Wie können Verlage Blogger angemessen bezahlen?

“Der Westen” bietet Bloggern angeblich Honorare ab 300 Euro im Monat aufwärts an. Das finden manche A- und B-Blogger dreist und daher schwappt die Tage eine kleine Empörungswelle durch die Blogosphäre. Die Chefredakteurin und ehemalige Bloggerin Katharina Borchert verteidigt dies mit den üblichen Zeilenhonoraren im Lokalbereich – höhere Entgelte würden das Gefüge stören. Das ist nachvollziehbar, weil Zeilenhonorare im Lokalbereich sehr, sehr niedrig sind – auch der Honorarspiegel des DJV liegt etwas über den tatsächlich gezahlten Honoraren. Ein Grund, warum Lokal-Redakteure auch gerne Beiträge von Studenten, Hausfrauen und Rentner nehemen. Freie Journalisten können sich diese Sätze meiner Erfahrung nach nur leisten, wenn sie von Hartz IV bzw. der ArGe subventioniert werden.

Dass sich die Blogger nun über die Honorarvorstellungen der WAZ aufregen, wundert mich etwas, weil die Höhe der Werkschöpfung etwa ähnlich sein dürfte. Der Anspruch an die Texte ist ja bewusst nicht klassisch journalistisch. Außerdem lassen sich mit einem mittelprächtigen Blog auch nur monatlich einige hundert Euro mit Werbung verdienen. Offensichtlich ist einigen Bloggern nicht klar, wie niedrig freie Journalisten wirklich bezahlt werden! Die Frage stellt sich daher eher andersrum:

  • Warum sollten Blogger ihre Unabhängigkeit überhaupt aufgeben?
  • Auf welche Weise können sie in ein Verlagsangebot integriert werden?
  • Und wie müssten die Konditionen aussehen, dass sie für beide Seiten akzeptabel sind?

Glam hat für dieses Problem eine außerordentlich kluge Lösung entwickelt. Es baut Beziehungen zu interessanten Blogs auf und übernimmt auszugsweise gute Inhalte. Dafür verkauft Glam eigene Werbung auf diesen Blogs. Die Werbeeinahmen teilt Glam zwischen sich und den Bloggern auf. Zur Zeit generiert das Netzwerk, das aus rund 400 Personen mit 600 Sites besteht, einen sechsstelligen Umsatz. Über Sites, die Glam selbst betreibt, generiert es 25 Prozent seines Umsatzes. Den CEO von Glam, Samir Arora, zitiert Jeff Jarvis mit folgenden Details:

Arora claims an advertising CPM of $15-35 for the owned and operated sites and $8-15 for the network ($50-120 for the dreaded advertorial).

Dass diese Strategie noch weitere, wichtige Vorteile hat, zeigt die folgende Grafik, die Jarvis in seinem Blog präsentierte.Jarvis erläutert die Grafik folgendermaßen: Der größte Kreis innerhalb von iVillage ist dem Astrology-Traffic gewidment. Der dunkle Kreis repräsentiert Leute, die ausschließlich wegen der Horoskope zu iVillage kommen. Sie generieren so zwar hohe Traffic-Zahlen, doch diese sind für die Werbung ohne Bedeutung. Laut Jarvis hat iVillage sich nach dem Yahoo-Modell orientiert: “It tries to lure people in and then bombards them with ads.”

Glam hingegen besteht aus einem Netzwerk aus mehreren Clustern. Die kleine Kreise stehen für die Ressorts fashion, beauty, fashion, lifestyle, celebrity und teen. Innerhalb dieser Cluster gibt es einen kleinen gelben Kreis, der die von Glam selbst betriebenen Sites anzeigt (O&Os – owned and operated sites). Die vielen lilafarbenen Kreise repräsentieren unabhängige Blogs und Sites innerhalb das Glam-Netzwerks. Sie waren es, die das rasche Wachstum von Glam bewirkten, für das Glam nur ein relativ geringes Risiko einging, da es selbst nicht viel in eigene Inhalte investieren musste.

In letzter Zeit sind mir einige weitere Projekte aufgefallen, die ebenfalls ihre Nutzer bzw. Content-Lieferanten direkt an der Werbung beteiligen. Witzig ist etwa der offenbar in Antigua und Barbuda auf den Kapverdischen Inseln beheimatete Social-Bookmarking-Dienst Infopirat, der es seinen Nutzern ermöglicht, ihre AdSense-Werbekennung einzubinden. Ganz anders ist Bebo: Die Multimedia-Plattform kooperiert mit vielen Content-Anbietern. Die 40 Mio. Bebo-Nutzer können deren Video- und Musikinhalte in ihr Profil einbinden. Die Content-Anbieter können dafür laut Mashable die Werbung selbst gestalten und enstprechende Einnahmen behalten.


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About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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