Rotes Licht für Vagabunden

Die Netzmetapher wird ergänzt von der des Flusses. Beide evozieren eher harmonische Vorstellungen: Menschen und Dinge sind in Bewegung, sie fließen. Sie finden sich an bestimmten Abzweigungen oder Knoten wieder. Alles ist ständig “im Fluss”. Flussdiagramme zeigen die Strömrichtungen an. Aber wo sind die Strudel, die Blockaden?

Ein wesentliches Kennzeichen der Globalisierung sind die mit den Informationsflüssen einhergehenden physischen Mobilitäten.  Hunderte von Millionen Passagieren werden jährlich in den Flughäfen abgefertigt. Doch während es für Touristen “grünes Licht” gibt, gibt es für andere Reisende, gerne auch Vagabunden genannt, “rotes Licht”. Sie finden sich etwa zu Fuß am Grenzzaun in der mexikanischen Grenze wieder, sie erfrieren bei der Überquerung der Alpen, sie verdursten bei nur rudimentär vorbereiteten Sahara-Durchquerungen oder ertrinken beim Versuch, mit kleinen Motorbooten über das Mittelmeer das europäische Festland zu erreichen. Stehenbleiben ist für sie keine “praktikable Option”.

In die offiziellen Statistiken der Reise oder Migration finden sie keinen Eingang. Die Bewegungspfeile, die sich für sie in tödliche Strudel verwandeln, weisen daher in den sauber dargestellten kartografischen Abbildungen unbeirrt in ihre Zielrichtung. Als bekennender Fan von artes “offener Karte” und dem “Atlas der Globalisierung” wünsche ich mir, dass solche Realitäten eingehen mögen in die Kartierungen. Würde man den tödlichen Meeresstrudel zwischen Tanger und Gibraltar sehen, würde man sich sofort fragen: Was geschieht hier? Warum?  Würde man die mexikanisch-US-amerikanische Grenze als Todeswüste kennzeichnen, würde die menschliche Dimension von “Wirtschaftsmigration” deutlicher.

Im Internet, das sich der Netzmetapher wie kein anderes anbietet, finden sich ebenfalls zahlreiche Strudel und Blockaden. Es gibt regulatorische Strudel, die sich etwa in Form von Vorzensur in Filter-Blockaden umwandeln können. Es gibt unterschiedliche Netzqualitäten, die die Netzneutralität bedrohen. Es gibt pervertierte Messinstrumente, die zu Klick- bzw. Aufmerksamkeitsstrudeln führen und die die weitere mediale Entwicklung zu blockieren drohen.

Es ist daher die Frage, ob der vornehmliche Blick auf das “Netzwerk”, die “Konnektivität”, den “Fluss” wirklich ein zureichend realistisches Bild kreiieren kann. Ich fürchte nicht. Denn sind es nicht vor allem die Spielregeln, die Regeln des sozialen Miteinanders, die darüber bestimmen, wie Menschen miteinander kommunizieren? Müsste man daher nicht das soziale Verhalten vor dem Hintergrund diverser “Regeln” bzw. “Einflussfaktoren” möglichst umfassend aufzeichnen?

Inspiriert vom Vorwort in “Konnektivität, Netzwerk und Fluss“, das an Zygmunt Baumann und seinen Hinweis auf das “rote Licht” für “Vagabunden” erinnerte. 2006 herausgegeben von Andreas Hepp, Friedrich Krotz, Shaun Moores und Carsten Winter.

Bild: Flickr/Ferran Nogués/CC

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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2 Responses to Rotes Licht für Vagabunden

  1. Peter says:

    Danke für diesen nachdenklichen Beitrag und den Lesetipp. Flüsse und Meerengen sollten überbrückt werden. Kommunikation und Begegnung sind Selbstzweck und letzlich immer stärker als Abschottung.

    Die Netzmetapher hat allerdings gegenüber dem Bild von den Flüssen den Vorteil, dass die Übertragung von Daten (und anderen Teilchen) in alle Richtungen erfolgt. Wenn der Fluss ein Gefälle hat, dann gibt es eine Regel, die nur schwer zu verändern ist. Spielregeln sollten so beschaffen sein, dass sie allen gleiche Möglichkeiten an Lebens- und Kommunikationsteilhabe bieten.

  2. Christiane says:

    Genau, wir finden uns dann vor Begriffen wie “Moral”, “Gerechtigkeit” und “Macht” wieder. Neutralität gibt es nicht.

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