In den letzten Tagen habe ich für unser neues Wiki einige Übersichten und Listen zu Web-2.0-Anwendungen durchgeforstet. Dabei fiel mir unangenehm auf, dass es eine durchgängig übersichtliche Klassifizierung der Software nicht gibt …
So richtet sich etwa Antonius Klees mit seinem inzwischen sehr umfangreichen Web2.0-Sammelalbum nach eingeführten Begriffen wie “Blog”, “Wiki”, “Instant Messaging”, “Chat” oder “Office” und taggt die Programme entsprechend. Programme, die mehrere Anwendungen in sich vereinigen erhalten entsprechend mehrere Tags. Diese Vorgehensweise reflektiert jedoch nicht zunehmende Integration mehrerer Funktionen in einer einzigen Anwendung bzw. den wieder aufblühenden Portalgedanken bzw. leidet auch unter der etwas inkonsequenten Verwendung von Begriffen. So wird etwa “Office” für Online-Office-Pakete verwendet, aber auch für ganz andere Software, die für’s Büro nützlich zu sein scheint.
Einen anderen Ansatz verfolgt der Bibliothekar Phil Bradley mit seinem “I want to”-Blog bzw. den dazu gehörenden Listen. Er stellt das in den Mittelpunkt, was der Nutzer möchte. Das scheint mir angesichts des nutzerzentrierten Charakters von Web-2.0-Anwendungen logischer zu sein. Allerdings hält er den Gedanken auch nicht konsequent durch – mit der Folge, dass komplexe Anwendungen mitunter zu simpel beschrieben werden.
Eigentlich überflüssig zu erwähnen – so genannte Top-100-Listen irgendwelcher Internet-Berühmtheiten finde ich nur einfach ärgerlich. Sie bieten keinen Mehrwert – steigern aber dennoch die Reputation des Erstellers.
Hinzu kommt noch das Problem, welches Medium man für die Pflege der Sammlung verwenden sollte:
Blogs werden trotz Tagging (s.u.) mit der zunehmenden Zahl der Einträge schlicht unübersichtlich. Listen hingegen erfordern permanente Aufmerksamkeit. In der Praxis scheint das gleichzeitige Pflegen des Blogs und der Listen auch nicht zu durchgängig zu klappen – etliche Anwendungen im Blog finden sich in Bradleys Listen nicht.
Immer wieder bin ich über die Beobachtung gestolpert, dass die Listen auf dem Rückzug sind – weil Social-Bookmarking-Software das viel schneller erledigt. Unter anderem lässt sich das auch an den verblüffend unvollständigen Einträgen im Google Directory ablesen. Aber auch Social Bookmarking erfordert Konsequenz: Von Anfang an muss man sich auf bestimmte Begriffe beim Tagging festlegen – und auch hier bietet die Software mit einer anschwellenden Fülle von Verweisen (zum Beispiel beim KoopTech-Tag Anwendungen keinen wirklich geordneten Überblick. Trends lassen sich so überhaupt nicht erkennen.
Die gute alte Datenbank scheint die Rettung zu bringen – aber nur sinnvollerweise für Software, die vergleichbar ist. Die bereits erwähnte Wikimatrix setzt den Gedanken schön um. Sie kränkelt jedoch wiederum am Anspruch der Vollständigkeit und Richtigkeit. Es irritiert, wenn etliche Features nicht beschrieben sind, wenn Angaben offensichtlich nicht geprüft und aktualisiert werden. Der Betreiber hat das auch erkannt und sucht bereits händeringend (wohl ehrenamtliche) “Maintainer”. Ein ähnliches Problem gibt es auch beim berühmten ProgrammableWeb – auch hier entsprechen die Beschreibungen der API 1:1 den Selbstbeschreibungen. Ein Review fehlt. Das führt bereits zum nächsten Punkt:
Als Journalistin stieß mir durchgängig die unkritische Copy&Paste-Übernahme von Selbstbeschreibungen der Projektbetreiber auf. Ob so eine angepriesene Eigenschaft wirklich zentral oder marginal ist, ob sie ausgereift ist oder nicht, lässt sich so nicht beurteilen. Einen wirklich kritischen Web-2.0-Führer habe ich bis jetzt nur in Ausnahmen und nur für Spezialgebiete angetroffen. Von nahezu journalistischer Qualität ist etwa Top 25 Web 2.0 Apps to Improve a Student’s or Professor’s Productivity – wobei auch hier das “Kritische” gänzlich fehlt.
Hilfesuchend wandte ich mich der Wissenschaft zu und sah mir die jüngsten Publikationen durch.
Wissenschaftlich begleitet wurde etwa der vor wenigen Wochen erschienene Band “Lars Gräßer und Monika Pohlschmidt (Hg.): Praxis Web 2.0. Potenziale für die Entwicklung von Medienkompetenz. Schriftenreihe Medienkompetenz des Landes Nordrhein-Westfalen. kopaed: 2007″. Über 76 Seiten listet Monika Pohlschmitt eine “Sammlung beispielhafter Projekte und Aktivitäten zu Web 2.0″ auf. Klassifizierung? Fehlanzeige: Die Projekte sind geografisch gegliedert – Nordrhein-Westfalen, deutschsprachiger Raum – europäischer Raum und Internationales. Innerhalb dieser Bereiche sind sie alphabetisch (!!!!) geordnet. Die Tags (Blog, Podcast, FuE, Grid usw.) habe ich mir dann selbst an den Rand der Seiten geschrieben.
Im Hanser-Verlag ist kürzlich von Tom Alby “Web 2.0. Konzepte, Anwendungen, Technologien” erschienen. Es hat keinen wissenschaftlichen Anspruch – gleichwohl, das Thema stimmt. Klassifizierung? Fehlanzeige. Ich sehe: Blogs. Podcasts. Social Software. Punkt. Social Software wird nicht weiter aufgeschlüsselt – es folgt eine Anreihung von Projekt- und Softwarebeschreibungen.
Nun könnte man annehmen, dass spezialisierte Publikationen weiterhelfen – etwa eine nähere Aufschlüsselung im Umfeld der Blog-Software zu erreichen. Aber auch Arnold Picot und Tim Fischer (Hg.) helfen mit “Weblogs professionell” (2006) nicht weiter: Markus Westner unterscheidet in seiner “Übersicht” etwas pauschal zwischen Blog-Services und Blog-Software.
Ein Griff zur schönen Z-Punkt-Studie “Der Web 2.0 Report. Mash up your Business”, 2007 veröffentlicht. Aber, ach, auch sie präsentiert nur zur Illustrierung der “Technikperspektive”, wie allerortens, die berühmte Begriffswolke – diesmal von Aperto.de, aber stark angelehnt an Markus Angermeiers Wolke in Wikipedia.
Insofern verfestigt sich bei mir gerade der Eindruck, dass das ganze Gebiet doch noch recht wolkig zu sein scheint. Jeder weiß was, weiß es irgendwie. Aber so richtig genau wird es dann nirgends.
Abschließend noch Ergebnisse einer früheren Lektüre:
Die Studie des Marktforschungsunternehmens Forrester (Charron et al. 2006) verwendet den Begriff „Social Computing“ und konzentriert sich insbesondere auf Business-relevante Anwendungen. Sie versteht unter „sozialen Technologien“ Entwicklungen wie „soziale Netzwerke“, RSS, Open-Source-Software, Blogs, Suchmaschinen, Verbraucherbewertungsportale, P2P-File-Sharing, Consumer-to-Consumer-Business wie eBay, Craigslist, und Amazon, Shopping-Sites mit Vergleichsmöglichkeiten wie Froogle, ferner Podcasts, Wikis und Kollaborationssoftware wie Basecamp sowie Tagging wie bei Flickr und Digg.
Die Informationswissenschaftler Kolbitsch und Maurer (2006) orientieren sich primär an den Anwendungen und unterscheiden zwischen Blogs, Wikis, Sozialen Diensten wie Del.icio.us, Podcasts, File-Sharing-Tools wie Flickr sowie Sozialen Netzwerken wie Orkut und Friendster. Integrationsdienste wie Blikis (Blogs + Wikis) oder andere Kollaborationsanwendungen kommen nicht vor.
Die für den SWR durchgeführte Studie des Marktforschungsunternehmens Result (2007) unterscheidet zwischen Videocommunities, Fotocommunities, Social-Networking-Sites, Weblogs, Podcasts sowie Wiki-Websites. Sie konzentriert sich damit vor allem auf die Art der Inhalte sowie auf privat genutzte Anwendungen, weniger auf die Art der Kooperation. Anwendungen für die berufliche Internetnutzung sowie E-Commerce-Anwendungen schließt sie nicht explizit ein.
Die Web-2.0-Studie von Z-Punkt (2007) unterscheidet zwischen Blogs, Wikis und Sharingdiensten für Photo-, Video-, Link- und Newssharing, Sozialen Netzwerken wie Xing und Myspace und Podcasts, berücksichtigt aber auch weitere Partizipationsmöglichkeiten in den Bereichen Gaming, etwa bei World of Warcraft, sowie Virtual Reality, etwa bei Second Life. Die Einteilung orientiert sich daran, was geteilt wird, aber nicht am Grad der Kooperation von Technik und Nutzer.
Die Studie „Technologies of Cooperation“ des Institute for the Future (Saveri et al. 2005) ist daher bis heute noch immer ein Lichtblick! Sie unterwirft sämtliche kooperativen Technologien einer Klassifizierung. Sie berücksichtigt hierbei auch Kooperationen auf einer rein technischen Ebene wie selbst-organisierende Mesh-Netzwerken und Community Computing Grids zur Lösung rechenintensiver Probleme. Die Tätigkeit von Open-Source-Software-Entwicklern oder den Austausch selbstproduzierter Musik und Literatur verortet sie in so genannten Peer-Production-Netzwerken. Die Nutzung mobiler Technologien mit Rechenkraft wie etwa RFID-Tags oder auch die Organisation großer Gruppen per SMS subsumiert sie unter dem Begriff des sozialen mobilen Computing. Die Verbindung sozialer Netzwerke mit technischen Netzwerken wird als Gruppen bildendes Netzwerken bezeichnet. Beispiele dafür sind Freecycle, Interra und Wikipedia. Zu sozialer Software zählt die Studie Werkzeuge, die Gruppen bildendes Netzwerken wesentlich unterstützen wie etwa Blogs, Kontaktplattformen, Instant Messaging oder Buddy-Listen. Soziale Bewertungssysteme wiederum sind Mechanismen, die Vertrauen aufbauen und Transaktionsrisiken senken. Beispiele hierfür sind des Bewertungssystem von eBay, Karmasysteme bei Slashdot oder Empfehlungssysteme bei Amazon. Als Wissenskollektive bezeichnet die Studie entstehende Online-Gemeinschaften, -strukturen und –prozesse, die das Erschließen und Sammeln von Informationen unterstützen. Sie erweitern die Möglichkeiten von Online-Gemeinschaften, kollektives Wissen zu sammeln, zu tauschen und zu bewerten. Dazu zählt die Studie Wikis, Soziale-Bookmark-Dienste, Spiele-Communities sowie kollektives Online-Publishing. Wobei sehr viel differenzierter wird es nicht mehr.

