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7+ Kommunikations-Phänomene in Netzwerk-Sozialitäten

Von Christiane Schulzki-Haddouti • 03.August 2008 • Kategorie: Literatur, Medien

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Wer etwa den maßgeblich von Howard Rheingold geprägte Begriff der Community bzw. der virtuellen Gemeinschaft als “soziale Science-Fiction” oder gar als “konservativ und nostalgisch” empfindet, könnte sich mit dem Begriff der “Netzwerk-Sozialität” anfreunden, der eher den von Richard Sennett festgestellten “Verfall von langfristigen, nachhaltigen und tiefen Beziehungen” reflektiert.

Vorgestellt wird die “Netzwerk-Sozialität” in einem Beitrag von Andreas Wittel im bereits 2006 erschienenen Band “Konnektivität, Netzwerk und Fluss“. Herausgegeben von Andreas Hepp, Friedrich Krotz, Shaun Moores und Carsten Winter untersuchen neun Autoren entlang der metaphorischen Konzepte der Konnektivität, des Netzwerks und des Flusses “Konzepte gegenwärtiger Medien-, Kommunikations- und Kulturtheorie”.

Die Netzwerk-Sozialität zeichnet sich durch informative Beziehungen bzw. informationelle Bindungen aus und besteht aus “kurzlebigen, aber intensiven Begegnungen”. Erfahrbar sind diese etwa in Arbeitsprojekten, in denen sich Arbeitnehmer und Selbständige befristet für ein gemeinsames Ziel zusammenfinden. Aber auch auf informellen Treffen wie Partys werden “Flüchtigkeit von Interaktionen, ihre Intensität und Fluktuation sozialer Konstellationen” als Dimensionen der Netzwerk-Sozialität sichtbar.

Die Netzwerk-Sozialität gründet auf Individualisierung und ist “zutiefst in Technologie” eingebettet. “Transport- und Kommunikationstechnologien liefern die Infrastruktur für Menschen und Gesellschaften in Bewegung”. Die Sozialitäten befinden sich gleichzeitig in “technogener Nähe” und physischer Distanz zueinander.

Zu den in Netzwerk-Sozialitäten feststellbaren Kommunikationseffekten gehören verschiedene Phänomene rund um Themen wie Zeit, Macht und Interpretation:

  • Beispielsweise werden Face-to-Face-Interaktionen, die nicht von technologischen Hilfsmitteln unterbrochen werden, im urbanen Raum zur Ausnahme: Treffen, in denen das Gespräch nicht vom Schnarren einer SMS oder dem Klingeln des Handys unterbrochen werden oder Veranstaltungen, in denen Teilnehmer sich nicht auch parallel über Informationsströme aus dem Netz informieren bzw. mit virtuellen Teilnehmern kommunizieren. Dies erfordert von Fall zu Fall ein Aushandeln der sozialen Konstellationen.
  • Im Vorwort weisen die Herausgeber darauf hin, dass deterritorialisierte Kommunikationsräume das Entstehen “diasporischer Kommunikationsformen” (Dayan 1999) begünstigen können. Die kulturellen Räume von Migrationsgemeinschaften etwa decken sich nicht mit den territorialen Grenzen von Staaten. Aber auch in weniger mobilen Bevölkerungsgruppen werden lokale Welten mit Hilfe von Medien und IT- und Kommunikationstechnologien beeinflusst. Der Begriff der Translokalität gewinnt bei der Beschreibung des Kommunikationswandels an Bedeutung. Eng damit verbunden sind auch Fragen um soziale Ungleichheit und Macht.
  • John Tomlinson (ebd.) weist ergänzend darauf hin, dass soziale Kontakte unmitelbar auch dann aufrecht erhalten werden können, wenn die Kommunikationspartner physisch mobil sind. Damit überwinden sie nicht nur Beschränkungen der Lokalität, sondern eröffnen sich auch Möglichkeiten, kulturelle Horizonte zu erweitern.
  • Nick Couldry (ebd.) wiederum greift mit “Liveness” eine mediale Eigenschaft des Fernsehens auf, die zunehmend auch über Netzmedien zu erleben ist und die hierzulande erst kürzlich zu einer regulatorischen Kuriosität führte. Fast prophetisch schreibt er: “Wir betreten eine Zeit, in der es wahrscheinlich ein dynamisches Wechselspiel zwischen verschiedenen Arten der Liveness und den unterschiedlich organisierten Netzwerken, für die diese Arten stehen, geben wird.” Zwei fundamentale Verschiebungen innerhalb der Informations und Kommunikationstechnologien drohten die traditionelle Liveness zu “destabilisieren”: Zum einen die “soziale Ko-Präsenz” in sehr kleinen Gruppen in Chatrooms bis hin zu internationalen Publika für aktuelle Nachrichten auf zentralen Websites. Zum anderen die “Gruppen-Liveness” etwa einer Gruppe von Freunden, die über Handys ständig miteinander in Kontakt stehen.

Meiner Meinung nach gibt es noch weitere typische Kommunikationsphänomene:

  • Die digitale Mundpropaganda bzw. der Umstand, dass ein Kommunikationsobjekt innerhalb eines kurzen Zeitraums durch miteinander vernetzte Kommunikationsteilnehmer eine exponentiell wachsende Aufmerksamkeit erfahren kann. Sie basiert auf den Verweisen vieler Einzelner auf ein Kommunikationsobjekt innerhalb eines Kommunikationsnetzwerks. Beispielsweise können Videos in kürzester Zeit ein Millionenpublikum finden
  • Ein hier angelehntes Phänomen ist das der Smart Mobs, die sich mit Hilfe kooperativer Technologien wie SMS, E-Mail, soziale Netzwerke, Blogs oder Microblogging in großer Anzahl koordinieren, um etwa eine Meinung auszudrücken, Proteste, Kampagnen und sogar gewalttätige Aktionen zu organisieren (vgl. Rheingold 2002).
  • Über “virale Effekte” (vgl. Zerfass/Boelter 2005) bzw. über ein “Schwarmverhalten” kann sich eine so genannte “kollektive Intelligenz” entwickeln bzw. die “Weisheit der Masse” entstehen (Surowiecki 2005). Bestes Beispiel hierfür ist das kollaborativ erstellte Online-Konversationslexikon Wikipedia, aber auch diverse “Open Innovation”-Plattformen. Ebenfalls von vielen Nutzern profitieren Dienste für Social Bookmarks und Social News.

Die in Netzwerk-Sozialitäten begründeten sozialen Beziehungen werden zunehmend als “soziales Kapital” wahrgenommen, das es zu verwalten gilt.  Wittel zeigt am Beispiel von Visitenkarten, wie Menschen versuchen, ihre Beziehungen zu ordnen und zu kategorisieren. Auf die zunehmend verbreiteten sozialen Netzwerke wie Xing oder Facebook, die über virtuelle Visitenkarten ein vielfältiges Beziehungsmanagement zulassen, geht er leider nicht ein. Er stellt jedoch fest, dass das “Netzwerken als Sozialpraktik” noch untererforscht ist. Es fehle an empirischen Daten, insbesondere an ethnografischen Unterschuchungen. Zu untersuchen sei aber auch, wie sich soziales in ökonomisches Kapital umwandelt oder wie Funktionalität und Moralität in der Netzwerk-Sozialität ausgehandelt wird.

Noch eine Anmerkung: Dass der Band die von mir aufgezählten Kommunikationsphänomene bzw. vermissten Beispiele nicht  benennt, liegt höchstwahrscheinlich daran, dass seine Beiträge auf einen bereits 2003 durchgeführten Workshop der DGPuK zurückzuführen sind. Gerade in einem Forschungsbereich, der sich wie der der Neuen Medien derart rasant wandelt, ist es doch sehr erstaunlich, dass sich die Herausgeber so viel Zeit gelassen haben. Dies spricht umso mehr für das Vorab-Publizieren in einem interdisziplinären deutschsprachigen Online-Journal, das den Medienwandel aus soziologischer und kommunikationswissenschaftlicher Sicht beleuchtet.

Mich würde interessieren, welche weiteren Kommunikationsphänomene als typisch für die Netzwerk-Sozialität gelten können. Any ideas?

Rivva

Titelbild: flickr/veganstraightedge

Erwähnte Literatur:

  • Dayan, Daniel (1999): Media and Diaspora. In: Gripsrud, J. (Hg.): Television and Common Knowledge. London
  • Rheingold, Howard (2002): Smart Mobs. The Next Social Revolution. Basic Books
  • Surowiecki, James (2005): The Wisdom of Crowds
  • Wittel, Andreas (2006): Auf dem Weg zu einer Netzwerk-Sozialität. In: Hepp, Andreas / Krotz, Friedrich / Moores, Shaun / Winter, Carsten (Hg.): Konnektivität, Netzwerke und Fluss. Wiesbaden: VS Verlag 2006, S. 163-188
  • Zerfass, Ansgar und Boelter, Dietrich (2005): Die neuen Meinungsmacher: Weblogs als Herausforderung für Kampagnen, Marketing, PR und Medien. Graz: Nausner & Nausner
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9 Kommentare »

  1. Ich denke eine der nächsten spannenden Entwicklungen könnte die “Rückkehr” des physischen Raums auf Metaebenen sein. Zum einen sind da Handydienste wie Aka-Aki. Installiert man ein Software auf sein Mobiltelefon, kann dieses per Bluetooth andere Benutzer des Services, die in unmittelbarer Nähe sind, orten. Profileinsichten und das Versenden von Nachrichten sind dann möglich. Zu Hause kann man alternativ über ein Webinterface sehen, wer in der Nähe war und ebenfalls an die entsprechenden User Nachrichten versenden.
    Zum anderen gibt es, dank der API von Google Maps, in diversen Geo-Mashups die Möglichkeit, Informationen über bestimmte Orte weltweit auszutauschen. Das können “harmlosere” Anwendungen wie Qype sein, bei denen man etwa Bewertungen für Restaurants und Dienstleister austauscht oder – wesentlich gruseliger – RottenNeighbor, ein Portal, auf dem man “schlechte” Nachbarn denunzieren und auf einer Weltkarte markieren kann, etwa solche die laute Kinder haben, den Müll nicht trennen, Drogen verkaufen, und ähnliches. Interessant ist noch Citysense, ein bis dato erst in San Francisco verfügbarer Dienst, der eine Anwendung für das iPhone ist und jedem User, der sie aktiviert hat, auf einer Art “Wärmekarte” anzeigt, wo besonders viele Menschen unterwegs sind, etwa nachts in Bars und auf Partys, kombiniert mit interaktiv aufrufbaren Informationen über den jeweiligen Ort.
    In den von mir genannten Beispiele findet Kommunikation nicht im Raum, sondern über den Raum statt. Es ist der Ort selbst, der die Menschen zusammenführt, in gewisser Hinsicht “spricht”, wenngleich dafür keine physische Präsenz mehr nötig ist. Mit der wachsenden Zahl von GPS-Empfängern in Handys und mobilen Internetzugängen ist das in meinen Augen jedenfalls eine Entwicklung, die anhalten wird. Dass einige Anwendungen davon datenschutzrechtlich schwer bedenklich sind, ist unbenommen.

  2. Hm, da ich als Philosophiestudent mich sehr stark mit Kulturtheorie auseinandersetze und das Buch mal so absolut meinen Horizont abdeckt, möchte ich mich mal für den Hinweis bedanken.

    Also ich würde mich auch Frank anschließen. Derzeit kommen immer mehr Dienste auf, die Netzwerke zurück in die räumliche Ebene projizieren. Eben auch Statusdienste werden sich in eine solche Richtung bewegen. Anzeige von Informationen zur Lokalisation und Angabe der Tätigkeit.
    Das dies datenschutzrechtlich problematisch bzw. bedenklich wird ist klar. Dennoch geben Nutzer entweder freiwillig ihre Daten preis, was ihnen ja durchaus gestattet ist oder die Daten werden unbefugt abgerufen, was allerdings schon seit Jahren möglich ist.
    Ich denke, dass die Privatsphäre nicht kleiner wird, wenn sie geteilt wird. Der wichtige Aspekt bleibt ja darin bestehen, dass die Nutzer diese Teile von Privatsphäre größtenteils durchaus freiwillig aufgeben. Das Ziel dabei ist eben dieses Sozialität innerhalb eines neuen Mediums. Das Internet wird alltäglicher und die Kommunikation passt sich entsprechend an.
    Dennoch suchen viele Beteiligte auch die Rückbindung auf der realen Ebene. Gute Beispiele hierfür sind die plogbars, Barcamps und Usertreffen, die es allerdings auch schon in den Anfängen gegeben hat.

    Aber diese Diskussion lässt sich ins Endlose treiben …

  3. Zum Thema Privatsphäre und neue, raumbezogene Dienste, hatte ich vor über einem Jahr einen ausführlichen Beitrag in der “Neuen Gegenwart” – http://www.neuegegenwart.de/ausgabe51/datenschutz.htm

    ?
  4. Sehr spannender Artikel. Werde ich mit heute in Ruhe noch einmal durchlesen.

  5. [...] mal tausend Dank! 4. August 2008 Geburtstagsglückwünsche in sozialen Netztwerken sind ein Kommunikations-Phänomen. Ich bin erschlagen und überwältigt von allen Tweets, Mails, SMSsen, Anrufen, ja Postkarten (auf [...]

  6. Danke, nehme den Artikel auch gerne mal für später mit.

  7. @Frank: Dass die Google Maps API nicht nur diverse Info-Mashups (das gibts da, und das ist dort) möglich sind, sondern auch neue Formen eines Social Network ermöglichen, zeigt das deutsche Entertainment.Portal WhatsYourPlace (.de)

  8. [...] Beschreibung scheint mir etwas zu eng gefasst – sind doch wesentlich mehr Kommunikationsphänomene zu beobachten wie nur der “Prosumer” oder [...]

  9. [...] The Social Network as a Career Safety Net und auf KoopTech beschreibt Christiane Schulzki-Haddouti 7+ Kommunikations-Phänomene in Netzwerk-Sozialitäten—aber welche unabdinglichen existentiellen Funktionen/Inhalte stellen denn die Netzwerke [...]