Über Vertrauen – Luhmann revisited

Vertrauen – das ist der Schlüsselbegriff für all das, was wir in dieser “schwarzen Woche” auf dem Finanzmarktplatz beobachten, wenn nicht gar miterleben durften. Von Vertrauensverlust ist die Rede, wenn Banken sich gegenseitig kein Geld mehr leihen wollen. Und die Verbraucher befinden sich darob derzeit in einer Vertrauenskrise. Der Soziologe Niklas Luhmann hat 1967 dem “Vertrauen” ein kleines Bändchen gewidmet und das Geld ist sein Paradebeispiel.

Hier vorab noch eine kleine Einführung von Luhmann in seine Systemtheorie:

“Durch Geld”, schreibt Luhmann, “kann mithin die Komplexität des gesamten Wirtschaftssystems ausschnittweise dem einzelnen buchstäblich in die Hand gegeben werden.” Der “Mechanismus für den Aufbau eines komplexen Wirtschaftssystems” setze voraus, dass das Geld selbst Vertrauen genieße.  Die Frage sei, wie ein Vertrauen, “das ganz unabhängig ist von dem materiellen Wert der Stubstrate des Geldsymbols, aufgebaut und erhalten werden kann.”

Wer in die Stabilität des Geldwertes und in die Kontinuität einer Vielfalt von Verwendungschancen vertraue, setze voraus, dass ein System funktioniert. Er setze sein Vertrauen in dieses Funktionieren. Dieses Systemvertrauen bedürfe eines laufenden Feedbacks, aber keiner besonderen Innengarantien.  Es sei daher viel leichter zu lernen als persönliches Vertrauen in immer wieder neue Personen. “Andererseits ist es ungleich schwieriger zu kontrollieren.”

Die Konsequenz aus dem Vertrauen zum System “Geld”: “Liquidität erspart Information. Jede Investition von Geld, jeder Liquiditätsverzicht wird nunmehr zum Problem.” Daraus folgert Luhmann dass “die Einzelentscheidung sowohl im Geldbehalten als auch im Geldverwenden sich durch die Vertrauensfrage vom Gesamtsystem abhängig macht, und zwar kennzeichnenderweise um so mehr, je rationaler sie kalkuliert wird.” Da möchte man fast folgern: Mit dem Einzug der Computer in die Geldwirtschaft verschärft sich die Vertrauensfrage. Insofern wurde noch nie so sehr wie heute die Vertrauensfrage gestellt.

Vertrauensverlust widerum vermindere “die Komplexität und das Befriedigungspotenzial des Systems”. Luhmann schreibt: “Werden viele Forderungen, die auf lange Sicht befriedigt werden können, aus Mangel an Vertrauen gleichzeitig oder doch in sehr kurzen Zeitabständen angemeldet, sprengt das die Erfüllungsmöglicheiten des Systems.” – An genau diesem Punkt scheinen wir uns heute zu befinden.

Wichtig sei die Kontrolle des Systemvertrauens.  “Denn das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit von System schließt Vertrauen in die Funktionsfähigkeit in ihrer immanenten Kontrollen ein.” – Das scheint der Kernpunkt der derzeitiigen Krise zu sein – die implementierten Kontrollen haben weitflächig versagt, teilweise waren sie sogar nicht vorhanden. Das Vertrauen in das System war offenbar zu groß (“Der freie Markt wird es regeln.”). Hierzu schreibt Luhmann einen schönen Satz: “Die Risikoneigung muss in diesen Systemen selbst unter Kontrolle gehalten werden.”

Da es in diesem Blog aber vorrangig um digitale kooperative Systeme geht, ein Versuch, mit Luhmann digitale Marktplätze zu erklären: Es ist ein Merkmal digitaler Marktplätze wie Amazon und E-Bay, dass sie als “elastische, komplexe und bestandsfähige Systeme”  (Luhmann) den Aufbau von Vertrauen über ein reflexives Verhalten unterstützen. Die Vertrauensmechanismen spielen in allen Bereichen des sozialen Web eine Rolle, da der Einzelne nur beschränkt in der Lage ist, “eine sehr komplexe möglichkeitsreiche und gleichwohl bestimmte oder doch bestimmbare Welt” im Blick zu halten, wenn die “Last der Selektion von Erleben und Handeln in sozialen Systemen geregelt und verteilt werden kann”. Die hohe Komplexität der Welt, so Luhmann, setze eine Vielzahl simultan-präsenter selektiver Prozesse voraus.

Genau dies lässt sich im sozialen Web beobachten: Auf großen Plattformen agieren zahlreiche Nutzer scheinbar gleichzeitig und erstellen mit ihren Bewertungen, Empfehlungen und Annotierungen in Bezug auf einen Kommunikationsgegenstand einen Corpus an persönlichen Einordnungen. Dieser erleichtert es in seiner Vielfältigkeit dem Einzelnen, das Kommunikationsobjekt im Vertrauen auf die Bewertungen anderer einzuschätzen – ohne es selbst in eigener Anschauung überprüft zu haben.

Über ein ausgefeiltes Bewertungs- und Empfehlungssystem stellen die Kunden und Händler auf Amazons “Marktplatz” nach Luhmann eine Art Systemvertrauen. Luhmann: Das Vertrauen “bezieht sich dann nicht mehr darauf, dass der andere bleibt, was er ist, sondern darauf, dass er seine Selbstdarstellung fortsetzt und sich durch seine Selbstdarstellungsgeschichte gebunden fühlt. In dem Maße, als diese Reflexivität bewusst wird, wird auch persönliches Vertrauen zu einer Variante des Systemvertrauens.”

Bezogen auf virtuelle Marktplätze bedeutet dies folgendes: Auch wenn Kunden im Einzelfall mit einem auf einem Marktplatz erworbenen Produkt schlechte Erfahrungen gemacht haben, können sie dennoch dem Marktplatz als solchem weiterhin vertrauen, wenn er sich in Gänze vertrauenswürdig verhält, insofern er entsprechende Verhaltensregeln über sein Bewertungs- und Empfehlungssystem durchsetzt. Dies bedeutet aber auch: Wenn er Verhaltensregeln in seinem Bewertungs- und Empfehlungssystem nur eingeschränkt oder unvollständig reflektiert, kann auch nur ein entsprechend begrenztes Vertrauen entstehen. Es kommt also im Einzelfall immer auf die Ausgestaltung eines solchen Systems an.

E-Bays Bewertungssystem etwa gilt als nicht sehr transparent. Beispielsweise sind einzelne Transaktionen nur für einen bestimmten Zeitraum einsehbar. Auch wie sich Nutzer während der Transaktion und dem Bewertungsprozess verhalten, schlägt sich nicht in ihrer Bewertung nieder. Spezielle Auswertungswerkzeuge, die dies berücksichtigen könnten, unterstützt E-Bay nicht. Eine vollkommene Transparenz aller geschäftsbezogenen Vorgänge wird also nicht hergestellt. Damit generiert E-Bay nur ein eingeschränktes Vertrauen.

Doch was für die digitalen Marktplätze gilt, gilt auch für die Finanzmarktplätze: Mangelnde Transparenz und eine damit einhergehende unzureichende Kontrolle muss unweigerlich zu Vertrauensverlust führen. Wie der Weg zurück zu mehr Vertrauen aussieht, scheint klar: Das Systemvertrauen ist zwar groß, doch die entstandenen Vertrauensverluste sind ohne eine Vertrauenskontrolle nicht auszugleichen. Kein Wunder, dass nun allein der Staat, der noch Vertrauen genießt, nun als Retter gefordert wird.

Literatur:

  • Luhmann, Niklas (2000): Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. Stuttgart: Lucius & Lucius

Titelbild: Flickr/Tanya Dropbear

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
This entry was posted in Organisation and tagged , , . Bookmark the permalink.

4 Responses to Über Vertrauen – Luhmann revisited

  1. Stefan says:

    Meine These zur Finanzkrise: Vertrauen wurde schon vor 10 Jahren abgeschaft, als man begann sich gegen Kreditausfall zu versichern. Diese 45 Billionen Dollar die Vertrauen in Versicherung transformierten, lösten sich mit den großen Versicherern (AIG oder Lehman) in Luft auf. Ich habe es auf der verlinkten Seite weiter aufgedröselt.

    Zum zweiten Teil deines Textes: Vertrauen ist vielfach auch einfach das einzige was bleibt. Wer nicht in die Zukunft schauen kann, braucht Zuversicht, die möglicherweise auch enttäuscht werden kann. “Vertrauen” ist als Begriff also sehr eng mit “Erwartungen” verknüpft.

  2. Pingback: Schwarzes Gift :: Niklas Luhmanns Systemtheorie

  3. gutemusik says:

    “Das Systemvertrauen ist zwar groß, doch die entstandenen Vertrauensverluste sind ohne eine Vertrauenskontrolle nicht auszugleichen.”

    Die Vertrauenskontrolle hört sich ungünstig an. Vertrauen kann man nicht kontrollieren. Wenn man damit anfangen würde, würde es in Vertrauensverluste enden. Aber Basissicherheiten schaffen, das muss man und das tun ja auch ebay & co. und versuchen es immer besser zu machen. Dass man dann trotzdem auf die Nase fallen kann, ist klar. Das muss dann nur ausreichend kommuniziert werden, wo diese Risiken sind, wenn man sich auf System xy einlässt. Das wird zu wenig gemacht. Aber in blogs gibt es das schon eher. Da erzählen Leute von ihren Erfahrungen (gute und schlechte), so dass sich jeder ein Bild machen kann, ob er die Risiken eingehen mag.

  4. Pingback: Reimar Winkler » Niklas Luhmanns postume Liebesübungen

Comments are closed.