Persönlicher Filtertext: Welche Gesprächsfetzen aus den letzten zwei Wochen blieben bei mir hängen? Es ist Theo Hülshoffs Auffassung von der Lernnatur des Menschen. Demnach lernt der Mensch am besten im Dialog, im Spiel, in der Arbeit bzw. im praktischen Handeln sowie beim Feiern.
Hülshoff ist derjenige, der hinter dem didaktischen Konzept des “Produktions-Lern-System”s (PLS) der Daimler AG steckt (Vortrag hierzu hier, Aufsatz da). Das PLS ist daher dialogisch konstruiert, ermöglicht simulatives Lernen, unterstützt das praktische Handeln. Außerdem vermittelt es Erfolgserlebnisse, die immer wieder Anlass zu Feiern geben. Das PLS-Konzept entspricht übrigens dermaßen dem Ideal der kooperativen Technologien, dass wir es als Fallbeispiel in unserer Studie aufnehmen.
Interessanterweise kommt das Konzept auch ohne die Begriffe “formales” und “informelles Lernen” bzw. “explizites” und “implizites Wissen” aus. Wenn man es näher ansieht, versteht man auch, warum so genannte Wissensmanagement-Systeme, die vor allem auf das “Bereitstellen” und “Archiveren” von Informationen abheben, von den Mitarbeitern nie wirklich akzeptiert wurden. Und man versteht auch, warum das Konzept des “Wissensmanagements”, das das “Management” von Informationen in den Mittelpunkt rückt, keinen Erfolg haben musste.
Auch wird deutlich, warum beispielsweise in der Schule kollaboratives oder kooperatives Lernen erfolgreicher sein muss. Denn es unterstützt den Dialog, das Ausprobieren, das Tun. Die Freude, das Feiern rührt dann nicht aus dem Bewusstsein, als Erster aus einem Lernmarathon hervorgegangen zu sein, sondern mit anderen gemeinsam etwas erkannt zu haben. Das ist wirklich ein Paradigmenwechsel im menschlichen Selbstverständnis, wie ihn auch Howard Rheingold beschwört: Zu erkennen, dass man nicht im Wettbewerb gegen andere bestehen muss (Doktrin: “Survival of the fittest”), sondern gemeinsam mit anderen etwas erreichen kann, was man allein nicht geschafft hätte. Umso wichtiger wird es zu verstehen, wie Menschen in Gruppen am besten gemeinsam etwas erreichen können.
Damit geht es auch in der Web-2.0-Forschung nicht so sehr um technische Erfolgsfaktoren (“Usability”, “Reliability” usw.), als um psychosoziale Funktionsweisen. Dass diese bislang unzureichend auch in der Web-2.0-Forschung reflektiert wurden, durfte ich leider leider schon feststellen. Klar wird damit aber auch, dass ohne einen interdisziplinären Ansatz kein wirklicher Erkenntnismehrwert zu erwarten ist.
Auch der Erfolg der Blogosphäre ist übrigens mit den Hülshoffschen Lernvariablen zu erklären: Bloggen ist dann erfolgreich, wenn es Diskurse auslöst, also dialogisch ist. Bloggen muss immer auch etwas Leichtes haben, etwas Spielerisches – dazu gehört etwa anzuerkennen, dass Blog-Beiträge oftmals nicht wie Artikel oder Aufsätze vollständig sind; aber auch das Experimentieren mit neuen Diensten etwa gehört dazu. Außerdem muss man es selbst tun, um es zu verstehen. Und Barcamps und ähnliche Veranstaltungen besuchen, um sich selbst und andere zu feiern.
Mehr über Hülshoffs Verständnis von Didaktik siehe Ist Professionswissen lehrbar? (PDF) aus Professionswissen und erwachsenenpädagogisches Handeln (PDF)
Titelbild: flickr/polaroidmemories

