Was ich von einem neuen Social-News-Dienst erwarte

Focus-Online-Chefredakteur Jochen Wegner gab kürzlich zwischen Tür und Angel Meedia ein kurzes Video- Interview zu den Perspektiven des “Online-Journalismus” und schaffte es dabei mit leichtem Lächeln einen knapp skizzierten Ausblick auf ein Projekt namens “nachrichten.de” zu geben, der mich neugierig werden ließ.

Irgendwie solle man an Topix denken, riet Jochen. Gesagt, getan: Topix sortiert die Einträge nach Ressorts sowie dem Einwahlort des jeweiligen Dienstnutzers (ich sehe zum Beispiel, je nach Einwahlknoten entweder News aus Bonn oder Euskirchen) und bietet eine gute Suche. Topix ist strikt englischsprachig – und enthält Leserkommentare. Diese aber müsste man sich wegdenken. Denn die zweite Angabe von Jochen lautete: Bei nachrichten.de, das im Frühjahr 2009 an den Start gehen soll, werde es sich um einen rein automatisierten News-Aggregationsdienst handeln.

 
Jochen Wegner im MEEDIA-Interview from meedia on Vimeo.

Was darf man sich vorstellen? Social-News-Dienste gibt ja so oder so ähnlich schon in Deutschland mehrfach. Und kein Dienst ist bislang wirklich überzeugend. 

Wie müsste er aussehen, dass er bei mir wirklich Chancen hätte?, überlegte ich mir. Er müsste die Erwartung seiner Zielgruppe klar erfüllen. Als Journalistin und Vielleserin erwarte ich aber verschiedenes, was leicht miteinander in Konflikt kommen könnte:

  • Wenn ich selbst berichtet habe, möchte ich schnell einen Überblick über alle Nachrichten, die zum selben Thema oder zur selben Person bereits erschienen sind. Und zwar möglichst komplett. Die Wahl fällt hier klar auf GoogleNews.
  • Wenn ich eine zeitlang einen Themenbereich nicht verfolgt habe, brauche ich einen Dienst, der mir die interessantesten, relevantesten Nachrichten der letzten Woche auflistet. Ich gehe zu Facts 2.0 und sehe mir die einzelnen Ressorts durch.
  • Wenn mein Newsreader, in dem neben etlichen Newstickern auch über 100 Medien- und Tech-Blogs gelistet sind, wieder einmal überläuft und ich schnell einen Überblick über die Nachrichten mit der meisten Resonanz erhalten möchte, sehe ich mir den Rivva-Feed an. Würde mich Rivva mit über 100 ähnlichen News überhäufen, wie es Google News täte, wäre Rivva für mich schnell tot.
  • Gleichwohl vermisse ich an Rivva derzeit die thematische Tiefe – was aber wohl weniger an Rivva, aber wohl mehr an den zur Auswahl stehenden Quellen liegt. Wäre ich also jemand, der sich nur für einen einzigen Themenbereich interessieren würde, würde ich mir einen Social-News-Dienst für bestimmte Themen heraussuchen. Im amerikanischen Raum gibt es bereits einige, die sich etwa auf den IT- oder Umweltbereich spezialisiert haben. Hier wäre noch eine Lücke zu füllen. Angesichts der zahlreichen deutschsprachigen Strickblogs könnte das zum Beispiel ein Social-News-Strickdienst sein ;)
  • All diese Dienste sind jedoch noch immer recht breit fokussiert. Deshalb schaue ich für mein spezielles Recherchethema immer wieder mal bei meinem persönlichen Yahoo-Pipes-Feed nach, was der gerade so eingesammelt hat.

Was mir derzeit wirklich fehlt ist, dass Zeitungen ihre Artikel mit den relevanten Links zu weiterführenden Artikeln in- und außerhalb ihres eigenen Verlagshauses versehen. Damit würde ich mich gut beraten fühlen. Gibt es aber bislang nicht wirklich. Ein redaktionsgetriebenes Widget eines Social-News-Dienstes könnte so etwas leisten, das von einzelnen Ressorts oder Redakteuren befüttert wird. Aber das wiederum ist kein eigener Dienst. Obwohl so etwas aus Sicht von Jeff Jarvis sicherlich Sinn machen würde.

Wie also müsste der neue Dienst aussehen? Sicherlich nicht wie Yigg oder Wikio oder Tausendreporter, die auf Nutzerwertungen basieren. Und nicht wie Facts, das vor allem von einer Redaktion belebt wird. Eher wie ein Rivva. Nur stünde dieser Dienst dann auch wie Rivva vor dem Problem, interessante Feeds auftreiben zu müssen, um nicht in einem belanglosen Nachrichtenmischmasch unterzugehen.

Die Frage ist, welches Mischverhältnis es von traditionellen Medien und Social Media in Form von Blogs es geben wird. Gibt es zu wenige Blogs, könnte das Ergebnis so erfrischend und überraschend aussehen wie GoogleNews. Und eine weitere Frage ist, welche personalisierten Dienste sich aus nachrichten.de ziehen lassen. Welcher individuelle Service möglich ist.  Denn nur hier könnte vermutlich der neue Dienst wirklich punkten. Ob das wohl der individuelle EInwahlknoten wie bei Topix sein wird? Ich bin gespannt!

via Rivva und dann via Onlinejournalismus.de

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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