Zur Zeitungskrise – Chancen für freie Journalisten

Den Verlagen bröckeln die Anzeigen weg, weil Unternehmen und Privatpersonen zunehmend auch für Anzeigen ins Netz gehen. Weil Anzeigen Artikel finanzieren und der Verkauf die Distribution, werden Honorare eingefroren oder gekürzt und Redakteure entlassen. Das Internet selbst bietet aber noch keine ausreichende Werbefinanzierung an, obgleich auch immer mehr Leser ins Netz abwandern. Ich wage zu behaupten, weil keiner weiß, wie das ausgeht, wollen die alten Eigentümerfamilien auch raus aus dem Geschäft – wenn dann Finanzinvestoren kommen, wird das ganze Geschäft nochmal eine Stufe härter.

Weil Dachmarken im Netz in Zeiten von RSS zunehmend an Bedeutung verlieren, könnte das aber auch eine Chance für spezialiserte Themendienste sein, die durchaus von einzelnen Journalisten angeboten werden können. So wie das neue Netz den User in den Zentrum stellt, stellt es eigentlich auch den einzelnen Produzenten in den Mittelpunkt.

Es geht darum, wie Robin Meyer-Lucht elegant formuliert, “Optionen anzubieten, die die Haltung des Qualitätsjournalismus entfalten – in der Zeitung und im Internet”. Ein Bedarf für gut geschriebene, auf den Punkt gebrachte Texte aller Art gibt es meineserachtens allemal, weil nicht jeder Leser bereit ist, sich durch eher schwer zu lesende Texte zu wühlen, wie sie oftmals von nichtprofessionellen Schreibern verfasst werden. Da die deutsche Blogosphäre mehrheitlich von Hobbyschreibern besetzt zu sein scheint, gibt es hier also durchaus noch Potenziale. Die Gretchenfrage ist nur: Wie die Wertschöpfung einbinden.

Chancen für freie Journalisten gibt es also durchaus, deren Print-Honorare seit etwa einem Jahrzehnt auf gleichem Niveau verharren bzw. gekürzt wurden. Sie müssten aber auch erheblich Zeit in den Aufbau eines eigenen Angebots im Netz investieren. Vermutlich lohnen sich vor allem nutzwertige Stücke. Listen und Auswertungen aller Art werden im Netz immer gern goutiert. Ohne eine Mischkalkulation geht das nicht. Das könnten gelegentliche Ausflüge in den Print sein, Beratungsaufträge, Vorträge, Broschüren, Bücher (deren Vorabvarianten ins Netz gestellt werden könnten), aber auch Experimente mit Micropayments. So könnte man etwa längere, fundiertere Ausarbeitungen von “Listen” gegen ein geringfügiges Entgelt anbieten. Weil so ein Aufbau mindestens ein Jahr dauert, müsste man allerdings eine gewissen Durststrecke überwinden. Das ist im Moment noch der Flaschenhals.

Eine IBM-Studie namens “The end of advertising as we know it“, die auf einer weltweiten Umfrage von  2400 Verbrauchern und 80 Marketingspezialisten basiert, rechnet damit, dass bis 2011 traditionelle Medien bis zu 30 Prozent ihres Anzeigenaufkommens an das Internet verlieren werden. Profitieren werden davon Banneranzeigen, Anzeigen für mobile Geräte sowie Anzeigen innerhalb von Spielewelten.

Weiterlesen:

  • Auszüge der Originalrede von Frank Schirrmacher, der jüngst eine Debatte um den Qualitätsjournalismus in Zeiten der Zeitungskrise (“welche Krise?”) entfachte, gibt es in der FAZ und der SZ.
  • Die Tageszeitung ist tot! Google und Konsorten graben den Printmedien das Wasser ab. Die Zukunft des Gedruckten ist in Zeiten des Internet gefährdet. Von den FOCUS-Online-Autoren Stephan Weichert und Leif Kramp, 30.10.2007, Focus Online, http://www.focus.de/kultur/buecher/tid-7844/dossier_aid_137513.html
  • Andres Hutter, Lizenziatsarbeit Universität Zürich: “Verbesserte Medienkritik oder Pseudo-Journalismus. Eine inhaltsanalytische Studie journalistischer Qualität in medienkritischen Weblog“. Zitat: ”Das, was in den untersuchten Weblogs geschrieben wird, hat journalistische Qualität, das hat die Studie gezeigt. Den Vergleich mit den Online-Ausgaben etablierter Zeitungen müssen sie jedenfalls nicht scheuen, im Gegenteil: für Weblogs wurde insgesamt eine höhere journalistische Qualität gemessen als für Online-Zeitungen”


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About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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