Frauen stricken und Männer politisieren

Kürzlich konnte ich es mir nicht verkneifen: In einer Meldung zu Blogoscoop schrieb ich mit Blick auf die mehrheitlich männlichen Leser des Heise-Tickers: “So lässt sich etwa auf einen Blick sehen, welche Blogs zum Thema “Software”, “Fotografie” oder “Musik” in der letzten Woche oder im letzten Monat die meisten Besucher, aber auch die meisten Kommentare hatten. Weil die Rankings nach “Tags” erstellt werden können, lassen sich auch Ranglisten für vermeintliche Nischenthemen wie “Wein” oder “Fußball” erstellen.” Über diesen Satz, da war ich mir sicher, würde sich niemand beschweren.

Nicht ganz so sicher war ich mir bei folgendem Satz, den ich etwas boshaft nachgeschoben hatte: “Bloggerinnen sind bislang kaum vertreten – vielleicht ein Grund dafür, dass beliebte Nischenthemen wie “Garten” oder “Stricken” noch fehlen.” Belegen konnte ich das mit nichts – außer meinem höchstpersönlichen Eindruck.

Prompt beschwerte sich eine Leserin – die selbst ein tolles Fachblog führt (bei dessen Ansicht ich mir gewünscht habe, ich hätte es schon einige Monate früher entdeckt!) – per Twitter: “dass Bloggerinnen mit den Themen Stricken/Garten assoziiert werden, schmerzt.” Ja, sie hat recht. Das tut weh, auch mir. Ein wenig. Denn ich liebe Gartenblogs!

Aber hatte ich recht gehabt? Irgendwie ließ sie das Thema nicht los und heute schickte sie mir per Twitter einen Link zu einer Studie von Franka Hesse bzw. ihrer Zusammenfassung, die sich mit der “Geschlechterdimension von Weblogs: Inhaltsanalytische Streifzüge durch die Blogosphäre” (PDF) befasst hatte. 464 zufällig ausgesuchte Weblogs hat sie 2006 untersucht und damit eine Stichproble aus dem “Long Tail” der deutschsprachigen Blogosphäre entnommen.

Das Ergebnis scheint meinem gepflegten Vorurteil recht zu geben: Frauen scheinen zwar die Blogosphäre zu dominieren (was ich für meinen Themenbereich zumindest nicht erfahren konnte, vgl. meine Blogroll): 66,1 Prozent der Blogs sind Autorinnen! In den Blogstats Top-100 liegt der Frauen-Anteil hingegen nur bei 29,8 Prozent. Und auch mit der Technik haben die Frauen es nicht so: 97 Prozent der Frauenblogs erstellen ihr Weblog bei einem Bloghoster – bei den Männern sind es nur 69 Prozent.

Zu den inhaltlichen Vorlieben: Männliche Autoren schreiben häufiger über politische Inhalte  (68,5%) als weibliche (54,4%). Die Frauen thematisieren mehrheitlich “Bereiche der persönlichen Lebenswelt” (…), “die keine Verbindung zum politischen Subsystem haben und daher als nicht von öffentlichem Interesse gelten.” “Bei den Frauen ist der Ausgangspunkt der Beiträge häufiger die eigene Lebenswelt als bei den Männern.” (ebd. 7) Dabei sind 75,9 Prozent der von Frauen gegenüber 37,1 Prozent der von Männern verfassten Blogs reine Tagebuchblogs.

Und was sind die Inhalte dieser Tagebuchblogs? Voilà:

“Werden die Inhalte genauer betrachtet können spezifische Gattungen identifiziert werden. Zu
nennen sind hier zum Beispiel die so genannten „Strickblogs“, die Handarbeiten, in erster
Linie Stricken, thematisieren. Diese machen 2,2 Prozent unseres Samples aus, bei den Autorinnen handelt es sich ausnahmslos um erwachsene Frauen.” (8)

Wie gewaltig die Sphäre der Strickblogs ist, lässt eine Alphaversion der Blogosphären-Karte von John Kelly erahnen, die Jan Schmidt derzeit auswertet – und die sicherlich noch für etliche Überraschungen gut ist:

Das Thema “Stricken” lässt annehmen, dass sich seit Jahrhunderten wenig geändert zu haben scheint. Hesse verweist auf eine Studie von Bovenschen, die für das Zeitalter der Aufklärung feststellte, dass die Frauen “ihre Sujets in Bereichen fanden, die (ihrer) Erlebniswelt (…) nahe standen.” Damals war die Zuschreibung der Geschlechtscharakter noch sehr starr.  Aus diversen Lexika, medizinischen, pädagogischen, psychologischen und literarischen Schriften wurden folgende Geschlechtsspezifika ermittelt:

“Der Mann zeichnet sich durch Aktivität (Energie, Kraft, Willenskraft, Festigkeit, Tapferkeit, Kühnheit), die Frau durch Passivität (Schwäche, Ergebung, Hingebung, Wankelmut, Bescheidenheit) aus; das männliche Leben ist durch Tun (selbständig, strebend, zie lgerichtet, wirksam, erwerbend, gebend; Durchsetzungsvermögen, Gewalt, Antagonismus), das weibliche durch Sein (abhängig, betriebsam, emsig, bewahrend, empfangend; Selbstverleugnung, Anpassung, Liebe, Güte, Sympathie) gekennzeichnet. Rationalität (Geist, V ernunft, Verstand, Denken, Wissen, Abstrahieren und Urteilen) ist Merkmal männlichen, Emotionalität (Gefühl, Gemüt, Empfindung, Empfänglichkeit, Rezeptivität, Religiosität, Verstehen) ist Merkmal weiblichen Verhaltens. Tugend wird dem Mann, Tugenden (Sch am haftigkeit, Keuschheit, Schicklichkeit, Liebenswürdigkeit, Taktgefühl, Verschönerungsgabe) werden der Frau zugeschrieben. Der Mann zeichnet sich durch Würde, die Frau durch Anmut und Schönheit aus.”

Gleichwohl spricht das Thema “Reise” doch für einen Mentalitätswandel. So heißt es in Hesses Studie:

Anteilig verfassen “ebenso viele Männer wie Frauen Reiseblogs, deren Inhalt in der Schilderung der Erlebnisse eines längeren Auslandsaufenthaltes besteht und die 4,5 Prozent unseres Samples ausmachen.” (8)

In meiner Diplomarbeit habe ich mich mit “Identität und Wahrnehmung” orientreisender Frauen im 19. Jahrhundert beschäftigt. Damals  wurde das “Drinnen” mit dem Haus gleichgesetzt, “als Draußen erschien im bürgerlichen Denken alles, was vor dem Haus lag. Die Trennlinie ‘drinnen’-'draußen’ ersetzte eine wesentlich ältere Grenze, die einst das ‘geheime Gemach’, den Ort ‘der ehelichen Werk’ vor den Blicken der Hausgemeinschaft schützte, während das Haus selbst nicht geschlossen war.” (Lipp 1992: 101)

Heinrich von Kleist wird hier gerne zitiert, der 1799 seiner reiselustigen Schwester Ulrike in empörtem Ton schrieb:

“Aber was soll ich glauben, wenn Dir der, nicht scherzhafte, nur allzu ernstliche Wunsch entschlüpft, Du möchtest die Welt bereisen? Ist es auf Reisen, daß man Geliebte suchet und findet? Ist es dort wo man die Pflichten der Gattin und Mutter am zweckmäßigsten erfüllt?” (Kleist 1962: 492)

Die reisenden Frauen, vor allem aber die alleinreisende Bürgerin, gehörten in ähnlichem Maße wie Frauen in der Politik oder Frauen in der Literatur bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zwar zu den umstrittenen, oft karikierten Erscheinungen des öffentlichen Lebens, sie waren jedoch nicht ungewöhnlich. Erst die Restauration der 1850er und 60er Jahre brachte die definitive Zu- und Zurückweisung der Frauen in das Haus. Das zumindest scheint inzwischen überwunden zu sein. ;)

P.S. Danke an Matthias Schwenk, ohne ihn hätte ich den Twitter-Kommentar nicht so schnell gesehen.

Literatur:

  • Hausen, Karin 1976: Die Polarisierung der “Geschlechtscharaktere” – Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben. In: W. Conte (Hg.): Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas. Stuttgart, S. 361-393
  • Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke und Briefe. Hrsg. von Sembdner, Helmut. Darmstadt 1962
  • Lipp, Carola 1992: Das Private im öffentlichen. Geschlechterbeziehung im symbolischen Diskurs der Revolution 1848/89. In: Hausen, K. und Wunder, H. (Hg.): Frauengeschichte – Geschlechtergeschichte. Frankfurt/M, New York: Campus Verlag, S. 99-116

Bildquelle: Flickr/ “T” altered art

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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13 Responses to Frauen stricken und Männer politisieren

  1. Ingrid Glomp says:

    Da drängen sich mir als bloggender Frau doch ein paar kommentierende Gedanken auf.

    “Und auch mit der Technik haben die Frauen es nicht so: 97 Prozent der Frauenblogs erstellen ihr Weblog bei einem Bloghoster – bei den Männern sind es nur 69 Prozent.” Schuldig – aber ist das so schlimm? Sagt doch über den Inhalt des Gebloggten wenig aus.

    “Männliche Autoren schreiben häufiger über politische Inhalte (68,5%) als weibliche (54,4%).” Diese Zahlen finde ich jetzt nicht sooo dramatisch. Scheint doch eher ein gradueller Unterschied zu sein.

    Vor allem aber: “Die Frauen thematisieren mehrheitlich “Bereiche der persönlichen Lebenswelt” (…), “die keine Verbindung zum politischen Subsystem haben und daher als nicht von öffentlichem Interesse gelten.” ”
    Da scheinen sich zwei Dinge zu vermischen. Um beim zweiten Teil dieser Aussage anzufangen: Sind nur die “politischen Subsysteme” von “öffentlichem Interesse”? Ich behaupte nicht. Ich blogge z. B. u. a. über medizinische Themen, s. http://ingridglomp.blogspot.com/search/label/Medizin . Und die sind durchaus nicht nur von privatem Interesse, behaupte ich.

    Zu den “Bereichen der persönlichen Lebenswelt”: Das mag stimmen. Trifft jedenfalls auf mich zu. Vielleicht schreiben Frauen nicht so gerne über “Theorie”, die nichts mit ihrem Leben zu tun hat. Aber so wie das Reisen zum Leben vieler Frau gehört (oder kooperative Technologien), so gehören Medizin, Fernsehen, Journalismus, Bloggen… zu meiner. Was aber doch nicht ausschließt, dass manches auch von öffentlichem Interesse ist.

    Kurz: Da wird ein Gegensatz “öffentliches Interesse” “persönliche Lebenswelt” aufgebaut, den ich so nicht sehe. Frauen leben doch wie die im Post genannte Bloggerin z. B. als Non-Profitexpertin in ganz interessanten Welten. Wir stricken und gärtnern ja nicht alle (ausschließlich) ;-)

  2. Christiane says:

    Zu: “Da wird ein Gegensatz “öffentliches Interesse” “persönliche Lebenswelt” aufgebaut, den ich so nicht sehe.” gibt es auch eine sehr schöne Zeile aus der Studie, die ich fast zitiert hätte, die mir aber dann irgendwie nicht gefallen hat: “Die Zuordnung von Relevanz ist gesellschaftlichen Machtverhältnissen geschuldet. Was der Öffentlichkeit zuzurechnen ist, ist das Ergebnis von Aushandlungsprozessen ressourcenstarker Akteure.” (9)
    Das klingt für meine Ohren etwas zu einfach. Aber: Die Studie endet auch mit einem optimistischen Fazit: “Der Frauen-Anteil an den Autor/-innen der A-Blogs im deutschsprachigen Raum kann zeigen, ob in der deutschsprachigen Blogosphäre geschlechtliche Ausschlüsse zu beobachten sind und somit die männliche Konnotation der öffentlichen Sphäre bestehen bleibt.”

    Ich jedenfalls, und da bin ich wohl ziemlich untypisch, lege Wert auf die Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit. Deshalb würde ich jetzt auch nicht unbedingt ein Kochblog führen, weil das immer auch Bilder aus dem privaten Raum beinhalten würde. (Nicht umsonst habe ich mich fast ein Jahrzehnt mit Sicherheits- und Datenschutzthemen beschäftigt ;) ) Das mit dem Gartenblog werde ich mir aber überlegen :)

  3. Pingback: Blogoscoop: Spielzeug für Männer? | QuerBlog

  4. Ich finde es bemerkenswert, dass so viele Frauen bloggen und aktiv im Netz sind. Leider wird innerhalb der Blogosphäre und auch nach außen hin in den Massenmedien diese große Zahl von Bloggerinnen nicht wahrgenommen. Unter den A-Blogs sind – Sie haben es in Ihrem Beitrag schon erwähnt – nur ein Drittel Frauen. Ranking-Plattformen verstärken diese Ungleichverteilung der Aufmerksamkeit des Publikums, indem Sie mit ihren Top 100-Listen die Öffentlichkeit immer wieder auf die selben Blogs lenken, die zu den Filterblogs und nicht den lebensweltlichen Online-Tagebüchern zählen.

    Frauen befinden sich hier in der Defensive. Ein Thema, das gestern der Stuttgarter Zeitung ein Artikel Wert war. Unter der Überschrift “Nur wenige Frauen bauen mit am Web2.0″ wurde auf die Diskrepanz hingewiesen, dass Frauen zwar im Internet aktiv sind, aber nicht in den Web2.0-Netzwerken mitwirken. Dem Artikel zufolge gab es 2008 schon 25 Barcamps, der Anteil der beteiligten Frauen lag hier bei 13%.

    Der Artikel weist deshalb auf eine Initiative hin, die Ende August in München ein erstes Frauen-Barcamp organisiert. Die Anmeldeliste sieht recht illuster aus. Ich halte dies für einen guten Weg. Frauen sollten sich stärker untereinander vernetzen und über diese Netzwerke ihre Blogs und andere Aktivitäten massiver in das öffentliche Gespräch bringen.

    Würde es ein solches Bloggerinnen-Netzwerk geben, dann hätte ich sicherlich schon viel früher Ihr interessantes Weblog entdeckt…..

  5. Pingback: Frauen stricken und Männer politisieren : Burks’ Blog

  6. Claudia says:

    Ob ich wohl weiblicher geworden bin, seit ich 2006 als 5.Blog das-wilde-gartenblog.de angefangen habe?? :-)

  7. Ute says:

    Tino Seeber von der TU Ilmenau führte 2007 eine Weblog-Studie unter 1.000 Bloggern und Bloglesern. Der Frauenanteil liegt demnach bei knapp 25%:

    http://weblogumfrage.blogsome.com/

  8. Christiane says:

    Bei diesen extrem unterschiedlichen Zahlen fragt frau sich schon, wie und wo da die Stichproben gezogen worden sind und wie man überhaupt wirklich an einigermaßen repräsentative Zahlen kommen will. Ich fürchte, nur über eine extreme Totalerhebung wie die bereits oben abgebildete Blogkarte.

  9. Bernd Weiss says:

    @ Christiane: “Extreme Totalerhebung” ist schön. Nicht nur “total”, sondern “extrem total” ;-)

    Aber Du hast natürlich völlig recht, dass es da einen Wildwuchs der Erhebungen gibt und was fehlt ist ein vernünftiges (quantitatives/qualitatives) Review der Ergebnisse (sowie der durchgeführten Studien). Auf dem AG-SM-Wiki habe ich vor einem halben Jahr (oder so) mal mutig angefangen, Untersuchen zusammenzustellen. Da meine Aktivitäten im Social Media-Bereich momentan nur “Hobby-Charakter” haben, müssen diese angesichts der aktuellen Arbeitsbelastung meines Uni-Jobs zurückstehen. Mittelfristig bin ich aber guter Dinge…

  10. Christiane says:

    “extrem”, weil es, fürchte ich, eine wahnsinnige Arbeit machen wird. Aber das stimmt mich ja optimistisch, dass du guter Dinge bist.

  11. Jan Schmidt says:

    Die angesprochene Auswertung der Blogosphären-Karte verzögert sich leider noch, weil John Kelly noch nicht dazu gekommen ist, mir die entsprechenden deutschen Daten zur Verfügung zu stellen – aber ich bin selbst schon sehr gespannt. Als Ergänzung zu den A-List-/Top100-Blogs vielleicht noch der Hinweis auf eine Auswertung von 2007; hier würde ich auch gerne nochmal eine Aktualisierung machen, muss aber mal sehen, wann ich die Zeit dazu finde…

  12. Christiane says:

    Danke Jan. Wollte schon fragen!

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