“Piraten sind Innovatoren” – Interview mit Christian Fu Müller aka Francis Drake


Die Infopiraten auf der kapverdischen Insel Santiago vor der Küste Westafrikas verdienen vor allem mit Bookmarking ihr Geld. Mit ihrem Nutzer-Beteiligungsmodell gehörten die “Infopiraten” zu den ersten Diensten, die ihre Nutzer an Werbeeinnahmen direkt beteiligten. Wir haben mal beim Kapitän Francis Drake nachgehakt, wie der Kurs im Moment steht.

Christiane Schulzki-Haddouti: Du sitzt auf einer Insel in der Karibik (?) als Infopirat Francis Drake?

Christian Fu Müller: Karibik trifft’s nicht ganz, auch wenn wir auf dem gleichen Breitengrad liegen: ich lebe auf der Kapverdischen Insel Santiago in Westafrika.

Christiane Schulzki-Haddouti: Wie erklärst du in wenigen Sätzen deinen Bekannten und Freunden auf der Insel, auf der es wohl nur wenige Internet-Anschlüsse gibt, was du da eigentlich tust?

Christian Fu Müller: Ich sage: Ich erstelle Internetseiten und Verkaufe da dann Werbung. Viele sind überrascht, dass sowas überhaupt möglich ist.

Christiane Schulzki-Haddouti: Wie kamst du auf das Wort “Infopiraten”? Was daran ist Piraterie?

Christian Fu Müller: Wir haben es dabei eher mit der romantischen Bedeutung des Wortes zu tun als mit den negativ Konnotationen. Wir hatten in der Alpha-Phase einen völlig anderen Namen und haben uns etwas Progressives gewünscht. Dann haben wir überlegt: “Informationen sammeln”, “Schätze sammeln”, “wer sammelt Schätze?” – “Piraten”. Außerdem gefallen uns an Piraten die Unabhängigkeit und das Rebellische. Wir sind wie Matt Mason der Meinung, dass Piraten Innovatoren sind. Und last but not least waren wir als Kinder ganz große Piratenfans. Das Logo ist dann noch in der gleichen Nacht entstanden, da wir zu dritt exakt das selbe Bild im Kopf hatten, als wir auf den Namen “Infopirat” gekommen sind.

Christiane Schulzki-Haddouti: Bislang hast du ja dein Pseudonym “Francis Drake” recht konsequent durchgesetzt. Warum?

Christian Fu Müller: Wenn Du bei Infopirat bist wirst Du feststellen, dass sich viele Mitglieder einen Namen geliehen haben von einem berühmten Freibeuter oder Piraten, wir grüssen uns mit “Ahoi” und reden von “Besatzung”. Ich bin im Netz unter vielen Namen zu finden, aber im Zusammenhang mit Infopirat eigentlich immer als “Francis Drake”. Drakes Geschichte ist faszinierend und abstoßend zugleich.

Sein Motto “Sic Parvis Magna”, also etwa “Grosse Dinge beginnen im Kleinen”, könnte aber auch meins sein. Es ist nur ein Pseudonym. Nicht unbedeutend, aber auch nicht von zu großer Bedeutung. Ich mag Pseudonyme, das mag an meiner Herkunft aus der Graffiti-Szene liegen.

Wege zur Infopiraterie

Christiane Schulzki-Haddouti: Wie bist du auf diese Idee gekommen?

Christian Fu Müller: Die Idee zu Infopirat ist zunächst als etwas ganz anderes entstanden, nämlich als Multiautoren-Blog und Feed-Aggregator. Wir haben uns erst später für eine zusätzliche Bookmarking-Funktion entschieden, die dann zu unserem Hauptfeature geworden ist. Die Umsatzbeteiligung ist in der Tat eine Grundlage von Infopirat. Wir teilen seit dem ersten Tag unsere Einnahmen mit unseren Co-Autoren. Es war nur logisch, dass wir dann auch bei den Bookmarks so verfahren. Zunächst haben wir 50/50 geteilt, dann sind wir aber ziemlich schnell auf 80% für unsere Mitglieder umgestiegen. Wenn Du neue Mitglieder wirbst erhältst Du zusätzlich 10% der Adsense-Einblendungen auf den Beiträgen der von Dir geworbenen Mitgliedern.

Christiane Schulzki-Haddouti: Steht da nicht ein ausgeklügeltes SEO-via-Schwarmverhalten-Konzept dahinter?

Christian Fu Müller: SEO ist sicherlich schon immer ein Thema für mich gewesen, auch bei Infopirat. Aber mehr im Sinne von “optimieren” als im Sinne von “manipulieren”. Ich habe bemerkt wie viel Power in Multiautoren Systemen und in User Generated Content liegt und mit Infopirat ein Konzept entwickelt alle Beteiligten daran mitverdienen zu lassen. Außerdem gehe ich davon aus, dass eine Umsatzbeteiligung mittel- und langfristig zu qualitativ hochwertigerem Content führt. Dies kann nur Hand in Hand geschehen mit einer guten Moderation, aber damit haben wir bisher keine Probleme gehabt. Es gibt einige Mitglieder, die wissen bereits genau mit welchen wirklich interessanten Bookmarks sich Geld verdienen lässt. Davon profitieren dann auf SEO-Ebene alle Mitglieder.

Christiane Schulzki-Haddouti: Wie sieht es mit der Akzeptanz für den Infopiraten aus? Wie entwickeln sich die Nutzerzahlen?

Christian Fu Müller: Ich bin nach wie vor sehr positiv von dem Erfolg von Infopirat überrascht. Mit den Zugriffszahlen von über 30.000 Page Impressions pro Tag (Stand Juni 2008) bin ich mehr als zufrieden. Wir haben zurzeit ca. 2000 aktive User. Die Anzahl der Poweruser unter den 2000 Leuten bleibt bisher überschaubar, was aber wenig überraschend ist.

Christiane Schulzki-Haddouti: Was verdienen die Nutzer im Schnitt – und maximal?

Christian Fu Müller: Ha, die Frage aller Fragen!
So einfach kann ich das leider nicht beantworten. Zum einen habe ich keinen direkten Zugriff auf diese Zahlen, denn die liegen nur in der Hand der Mitglieder selbst. Zum anderen kommt es dabei sehr auf das Thema, die Frequenz und auch die Geschwindigkeit an, mit der Du bookmarkst oder bloggst.

In jedem Fall kann man sagen, dass sich bei Infopirat soviel verdienen lässt wie mit einem eigenen Blog. Unsere Klickraten sind sehr hoch und die Platzierungen voll optimiert. Ein Freund von mir kauft sich jeden Monat irgendetwas bei Amazon von dem mit Bookmarks bei Infopirat verdienten Geld. Ich selbst lebe von dem Projekt. Und das mit eigenen Bookmarks und eben den 10 bis 20% die übrig bleiben. Als Blogger verdienst Du bei dem System am besten: Du bekommst die Einnahmen auf Deinen Bookmarks bei Infopirat und zusätzlich noch den Traffic zu Deinem eigenen Blog.

Spam oder Nicht-Spam?

Christiane Schulzki-Haddouti: Wenn manche Teilnehmer mit ihren Bookmarks schon wissen, ob sie Traffic ziehen, zeigt das doch, dass sie Bookmarks nicht setzen, weil sie die Inhalte wichtig, sondern deren monetäre Verwertbarkeit attraktiv finden. Unterläuft diese Art von Spam nicht den Sinn des Bookmarkens, das ja eigentlich öffentliche Empfehlungen für andere Nutzer und nicht für Anzeigen ausspricht?

Christian Fu Müller: Nein, das zeigt in erster Linie, dass unsere Autoren und Bookmarker ein Gespür dafür haben, was unsere Leser wollen. Sie werden durch das System gefördert Inhalte einzupflegen, die von großem Interesse sind, genau dadurch entsteht ja der Benefit für den Leser. Ein Versicherungsbookmark hat quasi null Traffic und Du wirst mit den zwar hochpreisigen Adsense nicht viel umsetzen. Bookmarkst Du aber eine Gebrauchsanleitung für ein beliebtes Produkt, eine Anleitung oder ein Buchrezension, dann bekommst Du sehr wahrscheinlich mehr Traffic und wesentlich höhere Umsätze. Da gehen dann Qualität und Umsatz Hand in Hand. Spam wird hauptsächlich dann begangen, wenn Links zu minderwertigen Kommerzseiten eingepflegt werden. Die Spammer tragen Ihre Adsense ID nicht ein.

Christiane Schulzki-Haddouti: Immer mehr SEO-Experten konzentrieren sich nun auf Social Media – werden damit nicht die Inhalte der neuen Plattformen korrumpiert und unattraktiv?

Christian Fu Müller: Genau darin liegt die Magie von SMO. Diese “Optimierung” wird für Menschen durchgeführt, nicht für Maschinen, wie bei der alten ursprünglichen SEO. Das bedeutet, dass man viel schlechter mit unsauberen Methoden arbeiten kann. Wie soll Social Media Spam denn aussehen, wenn er effektiv sein soll? Die Hobby SEOs, die glauben sie täten gute SMO Arbeit, wenn sie ihre Kundenseiten bei allen 280 Bookmarkseiten eintragen, sind bemitleidenswert. Ein guter SMO berät seine Kunden, wie diese sich in der “Social Media Welt” verhalten können um Erfolg zu haben. Ein guter SMO hat Kontakte und pflegt Netzwerke. Er hat eine Leserschaft und er bedient bereits Informationskanäle mit gutem Inhalt. Dann ist es ihm auf akzeptierte Art und Weise möglich Werbung zu machen – und zwar nicht versteckt, sondern ganz offen. Social Bookmark Seiten werden zu einem großen Teil durch SEOs gepflegt, da es sich um eine Symbiose handelt, nicht um ein parasitäres System. Gewinner sind dabei aber auch die Leser, denn die SEOs graben andauernd interessante Inhalte aus dem Netz aus, damit Ihr Profil interessant bleibt und sie Einfluss gewinnen.

Christiane Schulzki-Haddouti: Hat Google gegen die Verwendung seiner AdSense-Werbegelder schon protestiert?

Christian Fu Müller: Warum sollte Google protestieren? Weil wir ihnen so schöne Adwords-Umsätze machen, oder weil wir guten Content im Netz sammeln, bündeln, kommentieren und bewerten? Nein. Ich habe ein gutes Verhältnis zu unserem Adsense-Betreuer und spreche mit Google z.B. neue Adsense-Positionen oder -Formate eng ab. Die Praxis des “Revenue Sharings” ist keinesfalls unerwünscht von Google. Solange auf ein und derselben Page pro Aufruf nur die ID eines einzigen Adsense-Kunden erscheint ist alles im grünen Bereich.

Christiane Schulzki-Haddouti: Planst du auch andere Einnahmequellen für Werbung? Welche wären das?

Christian Fu Müller: Wir haben bereits Tests gefahren mit anderen Werbepartnern, z.B. Contaxe und Amazon. Zurzeit bekommen wir immer mehr Anfragen auf TKP und pauschal vergütete Displaywerbung. Ich bin aber nicht interessiert daran die Seite mit der Brechstange zu monetarisieren. Das Nutzungserlebnis soll nicht unter der Werbung leiden. Ein Grund dafür weshalb eingeloggte Mitglieder keine Werbung zu sehen bekommen bei uns. In Zukunft sind weiterhin Konzepte für uns interessant, bei denen alle Co-Autoren mitverdienen können.

Christiane Schulzki-Haddouti: Wie siehst du dich in Konkurrenz zu bekannten Diensten wie del.icio.us oder Mr. Wong?

Christian Fu Müller: Wir sind familiärer, wir sind kleiner, aber dadurch schneller und wendiger. Wenn ich bei Infopirat von “wir” spreche, dann meine ich immer die gesamte Besatzung, also auch alle Bookmarker & Blogger. Du musst bedenken dass Infopirat auf der organisatorisch geschäftlichen Ebene quasi eine One-Man-Show ist. Ich hab einen Techniker der mich oft unterstützt, aber ich stehe alleine auf der Brücke. Das wird sich ändern, ich bin gerade dabei weitere Verstärkung an Bord zu holen, aber wenn Du das bedenkst ist unsere Position doch sehr gut.

Christiane Schulzki-Haddouti: Macht der Techniker das aus Freundschaft, oder ist er quasi Mitgründer?

Christian Fu Müller: Bernd ist sowohl ein langjähriger Freund als auch Mitgründer von Infopirat. Er hat vor allem zu Beginn einen Bärenanteil der Arbeit geleistet, wollte sich aber in letzter Zeit mehr auf seine Familie und vor allem seinen kleinen Sohn konzentrieren. Ich halte ihm da den Rücken frei, denn Dein Kind ist nur einmal 1, 2, oder 3 Jahre alt. So etwas ist wesentlich bedeutsamer als eine zugegeben coole Seite im Internet ;-)

Klar, Yigg, Webnews und Wong sind sehr weit vorne, aber wir liegen laut Google Trends vor Newstube, Oneview und Linkarena. Damit befindet sich unser kleines Schiff auf Platz vier, hinter den drei großen Schlachtschiffen die mit reichlich Kapital und Manpower ausgestattet sind.

Wenn Du mich jetzt aus SMO- oder SEO-Sicht fragst, dann kann ich nur sagen: Den Traffic den Dir Digg, Delicious oder StumbleUpon mit einer englischsprachigen Zielseite bringen bei einer Startseitenplatzierung kannst Du bei uns nicht erwarten. Wohl haben aber schon einige Blogger festgestellt wie viel Traffic kontinuierlich von Infopirat kommt und übermitteln daher regelmäßig ihre Beiträge. In dem Bereich müssen wir uns nicht hinter Yigg und Wong verstecken.

Perspektiven

Christiane Schulzki-Haddouti: Welche Features möchtest du in Bälde ausbauen?

Christian Fu Müller: Diese Frage stelle ich seit einiger Zeit eher revers: Was können wir noch von Bord werfen? Welche Funktionen sind wirklich sexy und werden gut genutzt, was ist nur Beiwerk? Wir haben in der Vergangenheit sehr viel ausprobiert und tun dies auch weiterhin. Aber wir sind uns nicht zu fein um Features wieder komplett runterzuwerfen. Wir haben z.B. ein umfassendes Personalisierungsfeature wieder komplett eingestampft. Wir hatten ein Punktesystem für unsere Mitglieder – ist ebenfalls rausgeflogen. Ich möchte Infopirat gleichzeitig so simpel wie funktionell halten.

Momentan spielen wir ein bisschen mit Microblogging-Themen. Zum Beispiel kannst Du Deinen Twitter-Account angeben und Deine Bookmarks werden automatisch bei Twitter veröffentlicht. Das gleiche ist auch für Friendfeed machbar. Insgesamt kann es sein, dass wir in Zukunft mehr auf die Egoperspektive der Benutzer eingehen werden, da ich glaube, dass dies bei den anderen Services zu kurz kommt. Und wir haben immer ein sehr offenes Ohr für die Wünsche unserer Besatzung. Letztendlich sind unsere Mitglieder die, die über unsere Features bestimmen.

Christiane Schulzki-Haddouti: Die “Egoperspektive” der Nutzer – was meinst du damit? Vielleicht, dass jeder zunehmend seine eigene Informationsumgebung bauen kann? Was bedeutet das für die Entwicklung der sozialen Medien? Wo siehst du hier die Trends?

Christian Fu Müller: Mit Egoperspektive meine ich: “Was passiert, wenn Du bei Infopirat auf einen ‘ich’ Button klickst?”. Du nennst das Stichwort “eigene Informationsumgebung” und gibst damit ein gutes Beispiel. Das bedeutet für mich zu allererst, dass ich Dir einen guten Weg durch die Webseite ermögliche, sowohl beim Inhalte einstellen, als auch beim Konsumieren. Es bedeutet, dass Du nach dem Login-Zugriff hast auf genau die Informationen, die Dich interessieren, ohne viel Umwege und Klicks. Es bedeutet, dass Du schnell und unkompliziert bookmarken kannst. Ich glaube, dass wir aus dem Erfolg von Anwendungen wie Twitter gelernt haben sollten, dass man am besten ein ganz klares einzelnes Bedürfnis der Benutzer stillt, das dann aber richtig. So hat schon damals Google gegen Yahoo und Altavista gewonnen. Die anderen haben “alles” gemacht, Google “nur Suche”.

Christiane Schulzki-Haddouti: Und welche Perspektiven siehst du für die individuelle und verlegerische Wertschöpfung?

Christian Fu Müller: Der aktuelle Trend ist eine neue Form von Personalisierung. Schau Dir Services wie Friendfeed und Last.fm an. Das hat nichts mit Templates zu tun, oder Drag and Drop AJAX Interfaces. Es ist die Art mit der Du Informationsströme mit Hilfe dieser Tools kanalisieren, filtern und dadurch personalisieren lassen kannst. Die Benutzer solcher Systeme bestimmen selbst, wie das Produkt aussieht. Und durch Konzepte wie das von Infopirat.com werden sie immer mehr in der Lage sein diese Leistung zu monetarisieren – ganz ohne Verlag.

Die verlegerische Leistung sieht im Web 2.0-Zeitalter vielleicht einfach ganz anders aus. Vielleicht ist ein neuer Verleger ja Jemand, der durch seinen Informationsfilter und seinen viralen Einfluss Einstiegshürden seiner Kunden in die Social-Media-Umgebung senkt und genau damit auch sein Geld verdient.

Leben auf den Kapverden

Christiane Schulzki-Haddouti: Wie hat es dich eigentlich auf Cabo Verde verschlagen?

Christian Fu Müller: Vor fünf Jahren bin ich zum ersten Mal im Urlaub nach Cabo Verde geflogen. Danach bin ich jedes Jahr einen Monat dort gewesen und hab Freunde und ein Projekt namens “Delta Cultura”, das ich gerne unterstütze, gefunden. Ich habe schnell den Wunsch gespürt komplett dorthin zu ziehen. Die Umgebung komplett zu wechseln hält einen fit im Kopf, ich habe es bisher nicht einen Tag lang bereut nach Afrika gegangen zu sein.

Christiane Schulzki-Haddouti: Was bedeutet das für dich?

Christian Fu Müller: Es besteht eine große Herausforderung darin, sich selbst in Frage zu stellen, neue Wege nicht nur zu suchen sondern dann auch zu gehen. Ich bin hier darauf angewiesen organisatorische, interpretative und improvisatorische Skills einzusetzen.

Christiane Schulzki-Haddouti: Welche Art von Herausforderung ist das? Und was hast du dort lernen können?

Ich lerne eine neue Sprache und lerne eine völlig andere Kultur kennen. Ich muss flexibel bleiben und die Dinge von vielen Seiten betrachten. Ich bin ja noch nicht einmal zwei Jahre hier, aber ich habe schon viel gelernt über Nächstenliebe, Demut und wie ungerecht diese Menschheit eigentlich ist. Ich habe über meinen Umgang mit Menschen gelernt und viel über mich selbst herausgefunden. Das alles zeigt mir ziemlich klar, an was ich in Zukunft arbeiten werde um mich zu verbessern. Ich weiß nicht, ob ich das so in Deutschland hätte.

Christiane Schulzki-Haddouti: Wäre dein Modell auf Portugiesisch möglicherweise nicht auch eine alternative Einnahmequelle für die Inselbewohner? Oder sind die Verbindungskosten auf der Insel so hoch, dass sie die Einnahmen wieder rasch aufbrauchen?

Christian Fu Müller: Exakt das ist hier noch das Problem. Wenn Du viel im Netz bist, dann kostet Dich das Internet leicht 500 Euro pro Monat. Ein normaler Lohn hier sind 150 Euro pro Monat, daran siehst Du, wie hoch die Einstiegshürde also ist. Trotz allem hat ein solches System ein enormes Potential, sobald das Internetmonopol der ausbeuterischen CV Telecom fällt – und das dauert nicht mehr lange, das Mobilfunk Monopol ist bereits gefallen und hat die Preise extrem purzeln lassen. Sobald Du eine Flatrate für 30 Euro im Monat bekommen kannst, können Leute hier anfangen im Netz Geld zu verdienen, ohne großartige weitere Kosten oder technische Hürden.

Unser Verein „Delta Cultura“ ist schon seit längerem dabei, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Informations- und Kommunikationstechnik-Bereich auszubilden um ihnen die Werkzeuge für diese Zukunft in die Hand zu geben. Wir setzen ganz stark auf das Internet als Hilfe um Wege aus der Armut zu finden.

Christiane Schulzki-Haddouti: Hast du weitere Projekte in Planung?

Christian Fu Müller: Immer :) Ich arbeite gerade an einer englischsprachigen Plattform zum sammeln von freier Musik im Netz. Ich will das Ding bis Ende des Jahres im Betrieb haben und gemeinsam mit anderen Bekloppten benutzen.

Christiane Schulzki-Haddouti: Was wird das besondere daran sein, die freie Musik? Wird das so aussehen wie last.fm?

Christian Fu Müller: Nein, viel simpler, eher ein bisschen wie Delicious, aber ausschließlich für MP3s. Die Anwendung vereinfacht das sammeln von MP3s “on the fly” beim surfen und verbindet das ganze mit „Social Features“. Man wird es aber auch ganz passiv zum Musikhören benutzen können.

Christiane Schulzki-Haddouti: Vielen Dank für das Gespräch.

Spendenaufruf

Unterstützen Sie die Aufbau- und Ausbildungsarbeit auf den Kapverden!
Spenden Sie Ihren alten Computer Delta Cultura.

Bildquellen: Portraitbild sowie hier alle weiteren nicht aufgezählten Bilder / Christian Fu Müller, Informatikkurs-Abschluss/ Delta Cultura mit freundliche Genehmigung von Christian Fu Müller

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
This entry was posted in Anwendungen, Interview, Lernen and tagged , , , , , . Bookmark the permalink.

5 Responses to “Piraten sind Innovatoren” – Interview mit Christian Fu Müller aka Francis Drake

  1. Pingback: FreieNetze.de » “Piraten sind Innvatoren” - Interview

  2. Pingback: KoopTech » Feature Medien » Feature: An Zielgruppen orientiertes Online-Marketing

  3. Sehr schönes und ausführliches Interview. Hat mir sehr gut gefallen :)

    Ich persönlich nutze den Infopirat sehr gerne. Die großen Portale wie Yigg und Webnews sind mir einfach zu aufwendig in der handhabung.

  4. Pingback: now » Dann haben wir überlegt: “Informationen sammeln”, “Schätze...

  5. Pingback: KoopTech » Titelgeschichte » Unbundling the Publishing Industry - Interview with Arthur Attwell, Founder of Electric Book Works

Comments are closed.