Über die Aufmerksamkeit für den Leser

Wie können Redaktionen produktive Feedbackschleifen generieren? Indem sie ihren Lesern Aufmerksamkeit schenken!

Über Leserbeiträge in Kommunikationsräumen wie Diskussionsforen und Artikelkommentaren wird derzeit heftig unter dem Vorzeichen der Zensur debattiert. In der Debatte wird meiner Beobachtung nach übersehen, wie diese Räume für die journalistische Berichterstattung fruchtbar gemacht werden können. Es genügt nicht, den Lesern lediglich technische Features wie Bewertungsleisten und Kommentarkästchen zur Verfügung zu stellen und zu erwarten, dass damit den Leserbedürfnissen Genüge getan wäre. Leser wollen, auch abseits der sporadisch auftretenden Trolle, sich nicht nur artikulieren, sondern auchAufmerksamkeit und Beachtung. Und dies nicht nur von Seiten weiterer Leser, sondern auch von der Redaktion.

Die Grundidee des User Generated Content klingt zunächst attraktiv: Leser stellen ihre eigenen Inhalte auf einer Plattform bereit und erlauben dafür dem Inhaber der Plattform, ihre Inhalte zu verwerten. Dies kann auf verschiedene Weise stattfinden – vom Leserforum, das in das redaktionelle Angebot eingebettet ist bis zum vollautomatisierten Angebot, das Themen und Leserinhalte über Bewertungs- und Kategoriensysteme erschließt.

Neben der Erweiterung des Angebots, das zu erhöhten Klickzahlen und Werbeeinnahmen führt, sind solche Angebote für Redaktionen auch dann attraktiv, wenn sie den Leser gezielt in die eigenen Produktionsprozesse einbinden können: Etwa über Produktionsaufträge (“Das schönste Foto vom Oktoberfest“, “Dein schönstes Fanerlebnis“), Erfahrungsberichte (“Erzählen Sie, welche Erfahrungen Sie mit XY gemacht haben” und “Bewerten Sie XY!”), Rechercheaufträge (“Wo und wann gab es Probleme mit YZ?”) oder dem Einholen von Meinungen (“Ist ein Boykott von Olympia sinnvoll?”).

Der Erfolg dürfte davon abhängen, wie die Redaktion die Ergebnisse aufgreift und welche Art von Gratifikation sie dem Leser für sein Engagement anbietet. Im Falle von Fotos, die etwa ihren Abdruck in einer Print-Publikation finden, bietet sich neben der Namensnennung ein Preis oder Honorar an. Außerdem könnte man den Fotografen selbst kurz vorstellen. Im Falle von Erfahrungsberichten und Rechercheaufträgen müsste man den Leser namentlich erwähnen, falls er dies wünscht. Auch ist die Art, wie das Thema aufgegriffen wird wichtig: Welche Kritikpunkte, welche Lösungsmöglichkeiten thematisiert? Welche Entscheidungsträger werden in die Debatte eingebunden?

Die Äußerungen der Leser in Diskussionräumen und Kommentarleisten könnten nicht nur Anlass für Ärger, sondern auch Ausgangspunkt für weitere Recherchen oder Beiträge sein. Die Kommentare könnten auch direkt in die entsprechenden Beiträge eingebunden werden. Würden die Leser aber nicht entsprechend gewürdigt, würden sie sich ausgenutzt fühlen. Ihnen käme eine solche Verwertung unter Umständen sogar parasitär vor.

Eine Lösung besteht jedoch nicht unbedingt darin, den Leser monetär zu honorieren. Passender wäre eine Methode, die in der Blogosphäre seit langem üblich und anerkannt ist: Der Link. Die schreibenden Leser sollten in dem Beitrag genannt und möglichst verlinkt werden. Ein solcher leserbezogener “Backlink” wäre im Sinne der Aufmerksamkeitsökonomie die richtige Währung und sollte nicht nur in einem Beikasten, sondern in den Haupttext integriert werden. Konsequent angewandt und weiterentwickelt könnte hier ein neues journalistsches Format entstehen.

Mehr dazu demnächst in der Titelgeschichte der April-Ausgabe von “M – Menschen Machen Medien“.

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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