Das … muss … ich … sofort … bloggen!
Von Christiane Schulzki-Haddouti • 14.Juli 2008 • Kategorie: Beobachtungen, Medien3,411 views • 51 Kommentare
Die journalistische Recherche birgt manchmal Überraschungen. Heute beispielsweise wurde ich noch während des Schreibens von gleich zwei Bloggern, die ich um Statements angefragt hatte, überholt: Sie veröffentlichten die von mir angefragten Statements umgehend in ihrem Blog. Kein schönes Gefühl.
Eben noch schrieb ich meine Meldung heute über den Beschluss der Bayrischen Medienanstalt, künftig Streaming-Anbieter wie Rundfunksender zu behandeln und inhaltlich zu kontrollieren. Für mich war und ist das die Top-Medien-Meldung des Monats, da die vergangenen Wochen ja über fast nichts anderes so heftig debattiert wurde wie über die jüngste Änderung des Rundfunkstaatsvertrags (PDF).
Genau über dieses Thema jedoch, dass auf alle Internet-Angebote, die gleichzeitig von mehr als 500 Nutzern besucht werden können, das Broadcast-Regime angewandt werden soll, wurde in der Debatte kein Sterbenswörtchen verloren. Die dicke Überraschung kam also erst mit der Interpretation des Änderungstextes durch die bayrische Medienanstalt vergangenen Donnerstag!
Während des ganzen Tages musste ich mich schwer zurückhalten, nicht vor der Veröffentlichung bei heise online hier schnell mal die ganze Sache zu bloggen – obwohl der Hinweis auf die bayrische Landesmedienanstalt ebenfalls von einem bloggenden Kollegen, Thomas Wanhoff, stammte, obwohl die SZ heute kurz darauf hingewiesen hatte und obwohl Turi2 ebenfalls ganz kurz auf die SZ auf Seite 13 verwiesen hatte. Es erschien mir nämlich etwas merkwürdig, hier quasi privat meine Arbeit vorwegzunehmen, die die Verbindung zum Rundfunkstaatsvertrag hergestellt hatte.
Dann passierte aber gleich zweimal genau das: Ich fragte Markus Beckedahl für eine Stellungnahme für eine morgen erscheinende Meldung an, der für netzpolitik.org und re:publica streamt. Noch bevor er mir sein Statement skypte, bloggte er es erstmal. Und dies 40 Minuten, bevor meine erste Meldung erschien. Ich musste etwas schlucken, dachte mir aber noch: Kann passieren, ist sein gutes Recht. Nun aber passierte mir genau dasselbe eben mit der von mir für ihre sehr gründliche Interviewarbeit geschätzten Ulrike Reinhard. Sie ist die Organisatorin des Webtalks mit David Weinberger, der 564 Zuschauer erreichte. Auch sie konnte es offenbar angesichts der katastrophalen Beschlusslage in der bayrischen Landesmedienanstalt nicht länger aushalten und bloggte ihr Statement sofort nieder.
Ich weiß nicht genau, was ich davon halten soll. Toll finde ich es nicht, da es den Veröffentlichungsdruck auf mich erheblich erhöht und ich nun nicht mehr in Ruhe weitere Statements abwarten kann. Denn die Statements sind nun öffentlich und jeder kann sie für einen eigenen Artikel verwenden – ohne heise online zu zitieren, obwohl sie für heise online angefragt waren. Meine “Rechercheergebnisse” werden damit vorab veröffentlicht. Verständnis für beide habe ich dennoch, denn natürlich war das Thema nicht mehr exklusiv – und sie waren direkt betroffen!
Muss man nun sicherheitshalber bei jeder Anfrage an einen Blogger / eine Bloggerin eine entsprechende Bitte anfügen, mit der Veröffentlichung so lange zu warten, bis die Meldung erschienen ist? Ich fürchte: Ja.
Beiträge zu verwandten Themen:
Christiane Schulzki-Haddouti ist seit 2007 auf KoopTech bloggend unterwegs, arbeitet jedoch hauptsächlich als freie IT- und Medienjournalistin.
Eine E-Mail an den Autor bzw. die Autorin schreiben | Alle Beiträge von Christiane Schulzki-Haddouti


mmmhhh. jetzt muss ich mal nachdenken. natuerlich verstehe ich christianes denkweise und ihren ansatz. aber zeigt dieser vorfall heute, dass sich medien und auch der journalismus im umbruch befinden … ohne die genaue richtung zu kennen, wuerde ich jetzt sagen, was ich heute gemacht haben, war durchaus legitim. ich habe auf heise hingewiesen, auf christiane und habe mein statement dazu abgegeben … mein gedankengang war: ras mit der info, streuen (auch via twitter) und dadurch reichweite erzielen, damit diese sache bekannt wird! je schneller, desto besser!
ich war mir in keiner minute bewusst christianes arbeit “nicht zu wuerdigen” oder gar dagegen zu arbeiten … ich finde es klasse, dass christiane daran sitzt, n heise darueber berichtet und wir alles
weiterverbreiten. christiane bringt doch alles zusammen, nicht wir … eigentlich ein super erganezendes system … oder?
Ja, nur viele Journalisten denken natürlich noch in Exklusivitäts-Kriterien. Für mich ergibt das jetzt nicht den Rumpelstilzchen-Effekt, den es wohl bei einigen meiner Kollegen gegeben hätte, aber – - eben ein unschönes Gefühl. Interessant zu beobachten, diesen Umbruch, direkt in der eigenen Arbeit. Die Würdigung usw. ist mir dabei nicht so wichtig, eher eben die so genannte “Exklusivität”. Man ist ja nicht nur Analystin bzw. Zusammenfasserin, sondern auch Rechercheurin.
Ich stelle mir gerade vor wie sehr zum kotzen es sein müsste gerade über einem Artikel zu sitzen, Statements einzuholen und sehen wie diese bereits gebloggt wurden und dann vielleicht nocht wegen irgendetwas doofem von der Veröffentlichung abgehalten zu werden. Sagen wir mal für zwei Stunden oder so… Anschließend darf man dann auf rivva.de beobachten wie die Meldung durch die Decke geht und man selbst nur noch als Trittbrettfahrer durchgeht…
Eine Hand wäscht die andere. Der eine recherchiert und braucht noch ein Thema, der andere kann sich die Recherche sparen, gibt ein Statement ab und ist dafür ganz vorne mit dabei auf der Welle. Ich fände es durchaus legitim einen gemeinsamen Veröffentlichungstermin/Uhrzeit zu Vereinbaren.
Oh, das hättest Du vermutlich echt sagen müssen. Bei mir kam Deine Anfrage zu einem Zeitpunkt, wo ich mich erstmals mit dem Tagesgeschehen auseinandersetzen konnte und auch über die Nachricht gestolpert war. Und auf Anhieb wusste ich nicht, was ich Dir genau schicken sollte, weil doch ein komplexes Thema. Ich hab also meinen Blog-Beitrag eher dazu genutzt, meinen Kommentar als Fazit zu entwickeln.
Das ist doch grundsätzlich nichts neues, oder? Mir ist es schon mehrfach passiert, dass mir Pressestellen nicht direkt geantwortet, sondern statt dessen lieber eine allgemeine Presseerklärung über alle Kanäle rausgehauen haben …
[...] für neue Medien (BLM) vermuten lässt. Das ist, wie Christiane Schulzki-Haddouti lakonisch schreibt, »die Top-Medien-Meldung des Monats«. [...]
[...] Das … muss … ich … sofort … bloggen! (blog.kooptech.de, Christiane Schulzki-Haddouti) Eine Journalistin holt Statements bei Bloggern ein und muss zusehen, wie ihre Exklusiv-Informationen gleich verbloggt werden. Unser Tipp: Erst veröffentlichen, dann Statements einholen. [...]
Im klassischen Journalismus gibts doch den Begriff “Sperrfrist”. Auch wenn es “nur” eine freiwillige Vereinbarung der Parteien ist, so macht es durchaus Sinn, sowas bei der Recherche in der Blogwelt anzuwenden. Verhindert bestimmt das ein oder andere Missverständnis.
@ Markus: So hatte ich das auch verstanden, nur als es mir ein zweites Mal passierte, dachte ich mir schon: Blöd gelaufen, mache ich was falsch? Nächstes Mal mit besserem Briefing
@ Janko: Ist mir ehrlich gesagt in den 12 Jahren meiner journalistischen Tätigkeit noch nie passiert! Deswegen auch meine Irritation.
@ christian: Ja, die gute alte Sperrfrist. Bei Interviewpartnern? Wäre mir bislang nicht in den Sinn gekommen. Wenn ich so eine Anfrage kriegen würde, fände ich eine Kommentar-Sperrfrist etwas affig, da ich davon ausgehe, dass das doch Teil des Deals ist.
Ich bin mir immer noch nicht schlüssig, ob so etwas wirklich sinnvoll ist. In diesem Fall zum Beispiel ist es ja wichtig und richtig, dass die Betroffenen möglichst schnell reagieren. Und die Statements haben in diesem Fall auch nicht das Gewicht. Es geht mir vielleicht daher eher um den Stil … Etwas anderes wäre es, wenn es nun wirklich vorher nicht schon in irgendeiner Form öffentlich und verlinkbar gewesen wäre. Dann wäre ich jetzt schwer sauer. Muss man wohl immer im Einzelfall abwägen.
Neu ist es ja auch, dass ich nun über so ein Erlebnis ebenfalls blogge. Hätte ich früher auch nicht gemacht, sondern ganz diplomatisch angesprochen. Habe ich jetzt nicht, weil ich das Gefühl hatte, dass das wohl der neue Stil ist, auf den man sich einstellen muss.
Update: Endlich ist jetzt auch meine Statement-Meldung gekommen: http://www.heise.de/newsticker/Streaming-Anbieter-kritisieren-bayerische-Medienanstalt–/meldung/110903
Ulrike Reinhards Statement kommt mit einem noch ausstehenden Statement der BLM später …
Nachtrag: Statement der BLM war leider gerade in der Scope-/We-Magazine-Sache nichtssagend – kommt daher im Heft …
Eine sehr spannende Beobachtung, die mein latentes Bauchgefühl bestätigt: Mit der zunehmenden Professionalisierung von Blogs (Markenbildung, Werbeeinnahmen, Selbstständigkeit, …) setzt auch ein neuer Wettbewerb der Blogs ein. Wie in den klassischen Medien geht es jetzt auch hier zunehmend darum: Wer hat die News zuerst?
Einerseits wundert mich das nicht. So läuft das bei den Medien seit Jahrzehnten und es ist eine ganz natürliche marktwirtschaftliche Entwicklung.
Andererseits straft es all jene Lügen, die immer behauptet haben, Blogger seien ganz anders als Journalisten und Journalismus. Denkste. Wenns ums Geschäft geht, ticken alle gleich. Schade. Bestätigt wird das – wie ich finde – auch durch die Beobachtungen von Robert Basic, der gestern die abnehmende Verlinkung der Top-100-Blogs dokumentiert hat. Links, früher ein Bekenntnis zur Gemeinschaft und viel Goodwill für die Blogosphäre, werden nun als Währung verstanden. Sie erhöhen den Rang in den Charts, helfen bei Google & co. Und genau damit wird gegeizt, wenn es potenzielle Konkurrenten betrifft. Für mich sind das alles Anzeichen für einen sich verschärfenden Wettbewerb um Aufmerksamkeit, Traffic und letztlich auch um Geld (ob schon heute oder in Zukunft).
Ich schreibe das übrigens bewusst unterstellend. Beweise habe ich freilich keine. Wie auch?! Es wird wohl kaum einer zugeben. Aber so provoziert es vielleicht zum Nachdenken.
Die Sperrfrist gibt es nicht mehr und sie hat auch nur einen empfehlenden Charakter. Aber es ist einfach eine Frage des Umgangs miteinander, wenn man dem anderen eine Geschichte gönnt oder eben das als Konkurrenz sieht. Ich bin hier fein raus. weil ich erst gebloggt hatte und dann mit Christiane in Kontakt trat (von mir aus).
Ich kannte mal den Begriff “ist blogbar”, zwar in anderem Zusammenhang, aber velleicht sollte man sowas schlicht auch für solche Fälle wie den oben beschriebenen einführen “bitte darüber noch nicht bloggen”. Kenne ich übrigens von anderen Fällen schon sehr wohl, dass ich gebeten wurde nichts zu schreiben oder noch nicht..
Aber ja, wir müssen alles von irgendwas leben, und im Netz ist Google alles, und deswegen wollen wir die ersten besten und am meisten zitierten sein. So ist halt s’Business. Aber dennoch sollten ein paar Regeln vorhanden sein. Auf ein nächstes Mal
Der Vorfall zeigt deutlich die Schere zwischen Wahrnehmung und Handeln von Bloggern (schreibe ich als Blogger und Journalist):
Einerseits kritisieren Blogger die Mainstream-Medien (leider oft zu Recht), dass diese zu wenig sorgfältig recherchieren – andererseits unterlaufen Blogger ausgerechnet jene Mechanismen, welche eine gründliche Recherche erst ermöglichen.
Eine Sperrfrist oder wie in diesem Falle eine Anstands-Wartefrist für die eigene Publikation sind keine Zensur-Instrumente, sondern ein Schutzmechanismus für seriös recherchierende Journalisten.
Blogger, welche diese seit Jahrzehnten freiwillig zur Qualitätssicherung eingehaltenen Regeln des Journalistenhandwerks verletzen, müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie genau jene Journalisten “kaputt” machen, die sich (aus Sicht der Verlage) heute noch den “Luxus” erlauben können, sorgfältig zu recherchieren.
Jürg
Liebe Christiane,
Da hat mich ein Pressesprecher erst angebaggert, daß ich doch bitte bitte bitte was bringen soll. Mir dann aber Samstag abend fast 3 h lang vorgejammert, wie schrecklich es doch alles liefe und daß ich aber über all das,w as er mir erzählte, noch nichts schreiben dürfe, weil man ihn sonst lynche. Aber gerne nach Berlin kommen könnte.
Das konnte ich aber nicht, weil ich an dem WE weder Zeit hatte (mußte ja arbeiten), noch mir Fahrt und Hotel hätte leisten können. Er hätte das natürlich auch nicht zahlen können, und das wäre beim Verlag auch nicht akzeptiert worden, da gab es schon wegen eines vom Bundespresseamt (!!) bezahlten Gruppenfahrscheins nach Berlin Zoff.
Aber vorab sollte ich von ihm nichts bekommen.
Und dann schreibt mir der Typ “So, jetzt sind wir gegründet, ich bin Pressesprecher, jetzt kann ich mit Ihnen reden, und ich habe noch eine gute Nachricht: Der Kollege hat auch bereits auf dem Newsticker über den Abend berichtet!”.
Tja, “das wäre Ihr Preis gewesen”. Damit war für mich die Story absolut mausetot, mein Ex-Chef hat mich rundgemacht und der Pressesprecher dann ebenfalls, weil er nicht verstand, daß ich nicht auf nochmal über was ausführlich schreiben kann, was bereits im Newsticker desselben Verlags als Kurzmeldung steht.
Wenn nicht mal ein Pressesprecher sowas versteht, wie soll dann ein Laie, ein Blogger, das kapieren?
Ähnlich war es 1995 mit einem Artikel über die Mailboxraids der Münchner Kripo, 150 Hobby-Mailboxen waren beschlagnahmt worden, 150 Sysops waren all ihre Rechner, Telefone, Modems etc. los. Ich hatte für Focus einen Ganzseiter (damals die größte textlänge dort) geschrieben.
Dann weinte sich einer der 150 Betroffenen in einem Lokalteil der Süddeutschen aus. Dem Normalleser kam dabei nicht rüber, was überhaupt passiert war, auch begriff niemand, daß es kein Einzelfall war, sondern eine systematische Aktion, die das FIDO-Netz in Bayern zerlegt.
Aber damit war die Story “durch”, der Focus ließ sie fallen wie eine heiße Kartoffel, alle anderen auch, und es dauerte 9 Monate, bis ich in der Chip endlich doch noch einen Artikel über die Sache unterbringen konnte.
Viele Sachen erscheinen nur als verzerrende Schnellmeldung, weil im Journalismus wie im Heise-Forum nur der Ruf “ERSTER!!!!” zählt!
Zudem sehen inzwischen viele Blogger ohnehin Journalisten nur noch als Feinde, als Gegner, die man fertigmachen und zu Fall bringen muß. Das war vor ein paar Jahren noch anders, da zitierten alle Blogger SpOn und Heise, tun die meisten heute immer noch, aber eben mit einer Art Haßliebe.
Es gibt z.B. einen Blogger, der sich auch 3 Jahre nach der Geshcichte weigert, eine Äußerung über mich zu löschen, obwohl er sie in einem späteren Blogeintrag (den aber keine Sau liest, den er im ersten auch nicht verlinkt) revidiert hat. Genau diesen Blogeintrag warf mir mein Ex-Chef aber vor.
Früher hat man in Mailinglisten fein unterschieden, was man als PM demjenigen schickte und was man über die ganze Liste pupste. Heute kennen viele gar nicht den Unterschied zwischen einer E-Mail an den Redakteur, einem Leserbrief, einem Brief an den Chefredakteur, einem Freneintrag oder einem Blogeintrag. Oder nehmen die Folgen gezielt in Kauf. Nämlich daß der Redakteur, dem man eigentlich etwas mitteilen wollte, als Allerletzter davon erfährt, z.B. durch einen vor Wut kochenden Chef!
Ich stehe daher der Interaktivität der Blogs und Foren immer mit gemischten Gefühlen gegenüber. Einem Blogger ist oft egal, was er anrichtet. Einem Forentroll ist es definitiv egal bzw. er freut sich, wenn der Redakteur seinetwegen rundgemacht wird. Aber dann kommen heute noch jeden Monat E-Mails, wo man mich bittet, ich solle doch wieder über dies und das bei Telepolis schreiben. Das trauen sich die Blogger dann nämlich auf ihren Blogs nicht selbst, da soll der Journalist dann plötzlich doch ran, den man vorher nicht leiden konnnte. Nur jetzt geht es halt nicht mehr. Und selbst werde ich definitiv nicht bloggen, wo ich ja schon mit einer statischen Website genug Ärger hatte…
Es wird dann so kommen, wie jetzt schon bei Spiegel Online praktiziert:
Die Geschichte entwichelt sich vor den Augen der Leser. Erst kommt nur eine Kurzmeldung, dann eine längere Fassung, schließlich Stellungnahmen und Verweise auf frühere Artikel, die zum Thema passen.
Ob das unbedingt besser ist als *ein* längerer, sauber recherchierter Artikel sei dahingestellt.
@ Krusenstern So dramatisch sehe ich es auch nicht. Aber: Als Journalist muss man eine neue Haltung entwickeln. Journalismus ist diskursiv, die Debatte ist wichtig – die Frage ist, wie man sich positioniert.
@ DL2MCD – sehe ich als typische Kommunikationsprobleme … ich glaube, man muss möglichst offen miteinander über solche Dinge reden, damit sich nicht dieser Frust einschleicht.
@ Andreas Ich bin eher eine Freundin der gründlichen und längeren Recherche. Schnelle Sachen kann ich zwar machen, gefallen mir meist aber nicht. Wenn man aber die schnellen Meldungen nicht kann, fliegt man auch schnell aus dem Zirkus raus. Vielleicht muss man eine Balance finden – den Reporting-Track pflegen dürfen, dann aber auch das Analysestück schreiben dürfen.
Beim ersten Mal erwischt es einen kalt, beim zweiten Mal weiss man es besser. Habe auch schon Sachen getwittert, die dann andere gebloggt haben, und dann habe ich mir einen eigenen Post gespart. Wenn ich selbst gerade am Tippen wäre, würde ich es halt nicht twittern bzw. erst danach.
Und das mit dem Absprechen, das ist doch auch nicht so schlimm, oder? Jedenfalls denke ich, dass die meisten der Bitte nachkommen würden.
Und selbst wenn nicht, wenn einer vorprescht, ist ja dessen Statement hoffentlich nicht so umfassend wie die Gesamtschau, an der man selbst arbeitet.
Generell ist es natürlich so, dass man weniger lange brauchen darf. Aber das ist ja eh so, auch wenn man keine Statements einholt.
Ja, so in etwa sieht auch mein Fazit inzwischen aus: Das Tempo wird einfach höher, stillschweigende Absprachen, wie sie bislang üblich waren, gelten nicht mehr. Spielregeln müssen klar kommuniziert werden.
@Andreas: Das könnte ja sogar die Idealvorstellung sein. Kooperatives Recherchieren sozusagen.
Aber so läuft es bislang nicht, vom Journalist wird Perfektion erwartet, wenn der am Online-Text was nachbessert, schreien die Watchblogs auf, selbst wenn “Update” dasteht.
So war auch mal der ursprüngliche Gedanke von Leserforen. Direkter Kontakt mit dem Leser. Ich hatte mich darauf gefreut. Doch seit etwa 2003 ist das vorbei. In Blogs geht es noch, einfach, weil die weniger und freundlich gesinntere Leser haben.
Bei SpOn stört mich nur, daß bei jedem Update die Überschrift geändert wird, sodaß man irgendwann denselben Artikel 3x gelesen hat und sich ärgert. Würde man dagegen Updates einfach als “Update” anfügen, so wäre das ok. Vorausgesetzt, sowas geht einfach. In manchen CMS ist ein Update wie neu schreiben
@Christiane: Klar sind das Kommunikationsprobleme. Von den ausgesprochenen Journalistenhassern abgesehen, die aber erst in letzter Zeit zunehmen, ist es meist nur Unwissen. Allerdings kann ich halt auch schlecht jemand, dem ich eigentlich nur ein paar Fragen stellen will, noch ein “Verhaltenshandbuch” mitliefern.
Und der Witz ist ja, die Ziele sind dieselben. Der Journalist will die Story als erster, der Blogger auch. Nur: Der Blogger kann sie auch noch als zweiter bloggen, der Journalist kann dann nur noch DEL drücken.
Ich hatte an sich vor, eine Serie zu schreiben, wie es in Redaktionen wirklich zugeht, damit die Nichtjournalisten das etwas besser verstehen, und nicht immer nur denken, man sei arrogant. Allerdings gab es zuviele Bedenken gegen dieses “Plaudern aus dem Nähkästchen”. Wird nicht stattfinden.
Das Problem mit dem höheren Tempo, ist halt, daß da dann auch leicht mal “Enten” entstehen, weil nicht nachrecherchiert werden kann. Einem Blogger verzeiht man das, einem Journalisten nicht. Manche schreiben zwar trotzdem jahrelang weiter, aber es ist kein wünschenswerter Zustand.
Vielleicht setze ich mich jetzt in die Nesseln, aber ich finde es ein klein wenig blauäugig, wenn man offen mit Kollegen per Anfrage über ein Thema spricht, und nicht darum bittet, die Sache vertraulich zu behandeln. Ehrlich gesagt habe ich das schon in den 90er Jahren so gemacht, da ich auch einmal auf einem ähnlichen Weg überrascht worden bin. Damals hatte ich einen Kollegen mit weitaus mehr Erfahrung um eine kleine Hilfe/Statement gebeten. Drei Tage später war ein abgespeckter Artikel in seinem Blatt. Seitdem bitte ich Kollegen um Verschwiegenheit, was eigentlich immer eingehalten wird.
Allerdings kommt in diesem Fall hinzu, dass es ja ein Thema war, das allgemein rum ging. Wenn ich Medienjournalisten/Bloggern über ein solches Thema befrage, kann ich meist wohl davon ausgehen, dass sie selber sich mit dem Problem schon beschäftigt haben oder an einer eigenen Geschichte sitzen. Letztlich geht es in Blogs auch nicht nur darum, als erster eine Geschichte zu haben, sondern (gerade in dem Fall) die Geschichte möglichst schnell und breit unter die Leute zu bringen. Sich nur Gedanken über die Positionierung bei rivva zu machen ist genauso so old school wie Themen zu klauen
[...] +++ Blogger, die Vorab-Veröffentlicher Christiane Schulzki-Haddouti über schnelle Blogger und Journalisten. [...]
Mal ehrlich: zwei Blogger bei gerade diesem Thema um ihre Meinung fragen, das ist das Einholen von O-Tönen für die Tickermmeldung, meinetwegen auch noch das Herausholen von 20-30 Euro Zeilenhonorar zusätzlich aus der Meldung, aber doch allen Ernstes keine Recherche. Das ist doch absoluter Unsinn. Und natürlich machen die Blogger es richtig und bloggen drüber. Das ist doch nur gut für die Tickermeldung. Ein Journalist hat doch keinen Abstandshalter umgeschnallt wie ein Radler. Ich muss mich schon wundern. –Detlef
Das gibt es auch unter Bloggern. Ich kann mich gut an einige Erlebnisse erinnern, wo ich im Netz wirklich blogbare Dinge gefunden habe und begann da etwas zu recherchieren und zu sammeln um das dann zu veröffentlichen.
Dummerweise hatte ich zwischendurch jmd. via Instant Messaging (der fragte was es Neues geben würde) mitgeteilt, dass ich gerade für einen Beitrag recherchiere und hatte ihm eine URL geschickt.
Die war dann plötzlich mit ‘nem Zweizeiler bei ihm im Blog, während ich noch an dem halbseitigen Entwurf arbeitete.
@ Detlef In dem Fall war es aber keine Zeilenschinderei, sondern wirklich Hauptbestandteil der geplanten Meldung. Du hättest dich also einfach gefreut? Glaube ich nicht. Außerdem: Immer mehr Leute bloggen, das sind oft Experten in ihrem Fachgebiet. So wie jetzt in diesem Fall. Was mich elektrisiert hat ist einfach, dass sich bisher übliche Verhaltensweisen ändern – und ich mich irgendwie darauf einstellen muss.
@DonDahlmann “Wenn sich nur Gedanken über die Positionierung bei rivva zu machen genauso so old school ist wie Themen zu klauen”, warum sollte ich überhaupt auf eine befristete Vertraulichkeit bestehen? Weil es natürlich doch diesen Wettbewerb gibt und nicht nur den lockeren Diskurs, in dem wir alle voneinander lernen. Und weil Statements einholen einfach Teil der Arbeit ist, die man sich eben macht, und weil das Ergebnis einfach einen informationellen “Mehrwert” liefern soll. Wie gesagt – bislang war das für mich eine “stillschweigende Regel”, an die sich jeder, aber auch jeder bis jetzt gehalten hat. Wenn jetzt verschiedene Veröffentlichungskulturen aufeinander prallen, muss ich da einfach stärker darauf achten.
Ich halte es gewöhnlich so, dass ich mit anfragenden Journalisten abspreche, wann ich unsere Antworten auf deren Anfragen auf den Fischmarkt bringe. Bei heißen Geschichten wie der obigen würde ich jedoch kaum warten.
Das ist wie unter Agenturjournalisten – die rennen auch gern nach fünf Minuten aus der Pressekonferenz, um ihr Stück als erste auf den Ticker zu bringen. Das ist völlig legitim und war schon immer so.
Neu ist nur, dass Unternehmen und andere Gegenstände journalistischer Berichterstattung jetzt selbst einen direkten Draht zur Öffentlichkeit haben. Internet sei Dank.
@Christiane: Zeilenschinderei ist ein richtig böses Wort und du benutzt es, nicht ich. O-Ton oder Zitat ist treffender im Zusammenhang mit dem Heiseticker. Ich bin natürlich befangen, weil ich vom Heiseticker als freier Journalist lebe (und also auf das Zeilenhonorar achten muss…), aber natürlich freue ich mich genau deshalb, wenn das Ding brummt und verlinkt wird. Davon profitiert man auch, weil spätestens nach der dritten oder vierten Meldung zum Thema die Leute aus den Firmen oder Behörden sich direkt an den Ticker oder an mich wenden. Du weißt hoffentlich noch, wie wir in den Vertragsverhandlungen mit Heise darum gekämpft haben, dass unsere Namen unter den Meldungen stehen….
Daneben stimmt es & das habe ich schon von Jahren geschrieben: wenn Experten auf einem bestimmten Gebiet bloggen , gehören sie unbedingt in den Feedreader des Journalisten, der über das Thema schreibt. Aber das ist sehr, sehr selten und wird höllisch überschätzt. Bei den 15-20 Themen, über die ich regelmäßig schreibe, von der LKW-Maut über die gesundheitskarte bis zu den historischen Jubiläumsstücken und Todesanzeigen schicken mir die Experten lieber direkt einen Hinweis. –Detlef
@ Detlef: Das ist lieb von deinen Experten. Passiert mir leider nicht mehr so häufig. Ich habe eher gemerkt, dass alles ganz stark in die Blogs abgewandert ist, was früher per E-Mail lief. Jetzt ist es total öffentlich, früher gab es lauschigen Mailinglisten. War mir eigentlich lieber, früher. Bis ich das aber kapiert habe, warum es so still in meiner Mailbox wurde, hat es ein wenig gedauert. So ist das mit den 1.0-Journalisten, auch die müssen irgendwann auf 2.0 migrieren. Voilà!
Ich versuche noch schnell, das Abbiegen auf die “früher-war-alles-besser-Straße” zu verhindern. Selbst wenn ich dazu auch nur eine weitere Erinnerung aus den Anfangszeiten des Internet beizutragen habe: Auf einem der frühen Web-Auftritte eines Print-Mediums fanden wir die Einladung zu einer Presseveranstaltung mühsam als News in Kurzform umgemodelt. Damals fragten wir uns, ob wir als Agentur Presseeinladungen nur noch mit Sperrfrist verschicken dürfen. Wenn wir heute Blogger ansprechen, rechnen wir nun bereits damit, in wenigen Minuten das erste Posting zu sehen (oder sind gar enttäuscht, wenn es nicht erfolgt).
Im Übrigen beobachten wir einfach, dass der Journalismus sein News-Monopol verliert, weil es dafür des monopolisierten Mediums (Zeitung, Sender) nicht mehr Bedarf. Dafür wird die Qualität und Tiefe der Berichterstattung (und der Themenauswahl) für die Zukunft der Medien entscheidend sein – nicht, ob Journalisten schneller als Blogger sind.
Ich denke mal, über kurz oder lang wird es wohl so sein, dass derartige ‘journalistische’ Meldungen zu Hackepeterartikeln werden, wie man sie heute in Blogs und manchen US-Medien (und manchmal SpOn und Heise) findet.
Kurzmeldung: Das ist passiert!
Update 1: Statement!
Update 2: Statement von der Gegenseite!
Update 3: Sonstiger Kram der irgendwie dazu passt!
Der Leser wird verfolgen können, wie sich eine Story langsam aufbaut und entwickelt. Das ist gut ihn, da er aktuellere Meldungen bekommt, und auch gut für die Seite, da mehr Pageviews. Schließlich wird der Leser, wenn die Story interessant ist, öfters mal vorbeischauen.
“Das ist gut für den Leser, da er aktuellere Meldungen bekommt, und auch gut für die Seite, da mehr Pageviews…”
Ich lese Weblogs und schreibe selbst ein Weblog, weil mir der billige Hackepeter der Mainstream-Medien zum Halse raushängt. Und jetzt soll ich Hackepeter plötzlich gut finden, nur weil ein paar Blogger die seit Jahrzehnten freiwillig zur Qualitätssicherung eingehaltenen Regeln des Journalistenhandwerks nicht akzeptieren wollen und sich dabei auch noch cool finden ?!?
Dass ein paar Stunden Nachdenken noch keinem Beitrag geschadet haben, beweisen die täglichen Filetstücke zum Beispiel der “Neuen Zürcher Zeitung” und der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” – auch wenn ich mit deren Redaktionen politisch nicht immer einig bin.
In einem muss ich Micha allerdings Recht geben: Solcher Hackepeter bringt mehr Pageviews. Aber ich denke nicht im Traum daran, mich als Klickvieh für Mainstream-Medien mit Hackepeter-Journalismus missbrauchen zu lassen!
Die Pageviews sind in der Tat fast schon ein Argument gegen sich entwickelnde Stücke (ich HASSE diesen Pageview-Wahn und finde ihn kontraproduktiv). Aber ein wenig Spannung kann nicht schaden, deswegen würde ich diesen Journalismus nicht gleich als Hackepeter abtun. Wie oben gesagt, Agenturen machen das ja auch.
Letztlich kann man es doch recht einfach handhaben:
1. darum bitten, noch nichts zu bloggen
2. sich an die Bitte halten
3. diese Bitten nicht überstrapazieren
Dann klappt’s auch mit nem Blogger. Oder?
@Micha, @Krusenstern: Hackepeter-Journalismus ist eine Unverschämtheit. Gerade der Nachrichtenjournalismus hat Prozesscharakter und berichtet von laufenden Ereignissen und Diskussionen. Gestern habe ich z.B. die 181. Meldung über die elektronische Gesundheitskarte geschrieben und die 213. über die LKW-Maut. Ich schreibe auch für die Zürcher Zeitung und die FAS und würde meine langen Stücke nicht als Filetstücke sehen, sondern schlicht als anderen Text. Sprint und Marathon leben beide vom Laufen, Blogger aber sehen nur Beine und denken sich “alles eins”. –Detlef
@Christiane:
“Jetzt ist es total öffentlich, früher gab es lauschigen Mailinglisten. War mir eigentlich lieber, früher.”
Ist mir immer noch lieber, heute.
Einerseits gab es früher immer Agreements, was “unter 1, unter 2 und unter 3″ ist.
Also Sachen, die sofort zitiert werden können und mit Namen, Sachen, die auf Nachfrage, später und ev. ohne Namen wiedergegeben werden dürfen, und Sachen, die man einfach zum besseren Verständnis als Hintergrundinformation gesagt bekommt, die man aber nie veröffentlichen sollte.
Ebenso gab es mal die Regel “Lobe öffentlich, kritisiere unter vier Augen”. Einfach, weil man sonst in eine Spirale aus öffentlichen Hahnenkämpfen gerät, weil jemand, der öffentlich zusammengestaucht wurde, alleine schon deshalb zurückhacken muß, um sein Gesicht zu wahren.
Wenn man ständig nur noch öffentlich kommuniziert, geht man ein großes Risiko ein. Nicht nur, daß einem einer die Ideen oder die Story wegschnappt. Sondern auch, sich viele Feinde zu machen.
Mancher macht das mit Fleiß, daß er eine ursprüngliche Kleinigkeit, die ihm am Artikel eines anderen mißfällt, dem nicht unter vier Augen (also Mail, Telefon, oder persönlich) sagt, sondern a) per Mail an eine allgemeine Redaktionsadresse b) im Forum des Verlags c) im eigenen Blog breit tritt. Andere machen es unabsichtlich, weil sie sowas wie “unter 4 Augen” gar nicht mehr kennen. Allgemein macht es den Ton im Web rauh und ungemütlich.
Und es wird auch anders gewertet. Selbst Mailinglisten sind noch nichtöffentlich. Das hier ist jetzt öffentlich. Ich kann mich drauf verlassen, dafür auch von eigentlich Unbeteiligten, Auftraggebern, Chefs etc. angesprochen zu werden.
Und: ich habe hier nicht anonym, aber privat kommentiert. Ich weiß aber auch, daß es bei einem meiner Auftraggeber eine Regel gibt, nur unter Klarnamen und mit Link zum Verlag zu kommentieren, zwecks Transparenz. Noch ein Problem durch die “Transparenz und Öffentlichkeit” von “Web 2.0″, die es nicht gäbe, wenn wir hier auf einer Mailingliste wären.
Hackepeter sind per definitionem “zerhackte rohe (Fleisch-)stücke”, welche die Mainstream-Medien veröffentlichen, weil entweder die Redaktionsbudgets bis zum geht-nicht-mehr gekürzt oder der Konkurrenzdruck bis zur letzten Konsequenz umgesetzt wurde (was natürlich nicht deklarierte Nachrichtenticker wie Heise und Nachrichtenagenturen generell betrifft).
Die Leser erhalten mit Hackepeter bei jedem noch-so-gewöhnlichen Beitrag das, was Micha beschrieben hat:
Kurzmeldung: Das ist passiert!
Update 1: Statement!
Update 2: Statement von der Gegenseite!
Update 3: Sonstiger Kram der irgendwie dazu passt!
(den “sonstigen Kram” nannte man früher Recherche und dramaturgischen Aufbau eines Beitrages)
Bei einem weltbewegenden Ereignis mag das ja Sinn machen. Aber ein Beschluss der Bayrischen Medienanstalt gehört meiner bescheidenen Ansicht nach jetzt nicht gerade zu den weltbewegenden Ereignissen. Es sei denn, man betrachtet die Heinrich-Lübke-Strasse 27 in München und/oder die Blogosphäre als Welt.
Und ich glaube, dies ist der Knackpunkt von Christianes ursprünglichem Beitrag:
Viele Blogger kritisieren die Mainstream-Medien zu Recht, dass diese oft zu wenig sorgfältig recherchieren und eben Hackepeter publizieren – veröffentlichen selbst aber genau so Hackepeter, weil sie damit in der kleinen Welt der Blogosphäre punkten wollen. Dass damit wirklich sinnvolle Instrumente zur Qualitätssicherung in den restlichen 99 Prozent der Medienwelt zerstört werden, kümmert sie nicht. Ob dies der richtige Weg ist ?!?
@ DL2MCD Ja, man muss schon auch in Zeiten der Blogs noch sehr genau differenzieren, was man wo wie sagt. Grundsätzlich halte ich es so: Gibt es Probleme mit Aufträgen, regle ich das direkt mit dem Auftraggeber. Habe ich es nicht geregelt, sage ich auch nichts dazu. Denn ich habe es ja versäumt, es zu klären. Ist das Problem aus persönlichen Differenzen heraus nicht zu klären und ist es nicht mehr akut, sollte man es einfach beerdigen, daraus lernen und es nächstes Mal besser machen – oder vermeiden.
Ich habe über Probleme mit Auftraggebern auch nie in Mailinglisten geschrieben, würde es deshalb auch hier nie machen. Ich finde einfach, das gehört zum Vertrauensverhältnis. Das gleiche erwarte ich natürlich auch vom Auftraggeber. Hier bin ich auch nie enttäuscht worden. Das Vertrauen ist eine sehr wertvolle Sache, die mit kleinen Äußerungen schnell verletzt werden kann.
Anders ist es natürlich mit der Kritik an Dingen, die ganz offensichtlich sind, weil sie öffentlich sind. Forumsbeiträge sowie die Reaktionen der Redaktion darauf etwa sind öffentlich – dann kann ich auch darüber schreiben, wenn ich ein Problem damit habe. Öffentlich ist auch das, was hier diskutiert wurde, weil es für jeden nachvollziehbar ist. Öffentlich ist auch, dass die Honorare beispielsweise seit einem Jahrzehnt stagnieren, die Autorenverträge knebeln, das Tempo höher wird …
Aber ich fürchte, das ist eine ganz neue Debatte … heben wir uns die bitte für später auf
@ Krusenstern: Entschleunigung! Entschleunigung, das ist das Stichwort!
@Christiane: Kritik an Auftraggebern würde ich natürlich niemals öffentlich kundtun, Web 2.0 hin oder her. Das wäre ja beruflicher Selbstmord. Und auch albern, denn so löst sich das Problem, so es denn eins ist, ja nicht. (Ja, ich weiß, es gibt so “Genies”, die in einer Mailingliste oder einem Forum fragen “Mein Auftraggeber yxz zahlt nicht, was soll ich tun?”).
Man kann solche “Rennen” schlicht nicht gewinnen, wenn Kollegen mit mobile office vor Ort sind. Wäre das eine noch akute Diskussion, hätte ich sie hier allerdings nicht erwähnt. Nur manchmal sind Dinge völlig theoretisch zu schwer verständlich. Ich würde aber z.B. nicht konkret die Namen der Beteiligten hier nennen, zumal die dann irgendwann auch über Google gefunden würden und es dann hieß “oje, der Herr xxx kann seinen Job nicht richtig machen, schau mal, was der da…” etc. blabla. Genau das gilt aber für viele “Web 2.0″er schon als “old school”. Und damit tu ich mir schwer. Das ist rüde und unhöflich. Und darum geht es in dieser Diskussion ja.
Daß die Honorare nur noch zum Heulen sind, ist wieder ein anderes Thema.
@DL2MCD alles klar
Nur musst du halt bedenken, dass hier etliche Leute sind, die schon genau wissen, wen du meinst! So gut kannst du gar nicht pseudonymisieren.
@Christiane: Schlimmer sind die, die nun wirklich absolut gar nichts mit einer Sache zu tun haben und sich dennoch angesprochen fühlen. Mit völliger Anonymisierung bin ich auf die Art schon auf die Nase gefallen.
Ich würde nie einen Krimi im Journalistenmillieu schreiben wollen…jeder, der auch nur mal meinen Namen gehört hat, würde glauben, sich in den Schuften wiederzuerkennen ;-/
@ Krusenstern – Bitte versteh’ mich nicht falsch
Grundsätzlich find’ ich eine gute Reportage, einen ausführlich recherchierten Artikel freilich besser als Hackpeter. Doch kommt’s immer daraufan, eben das richtige Mittel zu finden – eben Hackepeter (der aber auch von hoher Qualität sein kann) oder einen durchgehend geschriebenen, gut recherchierten Artikel.
Bei aktuellen Ereignissen, die noch im Gange sind, ist Hackepeter sowohl für den Leser als auch den Schreiber einfach besser – von den PageViews mal abgesehen. Nehmen wir etwa eine im Gang befindliche Wahl – abzuwarten wer gewinnt und dann erst was schreiben, ist da einfach Quatsch. Schließlich will der Leser auf dem Laufenden sein. Da bietet sich die Hackepeterstruktur einfach an. Und einen auführlichen Artikel kann man ja dann noch nachreichen.
Der ganze Geschwindigkeitswahn, der längst auch Blogs erreicht hat, nervt nicht nur diejenigen, deren Beruf es ist, mit einer guten Story schnell zu sein.
Ein Blog stößt jedoch in diesem Wettkampf sehr schnell an seine personellen und zeitlichen Grenzen (ich weiß, wovon ich rede …). News-Aufgaben, womöglich noch mit einer gewissen Exklusivität, kann man nur mit einem größeren Stamm von Autoren erfüllen – allein oder mit drei Leuten hält man das “Erster-sein-Wollen” nicht lange durch, es sei denn, man sucht sich eine wirklich gute, kleine Nische.
Meiner Meinung nach braucht man sich als Blog dem Drang nicht auszusetzen, jede Meldung als Erster haben zu wollen, wer will denn schon Blogs als generelles News-Medium? Der nächste konsequente Schritt wäre dann das Veröffentlichen von PM und Agentur-Nachrichten … nee, das können m.E. andere machen.
Blogs als Anlaufstelle für die Diskussion bestimmter Themen, als Ort, an dem begleitende Essays nach zwei Tagen des Nachdenkens erscheinen – das wäre mein Wunsch. Tatsächlich ist es aber ganz klar so, dass höhere Leserzahlen eher durch schnelle, hochaktuelle Posts als durch bedachte Artikel entstehen, damit muss man als Blog halt leben.
Wir haben bei Spreeblick ein paar Mal gute Erfahrungen mit dem “Abwarten” gemacht, der Karikaturenstreit fällt mir sofort ein, damals war es klasse, erst einmal drei Tage lang “die Großen” zu verfolgen und dann erst eine Diskussion auf Grundlage eigener Gedanken anzusetzen. Das klappt aber nicht immer, oft genug sind die Themen auch während der Recherche schon “durch” und man hat den Eindruck, das Thema von vorgestern interessiere niemanden mehr.
Was die Ursprungsdiskussion angeht: Absprechen. Wenn ich Interviews gebe oder Jobs für Dritte mache, die für Leser von Interesse sein könnten, frage ich, ob es okay ist, wenn ich vorher darüber schreibe. Umgekehrt sollte das ebenso funktionieren.
[...] KoopTech » Beobachtungen Titelgeschichte » Das … muss … ich … sofort … bloggen! … wie sich journalismus verändert, zweiter teil … (tags: journalismus theorie web4.0) [...]
“allein oder mit drei Leuten hält man das “Erster-sein-Wollen” nicht lange durch, es sei denn, man sucht sich eine wirklich gute, kleine Nische.”
In den USA geht das auch, warum soll das hier nicht gehen? Und so klein sind die Nischen dort auch nicht immer.
@marcel: Wer macht den in den USA ein News-Blog allein? Oder ohne größere finanzielle Unterstützung? In D fällt mir auf Anhieb fscklog ein, Leo macht das wirklich fantastisch.
Später Nachtrag, warum ich das Wort nicht mag: Hackepeter ist bei uns durch den Wolf gedrehtes Restfleisch. Der Duden spricht von Tatarbeefsteak, aber das ist IMHO noch zu edel. Ein Hackepeterkoch wird hier jemand genannt, dem man gerade noch zutraut, eine Boulette (Frikadelle, Fleischbrodel….) zu braten. In dem Sinne empfinde ich Hackerpeterjournalismus als herabwürdigend und mindestens genauso bescheuert wie Online-Journalismus oder Journalismus 2.0 –Detlef
@johnny Ich kann jetzt nur für den Techbereich sprechen, aber: Nahezu alle Großen – Techcrunch, Readwriteweb, GigaOm, Mashable – haben als Nebenher-Einmannprojekte angefangen und liefen auch einige Jahre im Solobetrieb. Aktuell: centernetworks.com wird, abgesehen von seltenen Gastbeiträgen, auch von einer einzelnen Person betrieben.
Ein Newsblog, an dem sagen wir 2 Personen ganztägig sitzen, kann imho locker zeitnah und ausführlich seine Nische abdecken. Erfordert allerdings Einsatz, denn Newsbloggen ist kein Zuckerschlecken.
@marcel Schätze ich auch so ein. Aber: Du musst deine Nische sauber definieren. Du musst deine Kräfte ordentlich einteilen. Und du musst dich irgendwie finanzieren! Das ist Knochenarbeit. Ich glaube, mehr wollte Johnny gar nicht sagen.
Ja, so meinte ich das “nicht lange durchhalten” – es geht eine Weile lang, dann muss aber eine nächste Ebene erreicht werden. Das scheint in den USA besser zu funktionieren. Und: Einige der US-Blogger arbeiten gesundheitlich am äußersten Rand, muss man ja auch bedenken.
@ Marcel @ Johnny Burn-Out ist ein hässliches Wort, aber eine alte Journalistenkrankheit. Man muss sicherlich eine Art Mix-Modell betreiben, um so etwas anzugehenen. Mix hinsichtlich Arbeitszeit, Finanzen, Kreativität. Erzwingen sollte man es auf keinen Fall.
[...] Das … muss … ich … sofort … bloggenHerrlich, diese Journalisten im Web 2.0. Der Artikel, insbesondere die Diskussion beweist, warum Journalisten keine Blogger sind und niemals sein werden und warum man klickabhängigen Bloggern nicht trauen sollte… [...]
Ehrlich gesagt, verstehe ich das Problem nicht. Es gab schon immer Tageszeitungen, Wochenzeitungen und sogar Zeitschriften, die nur einmal im Monat erscheinen. Die Tiefe der Recherche spiegelt sich darin, die Leser-Klientel ist auch verschieden und meistens disjunkt. Mit dem Blog ist nur eine noch schnellere und vielleicht weniger tief recherchierte Ebene vor die Tageszeitung gekommen. Das soll doch keinen ernsthaften Journalisten daran hindern, einen gut recherchierten Artikel zu veröffentlichen. Die Qualität wird die passende Klientel anziehen. Das wäre nur dann ein ernsthaftes Problem für den Journalisten, wenn die schnellen Blogger doch fast journalistische Qualität hätten. Nur dann hätte er einen Grund DEL zu drücken.
Ketzerische Frage:
Wer sagt denn eigentlich, dass Weblogs “noch schneller und weniger tief recherchiert” sein müssen ?!?
Wenn ich “noch schneller und weniger tief recherchierte” Beiträge lesen will, schnappe ich mir in der S-Bahn eine Gratiszeitung…
… in einem Weblog suche ich genau das Gegenteil: Fachleute, die aus erster Hand, mit profunder Fachkenntnis und Leidenschaft nächtelang über ihrem Thema brüten und dann darüber schreiben!