Kollaborativer Unterricht mit Notebooks
Von Christiane Schulzki-Haddouti • 17.Mai 2008 • Kategorie: Lernen1,463 views • 2 Kommentare
Wenn Jugendlichen die Chance gegeben wird, bei der Gestaltung des Unterrichts aktiv und kreativ mitzuwirken und durch Eigeninitiative im Mittelpunkt des Unterrichts zu stehen, während der Lehrer nur den fachlichen Rahmen vorgibt und gegebenenfalls korrigierend eingreift, entstehen individuelle Arbeitsergebnisse. In Folge gibt es keine identischen Hefteinträge mehr. Die Arbeitsergebnisse müssen dann auf neue Weise bewertet und benotet werden.
Beispiel „Schüler gestalten den Unterricht selbst“
Siegfried Rose, ehemals Lehrer am Gymnasium Veitshöchheim, bot Schülern im Biologieunterricht an, ein Arbeitsblatt zum Thema „Heuschrecken“ in einer Unterrichtsstunde in Eigenverantwortung selbst zu konzipieren und mit entsprechenden Lerninhalten zu fixieren:
„Dabei war es freigestellt, welche Software verwendet wurde. Als „Rohmaterial“ erhielten alle Schülerinnen und Schüler drei Grafiken zum Körperbau und eine Grafik zum Entwicklungsablauf der Heuschrecken. Als zusätzliche Arbeitsmittel konnten das Schulbuch, die Encarta und das Internet herangezogen werden.
Die Arbeitsergebnisse wurden am Ende der Stunde über den Abgabeordner „eingesammelt“. Wer sein Arbeitsblatt optimieren wollte, konnte dies als Hausaufgabe für die nächste Biologiestunde durchführen. In der darauf folgenden Bio-Stunde präsentierten einige Schüler ihre Ergebnisse, wo notwendig wurden fachliche Korrekturen oder Ergänzungen vom Lehrer gegeben.
Die resultierenden Ergebnisse waren gut, abwechslungsreich und viele Schüler fühlten sich motiviert.[i]
Grundsätzlich lässt das Notebook sowohl mehr Gruppenarbeit, als auch ein individuelles, eigenständiges Arbeiten zu und erlaubt so die Entwicklung einer neuen Lehr- und Lernkultur. Siegfried Rose entwickelte nach und nach neue Methoden, um ein selbständiges Lernen zu ermöglichen, das dennoch alle Lehrplanvorgaben erfüllt.
In der 8. Klasse führte Siegfried Rose am Gymnasium Veitshöchheim im Biologieunterricht ein „digitales Lerntagebuch Biologie“ ein:
Beispiel: Digitales Lerntagebuch Biologie
Die Einträge in das digitale Lerntagebuch werden zeitlich wie inhaltlich von den Schülern selbst geplant. Um den Lehrplan einzuhalten werden bestimmte Unterrichtsphasen mit dem Lerntagebuch durchgeführt und durch traditionellen, eher Lehrer zentrierten Unterricht ergänzt. Damit soll die eventuell zunehmende Arbeitsbelastung bzw. der zeitliche Mehraufwand auf Seiten der Schülerinnen und Schüler abgedämpft werden. Damit gibt die Grundstruktur des Unterrichts, nämlich den Wechsel von lehrerzentriertem Unterricht und Gruppenarbeit, der Lehrer vor.
Die erste Aufgabe für die Schülerinnen und Schüler ist die Erstellung eines Stoffverteilungsplans über das gesamte Schuljahr anhand des Lehrplans. In einem zweiten Schritt erstellten sie eine Mindmap zu einem Thema wie „Pilze“, um entsprechende Lerninhalte strukturieren zu lernen. In weiteren Stunden bespricht der Lehrer wichtige Grundlagen des Lehrstoffes. Er stellte Grafiken im Materialordner bereit, die dann im Unterrichtsgespräch von den Schülern selbständig bearbeitet werden.
Lernziele wie „Lebensformen“ erarbeiten die Schüler in Dreiergruppen. Dabei wählen sie selbst die zu bearbeitende Lebensform aus und entscheiden sich für eine Software zur Erstellung und Präsentation des Arbeitsergebnisses. Gruppenmitglieder können auf Gruppennoten verzichten, etwa wenn etwa die Arbeitsverteilung innerhalb der Gruppe ungleich war. Sie führen ein Gruppenprotokoll und können hier mittels Namenskürzel auch kennzeichnen, wer was beigetragen hat.
Von Beginn des neuen Schuljahres bis kurz vor den Winterferien erarbeiten die Schüler auf diese Weise eine Präsentation für den Unterricht. Anhand ihres Arbeitsprotokolls kann der Lehrer überprüfen, wie selbständig sie das Thema erarbeitet haben und welche Quellen sie benutzt haben. Das Protokoll fasst Arbeitsergebnisse zusammen, hält fest, ob aus einem Text eine Grafik gemacht worden, hält Probleme fest und dokumentiert teilweise auch Hilfestellungen durch den Lehrer. In Gruppen- und Notengesprächen stellt der Lehrer fest, inwieweit ein Schüler den Stoff beherrscht.
Kurz vor den Ferien sammelt der Lehrer alle Arbeitsergebnisse ein, korrigiert sie und gibt Verbesserungsvorschläge. Damit prüft er auch, ob die Referate alle notwendigen Lernplaninhalte berücksichtigen. Die Schüler erhalten hier eine zweite Note. Für die Referate berücksichtigen sie die Lehreranmerkungen.
Nach den Ferien bis Schuljahresende übernehmen die Schüler mit ihren Referaten den Unterricht. Dafür erhalten sie eine Vortragsnote. Sie berücksichtigt, ob sie den Stoff sprachlich adäquat vermitteln konnten und Fachbegriffe erklären konnten. Die Vortragenden sollen am Ende des Referats Transferfragen an die Klasse richten, aber auch Fragen der Klasse beantworten können.
Damit die Schüler sich nicht nur zu Experten ihrer jeweiligen Spezialgebiete entwickeln, sondern den ganzen Stoff beherrschen, werden zur nächsten Stunde jeweils ein oder zwei Schüler abgefragt. Dies ergibt eine weitere mündliche Note. Nur im Bedarfsfall werden Stegreifarbeiten geschrieben. In diesem Fall arbeitet der Lehrer in der Stunde zuvor den Stoff nochmals nach.
Der Lehrer vergibt auch eine Sozialnote, die die sozialen und kommunikativen Kompetenzen der Schüler bewertet. Bestandteil der Sozialnote ist auch eine Selbstevaluierung: Die Schüler geben sich selbst eine Note. Weicht sie von der des Lehrers ab, wird sie nach unten korrigiert. Entspricht sie der des Lehrers, erhalten sie für ihre korrekte Selbsteinschätzung eine bessere Note.
Inzwischen funktioniert Roses Konzept von „Schüler unterrichten Schüler“ sogar klassenübergreifend. So halten Schüler höherer Klassenstufen bereits Referate in niedrigeren Klassenstufen.
Hinter dem Konzept steht Erkenntnis, dass Inhalte nur dann gut verstanden sind, wenn sie auch erklärt werden können. Die Schüler lernen so nicht nur die Inhalte gut kennen, sondern erhalten auch eine gründliche Kommunikationsschulung. Zudem erwerben sie Kompetenzen wie selbst organisiertes Lernen und eigenverantwortliches Arbeiten. Für Siegfried Rose steht fest: „Das sind die Kompetenzen, die ich mit einem solchen Unterricht besser erwerben kann und die mir kein Computer je streitig machen kann. Fachwissen ist jedoch auch Datenbankwissen, das jeder Computer besser kann als ich.“
Das Lerntagebuch Biologie hat sich so bewährt, dass Siegfried Rose inzwischen auch Chemie mit Lerntagebüchern unterrichtet. Der Übergang von einem Lerntagebuch, in dem die Schüler jeden eigenständigen Lernschritt protokollieren, zu einem „digitalen Heft“, in dem vom Lehrer vorgegebene Lerneinheiten einfließen, ist jedoch fließend. In diesem fließenden Übergang sieht Rose den Mehrwert des Notebooks, da man in einer Nicht-Notebookklasse sich entweder für ein Lernheft oder eine herkömmliche Heftführung entscheiden müsse. Mit Hilfe des Notebooks ließen sich Lernergebnisse aber wesentlich einfacher und flexibler festhalten: Nachträgliche Einfügungen sind im digitalen Heft kein Problem – anders als beim Heft, in dem zwischen die Zeilen notierte Ergänzungen oftmals kaum noch zu entziffern sind. Ansprechendere Aufzeichnungen führen bei den Schülern auch zu einer gesteigerten Motivation.
Die von Rose praktizierte differenzierte Bewertung von Notebook-Arbeiten findet sich etwas abgewandelt auch in dem verbindlichen Bewertungsbogen des Michaeli-Gymnasiums in München wieder. Für die Bewertung der Notebook-Projektarbeit in einer einwöchigen Projektwoche werden nicht nur die fachlichen Kenntnisse, sondern auch die praktischen Fähigkeiten der Schüler und ihre Zusammenarbeit im Team bewertet. Auch hier spielt die Fähigkeit zur selbstkritischen Betrachtung der geleisteten Arbeit eine Rolle. Wesentliche Abweichungen bespricht der Lehrer vor der endgültigen Notenfestsetzung mit dem Schüler.
[i] Claudia Hagan, Siegfried Rose, Das Notebook-Projekt – zweites Projektjahr, Neue Projektaspekte, Gymnasium Veitshöchheim, März 2003
Disclaimer: Exzerpt aus einem unveröffentlichen Manuskript zu “Notebooks im Unterricht”, das ich gemeinsam mit Heike Härtel 2006 für Schulen ans Netz erarbeitet habe. Mit Genehmigung von Heike Härtel.
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Christiane Schulzki-Haddouti ist seit 2007 auf KoopTech bloggend unterwegs, arbeitet jedoch hauptsächlich als freie IT- und Medienjournalistin.
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Hallo,
in der aktuellen Brand Eins (05/2008 – Schwerpunkt Bildung) gibt es dazu auch einen ganz interessanten Artikel “Entdecken was Schule macht”, leider allerdings nicht online lesbar.
–Alexander
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