“Am Ende muss es vielleicht wieder der Staat richten” – Nachrichten vom Medienumbruch III

Auch die vergangene Woche zeigte wieder, wie heftig es die Medien derzeit durchrüttelt und wie die Nervosität in den Redaktionen angesichts immer neuer Sparrunden steigt – bis hin zu polemischen Attacken wider das Internet.

Die nächste Sparrunde wird überraschenderweise beim Branchenprimus “Süddeutsche Zeitung” eingeläutet, die, so berichtet CARTA, angesichts jäh abgesackter Anzeigenschaltungen Einsparungen im zweistelligen Prozentbereich plant – inclusive einem Stellenabbau in der Redaktion, wie die WELT in einem ausführlichen Beitrag hierzu schreibt:

Das Gerücht, man wolle sich von jedem fünften Redakteur trennen, dürfte unzutreffend sein. Es bezieht sich darauf, dass zusätzlich zum Personalabbau bei den Etats für Honorare und Reisen jeweils 20 Prozent eingespart werden sollen.

Apropos Honorare – für die freien Journalisten wird das bitter werden. Auch die “Welt” selbst soll vor drei Wochen entschieden haben, nunmehr alles, bis auf die Wochenendausgaben, selbst bestücken zu wollen.

Dass jetzt auch eine so optimistische und anpackende Persönlichkeit wie Christiane zu Salm bei Burda die Brocken hinwirft, ist ein weiteres, wenig Gutes verheißendes Zeichen. Angetreten war sie für den Aufbau des Bereichs “Crossmedia”. Mit der Beteiligung am US-amerikanischen News-Blog-Netzwerk “Glam” waren die Weichen für neue Mischkonzepte gestellt, die den Long Tail der Blog-News zusammen mit den Kern-News des Mutterhauses hätte vermarkten können. Das überfällige Experiment hatte aber offenbar angesichts ineinander verstrickter Kompetenzzuschreibungen und Entscheidungsbefugnisse nicht den Hauch einer Realisierungschance bei Burda. Aber vielleicht deutele ich auch zu viel meine eigenen Vorstellungen hinein, schießlich war nur zu lesen, dass Salm das hauseigene Foto- in ein Filmstudio umgewandelt hatte.

Auch der von der Deutschen Telekom finanzierte Auftritt des Web-2.0-Skeptikers Andrew Keen zeigte dem, der aufmerksam zuhören wollte, dass die Wissensgesellschaft nicht nur in ihren Strukturen kräftig durchgeschüttelt wird, sondern auch Zeichen erkennen lässt, die auf eine Ausbildung “digitaler Oligarchien” (Stichwort Google, Facebook) hinweisen. Dass sich Persönlichkeiten wie Obama Barack darauf einstellen, in dem sie sich direkt an Leser, Zuschauer, Nutzer wenden, muss nicht unbedingt, wie Keen meint, die Gefahr eines neuen Faschismus hervorbeschwören, wird aber sicherlich die Bedeutung der etablierten Medien weiter schmälern, wie Matthias Schwenk analysiert. Wie attraktiv überdies Foren für die Nutzer sind, zeigte übrigens Jörg Höwner in einer interessanten Analyse.

Schließlich führt die FAZ anhand einer Prognose von PWC vor, wie ungebrochen das Wachstum vom im Internet agierenden Unternehmen ist – mit einer unschönen Einschränkung:

Lediglich die Start-ups, die bisher noch keine eigenen Mittel erwirtschaften, und die Markenwerbung im Internet leiden unter der Wirtschaftsflaute, hat eine Umfrage unter deutschen Internetunternehmen ergeben.

Interessant hierbei ist das in diesem Zusammenhang präsentierte Statement von Stefan Winners, dem Vorstandsvorsitzende von Tomorrow Focus:

„Unsere Strategie, mit dem Bereich E-Commerce ein zweites starkes Standbein aufzubauen, erweist sich in der aktuellen Situation als richtig. Wir rechnen auch weiterhin mit einem deutlichen Wachstum bei Elitemedianet und Holidaycheck. Gleichzeitig erwarten wir für den Portalbereich ein anhaltend schwieriges Werbeumfeld, teilen aber die Markteinschätzung, dass hochwertige Onlinemarken auf mittlere Sicht Marktanteile gegenüber klassischen Medien gewinnen werden.

Die NZZ resümiert die Ereignisse der letzten Wochen mit einem recht griffigen Zitat von Emily Bell, ihres Zeichens Digital-Chefin des «Guardian». Sie erwartet in den nächsten zwei Jahren

«ein Gemetzel unter den westlichen Medien. Niemand in meinem Geschäft hat das bis dahin im Griff.»

Ihren Beitrag beschließt die NZZ mit den Worten:

“Immer noch wird der überwiegende Teil der Zeitungseinnahmen über die Printausgabe erzielt. Gerade der kostenintensive Recherche-Journalismus ist mit den derzeit im Internet erzielbaren Einnahmen nicht zu finanzieren.”

Und die ZEIT sekundiert mit der Prophezeiung:

Am Ende muss es vielleicht wieder der Staat richten. Die Nationale Initiative Printmedien gibt es schon, ebenso Vorschläge zur Alimentierung der seriösen Presse nach Art des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Na dann können wir uns ja wieder beruhigt zurücklehnen.

Nachlesen:


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About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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2 Responses to “Am Ende muss es vielleicht wieder der Staat richten” – Nachrichten vom Medienumbruch III

  1. Jan says:

    “Long Teil der Blog-News” – Wortneuschöpfung oder Typo? ;-)

  2. Christiane says:

    Seufz. So ist das. Mit dem Korrekturlesen. Alles ist jetzt öffentlich. Danke!

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