Didaktische Konzepte gesucht …

Heute und gestern habe ich die Fachtagung “Digitale Medien in der Berufsbildung” (PDF) in Bonn besucht. Interessant fand ich, dass noch immer händeringend nach guten didaktischen Konzepten gesucht wird. Untermauert wird das Defizit von einer ebenfalls dort vorgestellten Bestandsaufnahme, die das MMB-Institut für Medien- und Kompetenzforschung in Essen im Auftrag des Bundesbildungsministeriums vorgenommen hat. Befragt wurden 186 Lehrer aus allen Bundesländern, Interviews wurden mit 30 Experten durchgeführt.

Rund 90 Prozent der Lehrer nutzen demnach zur Unterrichtsvorbereitung bereits Online-Angebote, im Unterricht selbst sind es aber lediglich 20 bis 30 Prozent. Als Ursache wurde im Verlauf der Veranstaltung das Fehlen geeigneter didaktischer Konzepte genannt, da ein konsequenter Einsatz von Computer und Internet in den Schulen auch grundlegende Veränderungen der Unterrichtskultur mit sich bringe. Lehrer müssten zunehmend beratende und moderierende Funktionen einnehmen und einen stärker schülerzentrierten Unterricht ermöglichen. Von einer Änderung der Lernkultur seien die Schulen jedoch noch weit entfernt.

Ernst Tiemeyer vom nordrhein-westfälischen Ministerium für Schule und Weiterbildung stellte fest, dass viel Geld für Selbstlernzentren, für Medienecken oder Notebook-Klassen ausgegeben worden sei, doch dass immer noch die passenden Konzepte fehlten, um ein durch die Technik unterstütztes kooperatives Lernen umzusetzen.

Das erinnerte mich an eine durchaus mühsame Recherche vor zwei Jahren, als ich gemeinsam mit Heike Härtel von Schulen ans Netz nach Lehrern suchte, die eben genau solches versucht hatten. Wir wurden fündig – die besten Beispiele sind in dem folgenden Beitrag nachzulesen.

Heike Härtel, Christiane Schulzki-Haddouti: Neue Technologien, neues soziales Lernen . In: Schulen ans Netz, Themendienst 02/2007, S. 7/8

Die geplante Broschüre, für die die Recherchen vorgenommen wurden, ist leider bis heute aus internen Gründen nicht erschienen.

Eine ganz deutliche Erkenntnis damals war, dass die Technik allein keinen besseren Unterricht macht. Wenn sich Lehrer jedoch experimentell und kontinuierlich auf die Technik einlassen und bewusst neue soziale Mechanismen und Dynamiken ausprobieren und sensibel moderieren, kann nachweislich ein besseres Lernen stattfinden:

„Soziale Effekte sorgen für Leistungsverbesserungen“, sagt Dagmar Raab, Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Mathematik und ihre Didaktik an der Universität Bayreuth. Sie arbeitete in einem Notebook-Projekt mit, in denen Schülerinnen und Schüler mit jeweils einem eigenen Notebook ausgestattet waren. „Schwache Schüler konnten sich in Mathematik in Richtung drei stabilisieren“, fasst sie das Ergebnis zusammen. Erst wenn das Notebook nicht nur als Instrument zur Wissensvermittlung genutzt werde, so Raab, sondern auch als Medium für eine verstärkte soziale Kommunikation, könne es seine vollen Potenziale entfalten. Die Auswertungen des Hamburger Notebook-Modellversuchs SEMIK zeigen ein ähnliches Bild: Beim Problemlösen und Leseverständnis verbesserten sich zwei Klassen signifikant, beim Sprachverständnis erreichten alle drei Klassen einen signifikanten Vorsprung vor den Vergleichsgruppen. Auch die Noten verbesserten sich, wie am Beispiel von dezernatszentralen Vergleichsarbeiten zwischen einer Notebook-Klasse der Jahrgangsstufe 10 des Hamburger Gymnasiums Kaiser-Friedrich-Ufer und den Klassen der Jahrgangsstufe 10 der anderen Gymnasien in Hamburg gezeigt werden konnte.

Am Beispiel des Biologieunterrichts von Siegfried Rose wurde mir klar, dass die neuen Konzepte wesentlich anspruchsvoller für Lehrer und Schüler sind als traditioneller Unterricht. Da eine höhere Beteiligung gepaart mit permanenter Selbstreflexion eingefordert wird, können die Schüler sich nur schwer “ausklinken”. Wichtig hierbei ist eine enge Verzahnung verschiedener Ansätze:

Bei Siegfried Rose stehen die Schüler im Mittelpunkt. In seiner ehemaligen Schule, dem Gymnasium Veitshöchheim, führte er in der achten Klasse im Biologieunterricht ein „digitales Lerntagebuch“ ein. Einträge wurden zeitlich wie inhaltlich von den Schülern selbst geplant. Um den Lehrplan einzuhalten, wurden bestimmte Unterrichtsphasen mit dem Lerntagebuch durchgeführt und durch traditionellen, eher lehrerzentrierten Unterricht ergänzt. Rose gab damit die Grundstruktur des Unterrichts, nämlich den Wechsel von lehrerzentriertem Unterricht und Gruppenarbeit vor. Außerdem überprüfte er anhand ihrer Arbeitsprotokolle, wie selbstständig die Schüler das Thema erarbeitet hatten und welche Quellen sie benutzt hatten. Das Protokoll fasste Arbeitsergebnisse zusammen, hielt fest, ob aus einem Text eine Grafik gemacht worden war, und dokumentierte teilweise auch Hilfestellungen durch den Lehrer. In Gruppen- und Notengesprächen stellte er fest, inwieweit ein Schüler den Stoff beherrschte. Dabei mussten die Schüler ihre Leistung selbst bewerten können. Wesentlich war auch, dass jeder Schüler zu einem Thema referierte, das Bestandteil des Lehrplans war.

Hinter dem Konzept „Schüler unterrichten Schüler“ steht die Erkenntnis, dass Inhalte nur dann gut verstanden sind, wenn sie auch erklärt werden können. Schüler lernen so nicht nur die Inhalte gut kennen, sondern erhalten auch eine gründliche Kommunikationsschulung. Zudem erwerben sie Fähigkeiten wie selbst organisiertes Lernen und eigenverantwortliches Arbeiten. Für Siegfried Rose steht fest: „Das sind die Kompetenzen, die ich mit einem solchen Unterricht besser erwerben kann und die mir kein Computer je streitig machen kann. Fachwissen ist jedoch auch Datenbankwissen, das jeder Computer besser kann als ich.“

Meiner Ansicht nach machen diese Beispiele deutlich, wie wichtig Lehrerfortbildung sowie ein systematischer Erfahrungsaustausch der Lehrenden untereinander ist. Und wie dringend notwendig die Veröffentlichung einer Fallsammlung gelungener didaktischer Konzepte wäre! Es gibt sie, man muss sie nur finden!

Titelbild: Flickr/Thomas G. Stegemann


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  1. “… in Richtung Note 3″ – Kooperatives Lernen im Matheunterricht

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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