Kai Gniffke, der zu zuletzt mit diversen Fahnenpannen gebeutelte Chefredakteur der Tagesschau, ermutigt seine Chefkollegen im Tagesschau-Blog zu mehr Offenheit und Selbstkritik:
Die Bloggerei ist meiner Meinung nach eine Grundsatzentscheidung für Transparenz. Das gilt für die spannenden Tage, an denen wir eine brauchbare Schneise durch’s Nachrichtendickicht geschlagen haben, aber auch für Phasen, in denen wir die Seuche haben. So eine Kultur der Offenheit ist nicht risikofrei, ein Schönwetter-blog geht nicht. Aber man stelle sich vor, andere Chefredakteure steigen mit ein, reden offen über Versäumnisse und kleine liebenswerte Pannen in ihren Medien. Jungs, habt Mut! Es gibt zwar gelegentlich auf die Schnauze, aber es ist die Sache wert.
Wie das geht mit der Selbstkritik führte er tags zuvor nach der zweiten Fahnenpanne (amerikanische Flagge mit einem extra weißen Streifen) vor, als er “die Seuche” konstatierte:
Niemanden bei uns lässt das kalt, weil wir nun mal an der Sendung hängen. Alle waren entsetzt und ich selbst brauchte eine Zeitlang den Vergleich mit Rumpelstilzchen nicht zu scheuen. Am Ende steht die Erkenntnis: Wir haben im Moment bei ARD-aktuell einfach Mist an den Hacken kleben. Da müssen wir jetzt durch. Nicht verrückt machen lassen, aber genau analysieren, woran es jeweils liegt, Fehlerquellen beherzt abstellen, Konzentration noch eine Stufe höher stellen und Havariefälle immer mal wieder üben.
Klasse. Auch “Der Westen” hat ein vorbildliches “Korrekturblog” – da geht es aber im Vergleich zur Tagesschau noch recht gesittet zu. Frage an meine Leser: Wo gibt es noch mehr selbstkritische Chefredakteure?


Nachtrag aus Twitter:
Danke @sixtus: Handelsblatt / Bernd Ziesemer, http://ziesemer.blogg.de/
Danke @Fischblog: Spektrum der Wissenschaft / Reinhard Breuer, http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/forschern-auf-der-spur
“Unser” Chefredaktor bloggt schon seit längerem, wenn auch nicht sehr regelmässig: http://cr.blog.sf.tv/
Und auch eine “Korrekturspalte” ist Teil des Online-Angebots des Schweizer Fernsehens: http://tagesschau.sf.tv/dienste/korrekt
Vielleicht wäre es ja ein erster Schritt, zunächst im Intranet zu bloggen, also den Alltag der eigenen Arbeitswelt wie den der Kollegen zu reflektieren. Sobald sich der Chefredakteur/die Chefredakteurin dort freigeschwommen hat, könnte dann der mutige Sprung an die große Öffentlichkeit erfolgen.
Beide Schritte bedingen die Einsicht, dass mit einer offenen Kommunikationskultur mehr zu gewinnen ist als mit dem im Lauf der eigenen Karriere konditionierten Schutz der persönlichen Verletzlichkeiten.