: Gemeint sind gar nicht die medialen Aufreger wie der Rauswurf einer Al-Jazeera-Journalistin, oder das routinemäßige Blockieren vor allem internationaler Webseiten. Solche Ereignisse haben wenig bis keine Relevanz für den chinesischen Medienmarkt – in den genannten Beispielen, weil es sich im ersten Fall um Medienberichterstatter von an ausländische Nutzer orientierten Medien handelte, im zweiten Beispiel. weil die meisten blockierten Seiten von chinesischen Nutzern auch dann kaum besucht würden, wenn sie verfügbar wären (aber das ist eine andere Geschichte und soll in einem anderen Blog-Beitrag … usw.).

Jenseits dieser außergewöhnlichen Eingriffe sind es vielmehr die normalen Entwicklungen, das Alltags-Management der Medien durch die verschiedenen Regulierungsbehörden, die ein Licht auf den spezifischen Charakter und auch auf die Herausforderungen werfen, mit denen Medien und ihre Nutzer hier konfrontiert sind. Nun doch am konkreten Beispiel: Fernsehen darf seit kurzem nicht mehr „exzessiv unterhaltsam“ sein. Das ist kein Witz, sondern eine Verordnung des Regulierers, der „State Administration for Radio, Film and Television“ (SARFT), die am 1. Januar dieses Jahres in Kraft getreten ist. Wer gelegentlich ins chinesische Fernsehen schaut, der findet diese Regelung selbst exzessiv unterhaltsam – sehr wenig wird dem Abendprogramm der großen Staatsender seltener vorgeworfen, als unterhaltsam oder gut gemacht zu sein. Aber seit einigen Jahren drängen Show- und Reality-Formate wie „Supergirl“ oder „Fei Cheng Wu Rao“, “Let’s Shake It” oder “China’s Got Talent” in die Prime Time, und ziehen mit ihrem sagen wir konsumfreundlichen, lifestyle-orientierten und gelegentlich auch sexuell unerwartet offenherzigen Fokus ein junges Publikum an. Die Talentshow „Supergirl“ geriet in die Schlagzeilen, als überraschend hohe Teilnahmezahlen bei der Telefonabstimmung die Regulierer auf den Plan gerufen hatten.

Solchen  Enthusiasmus für demokratische Abstimmungsverfahren waren nicht ganz geheuer, die Sendung wurde auf Anweisung der Regulierer abgesetzt. „Fei Cheng Wu Rao“  (wir würden es „Herzblatt“ nennen) löste eine andere Wertediskussion aus: Eine Teilnehmerin mäkelte, der Verehrer, der eben eine romantische Radtour vorgeschlagen hatte, könne diese gerne alleine machen, da würde sie doch lieber alleine auf der Rückbank eines BMW heulen. 50 Millionen Zuschauer waren begeistert bestürzt über solch ungeschminkten Materialsmus aus stark geschminktem Munde. Ergebnis: Die Zensoren fielen über die Sendung her, das Konzept wurde massiv entschärft, nun darf nicht mehr über das Einkommen der potentiellen Turteltauben, auch nicht über deren erotische Vorlieben und Erfahrungen geplaudert werden.

Diese Beispiele aus einem „alten Medium“ sind deshalb interessant, weil sie einem durchschnittlichen europäischen Fernsehzuschauer völlig vertraut sind: Debatten um Schamgrenzen und Moral zu Beginn der „Big Brother“-Lebenphase; voyeuristischer Spaß am Beiwohnen verbaler Hinrichtungen durch Dieter Bohlen in Talentshows; Pseudo-Dokumentationen für Heimwerker, die wie Werbefilme für den nächsten Baumarkt daherkommen. Wir haben in alle diesen Fällen die Rufe nach  „absetzen“, „verbieten“ , „die Leute vor sich selbst schützen“ und „Qualitäts- und Werteverfall“  gehört und gelesen. Nicht im autokratischen China, sondern im liberalen Deutschland.

Man sollte sich nicht scheuen, das festzustellen: In westlichen Demokratien und in Chinas Ein-Parteien-System gibt es gleichermaßen Kontroversen über wünschenswerte und unerwünschte Medieninhalte. Mit Worten wie „Schmutz“ und „Schund“ werfen „Medienexperten“ und Politiker gleichermaßen großzügig um sich. Diese Diskussion ist oft von gleicher fragwürdiger Qualität wie die diskutierten Sendungen, aber im Prinzip völlig in Ordnung und wichtig als Schritt im Herausbilden einer öffentlichen Meinung. Von hier geht die Diskussion dann natürlich ein wenig unterschiedlich weiter: wer führt solche Wertedebatten, wie öffentlich sind sie, wie kommt man zu Ergebnissen, die dann auf welche rechtliche Art formuliert und auf welche Art und Weise umgesetzt werden? Über Rechtsstaatlichkeit und Transparenz des öffentlichen Entscheidungsfindungsprozesses, über die Art und Weise, wie der Wille des Volkes zu Recht und Gesetz gerinnt, wird sicher hier im Blog bald einmal zu lesen sein. Da gibt es Unterschiede. Ergebnis in China: Die Anzahl der Unterhaltungsprogramme während der Prime Time sank in Folge der neuen Regulierung von 126 auf 38. Ergebnis in Deutschland: man gewöhnt sich dran und alle paar Monate gibt es eine Rüge der Landesmedienanstalten, weil die nächste Toleranzgrenze ausgetestet wurde.

Als Beobachter der chinesischen Medienlandschaft sieht man erst einmal den nächsten Schritt: Sendungen werden abgesetzt oder beschnitten, ausländische Programme werden zunehmend limitiert. Im Feburar 2012 wurde etwa verfügt, dass kaum mehr ausländische Serien ausgestrahlt werden dürfen, vor allem nicht zur Hauptsendezeit – ausländische Action- und Krimisendungen wurden fast komplett eliminiert. Die Inhalte der als staatseigene Betriebe geführten Fernsehsender (gleiches gilt für Radio und fast alle Printmedien) werden aus populären, aber inhaltlich unkritischen Banalitäten und Beiträgen zur Volksbildung und der geistigen Erbauung zusammengemischt. Soap Operas, Verführungs-Dramen am Hofe des Kaisers, Varianten über chinesische Mythologien und Kaufempfehlungen für teure, gerne auch deutsche Autos – „bieder“ passt als Annäherung. Diese Biederkeit ist Politik, das Fehlen von kantigen und exzentrischen Inhalten Kern der staatlichen Medienpolitik. Die jährliche TV-Gala zum chinesischen Neujahrsfest strotzt vor Harmlosigkeit und belangloser Fernsehballett-Unterhaltung; das Zulassungssystem für Kino-Filme verlangt, dass jeder Film für alle Altersklassen geeignet sein muss; das auch in China äußerst populäre Online-Spiel „World of Warcraft“  musste seine Skelett-Armeen für die chinesische Version mit Fleisch und Haut „bekleiden“, da die Darstellung von knochigen Skeletten für chinesische Spieler unzumutbar sei.

Man kann in einem System, in dem Massenmedien so unmittelbar eine Verlängerung des politischen Apparats sind, die Medienpolitik nicht einmal kritisieren. Die Medien haben eine andere Aufgabe zugeteilt bekommen, sie sind definiert als Instrument im Dienste des Partei- und Regierungssystems. Will man die Biederkeit kritisieren und den aus westlicher Sicht manchmal exzessiv wirkenden Ruf nach Harmonie und Konformismus, dann muss diese Kritik gegen das politische System gerichtet sein, nicht gegen die Staatsmedien als Erfüllungsgehilfen, ohne viel Handlungsspielraum. Die Staatsmedien „dienen“ dem Staat und seinen jeweiligen Zielen – und ändern sich mit diesen Zielen. Selten wurde das deutlicher als im Fall von Chongqing, der in diesem Blog schon zu Prominenz gelangten Metropole des Südwestens. Im Rahmen der dort ausgerufenen moralischen und ästhetischen roten Wende gab es im regionalen Fernsehen ein komplettes Werbeverbot und regelmäßige Volksopern mit kommunistischen Inhalten zur Hauptsendezeit – und im Ergebnis einen katastrophalen Einbruch der Einschaltquoten. In einem System, das mit Ausnahme der nationalen CCTV-Senderfamilie nur sehr bedingt auf Werbeeinnahmen zählen kann, gleichzeitig aber ein weitreichendes regionales Vertriebsmonopol und nirgends Konkurenz von privaten TV-Anbietern hat, war das ein bisschen egal. Mit den jüngsten, nun ja,  personellen Änderungen in der Provinz-Regierung wurden dann aber auch dieser regionalen Besonderheit schnell der Garaus gemacht. Der Nachricht der Absetzung des Provinz-Parteichefs folgte sofort (!) eine Schnaps-Reklame und die Wiedereinführung regelmäßiger Werbeblöcke.

Parallel zu diesen Überlegungen gilt: Ob im Fernsehen gutes oder schlechtes Programm läuft, interessiert täglich weniger chinesische Mediennutzer. Die Staatsmedien sind nicht der Ort, an denen man sich Nachrichten und Informationen besorgt. Sie sind schon gar nicht der Ort, von dem man gute Unterhaltung erwartet. Wie in allen Ländern, in denen ein stark intervenierender Staat zu miserabler Programmqualität führt (wer mir ein in den letzten fünf Jahren entstandenes chinesisches Medienprodukt, ob Film oder Fernsehen, nennen kann, das erstens technisch und inhaltlich glänzt und zweitens innerhalb des Staatsmedienapparats entstanden ist, der … der hatte sehr viel Glück), so bedeutet auch in China die rigide Kontrolle der Produktion und des Vertriebs von Medieninhalten, dass sich die Kunden von diesen offiziellen Produkten abwenden. Kontrovers diskutiert wird nicht in der TV- oder Radio-Talkshow, sondern auf den Twitter-Klonen. Nachrichten werden nicht durch die Hauptnachrichtensendung von CCTV (die jeden Abend auf allen Kanälen laufen muss) wahrgenommen, sondern über die Portale von Sina und Sohu, die Yahoos Chinas. Und Unterhaltung? Wie in allen anderen Ländern auch, ist die Internetnutzung in China durch Unterhaltung dominiert und definiert. Internationale Fernsehsender werden live im chinesischen Netz gestreamt. Die heimischen Video-Portale  stellen in Sachen Kapazität und täglicher Nutzung Youtube weit in den Schatten. Das chinesische Netz ist bestens ausgestattet mit Peer-to-Peer-Angeboten, bei denen man aktuellste Filme und TV-Serien innerhalb von Minuten nach US-Ausstrahlung in hochauflösender Qualität findet, inklusive chinesischer Untertitel. Das ist kein Untergrund-System, dessen Zugangs-Passwörter heimlich auf dem Schulhof getauscht werden. Es ist das Medien-System, das jeder nutzt, der einen Internetanschluss hat und damit umgehen kann. In China sind das derzeit knapp über 500 Millionen Menschen. Die meisten dieser 500 Millionen würden kaum mit der Schulter zucken, wenn CCTV morgen abgeschaltet würde und die Partei-Zeitung Renmin Ribao nicht mehr geliefert würde.

Chinesische unhd westliche Mediennutzer haben dabei oft unterschiedliche Perspektiven: Für den typischen chinesischen Mediennutzer gilt ein oft umgekehrtes Qualitäts-Verständnis wie für etwa den westeuropäischen. Wir sind aufgewachsen mit einem Mediensystem, das dominiert wurde von Rundfunkanstalten, spezifisch finanziert zur Gewährleistung von Vielfalt und Qualität (in Deutschland etwa durch institutionellen Binnenpluralismus innerhalb der öffentliche-rechtlichen Rundfunkanstalten, Außenpluralismus durch die Zulassung und Regulierung private Anbieter). Diese Glaubwürdigkeit hat das öffentlich-rechtliche Mediensystem mindestens im Bereich der Nachrichten und Informationen weiterhin. Das Internet ist eine willkommene Ergänzung, und nichts ist schöner als mit dem Laptop auf dem Schoß die Tagesthemen nachzurecherchieren (wie hoch sind Griechenlands Staatsschulden nochmal genau? Genau, Luft anhalten und hier klicken) – aber es ist noch immer „das Internet“, dem zunächst misstraut wird, nicht „dem Fernsehen“ oder „den Zeitungen“. Wer mit Staatsmedien aufwächst, das zeigt nicht nur die chinesische Erfahrung, wird umgekehrt denjenigen Medien einen stärkeren Vertrauensvorschuss geben, die sich außerhalb der staatlichen Kontrolle bewegen und nicht im Verdacht stehen, Verkündigungsmaschinen eines Apparats zu sein, der alle anderen Ziele und Werte den beiden Säulen „Bewahrung der staatlichen Einheit“  und „Alleinherrschaft der Kommunistischen Partei“  unterordnet. Und in beiden Systemen gewinnen Online-Medien über die Zeit an Professionalität und Glaubwürdigkeit, das traditionelle System der Massenmedien wird diesen Trend nicht umkehren können. Für Chinas „alte Medien“ kann das einen unumkehrbaren Pfad in die Irrelevanz bedeuten.

Wie ist der Trend? Mitte Mai wurde das TV-Unterhaltungsverbot verschärft, nachdem das Sendeverbot während der Prime Time zu nichts weiter als einer Konzentration ähnlicher Sendungen ab 22 Uhr geführt hatte. Gleichzeitig ist der Medienregulierer dabei, eine neue nationale (und natürlich staatliche) Kabel-TV-Firma zu etablieren, die die bisherigen etwa 1000 Kabelanstalten bündeln und konsolidieren soll. China stemmt sich kräftig gegen die internationale Öffnung der Medienmärkte, die die USA durch eine Klage bei der Welthandelsorganisation WTO erzwingen wollen. Die Position der Massenmedien und der Vertriebskanäle, das zeigt sich hier, wsoll mit Zähnen und Klauen verteidigt werden. Wie auch im Westen, so gelten Online- und Offline-Medien als entscheidende Einflussfaktoren für die öffentliche Meinung. Innerhalb der Logik chinesischen Regierens bedeutet das die Notwendigkeit einer dauerhaften und intensiven Inhaltekontrolle. Dem stehen Kommerzialisierungstrends entgegen, der Wunsch der Bevölkerung nach mehr Unterhaltung und Freizeit, die Unzufriedenheit mit dem alten Mediensystem.

Und damit wären wir bei einem neuen Schauplatz: Kann die Inhaltekontrolle, die bei staatseigenen Medienanstalten relativ einfach auszuüben ist, auch in einer Welt praktiziert werden, die durch die Allgegenwart von Online-Medien geprägt ist? Auch hier gibt es schöne Parallelen zu ziehen: Westliche Politiker und Experten suchen seit vielen Jahren nach Ideen, Regulierungssysteme für die Online- und Offline-Welt zu konzipieren. Diese sollen einerseits reflektieren, dass Inhalte unabhängig von der Art, wie sie zum „Nutzer“ gelangen, zu beurteilen und gegebenenfalls zu regulieren sind. Gleiche Prinzipien etwa für Jugendschutz oder strafrechtliche Relevanz sollen für die Online- und die Offline-Welt gelten. Gleichzeitig müssen die neuen Konzepte der Vielfalt der Vertriebswege gerecht werden, praktikabel sein und dürfen nicht eine Kontrollierbarkeit suggerieren, die in globalen Netzen oft illusorisch ist. Ob nationale Regierungen, EU Kommission oder chinesische Regierung: auch hier ist die Aufgabe die gleiche, diese Anforderungen miteinander zu vereinigen. Der Weg dahin, soll schon einmal verraten werden, unterscheidet sich auch hier zwischen China und dem Westen.

Crosspost

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Mayer-Schönberger: Keine Medienrevolution durch Blogosphäre

In einer kleinen Studie mit dem Titel „Participation and Power Intermediaries of Open Data” stellt Viktor Mayer-Schönberger vom Oxford Internet Institute einige provozierende Thesen auf. Unter anderem spricht er nach einer kurzen Literaturdurchsicht der Blogosphäre das ihr zugesprochene emanzipatorische Potenzial komplett ab. Sie werde dominiert von relativ wenigen einflussreichen Bloggern, die ähnlich wie die traditionellen Medien den öffentlichen Diskurs und die öffentliche Meinung bestimmten. Auch habe sie es nicht geschafft, substanziell mehr Diversität zu erzeugen. Sein Fazit:

“At best the blogsophere has improved not the process, but only the outcome of public debates by adding another voice to the mix.” (S. 11)

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Groupon verscherbelt Doktor- und Professorentitel

Schon über 3000 mal zum Preis von 39 Euro aufwärts verkauft – an wen wohl?
Doktoren- und Professorentitel der Marke “h.c.”:

Wobei die angebotenen Spezialisierungen ähnlich esoterisch sind wie das Angebot selbst: Von Christlicher Beratung und Geistheilung über Unsterblichkeit bis hin zur Ufologie erstreckt sich das Gebiet, in dem man seine Expertise erwerben darf. Wobei es auch einfacher geht: Für eine Spende von nur 80 Euro darf man sich Feng Shui Experte, Medizinphysiker, Redakteur, Publizist oder ähnliches nennen ;)

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Lebensformen – Mathematische Skulpturen zu individuellen Biographien

Der polnische Künstler Norman Leto berechnet basierend auf den Antworten eines umfangreichen Fragebogens mit etwa 100 Parametern für jeden Menschen eine spezifische mathematische Lebensform, die sich dreidimensional untersuchen lässt. Sie reflektiert den Lebenslauf, emotionale Höhepunkte sowie den Einfluss auf die Umgebung.

Im Triangulationsblog finden sich etliche Bilder verschiedener Lebensläufe – angefangen bei dem Leben einer durchschnittlichen Hausfrau, über Geraldine Chaplin, Michael Jackson bis Michail Chodorkowski. Im Video wird erklärt, wie die verschiedenen Lebensformen entstehen – und wie etwa die Lebensform eines Koma-Patienten aussieht:

Die Bilder bzw. Skulpturen wurden im Februar 2012 auf der Art Rotterdam präsentiert.
via

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