Wenn Statistik irritiert …

Bernd Weiss zeigte sich vor einigen Monaten so irritiert über eine Zeitreihenanalyse zum Konkurrenzverhältnis von Tageszeitungen und Nachrichtensites (PDF), mit der Robin Meyer-Lucht und Castulus Kolo die Erosision der Intensivleserschaft von Tageszeitungen illustrierten, dass er hierzu einige methodische Anmerkungen ausarbeitete und nun in seinem Blog “Zahlen|Gesellschaft” veröffentlichte.

Bernd Weiss ist der Auffassung, dass die von Meyer-Lucht und Kolo durchgeführten Analysen “durch den Einsatz von unangemessenen Verfahren sowie der fehlerhaften Befundinterpretationen eher verwirrend” wirken:

Das betrifft etwa die unangemessene Verwendung von linearen Regressionsmodellen (…) sowie die Interpretation der Ergebnisse. Ein weiteres Problem betrifft die Verwendung von Aggregatdaten, während die Hypothesen teilweise auf der Individualebene formuliert werden. An keiner Stelle im Artikel findet sich der Hinweis auf einen drohenden ökologischen Fehlschluss.

Ein ökologischer Fehlschluss liegt etwa dann vor, wenn  auf der Basis von Aggregatdaten und von Zusammenhängen auf Aggregatebene auf individuelles Verhalten geschlossen wird. Weiss demonstriert dies am Beispiel des Zusammenhangs von “Altersgruppen” und der Nachfrage nach aktuellen Informationen:

In der linken Abbildung (1a) finden sich die Befunde der auf der Aggregatebene durchgeführten Analysen. Die rechte Abbildung (1b) enthält die Befunde der Individualdatenanalysen. In der ersten Abbildung zeigt sich ein klar positiver Zusammenhang und unzweifelhaft lautet die (falsche) Interpretation: Mit dem Alter steigt die Nachfrage nach aktuellen Informationen. In der rechten Abbildung (1b) hingegen wurde der Zusammenhang pro Altersgruppe auf Grundlage der Individualdaten errechnet und nun zeigt sich, dass ein negativer Zusammenhang vorliegt. Wie sich gut erkennen lässt, ergibt sich lediglich durch die unterschiedlichen Nachfrageniveaus ein scheinbar positiver Zusammenhang

Dennoch kommt Weiss zu dem Schluss, dass “die Kernaussage des Artikels, nach der es zu einer „Erosion der Intensivleserschaft“ kommt und „Nachrichtensites“ den Printmedien Nutzer streitig machen, nicht in Frage gestellt wird.”

Abgesehen davon, dass genau dies ein Beispiel für funktionierende Wissenschaftskommunikation in Blogs ist, erläutert es doch auch aufs Schönste, wie und unter welchen Bedingungen man Trends aus Zahlen ablesen kann und darf.

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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