It’s Not Only The Economy, Stupid!

Ist es nicht erstaunlich, mit welcher Inbrunst die deutschen Verleger im Moment auf die Internet-Pläne der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten eindreschen? Die so genannte “Münchner Erklärung” ist nur die jüngste Salve in einem nun schon seit Monaten andauernden Sperrfeuer, vor allem in den großen Printmedien. Eine nüchterne Analyse erleichtert das ebenso wenig wie die hektischen Verteidigungsmanöver der Rundfunkgranden, und dabei gibt es doch angesichts der anstehenden Neupositionierung des öffentlich-rechtlichen Systems dringenden Vernunftbedarf. Verschiedene Entwicklungen zwingen uns zu einer Überprüfung alter Gewissheiten und einer Anpassung bestehender Medienordnungen:

  • Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben sich, statt ihr Profil komplementär zu den privaten Anbietern auszugestalten, auf einen idiotischen Konkurrenzkampf mit den Privaten eingelassen;
  • Kanäle und Sendeplätze sind kein knappes Gut mehr;
  • Das Internet löst die Grenzen zwischen Textformaten und Audio- oder Bewegtbildformaten auf, und es ermöglicht die kostengünstige und komfortable Bereitstellung großer Medienarchive;
  • Es wird zunehmend schwierig, qualitativ hochwertigen Journalismus marktgerecht zu produzieren;
  • Gleichzeitig drängt der herrschende Wirtschaftliberalismus auf eine weitere Beschränkung öffentlich finanzierter Infrastrukturen.

Journalismus und Kulturbetrieb sind jedoch nicht einfach eine beliebiger Teil des Dienstleistungssektors, ihre Produkte sind keine Waren, deren Zirkulation einfach nach den Marktgesetzen von Angebot und Nachfrage zu regeln wäre. Sie sind eine teure, aber essentielle Grundlage einer entwickelten, offenen Gesellschaft. Insbesondere ein funktionierender, unabhängiger Journalismus, der freie Zugang zu aktueller relevanter Information und Analyse ist die Grundlage jedes demokratischen Gemeinwesens.

Das Mediensystem ist damit ein Politikum. Schon ungefähr einen Monat alt ist ein lesenswerter Beitrag von Wolfgang Lieb auf den NachDenkSeiten, der das sehr schön herausarbeitet. Lieb geht sowohl auf die historischen Dimensionen unserer Medienordnung als auch auf die unglückselige Rolle ein, die die Europäische Union in der gegenwärtigen Situation spielt. (Ungeschickt finde ich nur Liebs Gebrauch des Begriffes “Zensur” – der hat in diesem Zusammenhang nun wirklich nichts zu suchen.) Eine sehr gute Diskussionsgrundlage bieten auch die Beiträge von Robin Meyer-Lucht zum Thema in seiner Perlentaucher-Kolumne “Virtualienmarkt”.

Der Gedanke eines umfassenden öffentlich-rechtliches Internetangebots darf kein Tabu sein, wir sollten uns von den Verlegern das Nachdenken darüber nicht verbieten lassen. Deshalb hier ein paar Thesen zur weiteren Diskussion:

  • Eine Anpassung des öffentlich-rechtlichen Systems darf nicht sklavisch an den traditionellen, technologisch bedingten Paradigmen (insbesondere den Beschränkungen von Kanal und Sendeplatz) kleben. So macht es überhaupt keinen Sinn, audiovisuelle Formate zeitlichen Beschränkungen zu unterwerfen (Stichwort: 7-Tage-Regel), oder ihre hyper- und multimediale Einbettung (z.B. in weiterführende Informationskontexte oder Archivquellen) zu unterbinden. Damit stemmt man sich nur einem natürlichen Evolutionsprozess des gesamten Mediensystems entgegen und betrügt den Bürger um die positiven Aspekte des medientechnischen Fortschritts.
  • Der öffentlich-rechtliche Auftrag (u.a. informationelle Grundversorgung und Sicherstellung einer unabhängigen Berichterstattung) ist andererseits nicht an die mittlerweile hinfällige Knappheit von Kanälen und Sendeplätzen gebunden, sondern kann auch durch ein Marktversagen im Journalismus und im kulturellen und zivilgesellschaftlichen Sektor gerechtfertigt werden. Dies gilt nicht nur für kosten- und personalintensive journalistische Formate, sondern zum Beispiel auch für die Förderung des künstlerischen Nachwuchses, sowie qualitativ hochwertiger, aber nicht markttauglicher künstlerischer Anstrengungen (Beispiel: Kleines Fernsehspiel).
  • Es kann nicht Aufgabe der öffentlich-rechtlichen Anbieter – egal ob im Rundfunk oder Internet – sein, den privaten Anbietern in Bereichen Konkurrenz zu machen, für die es einen funktionierenden Markt gibt, und die nicht der informationellen Grundversorgung oder der Sicherstellung einer umfassenden, unabhängigen Berichterstattung dienen (wie zum Beispiel im Bereich der leichten Unterhaltung). Nachvollziehbar ist auch die Kritik der Verlags- und Unterhaltungsindustrie daran, dass ein grundsätzlich gebührenfinanziertes System zusätzlich Erlöse aus Werbung generiert;
  • Wir brauchen beides: einerseits mehr Wettbewerb im privaten Mediensektor (Stichwort: Erfolgskriterien, die der Bedeutung auch kleinerer Anbieter gerecht werden), andererseits einen funktionierenden öffentlich finanzierten Bereich, der den Markt dort ergänzt, wo dieser den gesellschaftlichen Erfordernissen einer ausreichenden publizistischen und kulturellen Vielfalt nicht gerecht wird.

About Lorenz Lorenz-Meyer

Professor für Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt. Er bloggt privat auf Scarlatti.
This entry was posted in Medien and tagged , , , . Bookmark the permalink.

6 Responses to It’s Not Only The Economy, Stupid!

  1. Trendschau says:

    Hallo Herr Lorenz-Meyer,

    eigentlich wollte ich ja Ihren Beitrag: “It’s not only the economy” kommentieren, da es dort jedoch nicht möglich ist, mache ich es hier.

    (Anm. CSH: Kommentar ist freigeschaltet – und jetzt auch hier von mir reinkopiert – die Nichtfreischaltung hatte, glaube ich, zeitlich-organisatorische Gründe, vielleicht war es aber auch nur ein Versehen. Friendfeed-Kommentare dazu habe ich natürlich gesehen. Thx @ Marcel Weiss für den Hinweis in Friendfeed!)

    Erst einmal: hohes Niveau, hätte mich fast von einem Kommentar abgehalten ;-)

    Schön fand ich – nebenbei – den Satz: “Das Internet löst die Grenzen zwischen Textformaten und Audio- oder Bewegtbildformaten auf”. Dazu passt doch wunderbar die von Ethority vorgestellte neue Suchtechnologie von Youtube, die Gesprochenes aus Videos in Text transkribiert und für die Suchmaschine zugänglich macht.

    Aber ganz allgemein zur Frage Öffentlich-Rechtliche und Internet:
    Zentral ist für mich, dass grundsätzlich steuer- oder gebührenfinanzierte Angebote nicht den freien Markt abwürgen dürfen. Kann man aber bei den derart in Bewegung befindlichen Spannungsfeldern “Internet – Information – Journalismus” auch nur annähernd abschätzen, wozu der Markt fähig ist und wozu nicht??? Kann man es überhaupt verantworten, mit Steuern und Gebühren jetzt schon Felder zu besetzen, die vom Markt überhaupt noch nicht erschlossen werden konnten??? Hätte – nur als Beispiel – ein privater Kultursender bei dem Überangebot durch die Öffentlichen überhaupt noch eine Chance??? Sollte man nicht auch den in Not geratenen Journalisten die Zeit geben, sich ev. umzuorientieren und eigene, hochwertige Angebote zu entwickeln? Auch wenn die Blogszene derzeit wieder geprügelt wird, finde ich immer mehr sehr hochwertige und tolle Projekte, aus denen sich ev. in Zukunft ja mehr entwickeln kann – wenn dann überhaupt noch ein Markt existiert!

    Ich bin also aus ganz persönlichen Gründen extrem kritisch: Als Texter und Verlagsmensch sehe ich einfach, wie das Informationsangebot von “öffentlichen Stellen” enorm wächst und es für private Anbieter (wie z.B. Verlage) in einigen Bereichen tatsächlich schwer ist, überhaupt noch Informationslücken zu finden (schauen sie sich z.B. mal das Themenfeld Außenwirtschaft an). Das Problem ist klar: diese privaten Anbieter sind meine Auftraggeber, die öffentlichen oder staatlichen Anbieter würden dagegen niemals auf so ein “Kraut-und-Rüben-Gewächs” wie mich zurückgreifen, sondern die großen Agenturen einladen, in deren Freiberufler-Pool man auch erst einmal kommen muss. Man muss also eine Balance finden, und öffentliche Stellen sollten m.E. sehr behutsam vorgehen, bevor sie sich irgendwo einnisten …

  2. Meines Erachtens gehört der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland (größtenteils) privatisiert. Information und Unterhaltung sind heute kein knappes Gut mehr, weder im herkömmlichen Fernsehen, noch im Printbereich und schon gar nicht im Internet.

    Die “informationelle Grundversorgung” kann uns also kaum verloren gehen. Und was die Sicherstellung einer unabhängigen Berichterstattung betrifft, sollten sich die öffentlich-rechtlichen Sender nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Ihr Pochen auf das hohe Gut der Unabhängigkeit klingt ähnlich hohl wie die permanenten Verweise der Printmedien auf den sog. “Qualitätsjournalismus”.

    Im Übrigen hilft den Zeitungen beim schwierigen Medienwandel von den analogen zu den digitalen Medien auch keine Gebühr oder Subvention. Sie müssen selber sehen wo sie bleiben! Warum soll es da ARD und ZDF besser gehen? Wenn sie erst einmal privatisiert sind, mögen sie von mir aus ruhig die volle Narrenfreiheit im Web bekommen.

    Ein letzter Punkt zur Grundversorgung: Wenn diese wirklich eine Rolle spielt, müsste der Fokus der Politik sich weg von den Sendeanstalten und hin zu den Empfängern wenden. Die Bürger, insbesondere sozial schwächer gestellte Haushalte, sollten einen freien Zugang zum Internet bekommen. Da liegt heute der Engpass, nicht bei ARD oder ZDF.

  3. Christiane says:

    Die Frage der weitgehend verpassten Profilschärfung steht nicht von ungefähr an erster Stelle. Macht sie doch die Forderung nach Sonderregeln für den ÖR so schwer nachvollziehbar, bzw. den ÖR so angreifbar. Es sind aber auch so merkwürdige Regelungen, wie die Lizenzpflicht für Streaming-Anbieter, die über 500 Nutzer gleichzeitig erreichen können, die misstrauisch machen gegen das ÖR-Regime. Die Lage scheint mir schwer verzerrt, ein klarer Blick bzw. auf das wirklich Notwendige, zu Ergänzende notwendig.

    Ein Beispiel: WDR5 etwa bietet ein hochwertiges Wortprogramm mit reger Zuhörerbeteiligung, wie ich es hier in NRW sonst so nicht kenne. WDR5 nicht mehr zu haben wäre ein klarer, deutlicher Verlust. Weitere Beispiele?

  4. Lorenz Lorenz-Meyer says:

    Erstmal sorry, dass ich mich länger nicht gemeldet habe. Ich war für ein paar Tage unterwegs und hatte keinen brauchbaren Zugang zu Mail oder Blog.

    Natürlich bin ich auch der Meinung, dass das öffentlich-rechtliche System erneut auf den Prüfstand gehört, und die Idee einer Lizenzpflicht für Streaminganbieter ist natürlich hochgradiger Schwachsinn.

    Aber auch wenn es uns noch so oft von den Ideologen des Wirtschaftsliberalismus zwangseingetrichtert wird: Der freie Wettbewerb ist nicht immer das beste Instrument, wenn es um die Aufrechterhaltung essentieller Infrastrukturen geht. Dafür sind die Märkte zu kurzsichtig.

    Die Kommerzmedien haben im Rundfunk lange genug Zeit gehabt, ihre Konkurrenz- und Leistungsfähigkeit im Qualitätsjournalismus und im Kulturbereich unter Beweis zu stellen. Und was haben sie uns beschert: N24 und Klassikradio? Im Pressebereich funktioniert das System noch. Aber es beruht dort auf einem Geschäftsmodell, das gerade implodiert.

    Wir sollten uns einfach darauf vorbereiten, dass Werbung als Erlösquelle für guten Journalismus nicht mehr trägt. Und mir ist, ehrlich gesagt, die Konsumentenperspektive als Bürger, der weiterhin qualitativ hochwertig informiert werden will, bzw. die Macherperspektive als Journalist, der weiterhin eine interessante und relevante Arbeit machen möchte, näher als die wirtschaftlichen Wehen der Verlags- und Unterhaltungsbranche.

    Und was das im Netz zurzeit allgegenwärtige Loblied der Blogosphäre als selbstloses Korrektiv der gierigen Kommerzmedien angeht, bin ich sehr, sehr skeptisch. Ich zitiere nochmal Justin Davidson, den ich bereits an anderer Stelle verlinkt habe: “An army of amateur bloggers can’t send reporters to war zones or spend months sifting through obscure records in search of government abuse. There are some forms of journalism that only professional journalists, backed by the resources of major news organizations can tackle.”

  5. Pingback: Wie realistisch ist eine Kulturflatrate für Journalisten? — CARTA

  6. Pingback: KoopTech » Medien » Wie realistisch ist eine Kulturflatrate für Journalisten?

Comments are closed.