Die herkömmlichen Medien tun sich schwer mit dem Internet, befremdlich schwer. Die jüngste Debatte löste die von einem merkwürdigen Wochenend-Beitrag begleitete Entscheidung der Süddeutschen Zeitung aus, ihre Internet-Foren nurmehr zu den üblichen Arbeitzeiten zu öffnen. Das löste prompt einen Kommentierstreik der Nutzer aus. Bei der FAZ ist die Sympathie für die süddeutsche Community-Skepsis groß – sie entsandte heute mit dem Beitrag “Schön sachlich bleiben” eine kleine Solidaritätsadresse an die Isar. Darin ist zu lesen: “Die vom Netz hervorgebrachte Phantasie einer Gesellschaft der Amateure wirft die Frage auf, wovon diese denn leben. Was keinen Standards folgt, hat nur Ausdrucks-, aber keinen Informationswert.”
Hier verquickt der Journalist gleich zwei Argumente unzulässigerweise miteinander – das eine lautet: Nur wer genügend Geld mit dem Schreiben verdient, tut dies professionell. Das andere lautet: Amateure bieten keinen Informationswert. Beide Argumente lassen sich leicht wiederlegen: Es gibt inzwischen nahezu unzählige Blogs und Wikis, die professionell sowohl Unterhaltungs-, als auch Informationswert liefern, wobei die zugrunde liegenden Geschäftsmodelle nicht unbedingt eine wirklich entscheidende Rolle spielen.
Das Argument der FAZ schrammt knapp am wahren Kern des Unbehagens in den Verlagen vorbei: Die neuen Medien gefährden die Gatekeeper-Funktion der traditionellen Medien – und untergraben damit ihre ökonomische Bedeutung. In diesem Zusammenhang fielen die Verlage beider Qualitätszeitungen erst kürzlich mit dem Versuch auf, die Zusammenfassung ihrer Buchrezensionen durch den Perlentaucher gerichtlich untersagen zu lassen – mit diesem Versuch sind sie gestern am Oberlandesgericht Frankfurt gescheitert. Der Gang vors Gericht war nichts anderes als der Versuch, auch im Zeitalter der Aggregationsdienste die Gatekeeper-Rolle spielen zu können.
Gatekeeper spielen keine Rolle mehr, wenn sie offensichtlich keine exklusiven Inhalte mehr liefern können, wenn sie nicht allein mehr über den Spin einer Geschichte entscheiden können. Verräterisch sind insofern die Träume eines Bernd Kundrun, seinerseits Vorstandsvorsitzender von Gruner + Jahr. Er fantasiert von einem Web 3.0, in dem das unüberschaubar gewordene Angebot des Web 2.0 durch Gatekeeper wie seinen Verlag stark strukturiert wird. Ich fürchte, diese Zeiten sind bald endgültig vorbei.

