Howard Owens denkt ebenfalls über Qualität im Journalismus nach. Er empfiehlt jedem Journalisten, geliebte Reputationstechniken aufzugeben und journalistisches Arbeiten neu zu entdecken. Im einzelnen gibt er 10 Tipps für die Neuerfindung des Journalismus. Eigentlich könnte das auch eine Art Blaupause für ein “Manifest für den Neuen Journalismus” sein. Hier leicht gekürzt und locker übersetzt:
- Hören Sie auf, für die Titelseite zu schreiben. Das ist nicht die einzige Bestätigung für Ihren Wert als Journalist. Im Web zählt sowieso nur der Zeitstempel. Wichtiger als der Platz, an dem die Geschichte erscheinen wird, ist es, die Geschichte richtig hinzubekommen.
- Hören Sie auf, Journalismus wie einen Wettstreit zu sehen. Es macht zwar Freude, andere Publikationen zu schlagen, aber das sollte nicht der Hauptanreiz sein. Jede Geschichte wie einen Scoop zu behandeln, kann zu Fehlern führen – sowohl im Rechercheprozess, als auch in der Art, wie man mit ihr umgeht. Es ist heute nicht mehr von wirtschaftlichem Vorteil, die Konkurrenz zu schlagen. Dafür liegt der wahre Wert darin, zur vertrauenswürdigen Quelle eines zuverlässigen, ständigen Nachrichtenstroms zu werden.
- Hören Sie auf, Ihre Geschichten für Journalistenpreise anzumelden. Das ermutigt Sie nur, für andere Journalisten, nicht aber für Ihre Leser zu schreiben.
- Hören Sie besser auf Ihre Leser. Schätzen Sie jede Art von unerwartetem Leserlob. Stecken Sie sich jedes einzelne Lob an Ihre Pinnwand. Und machen Sie sich das tägliche Lob der Leser zum Ziel. Ignorieren Sie keine Kritik.
- Berücksichtigen Sie mehr Menschen in Ihren Geschichten und weniger Menschen mit Titeln und hohen Positionen. Für jeden Menschen mit Titel sollten Sie zwei Menschen ohne Titel in die Geschichte setzen. Wenn Sie also einen Bürgermeister und ein Ratsmitglied zitieren, dann sollten Sie auch vier ganz normale Bürger befragen. Die Geschichte sollte vor allem herausarbeiten, in welchem Ausmaß Menschen von etwas betroffen sind, und nicht, was Offizielle zu sagen haben. Beobachten Sie, wie viele Geschichten Sie im Monat über einen Stadtrat schreiben können, ohne überhaupt einen Offiziellen zu erwähnen.
- Berichten Sie nicht über Prozesse und Entwicklungen, berichten Sie über wirkliche Stories. Richtige Stories handeln von Menschen, die etwas darüber zu sagen haben, wie richtige Dinge ihr richtiges Leben beeinflussen.
- Werden Sie zum Experten Ihres Themas. Sie sollten den Beat Ihrer Geschichte besser kennen als es Ihre Quellen tun. Das vermeidet Geschichten, die nur wiedergeben, was der eine und was der andere gesagt hat. Nur so können Sie den Geschichten eine wirkliche Tiefe und Perspektive verleihen. Das versetzt Sie auch in die Lage noch mehr und bessere Geschichten aufzudecken.
- Vergessen Sie das falsche Versprechen der Objektivität. Stattdessen verhalten Sie sich fair, ehrlich, unparteilich und korrekt.
- Seien Sie korrekt. Immer. Korrekt zu sein, bedeutet, die Fakten richtig zu stellen. Das beeinflusst Ihr ganze Herangehensweise für eine Geschichte. Dazu gehört, nie etwas zu sensationalisieren. Niemals. Sie machen einen Konflikt nicht größer, nur um eine bessere Titelgeschichte zu schreiben. Sie verändern nicht ein Zitat, nur um es dramatischer zu machen. Und Sie verändern nichts, nur um etwas zu betonen.
- Berichten Sie über Ihre Community als wäre sie Ihre Heimatstadt. Engagieren Sie sich für Ihre Community und kümmern Sie sich um ihre Menschen. Auch wenn Sie eines Tages woanders hin gehen sollten, so entwickeln Sie doch für die Zeit Ihres Aufenthalts die Geisteshaltung, dass Sie bis an Ihr Lebensende über diese Stadt, diese Entwicklung, dieses Thema schreiben werden.
Die Beispiele beziehen sich vor allem auf Lokaljournalismus, aber auch Fachjournalisten könnten sich daran orientieren. Obgleich man im Fachjournalismus nie an den Experten vorbeikommt, sollte man doch eigentlich immer auch darstellen können, wie sich die geschilderten Ereignisse etwa auf den Patienten, den Anwender oder den Zuschauer auswirken.
Wie könnte man diese 10 Tipps im Sinne eines Manifests verbessern? Und wer von unseren Lesern könnte ein solches bzw. ein verbessertes Manifest unterschreiben?

