Gewerkschaften und Internet

Einige Gedanken von Bernd Mann vom Fachbereich Medien, ver.di-Bezirk München, zur Frage, wie Gewerkschaften das Internet für ihre Zwecke nutzen können:

Die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen ist das Ziel gewerkschaftlicher Arbeit. Über lange Jahre funktionierten Gewerkschaften als „Tarifmaschine“, die dieses Ziel konsequent verfolgten. Gewerkschaft war damit unmittelbar „erlebbar“ – nämlich an wachsenden Einkommen und besseren Arbeitsbedingungen wie kürzere Arbeitszeiten, mehr Urlaub usw.

Die Wahrnehmung hat sich radikal verändert. Die „Tarifmaschine“ ist ins Stottern gekommen. Die Erfolge gewerkschaftlicher Organisation werden nicht mehr sichtbar – nicht im Geldbeutel und nicht in den Arbeitsbedingungen. Gewerkschaft wird nicht mehr wahrgenommen – und das ist noch der beste Fall, denn im schlechtesten Fall gelten sie als Loser, Dinosauriere einer vergangenen Epoche.

Auch die Kommunikationswege haben sich geändert. Kernige Flugblätter sind kein Medium mehr, dass Gewerkschaftlern aus der Hand gerissen wird. Ganz abgesehen davon, dass die massenhafte Verteilung über Vertrauensleute nicht mehr gelingt. Und das nicht nur, weil es an Verteilern mangelt (auch über die Gründe dafür wäre zu diskutieren), sondern weil es diese Betriebsstrukturen kaum noch gibt.

„Überzeugungsarbeit“, Grundvoraussetzung für den Weiterbestand von Mitgliederorganisationen, muss sich auf die veränderten Bedingungen einstellen. Existenzielle Fragen sind heute: Wie kann ich Interaktion mit Mitgliedern aufbauen? Wie können wir unser Profil schärfen als Interessenvertretung für Beschäftigte, egal ob Fest oder Frei, für Erwerbssuchende und Erwerbslose? Wie können Netzwerke aufgebaut werden? Welche Formen der Mitbeteiligung, ohne die Gewerkschaft nicht funktioniert, können wir anbieten? Last but not least: Wie können wir gegen modischen Mainstream für Gegenöffentlichkeit sorgen?

Für diese Fragen gibt es zumindest einen „technischen“ Lösungsweg: das Internet. Für die Kommunikation ist E-Mail nicht mehr wegzudenken. Die Anfragen gehen heute zu ca. 70 Prozent online ein. Was arbeitsorganisatorisch durchaus positiv ist, denn im Gegensatz zum Telefon erlaubt die Mailkommunikation ein deutlich strukturierteres Arbeiten.

Bei der raschen Reaktion auf Mails kann es aber nicht bleiben. Gegenmacht kann nur durch den Austausch untereinander aufgebaut werden. Netzwerke helfen dabei, sich auszutauschen, gemeinsame Interessen zu erkennen und zu bündeln, Transparenz zu schaffen und gegenseitige Unterstützung zu leisten. Das Internet ist unerlässliches Werkzeug. (Dass natürlich auch die Inhalte stimmen müssen, sei hier erwähnt).

Der Netzwerkgedanke liegt auch „mediafon“ zugrunde. Es ist meines Wissens das erste virtuelle Beratungs- und Serviceangebot einer Gewerkschaft. „Mediafon“ ist Andockstation für Freie und Selbstständige in ver.di. Der Service wird inzwischen viel genutzt und ist ein großer Imagegewinn für ver.di. Ein weiterer Nutzen für ver.di-Mitglieder: sie werden im Gegensatz zu Nichtmitgliedern kostenlos beraten.

Newsletter sind Service-, Mobilisierungs- und Marketingsinstrument zugleich – soweit auch hier der Inhalt stimmt. Newsletter erhöhen nachhaltig die Bindung an die Organisation und sind ohne Internet ebenfalls nicht denkbar. Als Plattform für den Austausch zwischen „Forschung und Lehre“ im Journalismus wurde dju-campus mit tatkräftiger Hilfe der Journalistenakademie gegründet. Das sehr ambitionierte Projekt konnte leider nicht durchgehalten werden. Gleichwohl dient dju-campus heute in veränderter Form als Anlaufstation für junge Journalistinnen und Journalisten.

Mitglieder-Organisationen müssen, in Marketingsprache übersetzt, Reichweite vergrößeren, Service verbessern und ausbauen, Kommunikation erleichtern, Transparenz und Beteiligung erhöhen.

Die konsequente Nutzung der Möglichkeiten im Internet ist dabei zielführend und kostensparend zugleich. In welcher Form dies geschieht – ob z.B. als Website, in Foren oder als Blog – ist abhängig vom Ziel und der Zielgruppe. Der Nutzwert muss stimmen. Darüber darf nur nicht vergessen werden, auch unsere Ziele und Vorstellungen zu transportieren. Ob sich Internetpräsenz von Gewerkschaften auch als Teil der Gegenöffentlichkeit von unten verstehen soll, ist innerhalb der Organisationen umstritten. Ich bin ein Befürworter. Noch lange nicht werden von den Gewerkschaften die Möglichkeiten im Internet konsequent genutzt. Das hat manchmal mit anderen Einschätzungen zu tun oder einer Sorge vor dem Verlust eines vermeintlichen Meinungsmonopols. Sehr oft hat es zu tun, dass die Zeit fehlt oder der Aufwand – siehe dju-campus – unterschätzt wird. Diese Hemmnisse zu überwinden, daran arbeitet ver.di zur Zeit intensiv: Aufbau einer soliden und entwicklungsfähigen IT-Infrastruktur, verbindliche Normen, Datenmanagement etc. Eine Gefahr darf beim Projekt „E-Union“ nicht übersehen werden: der Gefahr der Spaltung in Teilhabende und Ausgeschlossene. Es muss für uns also auch Ziel sein, Medienkompetenz zu fördern, freien Zugang und Teilhabe zu sichern und aktiv zu werden gegen die sicher weiter zu erwartenden Versuche der kommerziellen Vereinahmung des Internets. – Und es heisst auch die Augen aufzuhalten und aktiv zu werden gegen die Überwachungs- und Lauschangriffe Schäublescher Prägung.

Dienstleistungen haben der Solidarität den Rang abgelaufen, monieren Kritiker. Ich glaube, es ist genau anders herum. Über nutzwertige Angebote im Internet kann der Weg wieder zur Solidarität führen. So wie es mediafon in der richtigen Reihenfolge stehen hat: vernetzt, informiert, organisiert.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Bernd Mann.

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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