Eines Tages – und die Suche nach Autoren

Die kollaborative Geschichtswerkstatt des Spiegels, “Eines Tages”, wurde für die diesjährigen Preise der US-amerikanischen Online News Association nominiert - wohl als erste deutsche Nominierung überhaupt. Herzlichen Glückwunsch! Fiete Stegers merkt dazu an, dass die meisten Beitrage noch immer von Profis stammen und dass es wohl nicht so ganz einfach ist, auch den Otto-Normal-Leser fürs Schreiben zu motivieren.

Dazu kann ich etwas aus dem Nähkästchen plaudern. Vor wenigen Monaten erhielt ich einen Anruf von einer “Eines Tages”-Redakteurin, die auf mein mittlerweile 11 Jahre altes Projekt “Erlebte Geschichte” aufmerksam geworden war, das ich im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz für die Jugendkunstwerkstatt Koblenz und die Landesbüchereistelle Rheinland-Pfalz konzipiert und umgesetzt hatte. Sie fragte, ob sie einige Geschichten übernehmen könnte. Wir tauschten uns etwas aus und stellten fest, dass potenzielle Autoren wohl auch nach einem Jahrzehnt Internet immer noch gezielt angesprochen werden müssen, um sie für eine Mitarbeit zu gewinnen können. Offensichtlich spielt es keine große Rolle, ob man den Beitrag selbst ins System stellen kann oder erstmal an eine Redaktion schicken muss. Jedenfalls findet “Eines Tages” derzeit wohl jede Woche in etwa so viele Autoren wie die “Erlebte Geschichte” vor elf Jahren.

Viele Geschichten erhält “Eines Tages” für die letzten dreißig Jahre. Schwierig ist es aber wohl, Autoren zu finden, die über die Zeit rund um den zweiten Weltkrieg berichten können. Vor einer ähnlichen Herausforderungen standen wir damals für die “Erlebte Geschichte”, als wir innerhalb von wenigen Monaten möglichst viele Autoren finden mussten, die bezogen auf 50 Jahre Rheinland-Pfalz Geschichten erzählen konnten. Natürlich hatte die Lokalzeitung damals mehrfach über das Projekt berichtet, aber viel Resonanz fanden die Aufrufe nicht. Auch dass es eine neue Internetseite gab, wo man eigene Erlebnisse publizieren konnte, hatte auch damals nicht wirklich als Anreiz ausgereicht, um tatsächlich aktiv zu werden.

Der Erfolg stellte sich erst ein, als wir potenzielle Autoren persönlich über temporäre “Internet-Cafes” mit Lesungen und Surfstunden in den Bibliotheken in Konz, Hachenburg und Daun ansprachen. Wir mussten damals zudem auch erst einmal erklären, was das Internet ist und was man damit machen kann. Hilfreich war es natürlich auch, prominente Zeitgenossen direkt anzusprechen und um einen Beitrag zu bitten. Auf diese Weise kam dann in kurzer Zeit eine beachtliche Anzahl von Autoren und Geschichten zusammen.

Da es damals so etwas wie ein offenes CMS- bzw. Blogsystem nicht gab, schickten uns die meisten ihre Geschichten per Diskette. Am Ende hatten wir einen ein Meter hohen Diskettenstapel verarbeitet. Wir erhielten sogar ein Tonband in Pfälzer Mundart, das wir transkribierten. Und wir scannten sogar eine komplette Fotoausstellung ein. Selbst vor Gedichten und Kochrezepten schreckten wir nicht zurück.

Was die Kriegszeit anbelangt: Auffallend war damals, dass der Krieg wohl erst kurz vor Kriegsende tatsächlich von den Menschen intensiv erlebt wurde – auf jeden Fall erhielten wir zum letzten Kriegsjahr viele Geschichten – wie auch für die drei Jahre danach. Mein Tipp für “Eines Tages”: Kooperationspartner in Städten suchen, die engen Kontakt mit lokalen Geschichtswerkstätten und Autorengruppen pflegen. Stadtbibliotheken bieten sich als Anknüpfungspunkt hierfür hervorragend an. Gerade die ältere Generation muss hierfür persönlich angesprochen werden!

Die “Erlebte Geschichte” sucht übrigens bis heute jemanden, der das Projekt übernehmen und zuverlässig weiterführen könnte. Die Urheberrechte sind entsprechend abgeklärt. Eine Kooperation mit “Eines Tages” hat bislang leider nicht geklappt, da “Eines Tages” nur Geschichten möchte, die auch Fotos enthalten. Außerdem möchte ich das Projekt nicht fleddern, sondern als ganzes abgeben. Meine Hoffnung ist, dass dann nicht nur das an den Yahoo-Katalog von 1997 angelehnte Design renoviert, sondern dass auch das Projekt inhaltlich vorangebracht wird.

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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16 Responses to Eines Tages – und die Suche nach Autoren

  1. Trendschau says:

    Spannende Sache, wenn man allerdings mal in historischen Bibliotheken schnüffelt, findet man ganze Regale mit Oral History. Und inzwischen gibt es ja auch jede Menge Dienstleister und History-Agenturen, die so etwas anbieten. Ich kann mir nur vorstellen, dass es enorm schwierig ist, die losen Erinnerungen in eine lesbare Erzählung zu gießen, und dabei noch bei historisch ja häufig sensiblen Themen eine Einordnung hinzubekommen. Gerade die Zeitzeugen sind mit den Hintergründen weniger vertraut, als 30 Jahre später die Historiker nach Öffnung der Archive. Das sollte die persönliche Erinnerung zwar eigentlich überhaupt nicht berühren, aber die Reserviertheit kann ich vor dem Hintergrund schon ein bisschen nachvollziehen. Trotzdem finde ich das History-Projekt vom Spiegel einen der wenigen guten Ansätze, über ein Portal Usern die Möglichkeit zum Mitmachen zu geben, braucht halt vielleicht noch etwas. Bringt mich übrigens auf die Idee, Carlo Ginzburg nochmal zu lesen, Der Käse und die Löcher (oder so), hat mich damals ja sehr fasziniert…

  2. Jede Menge erzählte Geschichte gibt es im Generationenprojekt:

    http://www.generationenprojekt.de/

    das seit 1997 online ist und damit “die Mutter aller erzählten Lebensgeschichte” im Web – öfter schon kopiert (man lese den Intro-Text auf der Startseite, wo auch einestages.de Erwähnung findet. )

  3. Christiane says:

    Danke für den Hinweis, das hatte ich gar nicht mehr “auf dem Schirm”. Die “Erlebte Geschichte” war ebenfalls ein Projekt im Jahr 1997. Vielleicht könnte das Generationenprojekt die Texte der “Erlebten Geschichte” übernehmen?

  4. Darüber können wir gerne sprechen.

    juh
    http://www.generationenprojekt.de

  5. Falk Lke says:

    Betrachten wir es mal andersherum: das Projekt EinesTages als UGC-Portal, bei dem die Nutzer vorbeikommen und freiwillig ihre Geschichten und Fotos abliefern: es funktioniert nicht. Selbst mit der Marktmacht und Reichweite von Spiegel Online ist es nicht möglich, die deutschen Internetnutzer zur Nutzung eines solchen Portals zu bewegen.

    Vielleicht könnte es daran liegen, dass EinesTages vor allem einen Designfehler hat: wayne interessierts? Kann ja sein, dass Kollektivhistorie spannend ist (für mich ist sie es), aber der Fokus auf längst vergangenes ist einfach mal… Staubig.

  6. Christiane says:

    Das Urteil finde ich etwas zu hart. Es funktioniert ja, aber nicht sooo gut, wie zum Beispiel ein Portal namens Youtube oder Flickr. Schreiben macht einfach Mühe. Und man muss bei einer so engen Zielgruppe wie hier (ältere Generation) auch nicht nur auf Einträge warten, sondern selbst aktiv werden.

    Auch bei der Wikipedia sind nur die wenigsten tatsächlich aktiv und niemand würde sagen, dass sie nicht funktioniert:
    Nutzer im deutschsprachigen Wikipedia (Stand 2007)
    Wikipedianer insgesamt 39.263, Zunahme im letzten Monat von Wikipedianern mit insgesamt mehr als 10 Beiträgen 1.665, Benutzer mit mindestens 5 Beiträgen innerhalb des letzten Monats 8.239, Benutzer mit mindestens 100 Beiträgen innerhalb des letzten Monats 1.096

  7. Claudia says:

    “Staubig” ist das vielleicht für Netz-affine junge Leute, ganz anders sieht es bei alten Menschen aus, die oft ganz von selber dazu neigen, in der Vergangenheit zu leben und von “damals” zu erzählen.
    Ich finde, solche Projekte bedürfen der Vernetzung zwischen Online- und Offline-Aktivitäten. Leute, die im Seniorenbereich arbeiten, Computer-, Schreib- und Web-Kurse geben, wären die richtigen Ansprechpartner, um im Rahmen ihrer Arbeit älteren Menschen diese Projekte vorzustellen und das Mitmachen anzuregen. Da gäbe es bestimmt einiges Potenzial!

  8. Falk Lke says:

    Nun, “erzählen” trifft es ganz gut: gefühlsmäßig ist es kein UGC-Projekt. Sondern ein “Wir fahren rum und interviewen die Menschen vor Ort, die die Geschichte ihres Ortes/ihres Lebens erzählen können”-Videoprojekt. Living History-Interviews halt…

  9. Christiane says:

    Da trügt dich, denke ich, dein Gefühl. Zumindest was die “Erlebte Geschichte” anbelangt. Wir haben damals mit den Internet-Cafs nur Foren geschaffen, die offen waren für alle Beiträge. Und es war eben die ältere Generation, die sich angesprochen fühlte und uns mit ihren Beiträgen schier überrannte. Ohne dass wir dies intendiert hätten! Wir wollten ja nur Geschichten aus den “letzten 50 Jahren”. Aber wir mussten eine Form finden, damit sich die potenziellen Autoren angesprochen fühlten. Was anderes ist das als User-Generated-Content? Denn die Internetplattform bestand aus nichts anderem als UGC.
    Living-History-Interviews sehe ich auch nicht bei “eines tages”. Ich meine aber, dass es gerade bei der älteren Generation nicht genügt, einfach ein Eingabeformular zu programmieren. Die Ansprache muss persönlicher sein.

  10. Falk Lke says:

    Natürlich muss die Ansprache sehr viel persönlicher sein. Da kann ich mir halt auch jede Menge vorstellen, insbesondere in der crossmedialen Ansprache – aber das ist nicht unbedingt etwas, was ich jetzt hier breittreten werde. Mit Consulting für so etwas verdiene ich nunmal mein Geld.

  11. Benedikt says:

    Falk, du schreibst: “Selbst mit der Marktmacht und Reichweite von Spiegel Online ist es nicht möglich, die deutschen Internetnutzer zur Nutzung eines solchen Portals zu bewegen.” Vielleicht heißt es aber besser “Gerade mit der Marktmacht und Reichweite …” Wikipedia zeigt, dass auch die Deutschen mit sehr viel Engagement und Detailverliebtheit die Architekturgeschichte von Autobahnzubringern, Stadtteilhistorien oder die Vergangenheit diverser Bayerischer Ulanenregimenter zusammensuchen, veröffentlichen und darüber leidenschaftlich diskutieren. Auch ohne persönliche Ansprache, sondern durch eine anonyme “Pedia”. Der Wille zum Schreiben ist da. Aber die meisten wissen wahrscheinlich gar nicht, dass sie zu SPON etwas beitragen können.

  12. Claudia says:

    Man könnte zum Zweck der persönlicheren Ansprache

    -> Volkshochschulen einbinden, die von Senioren besuchte Kurse abhalten
    -> Seniorenfreizeit-Einrichtungen kontakten
    -> Hausverwaltungen von Projekten des “betreuten Wohnens” ansprechen, die suchen oft nach interessanten Angeboten, mit denen sie ihre Residenzen inhaltlich belebe können
    -> ambulante Pflegedienste anschreiben, ihnen einen Flyer zum verteilen mitgeben
    -> dito bei “Essen auf Rädern”
    -> große soziale bzw. ehrenamtliche Dienste ansprechen, die Kontakte zu Senioren haben: AWO, Grüne Damen, etc.
    -> Betreiber von Seniorenportalen bitten, die Projekte in ihren derzeit boomenden Coms bekannt zu machen.
    und vieles mehr.

  13. juh says:

    Ich weiß von einigen Autoren, die beim Generationenprojekt mitgemacht haben, dass sie ihre Geschichte als Book on Demand veröffentlicht haben. Je bekannter die Print-on-Demand-Möglichkeiten wurden, umso geringer wurde die Bereitschaft, einen Beitrag beim Generationenprojekt zu veröffentlichen. Immer öfter wurden mir auch “Ausschnitte” aus den Büchern angeboten, die Plattform also als Marketinginstrument “missbraucht”. Da es außerdem immer leichter wurde, eine eigene Website zu pflegen, fiel die Notwendigkeit weg, fremde Plattformen zu nutzen.

    Claudias Vorschläge würden sicherlich helfen, wieder mehr Leben ins Projekt zu bringen. Sie stehen auch schon seit Jahren auf meiner ToDo-Liste. Da ich das Generationenprojekt aber in meiner Freizeit unentgeltlich betreibe, habe ich dazu einfach keine Zeit. Hilfe wäre da jederzeit sehr willkommen.

  14. Claudia says:

    @juh,

    ich fände das gar nicht falsch, solche “Ausschnitte” mit Link zur Buch-Page zu bringen. Warum sollten die Leute allesamt komplett selbstlos Inhalte zu einem Webprojekt beisteuern, wenn sie gar nichts davon haben? Einen Link zur eigenen Homepage oder zum Blog finde ich total in Ordnung. Wo mir der verweigert wird, kommentiere ich auch selber nur im Ausnahmefall.

    Backlinks für die Belieferung mit “Content” sind m.E. kein “Missbrauch”, sondern einfaches Geben & Nehmen.

  15. juh says:

    Falsch finde ich das ja auch gar nicht. Es zeigt nur, dass für die Autoren das Generationenprojekt nicht mehr wirklich wichtig ist, um ihren Mitteilungsdrang zu stillen. Links zur Homepage der Autoren, falls vorhanden, gab es schon immer im GP.

  16. Christiane says:

    Wir haben schon damals auf Exklusivität verzichtet – wohl in Kenntnis dessen, dass bei einem Projekt, das den Autoren nichts zahlen kann, natürlich die Verwertungsrechte beim Autor verbleiben.

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