Mit Facts 2.0 hat sich der Tamedia-Verlag für den radikalen Schritt entschieden eine eingeführte Medienmarke zu einem reinen Aggregationsdienst mit News-Community umzuwandeln. Seither sind rund vier Monate vergangen. Zeit für ein paar Nachfragen bei Projektmanager Christoph Lüscher.
Christiane Schulzki-Haddouti: Herr Lüscher, Operation geglückt?
Christoph Lüscher: Der Entscheid wurde nicht in dieser Konsequenz getroffen. Vielmehr kamen nach dem definitiven Einstellungsentscheid für FACTS ein paar Internet-Verrückte recht spontan auf die FACTS 2.0-Idee und Tamedia hat beschlossen, das vorgeschlagene Experiment zu unterstützen. Das Recycling der Marke FACTS hat uns erlaubt, ein neuartiges, wohl auch gewagtes Internet-Produkt ohne große Marketingaufwendungen an den Start zu bringen. Die spezielle “Transfersituation” Print – Web 2.0 ermöglichte es uns, die Marke FACTS in einem positiven Sinn zu beerben.
Christiane Schulzki-Haddouti: Was unterscheidet Facts von anderen Aggregationsdiensten wie Tausendreporter?
Christoph Lüscher: FACTS 2.0 versucht, eine Balance zwischen Technologie bzw. News-Aggregation, Community und Redaktion zu finden.
Agenda-Setting
Christiane Schulzki-Haddouti: Ließe sich die Nachrichtenauswahl bei Facts, die für alle Leser durch eine Redaktion erfolgt, auch maschinell unterstützen? Wie würde das Ergebnis aussehen?
Christoph Lüscher: Sowohl Community, als auch Technologie, wie etwa ein Bewertungssystem, das auf Nennungs- und Verlinkungsfrequenzen basiert, können der Redaktion Indikatoren für die Newsbewertung liefern. Ziel ist es, auf FACTS 2.0 mit der Zeit die Gewichtung der Community-Inputs und Inputs aus einer technologischen Aggregationslösung mit den Redaktionsinputs so auszutarieren, dass ein System mit eigener Dynamik entsteht, das Endprodukt jedoch weiterhin von hohem Niveau und allgemeinem Interesse bleibt – und nicht etwas zu einem reinen Community- oder Technologieprodukt wird.
Christiane Schulzki-Haddouti: Wie erfolgt die Auswahl heute? Können Sie typische Auswahlverfahren beschreiben?
Christoph Lüscher: Es gibt zwei Wege: Die Redaktion hält ein Thema für relevant. Das ist besonders wichtig bei News-Ereignissen, die zwar von Bedeutung und allgemeinem Interesse sind, auf die aber typischerweise nicht unmittelbar Userreaktionen eintreffen. Oder die User machen auf ein Thema aufmerksam, indem sie einen externen Link posten, für ein Thema stimmen, oder es kommentieren.
Christiane Schulzki-Haddouti: Inwiefern wäre eine Kooperation mit Rivva denkbar?
Christoph Lüscher: Das müssten wir mit Rivva klären. Wir sind bei zwei Aspekten momentan technologisch schwach: Identifikation von ähnlichen Artikeln und Auswertung von Verlinkungs- und Zitierungshäufigkeiten. Da könnte Rivva uns vielleicht weiterhelfen.
Community
Christiane Schulzki-Haddouti: Die Community-Beiträge zeigen ein ziemlich hohes Niveau – wie haben Sie das erreicht und wie wollen Sie es erhalten?
Christoph Lüscher: Das etwas komplexere Aufnahmeprozedere via “Sponsoren” fördert den Respekt vor der Community, hemmt jedoch auch das Wachstum, nicht zuletzt weil so auch niederschwellige “Fun”-Effekte im Stil von “ich werfe Dir ein virtuelles Schaf zu” und “LOL”-Kommentare wegfallen. Wir denken, dass allzu einfach gestrickte Communities mit der Zeit ihren Reiz verlieren und dass sich längerfristig Plattformen durchsetzen werden, die aus komplexeren Communitymodellen in Interaktion mit anderen Komponenten qualitativ hochwertige Erlebnisse für Member und Nicht-Member generieren. Solche Communities zu “bauen” ist allerdings aufwendiger, es gibt weniger Vorwissen und es besteht stets die Versuchung, auf kurzfristige Effekte und ein damit allenfalls einhergehendes explosionsartiges Wachstum zu setzen.
Christiane Schulzki-Haddouti: Was war ihr Rezept?
Christoph Lüscher: Unser Rezept besteht aus einer Reihe von Zutaten: Engagement zeigen, selber teilnehmen. Auf Nutzer eingehen, offen und ehrlich sein. Disclosure ist ein notwendiger Vertrauensbeweis. Communities wachsen aus einer überschaubaren Kerngruppe. Alphatiere pflegen, 90-9-1-Regel. “Ein Bisschen Community” gibt es nicht. Geduld haben, sich auf eine Aufbauphase einstellen. Einmal etabliert, haben Communities starke Selbstregulierungsfähigkeiten. Offenheit gegenüber Nutzeraktivitäten und redaktionelle Ansprüche ins Gleichgewicht bringen. Keine Angst vor Kontrolle und Filtern.
Christiane Schulzki-Haddouti: Sie sagen „keine Angst vor Kontrolle und Filtern.“ Verstehe ich das richtig, dass sie Beiträge mitunter redigieren oder gar löschen?
Christoph Lüscher: Das kommt vor. Bisher war das Beitragsniveau aber sehr hoch, so dass wir nur sehr wenige Beiträge löschen mussten. Falls ein Userbeitrag einen besonders prominenten Platz bekommt, greifen wir auch ‘mal redigierend ein, oder wir passen einen Titel an – in der Regel in Absprache mit dem User, der den Beitrag gepostet hat.
Wachstum
Christiane Schulzki-Haddouti: Welches Wachstum können Sie verzeichnen? Entspricht das ihren Erwartungen?
Christoph Lüscher: Die Entwicklung von FACTS 2.0 entspricht momentan unseren Erwartungen, alle Indikatoren zeigen ein gesundes Wachstum im sehr kleinen Zielmarkt “Deutschschweiz”.
Christiane
Schulzki-Haddouti: Wie wichtig war beim Community-Aufbau der Einladungsmodus? Warum haben Sie sich dafür entschieden? Und wann wollen Sie Facts ganz öffnen?
Christoph Lüscher: Der Einlademodus soll einerseits ermöglichen, dass neue Nutzer effektiv vor Aufschaltung geprüft werden können, andererseits ist er ein Symbol, das signalisiert, dass FACTS 2.0 ein Ort ist, an dem man sich kennt, und nicht einfach eine anonyme “Linkgrube”. In diesem Sinn werden wir den Einlademodus noch längere Zeit beibehalten, könnten jedoch mit der Zeit den Kreis von Leuten ausdehnen, die andere Nutzer annehmen dürfen.
Perspektiven
Christiane Schulzki-Haddouti: Wie sehen Sie die Perspektiven für Facts?
Christoph Lüscher: FACTS 2.0 kann sich als Nischenprodukt in einer Zielgruppe etablieren, die sich vertieft mit dem Tagesgeschehen auseinandersetzt. Wir können einen qualitativ hochwertigen News-Digest, alternatives Agenda Setting und hochwertige Diskussionen bieten.
Christiane Schulzki-Haddouti: Facts ist klar ein Schweizer Produkt, doch Sie bekommen immer mehr Leser aus dem deutschsprachigen Ausland. Würde das ihre Newsauswahl für die Frontseite beeinflussen oder ist und bleibt die Kernleserschaft in der Schweiz?
Christoph Lüscher: Ich denke, wir müssten eine leicht modifizierte Version der Plattform für die umliegenden Länder zur Verfügung stellen, um diese Märkte mehr als “am Rande” bedienen zu können. Jedes umliegende Land hat seine Eigenheiten im Umgang mit dem Tagesgeschehen und kennt manchmal ganz andere Agendas. Es sind die eher “zeitlosen” Diskussionsthemen, die jetzt schon Leute aus dem deutschsprachigen Ausland auf FACTS bringen.
Werbung
Christiane Schulzki-Haddouti: Kritisch ist immer die Wertschöpfung – wie soll das funktionieren? Bannerwerbung, GoogleAdsense, Werbefeeds?
Christoph Lüscher: Wir hoffen, FACTS 2.0 als hochwertiges Produkt aktiv vermarkten zu können.
Christiane Schulzki-Haddouti: Wie soll das gehen?
Christoph Lüscher: Wir prüfen im Moment verschiedene Vermarktungslösungen.
Christiane Schulzki-Haddouti: Also, Sie wollen noch nichts genaueres verraten?
Christoph Lüscher: Vermutlich wird die Plattform zwei Formen von Werbeintegrationen kennen: Eher konventionelle Werbemittel (Banner, Skyscraper, Leaderboard oder ähnliche) und clever gemachte Community-Integrationen wie die “5 guten Fragen”, die wir mit PricewaterhouseCoopers und der Agentur Festland 2007 ausgeheckt haben. Werbung ist für die Finanzierung einer solchen Plattform nötig, sie sollte aber bezahlt, nicht “dumm” sein und das Nutzererlebnis nicht ungebührlich beeinträchtigen.
Christiane Schulzki-Haddouti: Wie sehen Sie vergleichbare Produkte wie Tausendreporter?
Christoph Lüscher: Communityplattformen sind oft schwierig zu vermarkten, weil darauf recht wenige User sehr viele Seitenabrufe generieren und weil Communitynutzer sehr fokussiert auf ihre aktuellen Tasks sind und Werbung wenig beachten. Wir hoffen, dass FACTS als Hybrid zwischen einer Community- und einer Newsplattform besser vermarktbar ist als eine reine Communityplattform.
Christiane Schulzki-Haddouti: Noch eine nachgetragene Frage: Wie sieht es aus mit RSS?
Christoph Lüscher: RSS muss her und steht auf der Liste auch ziemlich weit oben, allerdings sehe ich in einem 1. Schritt nur Feeds für Bereiche, wo effektiv auch eine Leistung von FACTS drinsteckt, also für die “Home”-Liste und allenfalls die Rubriken.
Christiane Schulzki-Haddouti: Vielen Dank!
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