Plagiieren oder interagieren?

Dr. Stefan Weber hat mit seiner Dissertation, die sich mit dem Phänomen der Plagiate befasste, ein wichtiges Zeitphänomen aufgegriffen. Populärwissenschaftlich schildert er viele Fälle von Plagiarismus in seinem Telepolis-Buch “Das Google-Copy-Paste-Syndrom“. Darin, so ist bei Steffen Büffel nachzulesen, schlägt er vor, Plagiate folgendermaßen zu typologisieren:

  1. Copy-Paste-Totalplagiat
  2. Copy-Paste-Teilplagiat
  3. Shake & Paste Plagiat
  4. Strukturplagiat
  5. Ideenplagiat

An der Feststellung, dass es sich bei Copy-und-Paste-Bausteinen um Plagiate handelt, gibt es wenig zu rütteln. Ohne einen Zitatnachweis handelt es sich schlicht um Abschreiberei und damit um ein Plagiat. Aber “Shake & Paste Plagiate”, “Strukturplagiate” und “Ideenplagiate” anzuprangern, halte ich insbesondere für Lernprozesse nachteilig.

Das Kopieren und Überarbeiten ist eine wichtige Aneignungstechnik – das beweisen zahlreiche Beispiele der Kulturgeschichte. Das Unterstützen von “Self-Instructing”-Mechanismen ist ein ganz wichtiger Beschleunigungsfaktor im Lernen. Ein aktuelles Beispiel aus dem Web: Das Web-Design etwa hätte sich nicht so schnell entwickelt, wenn man nicht den HTML-Code einsehen und direkt kopieren könnte. Die Open-Source-Bewegung hätte keinen so großen Erfolg, wenn sie nicht das Kopieren ausdrücklich erlauben würde.

Auch das Erarbeiten von Texten, in dem man Teile zusammenfasst, einordnet und reflektiert, ist doch ein klassischer Bestandteil wissenschaftlicher Arbeiten. Und genau diese Denkweise sollte sich auch in Wissenschaftsblogs transparent wiederspiegeln. Howard Rheingold sieht diese Art der Beschäftigung mit den Texten anderer als selbstverständlichen Teil das akademischen Arbeitsprozesses:

If you’re an academic reading academic texts you are looking for interactivity. You read the text as part of an ongoing conversation in which you are a member. Perhaps as you read you are already thinking
about how a text fits into your own research, your own future writing. You mark the text to remind yourself of passages you will want to discuss in a classroom or in an article.

Wichtig ist aber auch die Rolle von Lehrern, Dozenten und Professoren: Je origineller die Aufgabenstellung, desto geringer die Gefahr des Plagiats. Das ist das eine. Das andere ist, dass man in der Lehre die Diskursfähigkeit der Lernenden steigern sollte. Wer überlegt und nachhakt, wird erleben, dass die Dinge vielleicht ganz anders sind, als wie sie sich auf den ersten Blick darstellen. Das heißt aber auch: Je länger man mit sich einem Thema beschäftigen kann und darf, desto geringer die Gefahr des so genannten “Gedankenplagiats”. Und das spricht für eine ganz andere Art des Lernens als wie sie heute größtenteils praktiziert wird: Nämlich für eine intensivere Ausbildung, bessere on- und offline Betreuung und damit auch kleinere Gruppen.

Ein wichtiger Motivationsfaktor sollte in der Debatte ebenfalls nicht übersehen werden: Nur wer in seiner Arbeit einen deutlichen Mehrwert schafft, wird auch entsprechend beachtet bzw. erringt eine gewisse Aufmerksamkeit. Wenn dies aber nicht der Fall ist, muss man auf andere Mechanismen zurückgreifen, um den Aufmerksamkeitsfaktor zu steigern. Nur so kann man sich es erklären, dass etwa Dozenten und Professoren Autorenschaft beanspruchen, wenn die Hauptleistung eigentlich beim Studenten oder Promovenden lag. Oder dass Studierende auf Postern und in Artikeln als Autoren genannt werden, obwohl sie keinen substanziellen Beitrag geleitet haben. Oder dass Professoren die alleinige Herausgeberschaft beanspruchen, obwohl der wissenschaftliche Mitarbeiter die Hauptarbeit geleistet hat. Dabei sollte man festhalten, dass diese Praktiken in der Regel beiden Seiten zu Gute kommen. Jedem werden dazu sicherlich zahlreiche Fälle aus Erzählungen von Kollegen oder aus eigener Erfahrung einfallen.

Was interessant ist: Diese soziale Praxis wird in der Plagiarismus-Debatte nicht thematisiert oder gar näher beleuchtet. Erklären lässt sich dieses Phänomen wohl mit soziokulturellen Begriffen: Zum einen geht es darum, kulturelles und soziales Kapital aufzubauen. Zum anderen gilt es, das erworbene Kapital bzw. Ruf bzw. Reputation möglichst gewinnbringend wieder einzusetzen. Man könnte vermuten, dass diese Mechanismen der Klebstoff von Kooperationen sind. Eine Erklärung für Kooperationsmechanismen liefert auch die eingehendere Beschäftigung mit “sozialen Dilemmata” bzw. mit Spieltheorien.

Wer kennt eine wissenschaftliche Arbeit, die diese sozialen Praktiken im Wissenschaftsbetrieb reflektiert?

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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