Das … muss … ich … sofort … bloggen!


Die journalistische Recherche birgt manchmal Überraschungen. Heute beispielsweise wurde ich noch während des Schreibens von gleich zwei Bloggern, die ich um Statements angefragt hatte, überholt: Sie veröffentlichten die von mir angefragten Statements umgehend in ihrem Blog. Kein schönes Gefühl.

Eben noch schrieb ich meine Meldung heute über den Beschluss der Bayrischen Medienanstalt, künftig Streaming-Anbieter wie Rundfunksender zu behandeln und inhaltlich zu kontrollieren. Für mich war und ist das die Top-Medien-Meldung des Monats, da die vergangenen Wochen ja über fast nichts anderes so heftig debattiert wurde wie über die jüngste Änderung des Rundfunkstaatsvertrags (PDF).

Genau über dieses Thema jedoch, dass auf alle Internet-Angebote, die gleichzeitig von mehr als 500 Nutzern besucht werden können, das Broadcast-Regime angewandt werden soll, wurde in der Debatte kein Sterbenswörtchen verloren. Die dicke Überraschung kam also erst mit der Interpretation des Änderungstextes durch die bayrische Medienanstalt vergangenen Donnerstag!

Während des ganzen Tages musste ich mich schwer zurückhalten, nicht vor der Veröffentlichung bei heise online hier schnell mal die ganze Sache zu bloggen – obwohl der Hinweis auf die bayrische Landesmedienanstalt ebenfalls von einem bloggenden Kollegen, Thomas Wanhoff, stammte, obwohl die SZ heute kurz darauf hingewiesen hatte und obwohl Turi2 ebenfalls ganz kurz auf die SZ auf Seite 13 verwiesen hatte. Es erschien mir nämlich etwas merkwürdig, hier quasi privat meine Arbeit vorwegzunehmen, die die Verbindung zum Rundfunkstaatsvertrag hergestellt hatte.

Dann passierte aber gleich zweimal genau das: Ich fragte Markus Beckedahl für eine Stellungnahme für eine morgen erscheinende Meldung an, der für netzpolitik.org und re:publica streamt. Noch bevor er mir sein Statement skypte, bloggte er es erstmal. Und dies 40 Minuten, bevor meine erste Meldung erschien. Ich musste etwas schlucken, dachte mir aber noch: Kann passieren, ist sein gutes Recht. Nun aber passierte mir genau dasselbe eben mit der von mir für ihre sehr gründliche Interviewarbeit geschätzten Ulrike Reinhard. Sie ist die Organisatorin des Webtalks mit David Weinberger, der 564 Zuschauer erreichte. Auch sie konnte es offenbar angesichts der katastrophalen Beschlusslage in der bayrischen Landesmedienanstalt nicht länger aushalten und bloggte ihr Statement sofort nieder.

Ich weiß nicht genau, was ich davon halten soll. Toll finde ich es nicht, da es den Veröffentlichungsdruck auf mich erheblich erhöht und ich nun nicht mehr in Ruhe weitere Statements abwarten kann. Denn die Statements sind nun öffentlich und jeder kann sie für einen eigenen Artikel verwenden – ohne heise online zu zitieren, obwohl sie für heise online angefragt waren. Meine “Rechercheergebnisse” werden damit vorab veröffentlicht. Verständnis für beide habe ich dennoch, denn natürlich war das Thema nicht mehr exklusiv – und sie waren direkt betroffen!

Muss man nun sicherheitshalber bei jeder Anfrage an einen Blogger / eine Bloggerin eine entsprechende Bitte anfügen, mit der Veröffentlichung so lange zu warten, bis die Meldung erschienen ist? Ich fürchte: Ja.

Titelbild: flickr/artnow


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About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts f├╝hrt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie f├╝hrt ein pers├Ânliches Blog auf ihrer Homepage.
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51 Responses to Das … muss … ich … sofort … bloggen!

  1. Krusenstern says:

    Ketzerische Frage:

    Wer sagt denn eigentlich, dass Weblogs “noch schneller und weniger tief recherchiert” sein müssen ?!?

    Wenn ich “noch schneller und weniger tief recherchierte” Beiträge lesen will, schnappe ich mir in der S-Bahn eine Gratiszeitung…

    … in einem Weblog suche ich genau das Gegenteil: Fachleute, die aus erster Hand, mit profunder Fachkenntnis und Leidenschaft nächtelang über ihrem Thema brüten und dann darüber schreiben!

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