Wie setzt Rivva auf Schwarmintelligenz? – Interview mit Frank Westphal


Rivva fischt als Tool für News-Monitoring die relevanten Themen in der deutschen Blogosphäre auf – und ermöglicht so dem Nutzer auf einen Blick zu erkennen, wer ein Thema zuerst brachte und wer es dann kommentierte. Vorbild von Rivva ist Techmeme … aber lesen Sie selbst mehr dazu im Interview mit Erfinder, Entwickler und Programmierer Frank Westphal, der übrigens auch am Konzept und der Entwicklung bei Qype beteiligt war.

Christiane Schulzki-Haddouti: Wie kamen Sie auf die Idee, Rivva zu programmieren?

Frank Westphal: Praktisch ist TechMeme von Gabe Rivera mein Vorbild gewesen. Bin schon seit Beginn großer Fan dieser Seite. Und hab mich immer gefragt, warum macht niemand mal sowas für Deutschland. Nachdem ich letztes Jahr im Herbst bei Qype die Segel gestrichen hatte, hatte ich dann im Winter mal wieder Lust, was Neues/Eigenes zu machen. Auch um fit zu bleiben.

Christiane Schulzki-Haddouti: Warum ausgerechnet dann Techmeme?

Frank Westphal: Sollte jedoch mein eigenes Problem lösen: Infoflut

Christiane Schulzki-Haddouti: Ihre Infoflut – wie sah die aus?

Frank Westphal: Ich hatte ca. 400 Feeds im Reader, hauptsächlich aus den USA. Ich wollte jedoch die deutsche Sphäre nicht ganz aus den Augen verlieren. Dachte dann, TechMeme für Deutschland wäre ein guter Startballon. Inzwischen hab ich noch einen vertikalen Rivva für Ruby-on-Rails-Themen aufgemacht. Weitere vertikale Themen soll(t)en folgen … Ist jedoch auch ne Zeitfrage

Christiane Schulzki-Haddouti: Welche Themen wären das?

Frank Westphal: Zunächst mal soll rivva.de thematische Ressorts bekommen. Weitere vertikale sind dann wahrscheinlich erst mal hauptsächlich Themen, die mich zurzeit interessieren: (Web-) Design etwa, aber vielleicht auch Kochen. Mal sehen, wohin der Rivva schwimmt …

Christiane Schulzki-Haddouti: War eigentlich zuerst der News River und dann kamen die Top Stories?

FrankWestphal: Nee, andersrum: Die Top Stories gingen am 3.3. live nach 5.5 Wochen lockerer Entwicklung. Ich glaub, zwei Wochen später kam der River dazu … Top Stories sind immer gewichtet.

Christiane Schulzki-Haddouti: Wie gewichtet?

Frank Westphal: So eine Art Buzz-Metrik.

Christiane Schulzki-Haddouti: Das verstehe ich nicht …

Frank Westphal: Der River ist so eine Art Newsroom. Die Top Stories sind praktisch immer im Fluss: Verlinken innerhalb kürzerer Zeit viele Autoren auf einen Artikel, dann bewegt dieser sich automatisch nachoben. Die Sahne soll halt immer nach oben schwimmen.

Christiane Schulzki-Haddouti: Also ist das Kriterium nicht nur die Anzahl der Kommentare, sondern auch der Zeitraum, in dem diese Kommentare anfallen.

Frank Westphal: Genau, praktisch das Delta an Aufmerksamkeit pro Zeiteinheit. Die Startseite geht strikt nach Aktualität.

Christiane Schulzki-Haddouti: Also muss das Aufmerksamkeitsdelta ziemlich nahe am Zeitpunkt der Erstveröffentlichung liegen.

Frank Westphal: Exakt.

Christiane Schulzki-Haddouti: Was passiert denn mit älteren Blog-Beiträgen, die erst nach Tagen oder Wochen von den Kommentatoren und Verlinkern entdeckt werden?

Frank Westphal: Wird eine Geschichte erst nach Wochen groß, fließt sie in der ersten Inkarnation sicher an Rivva vorbei, das Echo bekommt Rivva aber sehr wohl mit. Das funktioniert in der Regel sehr gut. Ist auch ein guter (Aufmerksamkeits-)Filter. Rivva analysiert jedoch genauestens die Linkstrukturen und kann die alte und neue Geschichte so auch nachträglich noch vernetzen.

Christiane Schulzki-Haddouti: Bei der Auswahl der zu beobachtenden Blogs soll das so genannte “Peer-to-Peer-Vertrauen” eine wesentliche Rolle spielen. Wie kommt das zu Stande, wie wird es gemessen?

Frank Westphal: Jeder Link ist eine Empfehlung, eine Referenz – ähnlich der Literaturangaben bei wissenschaftlichen Arbeiten (kuck noch mal da …). Es ist so eine Art Freundeskreis, wo Leute, die schon Vertrauen haben, weitere Peers in den Kreis einladen können.

Christiane Schulzki-Haddouti: Die Empfehlung entsteht also durch die Informationsstruktur selbst. Wenn ein Blogger ein Thema aufgreift, das ein anderer zuvor aufgegriffen hat, ohne aber auf diesen zu verlinken – hat er dann eine neue Geschichte oder kann eine thematische Zuordnung auch ohne Verlinkung erfolgen?

Frank Westphal: Das kommt drauf an: Ich hab zwar viel Arbeit darin investiert, dass Rivva auch versucht, Dinge zu vernetzen, die nicht bewusst verlinkt wurden. Aber mal gelingt’s, manchmal liegt Rivva auch sehr daneben in seinen Annahmen.

Christiane Schulzki-Haddouti: Können Sie ein bisschen aus dem Entwickler-Nähkästchen plaudern – wie macht Rivva das?

Frank Westphal: Durch einfache Mustererkennung und ein wenig KI. Im Grunde sind das Mittel der Graphentheorie. Schwer in Worte zu fassen.

Christiane Schulzki-Haddouti: Hmm…

Frank Westphal: Ich schaue mir das Linkverhalten an.

Christiane Schulzki-Haddouti: Das klingt kryptisch – gibt es Vergleiche, mit denen man das erläutern könnte?

Frank Westphal: Ein büschn so: Als würde ich jeden Blogger auf eine Overhead-Folie drucken. Und dann alle Blogger (Folien) übereinander legen. Und aus dem neuen Bild neue Schlüsse ziehen. Wenn Blogger A zum Beispiel B verlinkt, ein anderer Blogger den Zusammenhang von B mit C und D herstellt, dann kann ich versuchen herauszufinden, ob es einen Pfad von B zu C und D gibt – einer der interessant genug ist.

Christiane Schulzki-Haddouti: Was ist “interessant”?

Frank Westphal: Dafür Bewertungsmittel zu finden, ist nicht einfach.

Christiane Schulzki-Haddouti: Wie soll man das entscheiden?

Frank Westphal: Maschinen lernen ja immer nur aus der Vergangenheit. Daher muss man experimentieren, Schwellwerte festlegen und diese dann adaptiv verschieben (also lernen lassen können). Praktisch die Weisheit der Massen: Jeder verlinkt für sich unabhängig. Indem man dann aber das Verhalten der Menge in Korelation bringt, ergeben sich interessante (emergente) Verhaltensmuster.

Christiane Schulzki-Haddouti: Planen Sie auch zu zeigen, wie sich das Linkranking eines Beitrags über die Zeit entwickelt? Etwa gestern 23 Links heute 230 Links?

Frank Westphal: Sieht man eigentlich heute schon: Die Diskussionsbeiträge werden ja immer in den Themenclustern dargestellt. Als z.B. Blogscout die Pforten geschlossen hat, gab es 80 Reaktionen.

Christiane Schulzki-Haddouti: Ja, aber so eine Art Historie der Clusterbildung?

Frank Westphal: Hatte ich teilweise, auch eine Timeline. Ist mit meinem Reboot vor 7 (oder so) Wochen erst mal rausgeflogen … Wollte mich zunächst auf den Kern beschränken.

Christiane Schulzki-Haddouti: Was war das Problem?

Frank Westphal: War schon zu sehr der Diversifikation verfallen.

Christiane Schulzki-Haddouti: Also eine Frage des Entwickleraufwands?

Frank Westphal: Ja, hauptsächlich, der Skalierbarkeit und Managebarkeit für mich als One-Man-Show. War auch ein Grund, warum ich den Google-Bot ausgesperrt habe.

Christiane Schulzki-Haddouti: Warum war der Google-Bot ein Problem?

Frank Westphal: Wenn alle 10 Sek. ein Google-Bot oder Yahoo Slurp vorbeikommt, macht das die Seite für die wirklichen Leser langsam. Die Nutzer, die von dort auf eine Rivva-Seite abgeladen werden, die wiederum nur Suchergebnisse aggregiert, sind nach 2 Sek. eh wieder weg, also nicht schad drum, meiner Meinung nach. Von den asozialen Bots, die 30 Requests/Sekunden absetzen, gar nicht zu reden.

Christiane Schulzki-Haddouti: Aber es steht weiter auf der To-Do-Liste?

Frank Westphal: Ich denke schon, sobald Fokus und Schärfe stimmen … Viele Artikel müssen just-in-time mit den neuesten Informationen neu geclustert werden, wenn die Seitenanfrage kommt. Das sind sehr rechenintensive Operationen, die viel Serverlast produzieren.

Christiane Schulzki-Haddouti: Apropos Serverlast – wie finanziert sich Rivva heute?

Frank Westphal: Momentan hab ich nur Serverkosten, die ich als kleine Anfangsinvestition sehe. Meine Zeit rechne ich momentan nicht, da ich eh grad ein Sabbatical nehme. Schön wärs, wenn sich das Projekt irgendwann und irgendwie refinanzieren ließe. Ideen und Gespräche gibts schon …

Christiane Schulzki-Haddouti: Welche wünschenswerten Möglichkeiten gäbe es?

Frank Westphal: Organische Beiträge (ähnlich wie in den SERPs), White-Label-Lizenzen, Sponsoring/Donations.

Christiane Schulzki-Haddouti: Lizenzen, für wen könnte das interessant sein?

Frank Westphal: Mediendienste. Peter Turi z.B. kuckt jeden Tag mehrmals vorbei. Mit “organischen Beiträgen” meine ich Artikel, die wie organische Beiträge gelistet werden, aber kenntlich gemacht sind als gesponsorte Postings. TechMeme macht sowas.

Christiane Schulzki-Haddouti: Planen Sie auch ähnlich wie Facts 2.0 eine Community aufzubauen?

Frank Westphal: Um erfolgreiche Communities aufzubauen, wissen Sie ja, muss viel Zeit und Geld ins Community Management gesteckt werden. Schwer zu sagen … Mehr soziale Features wären wünschenswert. Nach den Erfahrungen im letzten Jahr bei Qype und der zunehmenden Aufmerksamkeitsarmut, stelle ich mir das nicht leicht vor. Wird vielfach unterschätzt, ist kein Selbstgänger. Mal kucken, was sich ergibt … Eine ganze tolle Idee hab ich, aber mal sehen, wann die Zeit dafür reif ist.

Christiane Schulzki-Haddouti: Ja?

Frank Westphal: :x

Christiane Schulzki-Haddouti: :-(Qype, was war da?

Frank Westphal: Qype: Es ist halt schwer, eine Seite mit hoher Stickyness zu bauen. Die Web 2.0 Nomaden ziehen nach kurzer Seite zur nächsten coolen Seite. Gewissenmaßen kann man dann sogar sehen: Alle Web 2.0 Startups von 2006 haben 2007 zurückgebaut und sind weniger zwonullig als letztes Jahr, weil die Klientel sich verschiebt. Sie kennen sicherlich Crossing the Chasm … den Technology-Adoption-Zyklus von Geoffrey Moore.

Christiane Schulzki-Haddouti: Was meinten Sie konkret mit weniger zweinullig?

Frank Westphal: Bei Qype sind die Tags z.B. den Kategorien (Schubladen) gewichen.

Christiane Schulzki-Haddouti: Ja, das fand ich sehr interessant.

Frank Westphal: Eben.

Christiane Schulzki-Haddouti: Offensichtlich wurde es zu wolkig :-)

Frank Westphal: Da sind organisatorische Rückstellkräfte am Werk, um das neue Web massenkompatibel zu machen. Der Ausverkauf beginnt … Der Idealismus weicht …

Christiane Schulzki-Haddouti: Zum Abschluss noch eine Frage zum Urheberrecht. Rivva geht ja davon aus, dass wer einen Feed bereitstellt, auch mit seiner Verwertung einverstanden ist. Außerdem bietet Rivva an, die Feedverwertung auf Wunsch sofort wieder einzustellen. Gab es schon unangenehme Erlebnisse in dieser Richtung?

Frank Westphal: Nein. Im Gegenteil: Es kommen dauernd Fragen, wie man reinkommt. :-D

Christiane Schulzki-Haddouti: Haben Sie die Auseinandersetzung um den Perlentaucher beobachtet?

Frank Westphal: Jupp.

Christiane Schulzki-Haddouti: Da geht es ja auch um das Zitieren …

Frank Westphal: Ab ins Mittelalter mit D, oder?

Christiane Schulzki-Haddouti: Falls die Richter das Zitieren nur im Zusammenhang mit einer eigenen Werkschöpfung erlauben würden, könnte es ja eng werden – bzw. Feeds müssten immer eine klare Policy vor sich hertragen. Wie sehen Sie das kommende Urteil?

Frank Westphal: Ja, aber darüber denke ich nach Toyota-Prinzip erst nach, wenn das Problem klar vor mir steht.

Christiane Schulzki-Haddouti: Danke fürs Interview!

Frank Westphal: Fein, hat Spaß gemacht.

Weiterlesen:

Frank Westphal erklärt das Web 2.0, Video

Disclaimer: Frank Westphal und Christiane Schulzki-Haddouti führten das Interview per Skype-Chat.


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About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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