Kleine Haie auf Erfolgskurs


Youtube-Videos spielen in der Kinder- und Jugendkultur ein zunehmend wichtige Rolle. Jüngstes Beispiel: Derzeit erlebt das “Kleiner Hai”-Video einen sagenhaften Erfolg – über 5 Millionen Abrufe kann das von einer Studentin unter dem Nickname “Alemuel” bei Youtube eingestellte Video bereits verzeichnen. Nun taucht der Verdacht auf, das Video sei das Ergebnis einer viralen Testkampagne. Grund: Die Marktingfirma EKM Consult hatte von ihrem Blog aus einen Link auf das Video gesetzt und über 5000 Abrufe verursacht. Allerdings geht dieser Link inzwischen ins Leere (vgl. Youtube Statistics & Data).

Der Erfolg ist nicht zu übersehen: In Kinder-TV-Sendungen wird Kleindarstellerin Alemuel seit Wochen gefeiert. Sie behauptet dabei, das Lied seit dem Kindergarten zu kennen (wobei den von mir darauf angesprochenen Eltern und Kinder das Lied vorher nicht bekannt war!). Ein Plattenvertrag mit EMI ist seit Wochen unter Dach und Fach. Die vertonte Remix-Version ist ebenfalls im Netz und droht nach “Schnappi, das Krokodil” zum nächsten Sommerhit zu werden.

Auffallend ist jedenfalls, wie professionell unprofessionell dieses Video gemacht ist: Ein derart schäbiger Samtsessel findet sich vermutlich nicht in jeder Wohnung. Der kleinmädchenhafte Auftritt der eigentlich 25-jährigen Studentin mit Kinderpulli und rotem Haarreif wirkt jedenfalls inszeniert. Vor allem aber irritiert die große Professionalität, mit der Alemuel dieses Lied durchzieht – die Körperhaltung, die absolut beherrschte Tonlage. Wie gut sie ist, sieht man im Vergleich zu den zahlreichen “Kleiner Hai”-Remixe – hier hält kaum ein Protagonist das Lied konsequent bis zum sarkastisch-üblen Ende durch.

Bemerkenswert ist jedenfalls, dass “Alemuels” Darbietung so eindringlich ist, dass das Zusehen zunehmend unangenehm wird. Ganz ähnlich wie die Inszenierungen von “Fred“, der zurzeit im englischsprachigen Raum einen ähnlich gigantischen Erfolg feiert – mit 45 Millionen Fans. Er spielt einen sechsjährigen hysterisch-ängstlichen Jungen – und ihm ist dabei nichts zu peinlich: Vom Zähne-pickenden Kakadu über ein zu kleines Planschbecken im Vorgarten wird kein kindliches Drama ausgespart. Bei Kindern und Jugendlichen kommt er damit über die Maßen an – die meisten Erwachsene dürften ihn jedoch als schwer erträglich empfinden.

Man darf gespannt sein, wie sich die Kinder- und Jugendkultur unter dem Eindruck von Youtube entwickelt. Vor einigen Monaten jedenfalls stieß ich bereits über eine Youtube-Challenge, die darin bestand, einem Aufforderer die eindrücklichsten und phantasievollsten Morddrohungen per Video zu übersenden. Inzwischen sind bereits 322 Morddrohungen eingetroffen.

<UPDATE 7.7.2008> Eine Nachfrage bei EKM Consult ergab, dass die Marketingagentur an der Kampagne nicht beteiligt war. Geschäftsführer Ralf Tjarks hält es auch nicht für das Werk von Amateuren. Tjarks: “Das ist offensichtlich gut geplant, geschickt gemacht. Es ist eine witzige Idee.” Das Video sei zwar Geschmacksache, aber der Erfolg sei nun da. </UPDATE>

Bildquelle: Screenshot/Promotion auf www.kleiner-hai.com

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
This entry was posted in Medien and tagged , , , , . Bookmark the permalink.

6 Responses to Kleine Haie auf Erfolgskurs

  1. Jan says:

    “Schwer erträglich” ist eine passende Kategorisierung ;-) Bei mir fällt da allerdings auch schon Alexander Marcus (“Papaya”) rein – man muss also gar keine so schweren Geschütze auffahren, wie in diesem Fall… Spannend aber, wie YouTube zu einem Talentschuppen wird. Momentan sind es eher die Durchgeknallten, die damit nach vorne kommen. Aber wer weiß, vielleicht gibt es ja auch mal Stars außerhalb der Rubrik “schwer erträglich”. :-)

  2. Christiane says:

    Ich fürchte, die “schwer Erträglichen” werden erst mal das Rennen machen. Wobei … Stefan Raabs Episoden sind bei Youtube ja unter Jugendlichen auch schwer beliebt. Die Frage ist nun: Welche Youtube-Produktionen werden sich zu Ideengeber für die nächsten Unterhaltungsshows entwickeln? Man darf sich gruseln!

  3. Pingback: Ξ "Kleiner Hai" kommt groß raus Ξ UPLOAD - Magazin für digitales Publizieren Ξ

  4. Pingback: allesroger.net

  5. Pingback: c0t0d0s0.org

Comments are closed.