“Das Social Web ist für NGOs ein Empowerment-Instrument” – Interview mit Brigitte Reiser

Brigitte Reiser berät Nichtregierungsorganisationen, wie sie sinnvollerweise Social-Web-Techniken einsetzen können. Hierfür betreibt sie zwei Websites, “Soziales Kapital für gemeinnützige Organisationen” und “Web 2.0 für gemeinnützige Organisationen”, sowie ein Blog “zu Stakeholder-Management und Web 2.0″

Christiane Schulzki-Haddouti: Zwei Websites, ein Blog – das hört sich so danach an, als müssten Sie vielen NGOs erst noch die Vorzüge des Social Web erklären. Worin sehen Sie denn die größten Vorteile für NGOs?

Brigitte Reiser: Das Social Web ermöglicht gemeinnützigen Organisationen den Aufbau von Netzwerken, die Pflege bestehender Beziehungen, den Dialog mit den Stakeholdern und die Kooperation innerhalb der Einrichtung und über Einrichtungsgrenzen hinweg. Die Publikationsmöglichkeiten, welche die neuen Technologien und Dienste bieten, erlauben es Nonprofit-Organisationen, ihre Botschaft ungleich einfacher und kostengünstiger als in der Vergangenheit zu verbreiten und ihr Profil durch neue Formate (z.B. Blogs) zu schärfen. Das Social Web kann Nonprofits (wieder) stärker mit der Gesellschaft vernetzen und zwar – je nach Aufgabenbereich – über die üblichen Bezugsgruppen hinaus.

Christiane Schulzki-Haddouti: Was war für Sie das Aha-Erlebnis, das Erlebnis, das Sie von den Möglichkeiten des Social Web überzeugt hat?

Brigitte Reiser: Als ich zum ersten Mal etwas über Blogs gelesen habe – nicht im Netz, sondern in einer Tageszeitung (!) – war mir klar, dass hier  etwas existiert, das sowohl dem einzelnen als auch Organisationen außerordentliche Handlungmöglichkeiten eröffnet. Für mich ist das Social Web ein Empowerment-Instrument, das uns allen mehr Partizipationschancen und Ausdrucksmöglichkeiten eröffnet.

Christiane Schulzki-Haddouti: Welche Beispiele für den Einsatz von kooperativen Technologien finden Sie persönlich am überzeugendsten?

Brigitte Reiser: Bisher wird das Internet von gemeinnützigen Organisationen hauptsächlich zur Profilschärfung genutzt und zur Verbreitung der eigenen Botschaft. Das Blog von Greenpeace (Schweiz) und die Twitterpräsenz von Ärzte Ohne Grenzen (Österreich) illustrieren dies. Die interaktiven Funktionen werden noch nicht so stark genutzt. Die Studie von Kenix (2008) zeigt, dass speziell kleinere Nonprofits den Hauptzweck ihrer Internetpräsenz darin sehen, Informationen bereitzustellen und für sich zu werben. Nur ein kleiner Teil (6,5%) will über das Internet in einen Dialog mit den Stakeholdern eintreten.

Christiane Schulzki-Haddouti: Welche Aktivitäten können NGOs mit kooperativen Technologien gezielt unterstützen? 

In der Fläche ist das Thema Social Media bei den gemeinnützigen Organisationen in unserem Land noch nicht angekommen. Ich bedauere sehr, dass Nonprofits im Internet – bis auf die obligatorische Webseite – noch keine Rolle spielen. Es fehlt hier ihr Gedankenaustausch mit den Stakeholdern, es fehlen ihre Diskussionen untereinander, es fehlen Wikis, die das Wissen von gemeinnützigen Trägern und Stakeholdern sammeln, es fehlen gemeinsame Auftritte und Plattformen von Nonprofits über Organisationsgrenzen hinweg. Dadurch vergeben sich gemeinnützige Akteure die Chance, den öffentlichen Diskurs mit zu gestalten, ihre Themen in den Internetdiskussionen zu platzieren und von den Anregungen der Stakeholder zu profitieren.

In den USA ist dies anders: hier gibt es einen ausgeprägten öffentlichen Diskurs im Internet über gemeinnützige Einrichtungen, der sich über Herausforderungen und Chancen von Nonprofits Gedanken macht. Vielleicht ist diese rege Diskussion darauf zurück zu führen, dass amerikanische gemeinnützige Organisationen aufgrund ihrer Abhängigkeit von privaten Spenden schon immer näher an der Gesellschaft waren als manche Träger hier bei uns.

Christiane Schulzki-Haddouti: Woran liegt es, dass so viele NGOs noch zögern? Wo sehen Sie die größten Barrieren?  

Brigitte Reiser: Eine ganze handvoll Gründe erschwert den Zugang von gemeinnützigen Organisationen zum Social Web. Zu nennen sind hier:

  • die schlechte Ausstattung von Nonprofits mit Informationstechnologie, die auf knappe Budgets, aber auch auf den Unwillen des Managements zurückgeht, hier entsprechend zu investieren. Die Möglichkeiten des Internets werden von der Führungsebene noch nicht erkannt;
  • die häufig eher technikfernen Mitarbeiter stehen dem IT-Bereich kritisch gegenüber. Speziell im Sozialbereich werden Computer als Mittel der Verbetriebswirtschaftlichung und Bürokratisierung wahrgenommen, die Zeit stehlen, welche eigentlich den Klienten gehören sollte. Dabei kann in Zeiten des Social Webs der Computer zum ersten Mal als Instrument genutzt werden, um Beziehungen zu pflegen. Und genau darum geht es in vielen Nonprofits: um Beziehungen (und nicht um Technik).

Christiane Schulzki-Haddouti: Und wie können diese Barrieren überwunden werden?

Brigitte Reiser: Wer am Social Web teilnehmen möchte, muss sich nach außen hin öffnen. Dies fällt allen Organisationen schwer, nicht nur den gemeinnützigen. Verbreitet ist die Angst vor einem Kontrollverlust. Diese Angst ist bei Nonprofits möglicherweise noch ausgeprägter, weil sie – speziell in Deutschland – von öffentlichen Geldern abhängen und ihre Förderung nicht gefährden wollen

Ich denke, die vorhandenen Barrieren können nur überwunden werden, wenn in gemeinnützigen Organisationen die Erkenntnis wächst, dass mit Social Media soziales Kapital aufgebaut werden kann, aus dem Nonprofits Ressourcen ziehen können. Und wenn in die technische Ausstattung und in das Know-how der Mitarbeiter so investiert wird, dass die Infrastruktur vorhanden ist, um das Netz effektiv nutzen zu können.

Christiane Schulzki-Haddouti:Wie kann man Freiwillige motivieren, sich in ihrer Freizeit über das Internet für ihre NGO zu engagieren? Über welche positive Erfahrungen können Sie berichten?

Brigitte Reiser: Sie sprechen das Online-Volunteering an, das hier in Deutschland – im Unterschied zum angloamerikanischen Bereich – noch relativ unbekannt ist.

Es bietet einige Vorteile: es erlaubt freiwilligen Helfern, sich über räumliche Grenzen hinweg für eine Organisation zu engagieren. Und es erlaubt Ehrenamtlichen, sich für eine Einrichtung in der eigenen Gemeinde einzusetzen, ohne hierfür die üblichen Kosten (Fahrtwege, Kosten für Kinderbetreuung) aufbringen zu müssen. Gesucht werden im Rahmen des Online-Volunteering häufig Helfer für organisationsinterne Aufgaben (Programmierer, Redakteure, Marketing-Fachleute usw.) aber auch Helfer, die direkt mit der Klientel arbeiten (Hilfe bei der Steuererklärung, Aufnahme von Einkaufswünschen von Senioren etc.). Ich erwarte, dass das Online-Volunteering langfristig erheblich zunehmen wird, auch hier bei uns. Nähere Informationen zum Thema und eine Liste mit Online-Volunteering-Möglichkeiten finden sich bei  ServiceLeader.org.

Christiane Schulzki-Haddouti: Vielen Dank für das informative Gespräch!



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About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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6 Responses to “Das Social Web ist für NGOs ein Empowerment-Instrument” – Interview mit Brigitte Reiser

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  4. Ingmar Redel says:

    Liebe Brigitte,

    grundsätzlich kann ich dir nur Recht geben. Es könnte wirklich alles besser sein in Bezug auf ICT und NGOs/ NPOs. Aber auf der anderen Seite tut sich auch etwas.

    Wir, OneAim.org, sind z.B. an mehreren Fronten aktiv. Wir kümmern uns genau um die Themen und setzen uns national und international dafür ein, dass die Lage besser wird. Neben den eigenen Projektzielen, haben wir z.B. auch das erste SocialCamp in Deutschland mitgesponsort.

    Also es ist nicht so, dass sich nichts bewegt. Aber gerade was NPOs angeht, bewegt sich natürlich das Rad noch sehr langsam. Das hat insbesondere etwas mit der Organisations-Struktur der NPOs, aber auch mit der Alters-Struktur darin zu tun. Es sind eben zähe, kräftige Tanker, die sich nur in kleinen Schritten umorientieren können.

    Dazu reicht allein schon ein Blick in die IT der NPOs. Wie werden die Webseiten verwaltet? Wer macht das? Macht jede Ortsgruppe ihre eigene Sache bei Bedarf? Gibt es Abstimmung?

    Es wäre für’s erste schon ein riesiger Gewinn, wenn in den grossen NPOs zwischen den einzelnen Landes- und Bundesorganen IT Schnittstellen für Kollaboration geschaffen würden, um erst einmal den internen Austausch über Web 2.0 Elemente zu befördern.

    Und wenn man das geschafft hat und die Menschen ihre Scheu vor dem Web und den Tools verloren haben, dann könnte man auch über das offene Web reden.

    Aber ich denke, solange es schon an der internen ICT Struktur scheitert, ist es sehr, sehr schwer ad hock für das public Web große Sprünge zu erreichen. Wir müssen erst einmal die Grundlagen ändern. Intern. Und dann kann man schauen, wie es extern besser aussehen könnte.

    Ich würde mich auf jeden Fall freuen mit dir daran weiter zu arbeiten. Schreib mir einfach eine Email, wenn du magst: ir -at- oneaim.org

    Liebe Grüße
    Ingmar


    Ingmar Redel

    OneAim.org – move the world
    World Dialogue Fund

    House of Democracy and Human Rights
    Greifswalder Str. 4
    10405 Berlin
    Germany

    email. ir -at- oneaim.org
    twitter. oneaim
    skype. ingmar_redel

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