Nutzer in Wertschöpfung einbinden

Dass viele Verlage die Wirkungsmechanismen und Zusammenhänge der Web-2.0-Entwicklungen noch nicht richtig verstanden und einen eher fahrlässigen Blick auf das Geschehen entwickelt haben, konstatiert dievor kurzem vorgestellte Studie „Grid Media – Überlebensstrategien für Publisher im digitalen Zeitalter“ (PDF / Infoflyer) des Frankfurter Media Beratungsunternehmens Timelabs. Mit Web-2.0-Softwarelösungen für die Erstellung, Einordnung und Bewertung von Inhalten könnten größere Teile ursprünglich redaktioneller Aufgaben einfacher auf der Anwenderebene abgebildet werden. Dabei könnten sich Verlage mit Community-Dienstleistungen profilieren. Es sei zwar möglich, sich über die Beteiligung an führenden Web 2.0-Unternehmen wie StudiVZ oder MyVideo den Weg zu den Online-Communities zu erschließen, sagt Marc Ziegler, Geschäftsführer bei Timelabs und Mit-Autor der Studie. Unbequemter, aber strategisch gesünder sei jedoch die Einbindung der Nutzer in die Wertschöpfungsketten der Verlage.

Die Media Studie 2007 der dpa-Tochter News aktuell befragte kürzlich 1.195 Journalisten zu den Herausforderungen der klassischen Medien durch die neuen Internetdienste. Die überwiegende Mehrheit zeigte skeptisch: 43 Prozent räumten den Verlagen gegenüber Google, Yahoo und anderen nur wenig Chancen oder Einfluss ein. 36 Prozent glaubten, dass der Einfluss der klassischen Verlage abnimmt. 7 Prozent sahen für die Verlage keine Chance.

Man darf also gespannt sein, wie die WAZ in ihrem neuen Portal “Der Westen” Nutzer und Anzeigen sinnvoll miteinander verbindet. Geotagging erscheint mirauf jeden Fall ein äußerst sinnvoller Ansatz – es kommt aber auf das Gesamtkonzept an. Wie Scott Karp in seinem lesenswerten Beitrag “Reinventing the Economics of News” schreibt, haben Leser noch nie für die Inhalte, aber immer für die Distribution bezahlt: Die mit allerlei Zusatzinformationen garnierteNachricht am richtigen Ort pünktlichzu erhalten.Heute sind es die Provider und Geräteindustrie, die den Obolus entgegennehmen. Es waren dagegen immer die Anzeigen, die die Inhalte finanzierten.Konsequenterweise schaffen jetzt auch die letzten Paid-Content-Bastionen, die “New York Times” und, wenn man Rupert Murdochs Überlegungen glauben mag, bald auch das “Wall Street Journal” den Bezahlzugang ab. Das Kalkül: Mehr Anzeigenkunden durch mehr Besucher. Wie es weiter geht, darüber zerbrechen sich einige Journalisten demnächst auf der Tagung “Networked Journalism Summit” ihre Köpfe.

Nachtrag vom 3.10.2007:

Thomas Knüwer hat ein passendes Zitat vonJeff Jarvis gefunden:

“Rather than trying to insulate ourselves from the marketplace with these subsidies, our challenge is instead to answer the question of whether the marketplace will support journalism and how it will do that. Does the public need and want journalism? I believe strongly that they do and they know it. So rather than trying to find money to support the old ways artificially, we need resources to invent the new ways, the ones we don’t know yet. We need to take advantage of all the opportunities we have to gather and share news in new ways while preserving the best and most valuable of the old (and sloughing off the waste of the old). We need to explore new products and new business models and new relationships and we need to show that they are good investments, not charity cases.”

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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