Im Internet ist jede News nur einen Link entfernt


Robin Meyer-Lucht, Gründer des Berlin Institute und Autor mehrerer scharfsinniger Beiträge über den Niedergang der Printmedien, erklärt im Video-Interview mit Peter Turi, warum “das Kommunikationsmodell Zeitung im Internet nicht funktioniert”. Er rät Verlegern im Web kein einheitliches Massenprodukt für alle anzubieten, sondern sehr spezielle, auf individuelle Bedürfnisse angepasste Informationsangebote schnüren.

Warum Tageszeitungen und Newsportale im Netz das falsche Konzept verfolgen, ergibt sich sehr anschaulich auch aus einer meditativen Betrachtung der Landkarte “Tageszeitungen mit Vollredaktionen“, die im Auftrag der Deutschen Post World Net vom Dortmunder Formatt-Institut erstellt wurde und vor etwa zwei Jahren dem “journalist” beilag. Seither schmückt sie mein Arbeitszimmer, ist aber auch auf Initiative meines KoopTech-Partners Lorenz Lorenz-Meyer als Großformat-PDF im Netz zu finden:

Tageszeitungen mit Vollredaktionen

Es gibt in Deutschland 118 regionale Vollredaktionen, 7 Boulevard-Tageszeitungen und 7 überregionale Tageszeitungen. Man kann in dieser Auflösung gar nicht erkennen, welcher Verlag nun wo genau aktiv ist. Aber man sieht: Die Verbreitungsgebiete überschneiden sich in den meisten Regionen, in etlichen herrscht jedoch auch so etwas wie ein Verbreitungsmonopol.

Was geschieht nun, wenn diese Redaktionen nun ihre Angebote ins Netz übertragen? Ganz klar: Sie müssen auf ihre Oligopole und Monopole verzichten. Denn im Internet ist jede News nur einen Link entfernt, wie GoogleNews und andere Aggregatoren täglich vorführen. Was bleibt? Die exklusive News. Wie exklusiv aber sind Mantelteile im Netz, die hauptsächlich aus Agenturmaterial bestehen? Aus Sicht des Internetlesers sind dies alles mehr oder weniger austauschbare Varianten. Die dann aus Sicht der Verlage mit GoogleAds hervorgehoben werden müssen:

SEM-Strategie von”The Times”
Abbildung mit freundlicher Genehmigung von Justin Williams/Countervalue

Die Frage ist also: Was ist nicht austauschbar? Die selbst recherchierten Nachrichten. Zum Beispiel in einem Bereich, der so etwas wie das Alleindarstellungsmerkmal der Zeitung ist. Für die regionale Tageszeitung ist das der Lokalteil! Für die überregionale Tageszeitung oftmals nur das Feuillleton und die Kommentarseite. Für eine überregionale Wirtschaftszeitung sollten das die Wirtschafts- und Finanznachrichten sein.

Man wird darüber nachdenken müssen, wie man wieder mehr eigene Qualität ins Angebot bringt – und dann auf die jeweils am besten aufbereitete Nachricht verlinkt. Man muss sie nicht selbst haben, sondern nur selbst gesehen, gefiltert, verlinkt bzw. eingebettet haben. Ein solcher Pressespiegel könnte angesichts der anwachsenden Informationsfluten viel wert sein.

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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11 Responses to Im Internet ist jede News nur einen Link entfernt

  1. Pingback: Austauschbare Onlineableger von Lokalmedien « Wir sprechen Online.

  2. Fabian Herbel says:

    Schaut man sich die Websites der kaum online-affinen Tageszeitungen an, fällt leider das genaue Gegenteil auf: Die Agenturticker sind frei verfügbar, der exklusive, lokale Content (der in der Lage wäre User anzuziehen) bleibt den Abonnenten mit kostenpflichtigem Online-Account vorbehalten. (z.B. http://www.rheinpfalz.de – ich sehe gerade: einige Lokalartikel sind dort inzwischen frei verfügbar. Das ist noch kein halbes Jahr so und gleicht einer Revolution!)

    Die eigentliche Tragödie dahinter: Für Regionen, die von einem Zeitungsmonopol betroffen sind mit einem Verlag ohne Online-Ambitionen, ist es kaum möglich Nachrichten online zu recherchieren. Da bleibt ein weißer Fleck auf der Nachrichtenlandkarte.
    Neben der Pfalz trifft dies auch auf die Region Karlsruhe zu und sicherlich auf noch einige weitere Landstriche.

  3. Christiane says:

    Das wäre ein großartiges Update der Karte: “Online-Tageszeitungen mit Vollredaktion”.

  4. Jan says:

    Das Problem ist ja, dass die Zeitungen mit den Artikeln online noch wenig verdienen, auf Papier gedruckt aber vergleichsweise viel. Deshalb werden moderne Denkweisen in solchen Verlagshäusern auch im Jahr 15 des WWW mit dem Argument ausgebremst: Wir wollen unsere Zeitung nicht durchs Internet kannibalisieren. Gefressen werden sie in der Zukunft trotzdem, nur dann von anderen. Aber das wissen sie noch nicht.

    Gesehen hat man das beispielsweise bei den Kleinanzeigenmärkten. Sicher werden auch heute noch viele eine Zeitung kaufen, weil sie dort Anzeigen für Wohnungen und Gebrauchtwagen finden. Aber die mit dem Netz aufgewachsene Generation, die die Zeitung eh kaum noch wahrnimmt, wird dieses Verhalten nicht teilen. Sie sucht zuerst im Internet. Und dort ist das Angebot riesig.

    Die Märkte für Gebrauchtwagen und Immobilien sind dabei im Internet in der Hand von Firmen, die mit Verlagen und Zeitungen nichts zu tun haben. Die Verlage können nur noch zusehen, wie ihre Zahlen in den Keller gehen. Das hätte nicht so sein müssen, wenn sie mit ihren Kleinanzeigenmärkten früh und offensiv online gegangen wären. Aber man wollte ja die Print-Ausgabe nicht durchs Internet kannibalisieren…

    Übertragen auf die lokalen News: Wann werden die ersten lokalen Blognetzwerke kommen? Wann werden Firmen (oder diesmal auch Verlage?) erkennen, dass man Zeitungen gerade in der Lokalberichterstattung schlagen kann? Natürlich ist das ein sehr kleinteiliges Geschäft, aber die Möglichkeiten des Internets sprechen dafür, lokale Inhalte online abzubilden und nicht morgen oder übermorgen auf Papier zu drucken. Nur im Internet habe ich die Bildergalerie. Nur im Internet habe ich die Videos. Nur im Internet habe ich die direkte Debatte um die Themen. Nur im Internet kann ich sofort berichten. Nur im Internet kann ich mir so viel oder so wenig Platz nehmen, wie ich gerade brauche. Ich war jahrelang Lokalreporter und ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass das ausgezeichnet funktioniert. Große, internationale Themen, Auslandsreportagen, Insiderberichte: Sowas könnte ein Feld von Journalisten und von ihnen gemachten Produkten bleiben, meinetwegen auch auf Papier gedruckt. Aber lokale Inhalte?

    Fragt sich “nur noch”, wovon ein solches lokales Online-Medium bezahlt werden kann. Vielleicht hätte manches Verlagshaus die Millionen für Social Networks mal in solche Ideen investieren sollen – in journalistische Produkte?

    Aber das werden dann vielleicht wieder andere tun. Genau wie bei den Kleinanzeigen.

  5. Christiane says:

    Guter Punkt. Das ist genau das, was ich vermisse und suche: Neue, angemessene journalistische Formate. Und Menschen, die das einfach ausprobieren.

    Für lokale Inhalte deutet sich schon die Richtung mit lokalen Wikis an. Anton Simons, Lokalredakteur bei der Rhein-Zeitung (und Interviewpartner für das Szenario Online-Redaktion der KoopTech-Studie), versucht beispielsweise mit hohem Engagement mit AW-Wiki eine Plattform für Lokales aufzuziehen und setzt erst einmal auf Service und Nutzwert. Danach kann, wie bei Wikipedia, immer noch die lokale News kommen. Er macht genau das, was die Lokalzeitung online tun sollte.

  6. Christiane says:

    Noch ein kleiner Nachsatz. Es ist natürlich etwas unfair, nur auf den Tageszeitungen herumzuhacken. Das gleiche gilt natürlich auch für Blogger, wie Robert Scoble neulich recht pointiert und selbstkritisch festgestellt hat. Immer nur dieselben Themen im Mainstream herunterzuhampeln, um vielleicht erster zu sein, ermüdet, laugt aus und macht schließlich keinen Spaß mehr. Das SEM-Doping ist eigentlich schon ein deutliches Symptom des Niedergangs. Ganz wie bei der Tour de France.

  7. cdv! says:

    Ich warte auf den Tag, an dem ich in meiner lokalen Tageszeitung auf der ersten Seite vom Aufmacher nur den Titel und den Vorspann lese. Darunter: Bitte lesen Sie weiter auf http://www.. Viele Tagesszeitungen sind sich gar nicht bewußt, was sie am besten können. Nachrichten. Und wenn sie die Perlen gleichmässig aufteilen, können sie (noch) im Print und im Web damit verdienen. Voraussetzung: Sie wachen auf.

  8. Jan says:

    Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir in einigen Jahren über eine “Renaissance von Print” schreiben. Warum es dazu kommen sollte, weiß ich allerdings noch nicht. Aber zu jedem Trend gibt es bekanntlich einen Gegentrend, jede Welle schlägt erst auf den Strand und zieht sich dann wieder zurück…

    In den USA gibt es hier und da schon den Gedanken, eine Print-Ausgabe als Zusatz zum Internet zu sehen – und nicht wie bisher umgekehrt. Vielleicht steckt in dieser Sichtweise eine künftige Chance.

  9. Christiane says:

    In der Schweiz gibt es bereits eine Tageszeitung, die “Jungfrau Zeitung”, die komplett ins Internet gezogen ist und nurmehr am Dienstag und Freitag auch gedruckt erscheint. Wie sich das entwickelt, hängt dann von den Werbeeinnahmen ab. Vorgestellt wurde das Projekt auf einem Seminar für Lokalzeitungen von der BbB – http://www.drehscheibe.org/weblog/?p=104

  10. Fabian Herbel says:

    “Die Idee die gesamte Region im lokalen Nachrichten-Überblick einzusehen ist schlicht zu teuer.”

    Michael Bauer im Kurpfalz-Blog hadert mit ähnlichen Dingen und kommt auch zu einem ähnlichen Fazit… ;)

    Das im Beitrag zitierte “Vitamin-Magazin” ist übrigens ein Online-Portal von Rheinpfalz und BASF und hier wird sehr wohl lokaler Content generiert. Präsentiert vom größten Arbeitgeber vor Ort. Generiert von der einzigen Zeitung. Auch eine Lösung…

    @Jan:
    Beiträge, die mehr als zwei DIN A 4 – Seiten füllen, lassen sich doch weiterhin besser und komfortabler auf bedrucktem Papier lesen. Und das sind im Regelfall eben NICHT die austauschbaren Agenturmeldungen, sondern redaktionelle, journalistische Einzelleistungen. Der Kreis schließt sich…

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