„In Frankreich haben sich Blogs bereits als eigene Medien-Gattung etabliert” – Interview mit Mario Grobholz
Von Christiane Schulzki-Haddouti • 23.Juni 2008 • Kategorie: Interview, Medien3,640 views • 8 Kommentare
Mario Grobholz will die französische Blogbegeisterung mit dem Bloghoster Overblog nun auch nach Deutschland bringen. Seit Ende 2007 gibt es die deutsche Version, seit ein paar Wochen bietet der Hoster seinen Bloggern auch eine Beteiligung an den Werbeeinnahmen an. Zeit für ein paar Fragen an Grobholz, der auch Gründer des Identitätsmanagement-Dienstes My-OnID ist:
Schulzki-Haddouti: Wie positionieren Sie Overblog im deutschsprachigen Raum?
Grobholz: Overblog ist eine Bloghosting-Plattform, die über vier Jahre entwickelt wurde. Hier kann sich jeder kostenlos ein Blog erstellen. Vergleichbar sind wir mit blog.de oder blogger.com. Differenzierungsmerkmale sehen wir etwa bei der Individualisierung des Blog-Designs, dem 4 Gigabyte-Speicher in der Grundversion, einem integrierten Statistiksystem sowie einem individuellen Newsletter-System, mit dem man seine Leser erreichen kann. Grundsätzlich sind alle Blogs übrigens werbefrei und kostenlos.
Schulzki-Haddouti: In Deutschland betreiben die meisten Blogger ihr Blog auf einem eigenen Server bzw. unter einer eigenen Domain, wenn man der von Markus Beckedahl kürzlich vorgestellten Alpha-Karte der deutschen Blogosphäre trauen darf. Warum glauben Sie, dass Overblog hier so funktionieren sollte wie in Frankreich, wo die meisten Blogs offensichtlich bei Bloghostern laufen?
Grobholz: Ich glaube nicht, dass die meisten Blogger in Deutschland tatsächlich die Blogs selbst betreiben. Aber das Verhältnis zwischen selbst betriebenen und gehosteten Blogs ist in Deutschland und Frankreich schon anders. WordPress zum Beispiel spielt in Frankreich keine große Rolle. Eigenes Hosting hat ja nicht nur Vorteile. Es bringt mehr Aufwand hinsichtlich der Pflege und der technischen Backups und kostet den Blogger Geld. In Frankreich gab es bereits seit 2004 mit Overblog und anderen Anbietern sehr professionell aufgesetzte Blog-Plattformen. Wir glauben, dass sich die Leute für einen eigenen Namen entscheiden wollen, wenn sie ein Blog gründen. Auch will nicht jeder unbedingt Werbung im Blog haben. Bislang sind andere Lösungen hierzulande aber nicht so flexibel.

Die Franzosen lieben die Vernetzung – via Netzpolitik.org
Schulzki-Haddouti: Wie beurteilen Sie die Entwicklung der deutschen Blogosphäre?
Grobholz: Der deutsche Markt steckt derzeit noch etwas in den Kinderschuhen. Wir trauen ihm aber viel zu. In etwa zwei, drei Jahren könnte der Markt auch zu den europäischen Nachbarn aufschließen. In Frankreich beispielsweise bloggen seit den zurückliegenden Wahlen sehr viele Menschen über Politik. Blogs haben sich dort als Gattung im Online-Umfeld vollkommen etabliert und gelten nicht mehr als zweitklassig. Verbunden mit den populären Koch-Sendungen im TV gibt es im Land der Haute Cuisine relativ viele Kochblogs. Auch Comic-Blogs sind beliebt. In Deutschland könnten sich nach Events wie großen Sportereignissen oder Wahlen auch entsprechende Bloggerszenen entwickeln – Voraussetzung dafür ist aber eine sehr einfache, intuitive Bedienung, die das Aufsetzen eines Blogs so leicht wie möglich macht.

Die Deutschen bleiben lieber unter sich – via Netzpolitik.org
Schulzki-Haddouti: Sie sagen: In Frankreich hat sich die freiwillige Werbeschaltung für Overblogs als profitabel erwiesen. Profitabel für wen?
Grobholz: Sowohl für den Betreiber, als auch den Blogger. Overblog ist profitabel.
Schulzki-Haddouti: Wie profitabel?
Grobholz: Etwa ein siebenstelliger Betrag in 2007.
Schulzki-Haddouti: Und wie sieht es für die einzelnen Blogger aus?
Grobholz: Bei Overblog in Frankreich gibt es rund 30 Top-Blogger, die mehrere 1000 Euro im Monat verdienen. Diese haben aber auch etwa 30.000 bis 40.000 Visits am Tag. Eine solche Reichweite hat kein deutsches Blog. Aber wir glauben, dass wir das auch hier hinkriegen können. Außerdem gibt es in Frankreich eine große Gruppe von Bloggern, die jeweils mehrere hundert Euro pro Monat mit dem System von Overblog erzielen. Das ist die Messlatte, die wir auch in Deutschland setzen.
Schulzki-Haddouti: Das Blog, das im Overblog-Ranking derzeit auf Position 1 steht, kommt lediglich auf eine Technorati-Authority von 29. Wäre das jetzt schon werbetauglich?
Grobholz: Ja, das wäre werbetauglich. In Deutschland haben wir bereits 50 Blogs, die mit Overblog eine Werbepartnerschaft eingegangen sind und auf deren Blogs Werbung läuft. Dabei haben wir mit der Werbebeteiligung unserer Blogger erst im März 2008 angefangen.
Schulzki-Haddouti: Sie beteiligen alle Blogger über einem Rang von 60 an der Werbung. Wie berechnen Sie den Blog-Rank – ist das die Technorati-Authority?
Grobholz: Nein, das ist ein eigenes System. Hier spielen die Unique Besucher hinein, aber auch die Häufigkeit und Anzahl der Artikel, die Kommentarhäufigkeit, die Stärke der Verlinkung. Der Blogger kann das alles auf Tagesbasis in seinem Admin-Bereich sehen. Der Overblog-Rank fängt bei 0 an und endet bei 100. Nach etwa zwei bis drei Wochen kann ein gut gemachter Blog den Wert 60 erreicht haben. Wenn der Blogger möchte, schließen wir dann einen Vertrag mit ihm ab, so dass die Rechte auf beiden Seiten geklärt sind. Ab diesem Moment kann der Blogger die Werbung im Blog anschalten und Geld verdienen.
Schulzki-Haddouti: Können auch Blogger von Ihrem Werbemodell profitieren, die ihr Blog selbst betreiben?
Grobholz: Das ist leider nicht möglich. Wir rechnen auch nicht damit, dass jemand, der bereits ein erfolgreiches Blog betreibt, es migrieren wird. Trotzdem werden wir im Laufe des Jahres Möglichkeiten für den Import bestehender Blog-Inhalte anbieten. Ich glaube, dass erfolgreiche Blogger bei uns eher neue Blogs anlegen. In etwa drei Wochen bieten wir an, dass Blogger ihre Blogs unter ihrer Wunschdomain, sofern diese frei ist, betreiben können. Das ist ein weiterer wichtiger Differenzierungsfaktor zum Wettbewerb.
Schulzki-Haddouti: Eine Bezahlung, bei der Sie sich den TKP mit dem Blogger teilen, ist alles andere als üppig. Warum sollten sich Blogger nicht gleich selbst an der Vermarktung über GoogleAds und Affiliate Marketing versuchen?
Grobholz: AdSense ist kein gutes Werbemittel für Blogs, weil es Klicks erfordert, die weg vom Blog führen. Auch sind die Preise nicht wirklich attraktiv. Textlinks setzen sich außerdem in einem Blog-Layout nicht besonders gut ab. Affiliate Marketing ist ein ähnliches Modell und Peter Hogenkamp hat ja bereits beschrieben, warum hier Reichweite systematisch verschenkt wird. Deshalb bieten wir eine TKP-basierte Werbung an. Der Blogger erhält hierfür Werbeinventar von Overblog zur Verfügung gestellt und entscheidet selbst, wo die grafische Werbeform (Banner, Rectangle oder Skyscraper) eingeblendet wird. Bezahlt wird er pro Einblendung.
Schulzki-Haddouti: Was sind für Sie akzeptable TKP-Preise?
Grobholz: Wir reden hier im Augenblick von TKPs im einstelligen Bereich. Wir streben aber auch höhere TKPs an. Einen bestimmten TKP garantieren können wir derzeit aber nicht.
Schulzki-Haddouti: Ein Blogger mit themenspezifischer Fokussierung würde auch nur den Durchschnitts-TKP erhalten?
Grobholz: Ja. Sobald ein Blogger einen TKP von mehr als 10 Euro erzielen kann, sollte er sich selbst einen eigenen Server einrichten. Aber die wenigen Blogger, die das in Deutschland schaffen, sind dann leider nicht mehr unsere Zielgruppe.
Schulzki-Haddouti: Mit dem Durchschnitts-TKP wird aber alles über einen Kamm geschoren.
Grobholz: Wir sind schon dabei die Werbung zielgerichteter zu gestalten. Unser System ist nach Channels aufgebaut, damit können wir die Werbung stärker auf die Interessensgebiete abstimmen. Noch in 2008 wollen wir auch nach Themen fokussierte Werbung anbieten.
Schulzki-Haddouti: Warum ist der Werbemarkt für Blogger so schwierig?
Grobholz: Die Werber sind bei nutzergenerierten Inhalten noch skeptisch. Deswegen ist es auch schwieriger, höhere TKPs zu erzielen. In Frankreich ist man weiter im Targeting, weil Overblog dediziert vermarktet wird. In Deutschland werden wir derzeit von Valuecklick vermarktet. Wir arbeiten gemeinsam an Lösungen, um Werbung in Blogs zielgerichteter auszuliefern,
Schulzki-Haddouti: Blogwerk bezahlte seine Autoren direkt nach einem Honorarmodell – zu teuer für Sie?
Grobholz: Wir zahlen nicht für bestimmte Inhalte. Wir leben von den Nutzern und der Overblog-Community. Wir wollen einen Querschnitt über alle möglichen Themen abbilden und die Inhalte nicht nur in eine bestimmte Richtung treiben.
Schulzki-Haddouti: Überhaupt keine redaktionelle Steuerung?
Grobholz: Im Sinne eines Inhalte-Kaufs, nein. Aber wir steuern die deutsche Overblog-Homepage insofern, als dass wir mit einem eigenen Algorithmus die interessantesten und meistgelesenen Artikel identifizieren und auf der Startseite präsentieren. Durch den Aufbau in Themenchannels generieren wir daraus eine Art Tageszeitung. In Frankreich erstellen wir so alle paar Minuten eine Tageszeitung der Blogger, da wir dort auf ein Volumen von täglich mehr als 10.000 Artikeln zurückgreifen können. So profitieren wir von den aktuellen Informationen unserer Nutzer und werden auch als Informationsseite immer bedeutender. Und die Blogger profitieren über eine prominentere Platzierung und damit eine Steigerung ihrer Reichweite.
Schulzki-Haddouti: Das ist ein sehr spannendes Modell. Ich bin gespannt, wie sich das in den nächsten Monaten hier entwickeln wird. Vielen Dank für das Gespräch!
Bildquelle: Overblog
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Christiane Schulzki-Haddouti ist seit 2007 auf KoopTech bloggend unterwegs, arbeitet jedoch hauptsächlich als freie IT- und Medienjournalistin.
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Blogvermarktung kommt – auch nach Deutschland. Wenn es nicht direkt um´s Sparen geht, dauert es hierzulande eben doch leider 3+ Jahre länger als anderswo.
Mit overblog gibt es einen weiteren Player am Markt, der Bloggern in Deutschland hilft, Geld zu verdienen und sich so nicht mehr Gedanken um die Akquisition von Werbekunden machen muss. Das ist prima, schliesslich gibt es hierzulande eigentlich nur eine Handvoll spezialisierter Unternehmen: ex-adical-ex-nads-jetzt-adnation, das blogwerk (CH), creative-webblogging, mokono (blog.de & Co.), overblog und trigami (CH). Die Professionalisierung dürfte letztendlich den Bloggern am meisten helfen.
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