Gute Frage! – Interview mit Martin Röll

Martin Röll gibt seit einigen Wochen eine Sprechstunde in einem Dresdner Café. Früher hat er Unternehmen beraten, heute möchte er Menschen beraten. Dabei ist er “für offene Gespräche, Konsultationen, Beratung und Coaching jeder Art” zu haben. Seine Gedanken und Erlebnisse hält er in seinem neuen Blog “Gute Fragen” fest. Wir haben einmal nachgehört, wie der Umstieg so geht.

Christiane Schulzki-Haddouti: “Gute Fragen” heißt dein neues Blog, das nun nach einer längeren Denkpause erscheint. Es reflektiert deinen Versuch, mit einem umfassenden Coaching-Ansatz neu zu starten. Dabei hattest du ja zuvor mit deiner unternehmensberaterischen Tätigkeit Unternehmen gecoacht. Warum schien dir dies ein zu enger Ansatz zu sein?

Martin Röll: Die Arbeit ist in der Methode gar nicht so unterschiedlich. Nur das Zielsystem ist ein anderes: Als Unternehmensberater arbeite ich mit Menschen in ihrer Rolle als Erfüllungsgehilfe einer Organisation. Als Coach arbeite ich für Menschen als solche, als die Person, die sie ist.

Christiane Schulzki-Haddouti: Warum hast du dein “Zielsystem” geändert? Welche Erfahrung steckt dahinter?

Martin Röll: Die grundlegende Erfahrung lässt sich nicht beschreiben. Ich könnte es nur rationalisieren und darüber sprechen, dass wirkliche Veränderungen sozialer Systeme, egal wie groß, immer vom Menschen ausgehen und es deshalb wichtig ist, sich gut um sie zu kümmern. Aber die fundamentale Erfahrung ist nicht so rational. Ich mag meine Mitmenschen. Ich will ihnen helfen. – Ich mag auch meine Mit-organisationalen-Systeme. Aber die “einfachen” Menschen, “einfach” im Sinne von “einfach so”, ohne Systemkonstrukt drumrum, stehen mir näher.

Christiane Schulzki-Haddouti: Du hattest die Idee, dich in Dresden jede Woche zu einer bestimmten Zeit in ein Cafe zu setzen und damit zu signalisieren: Ich bin da, ich habe Zeit. Zunächst kam niemand, aber inzwischen scheint es langsam anzulaufen. Wobei auch schon die Frage gestellt wurde, ob ein Cafe als niedrigschwelliger Treffpunkt signalisieren könnte, dass deine Beratungsleistung nicht so viel wert sein könnte. Wie denkst du inzwischen nach einigen Wochen darüber?

Martin Röll: Die Rückmeldungen, die ich erhalten habe, signalisieren mir, dass Leute den offenen Termin interessant und nützlich finden. Die Beratungsleistung ist immer so viel Wert, wie der Klient ihr zumisst. Ich glaube nicht, dass Leute ihre Problemsituationen für weniger wichtig halten, nur weil sie in einem Café begonnen haben, darüber zu sprechen. Außerdem werden dadurch die Bürotermine exklusiver. ;-)

Christiane Schulzki-Haddouti: Es ist ja mitunter rein aus finanziellen Gründen nicht ganz so einfach, etwas ganz Neues anzufangen. Wie machst du das?

Martin Röll: Mit Mut und Vertrauen. :-)

Christiane Schulzki-Haddouti: Fragen zu stellen und zu versuchen die richtigen Antworten zu finden ist Teil der buddhistischen Lehrtradition. Hast du dich direkt davon inspirieren lassen?

Martin Röll: Einige Aspekte der Kongan-Praxis (jp. Koan) wie sie im Zen praktiziert wird, sind in meine Arbeit eingeflossen.

Christiane Schulzki-Haddouti: Kannst du diese Aspekte bitte etwas genauer erläutern?

Martin Röll: Ich gebe meinen Klienten ihre Schilderung ihrer Situationen oft wie ein Kongan zurück und frage: “Was bedeutet das?”. Ich versuche, sie ihre Probleme direkt durch Konfrontation und Handlung auflösen zu lassen, anstatt sie zu analysieren.

Christiane Schulzki-Haddouti: Haben die Menschen, die bisher zu dir gekommen sind, eine gute Frage? Können sie sie gleich formulieren, oder musst du dir etwas einfallen lassen, damit eine gute Frage entstehen kann? Wenn ja, was?

Martin Röll:  Die Menschen, die schon eine gute Frage haben, brauchen mich normalerweise nicht. Zu mir kommen Leute, die schon lange gefragt oder gesucht haben, aber nicht weiterkommen. Ich helfe ihnen, eine bessere Frage zu finden und ihr nachzugehen. Die Frage taucht einfach in der Zusammenarbeit auf, manchmal bei mir, manchmal beim Klienten selbst.

Christiane Schulzki-Haddouti: Kannst du ein Beispiel dafür geben, wie sich Fragen verändern können?

Martin Röll: Eine Klientin von mir löste mal ihr Problem, als sie von “Was soll ich tun?” zu “Ist es wichtig?” kam. Mit der ersten Frage blieb sie in den widersprüchlichen Antworten stecken. Mit der neuen Frage konnte sie die auflösen.

Christiane Schulzki-Haddouti: Was sind gute Fragen? Oder anders gefragt – was sind schlechte Fragen?... und wenn man den Baum richtig sieht, gibt es keine Bilder mehr im Kopf.

Martin Röll: Gute Fragen sind solche, deren Beantwortung einen Durchbruch bringt. Schlechte Fragen gibt es nicht.

Christiane Schulzki-Haddouti:  Das hört sich für mich nach konstruktiven, lösungsorientierten Fragen an. Kann man das so sagen, oder wäre das zu eng? Im Zen gibt es ja auch Fragen, die den Schüler erst einmal vor eine bzw. seine Wand stellen…

Martin Röll: “Lösungsorientiert” ist mir zu eng. Manche guten Fragen sind lösungsorientiert, manche aber auch paradox. Ich weiß manchmal nicht, warum ich eine Frage stelle, aber ich weiß, dass ich sie stellen muss. Das sind normalerweise die Fragen, die die größten Veränderungen herbeiführen. “Konstruktiv” müssen die Fragen an sich nicht sein. Der gesamte Prozess muss konstruktiv sein. Dann können die Fragen und Aussagen einfach sein, wie sie sind.

Christiane Schulzki-Haddouti:  Welche Rolle spielt für dich “Aufmerksamkeit“?

Martin Röll: Ich lese Deine Fragen und beantworte sie. :-)

Christiane Schulzki-Haddouti:  Viele Menschen, die täglich mit Internetwerkzeugen arbeiten, fühlen sich ab und zu von den auf sie einströmenden Informationsfluten überfordert. Früher war das vielleicht die E-Mail, heute sind es Instant Messaging-Nachrichen, die sofortige Aufmerksamkeit einfordern oder der überlaufene RSS-Reader. Wie gehst du damit um? Was empfiehlst du anderen?

Martin Röll: Ich schalte E-Mail, IM und RSS-Reader aus, wenn ich sie nicht brauche. Das empfehle ich auch anderen. Die Informationsfluten haben wir uns selbst erschaffen. Wir können sie auch beenden.

Zum Abschluss noch genau hierzu ein Vortrag von Martin:

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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