Bewertungsprobleme in Nachrichtenströmen
Von Christiane Schulzki-Haddouti • 18.August 2008 • Kategorie: Medien1,641 views • 3 Kommentare
Leser müssen in den Nachrichtenströmen von Videoplattformen, Blogs, Sozialen Netzwerken und Web-Portalen mit einer steigenden Zahl Fakten und Aktualisierungen umgehen können. Dabei müssen sie zunehmend selbst die Bedeutung und Validität von Primärquellen bewerten und einordnen. Dass dies aber bei scheinbar professionellen Medienproduktionen selbst gestandenen Journalisten nicht immer gelingt, zeigt Medienkritiker Paul Bradshaw mit einem Youtube-Video, das die angebliche Verletzung einer TV-Reporterin in Georgien durch einen Sniper zeigt. Zumindest berichtete eine Handvoll Zeitungen, dass das Video dies wohl dokumentiere – trotz zahlreicher skeptischer Zuschauerkommentare.
Anmerkung:Das Video kann zwar eingebettet werden, über die YouTube-Site jedoch nur nach einer Altersverifikation angesehen werden. (Merkwürdig!)
Bradshaws Kommentar:
Here’s the point: it doesn’t matter whether the video is real or staged. People are increasingly savvy and sceptical: they believe what they want to believe and they know that the first casualty of war is the truth. If you don’t respond to their comments asking about verification, or address the suggested ballistics explanations, then you have no claim to ‘the truth’: to them you’re just another desperate news pimp falling for a gory video.
Zum Hintergrund: Jeder kann in immer kleineren Social-Media-Nischen Inhalte veröffentlichen. Dies führt unter anderem dazu, dass zunehmend auch Primärquellen für Ereignisse wie etwa Zeugen einer Katastrophe ihre Erlebnisse in Form eines Wort-, Audio- oder Videoberichts veröffentlichen können.
Das Problem der veränderten Mediennutzung greift eine kulturanthropologische Studie (PDF) auf, die die Nachrichtenagentur Associated Press 2007 und 2008 durchführen ließ. Sie erzeuge ein “chaotisches System der eigenen Aggregation, das nicht nur für die Produzenten von Nachrichten, sondern auch für die Verbraucher zu enttäuschenden Ergebnissen führt”. Die meisten Teilnehmer der Studie nehmen Nachrichten nurmehr als Headlines oder als Aktualisierung in einem Nachrichtenstrang wahr.
Vertiefende Hintergrundberichte finden immer weniger Aufmerksamkeit: “Fakten und Updates sind die Einstiegspunkte, die zurzeit den größten Teil des digitalen Raums in Anspruch nehmen, während die Hintergrundberichte und Future Stories um Aufmerksamkeit ringen.” Inhalteanbieter, so die Studie, müssten daher neue Formate finden, um den Lesern die Hintergrundinformationen näher zu bringen. Außerdem sollten Wiederholungen und Dopplungen vermieden werden, um einer sich ausbreitenden Nachrichtenmüdigkeit entgegenzuwirken. Schließlich gelte es gezielt vertiefende Nachrichteninformationen anzubieten.
Die Studie schlägt Nachrichtenagenturen in einem neuen Modell einen dreiteiligen journalistischen Prozess vor: So müsse in einem erste Schritt eine wichtige Nachricht als Headline veröffentlicht werden, in einem zweiten Schritt folge die Meldung im Präsens. In einem dritten Schritt schließlich wird ein Bericht geschrieben, der schließlich für verschiedenen Plattformen und Zielgruppen unterschiedliche Formate annehmen kann. Um das Publikum mit seinem eher fragmentierten und unstrukturierten Nachrichtenzugang zu erreichen, müssten neue Distributionsmechanismen entwickelt werden.
Kern dieser neuen Verteilinfrastruktur sei ein Datenbank-Zugang für alle Nachrichten sowie eine detaillierte Kennzeichnung der Inhalte mit Metadaten wie etwa Tags. Dies muss auch eine automatische Generierung von Links zu ähnlichen bzw. verwandten Themen beinhalten. Diese Metadaten sollen auch übergreifend über mehrere Inhalteanbieter hinweg verfügbar sein, um dem Leser etwa über Widgets und Suchalgorithmen einen logischen Pfad quer durch die Nachrichtenwelt erschließen zu können.
Christiane Schulzki-Haddouti ist seit 2007 auf KoopTech bloggend unterwegs, arbeitet jedoch hauptsächlich als freie IT- und Medienjournalistin.
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