Darstellungsformen und Qualität im Journalismus: 10 Thesen

Nachdem die Initiative Nachrichtenaufklärung das Thema “Qualitätsverluste im Journalismus” auf ihre Liste der am meisten vernachlässigten Themen des Jahres 2007 gewählt hat, sind im Rahmen dieses Blogs einige interessante Fragen dazu aufgeworfen worden. Vor allem die Überlegungen von Christiane Schulzki-Haddouti, wie journalistische Qualität denn überhaupt zu definieren sei, erinnerten mich an eine Literaturstudie, die ich vor einiger Zeit zu diesem Themenfeld durchgeführt habe. Mir ging es dabei vor allem um die Zusammenhänge zwischen journalistischen Darstellungsformen und der Qualitätsfrage. Die nachfolgenden zehn Thesen dokumentieren einige meiner Erkenntnisse:

  1. Der (kommunikations-)wissenschaftliche Forschungsstand zum Themenbereich “Journalistische Genres” ist allenfalls bruchstückhaft. Zwar ist in den vergangenen Jahren immer wieder Praktikerliteratur zu einzelnen Darstellungsformen erschienen; die Grundlagenforschung blieb jedoch auf die zentralen Textsorten (vor allem die Nachricht) beschränkt.
  2. Im anglo-amerikanisch geprägten (Nachrichten-)Journalismus der Gegenwart sind viele journalistische Darstellungsformen verkümmert – insbesondere die narrativen und die literarisch-fiktionalen. Das zeigt nicht nur ein Vergleich zwischen “westlichen” und “östlichen” Journalismustraditionen, sondern auch ein historischer Blick auf verschiedene Reportage-Konzepte (etwa New-Journalism-Reportage, ethnographische Reportage, literarisch-narrative Reportage), die heute kaum mehr zur Anwendung kommen. Hier liegt viel ungenutztes Potenzial brach, das den Journalismus in qualitativer Hinsicht nachhaltig optimieren könnte.
  3. Eine eindeutige Rangliste journalistischer Qualitätsmerkmale ist nicht konstruierbar. Sie muss zwangläufig von Medium zu Medium – in Abhängigkeit von dessen publizistischer Zielsetzung – variieren.
  4. Optimale journalistische Qualität ist nicht erreichbar, da viele Qualitätsmerkmale in einem offenen Widerspruch zueinander stehen. So verträgt sich etwa die Forderung nach einer möglichst aktuellen Berichterstattung kaum mit dem Gebot der Vollständigkeit, da letzteres nur nach einer gründlichen (und oft zeitaufwändigen) Recherche umsetzbar ist. Ebenso unverträglich sind beispielsweise Unterhaltsamkeit und Richtigkeit – zumindest in vielen Fällen des aktuellen Infotainment-Journalismus. Je nach Zielsetzung müssen die journalistischen Akteure für sie besonders relevante Qualitätskriterien in den Vordergrund stellen und andere damit zwangsläufig vernachlässigen.
  5. Die Qualitätsvorstellungen journalistischer Akteure müssen nicht zwingend mit denen des Publikums übereinstimmen. Je nach Zielgruppe können Rezipienten eher an Gefühlsbetontheit, Attraktivität, Unterhaltsamkeit oder Vertrautheit der Berichterstattung interessiert sein als an der Erfüllung der für viele Journalisten maßgeblichen öffentlichen Aufgabe.
  6. Funktionierende journalistische Infrastrukturen sind eine grundlegende Voraussetzung für publizistische Qualitätssicherung. Der amerikanische Journalismus ist in dieser Hinsicht deutlich weiter entwickelt als der deutsche.
  7. Die journalistische Ausbildung trägt in wesentlichem Maße dazu bei, angehende Journalisten mit den wichtigen Qualitätsstandards vertraut zu machen und sie instand zu setzen, diese bei der (späteren) redaktionellen Arbeit umzusetzen. Umso wichtiger ist dabei die effiziente Vermittlung von Reflexionswissen, die eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Standards erst ermöglicht.
  8. Ein zentrales Problem publizistischer Qualitätssicherung ist die mangelnde Vermittlungskompetenz vieler Journalisten. Dieser Missstand kann nur von einer Journalismus-Ausbildung behoben werden, die nicht ausschließlich Sachwissen, sondern auch Vermittlungskompetenz ins Zentrum der Lerninhalte stellt.
  9. Die Messung von journalistischer Qualität über Indices, wie in zahlreichen Studien vorgeschlagen, ist wenig sinnvoll, handelt es sich bei den verschiedenen Qualitätskonzepten zumeist doch um höchst differenzierte Kategoriengebilde, die kaum in einer Zahl abbildbar sind. Empirisch messbar ist allenfalls objektive Qualität; subjektive Qualität hingegen lässt sich nur interpretativ und philosophisch ergründen.
  10. Qualität im Onlinejournalismus ist in der kommunikationswissenschaftlichen Forschung bislang nur unzureichend thematisiert worden. Erste Aufsätze zu diesem Thema bleiben bruchstückhaft, da sie nur einige wenige Problemzonen der Internet-Kommunikation anführen, aber kaum in der Lage sind, ein umfassendes Qualitätskonzept für Onlinejournalisten zu entwerfen. Dabei wäre eine entsprechende Qualitätsoffensive umso wichtiger, da das Medium Internet im Vergleich zu anderen Massenmedien noch immer unter einem massiven Reputationsrückstand leidet.


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About Tobias Eberwein

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut fr Journalistik der TU Dortmund
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