Können, nicht Müssen – Die Digitale Bohème in der Projektwirtschaft

Eine Statusaufnahme

Können, nicht müssen. So könnte der Grundsatz der Digitalen Bohème lauten. Die Digitale Bohème, das sind junge Kreative, die ihr Talent und ihre Ideen mittels der neuen Medien umzusetzen versuchen.

Dieser Leitgedanke impliziert für diese neue Generation von Arbeitnehmern, sich gegen das teils starre und unflexible System der Festanstellung zu entscheiden und als Freelancer projekt- und auftragsbasiert zu arbeiten. In der Hoffnung auf Selbstbestimmung und Individualität kehren sie so den festen Arbeitsverträgen den Rücken zu und gewinnen dadurch ein ganz neues Gefühl von Freiheit:  „Wie Zootiere im Vergleich zu Tieren in freier Wildbahn“ stellt Sascha Lobo die beiden Lebensentwürfe gegenüber. Er und Holm Friebe porträtieren diese Bewegung unter den vor allem hochqualifizierten Arbeitskräften in ihrem Buch „Wir nennen es Arbeit“.

Rund 10 Prozent der deutschen Arbeitskraft wird derzeit selbstständig organisiert – Tendenz steigend. So wagen beispielsweise ein Viertel der Absolventen der Universität Witten/Herdecke nach dem Examen den Schritt in die autonome Arbeitswelt. Dass sich eine solche Vorstellung des Arbeitens durchgesetzt hat und immer neue Anhänger findet, ist angesichts der rasanten Entwicklungen vor allem im Bereich der digitalen Medien kaum verwunderlich.

Doch auch in der aktuellen Arbeitsmarktentwicklung rechtfertigt sich das Dasein einer Digitalen Bohème. Denn nicht nur im Segment der digitalen Medien nimmt projektbasiertes Arbeiten zu. Inzwischen lassen sich Spillover-Effekte in anderen Bereichen beobachten. Da die Halbwertzeit von Wissen immer kürzer wird, werden Unternehmen mittelfristig nicht mehr in der Lage sein, alle relevanten Kompetenzen auch intern abzudecken – um am Markt zu bestehen, müssen sie externes Know-how einkaufen. Schon heute greifen Unternehmen z.B. für die Erstellung von Marktstudien, die Durchführung von Recherchen oder bei komplexeren Projekten vermehrt auf externe, digital arbeitende Experten zurück. An die Stelle des Outsourcing ganzer Prozesse tritt nun das Outtasking – die Auslagerung klar definierter Aufgaben.

Übertragen auf das Wirtschaftssystem beschreibt der Begriff der Projektwirtschaft die hierbei entstehenden zeitlich begrenzten, kooperativen Wertschöpfungsprozesse. Forschungsergebnisse belegen, dass es sich dabei nicht nur um einen kurzfristigen Trend, sondern um eine neue Form der Arbeitsregelung mit guten Zukunftsaussichten handelt: Eine große deutsche Bank geht in Ihren Zukunftsstudien davon aus, dass die Projektwirtschaft in zehn Jahren 15 Prozent zur wirtschaftlichen Wertschöpfung beitragen könnte. Dies entspräche in etwa einem Wert von 350 bis 400 Mrd. Euro jährlich und damit ungefähr dem Bruttoinlandsprodukt der Schweiz.

Vermittlungsplattformen wie gulp, e-lance oder netjobbing verstärken als business-enabler diese Entwicklung. Sie schaffen Zugang zu Auftraggebern und vereinfachen so die Akquise von Projekten. Als sogenannte Outtasking-Portale setzen sie also an einem Punkt an, an dem die staatlichen Arbeitsagenturen vermutlich aufgrund zu straffer Strukturen und unflexibler Systeme scheitern (würden). Mit ihrer Hilfe besteht nun für die Digitale Bohème die Chance zu einer Massenbewegung zu werden. Die Zootiere verlassen ihre Käfige.

Was das Leben in freier Wildbahn mit sich bringt, wird sich zeigen müssen.

Bild: Flickr/Marfis75/CC

About Nils Dreyer

C.E.O. der Collective IQ ltd. Mit Hilfe der Outtasking-Plattform netjobbing.de versucht das Unternehmen, die digitale bohème zu einer Massenbewegung werden zu lassen.
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10 Responses to Können, nicht Müssen – Die Digitale Bohème in der Projektwirtschaft

  1. Wenn Tiere zu lange Zeit im Zoo gelebt haben, können sie in freier Wildbahn meist nicht mehr überleben. Sie haben einfach verlernt, für sich selbst zu sorgen. Der Vergleich mit den Zootieren trifft hier also nicht ganz ins Schwarze. Ich denke eher, dass die Digitale Bohéme lange Zeit die Zootiere beobachtet hat und zu dem Entschluss gekommen ist, dass sie so nicht leben will. Sie lässt sich gar nicht erst einfangen und wagt das unsichere, aber weitaus reizvollere Leben in der freien Wildbahn. Wenn die eingesperrten Kollegen das sichere und pünktliche Fressen erhalten, spähen die bohémisierten Wilden vielleicht manchmal noch sehnsüchtig in den Käfig – wohlwissend, dass ihnen das Einheitsfutter schnell nicht mehr schmecken würde. Neue Zeiten bedürfen neuer Denk- und Arbeitsweisen, und diese sind heute nicht nur möglich, sondern auch nötig. Wenn wir Morgen nicht immer noch in den Strukturen von Gestern leben wollen, dann müssen wir mutige und unkonventionelle Denk- und Arbeitsweisen selber vorantreiben und erproben. Und diesem Ziel bringt uns jedes Posting, jedes Buch, jedes Gespräch über dieses Thema näher.

  2. Nils Dreyer says:

    Hallo Karsten, du hast schon recht dass diese Metapher nicht 100 prozentig passt. Allerdings liegt hier auch eine besondere Situation vor: In der beschriebenen Welt leben 90 Prozent aller Tiere im Zoo! Ergo: 90 Prozent der natürlichen Feinde sind ebenfalls “zahm”.

  3. Nils Dreyer says:

    noch ein Hinweis in eigener Sache:
    Wir sind dankbar für jedes Feedback zu unserem Geschäftsmodell. Wer möchte, ist herzlich eingeladen, dies bei http://enable.ftd.de/marktplatz/?action=details&user_id=212 zu kommentiere und zu bewerten. Danke.

  4. Christiane says:

    Mich würde interessieren, wie und warum die staatlichen Arbeitsvermittlungssysteme zu starr sind. Immerhin dürften sie bekannter als Netjobbing oder Gulp sein und schon von daher bessere Matching-Resultate erzielen?

  5. Pingback: links for 2008-08-12 [delicious.com] - 2punkt0.org - Fotos / Web 2.0 / Vernetztes Denken/ RheinAhrCampus

  6. florian says:

    meiner ansicht nach fehlt noch ein wichtiger aspekt. durch business-enabler wie netjobbing.de wird nicht nur die suche nach auftraggebern/auftragnehmern vereinfacht. konsequent weitergedacht werden sich auf dieser basis know-how netzwerke bilden, die so heute (kaum) existieren und sowohl auftraggeber als auch auftragnehmer dazu befähigen, vollkommen neue, für sie bis dato zu umfangreiche und/oder zu komplexe projekte gemeinsam zu verwirklichen.

    insofern wird netjobbing helfen, spezial- bzw. einzelwissen nicht nur zu vermarkten, sondern auch kollektiv verwert- und nutzbar zu machen.

    ich drück den jungs die daumen!

  7. Pingback: Amys Welt » Blog Archive » Sueddeutsche.de: Umfrage unter Studenten - Privates Glück statt Karriereleiter

  8. Problematisch ist m.E. vor allem die fehlende persönliche Kommunikation: Einerseits bekommt man selbst nicht so gut mit, was im Unternehmen abläuft, andererseits ist man durch die fehlende Vor-Ort-Präsenz auch seinen Auftraggebern nicht ständig präsent. Ist zwar blöd, aber offenbar ist der Mensch so. Was nicht heißen soll, dass die Idee nicht gut ist – aber offenbar hat sie sich noch nicht bei allen durchgsetzt.
    Ich habe unter http://www.berufebilder.de/selbstmanagement/die-zukunft-der-arbeit einen kleinen Beitrag dazu geschrieben (wusste nicht ob das mit dem TrackBack klappt).

  9. Pingback: Die Zukunft der Arbeit : Simone Janson, Journalist und Buchautor

  10. Pingback: Sueddeutsche.de: Umfrage unter Studenten - Privates Glück statt Karriereleiter — Amys Welt

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