Wenn Journalisten bloggen …

Seit kurzem bin ich wieder verstärkt journalistisch tätig – und stelle fest, dass meine Einträge hier merklich zurückgehen. Bei mir hat das vor allem etwas mit meiner Schreibenergie zu tun – wenn ich bereits an einem Tag zwei Artikel geschrieben habe, habe ich nicht mehr die nötige Lockerheit und auch das Schreibbedürfnis, um hier auch noch einen guten Beitrag zu schreiben.

Vielleicht ist diese fehlende Energie auch der Grund dafür, dass viele Journalisten sich nicht wirklich mit dem Bloggen anfreunden können. Sie schreiben ja sowieso. Dabei ist die Schreibhaltung hier doch etwas anders. Das was ich jetzt hier schreibe, hätte ich ja nirgendwo anders schreiben können. Insofern gilt es jetzt, das Blog als eigenen Schreibraum zu entdecken – frei nach Virginia Woolf: “a room for one’s own”.

Ich werde KoopTech daher in nächster Zeit als Spielwiese für allerlei verwenden, was ich so in den etablierten Medien nicht machen könnte. Zum Beispiel ein Feature zum Thema “zielgruppenspezifische Online-Werbung” mit allerlei spannenden Gastbeiträgen aufzusetzen.

Zum Thema “Wie Journalisten Blogs verwenden” gibt es jetzt die Umfrageergebnisse der “Media Survey 2008″ (PDF) in den USA. Interessant ist, dass 57 Prozent der befragten Journalisten angeben, mehr zu arbeiten – und dass dies daher rührt, dass sie für den Online-Bereich mehr beisteuern müssen. So wird von 38 Prozent erwartet, dass sie für die Online-Version des Printtitels etwas beitragen. Gleichzeitig müssen 33 Prozent deshalb mehr arbeiten, weil Belegschaften gekürzt wurden. 56 Prozent der Journalisten erwarten aber auch, dass die Printauflage in den nächsten Jahr sinkt und die Bedeutung des Online-Auftritts größer wird. Dabei sind sich 64 Prozent über die weitere Zukunft ihrer Publikation unsicher.

Blogs spielen bislang für die journalistische Recherche eine nur marginale Rolle. Nur 8 Prozent der Befragten recherchieren regelmäßig in Blogs, 37 Prozent manchmal.

Bildquelle: “Media Survey 2008″

Die meisten Journalisten versuchen über Blogs die Stimmung der Leser einzufangen, um so herauszufinden, welche Themen für die Leser wirklich relevant sind. Das mit dem Bloggen verbundene Blog-Monitoring verwenden sie, um herauszufinden, was andere Publikationen schreiben. Erstaunliche 39 Prozent verwenden Blogs zur Themenfindung.

Diesen hohen Prozentsatz von 39 Prozent kann ich bei mir so überhaupt nicht wiederfinden. Die einzige Geschichte, die bei mir in den letzten Tagen tatsächlich aus den Blogs stammte, war Markus Beckedahls Beitrag zur Kartierung der Blogosphäre, über die ich dann eine Heise-Meldung schrieb. Alle anderen Anstöße für Meldungen und Artikel kamen aus der allgemeinen Nachrichtenlage und Gesprächen mit diversen Personen. Bei mir entspricht die Themenfindung aus Blogs also etwa 4 Prozent.

Ich vermute angesichts der Inhalte bei Rivva, dass dies auch an der deutschen Blogosphäre liegt – die meisten verdauen die Nachrichten der Verlagshäuser, ohne selbst in der Lage zu sein, eigene Nachrichten generieren zu können. Insofern sehne ich mich danach, dass endlich ein Blogger oder eine Bloggerin den Mumm hat, selbst investigativ tätig zu werden – ähnlich den Talking Points Memo.

Mich würde interessieren, wie das meine Kollegen einschätzen? Inwieweit nutzen Sie Blogs zur Themenfindung bzw. zur Konkurrenzanalyse?

Umfrage via Wortgefecht


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About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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2 Responses to Wenn Journalisten bloggen …

  1. Pingback: Wie Journalisten bloggen « Storyboard - das Kommunikationsblog

  2. Julia says:

    Zunächst einmal muss der Journalist “Blog affin” sein. Ich wage mal zu behaupten, dass nur ein kleiner Teil von maximal 20% sich der Tatsache bewusst, wie stark Blogs zur “Meinungsmache” im Internet beitragen, oder gegebenenfalls beitragen können.
    Um das Medium Blog nutzen zu können, müsste es den Redaktion wesentlich näher gebracht werden.
    Frage ich in der Lokalredation herum, haben die wenigsten eine genaue Vorstellung und nur die Volontärin weiß mehr – in ihrem Bekanntenkreis gibt es einige.
    Wie also Journalisten an das Medium heranführen?