Wie macht man auf vernachlässigte Themen und Nachrichten aufmerksam?

Das amerikanische “Project Censored” hat wieder 25 Geschichten präsentiert, die zwar hohen Nachrichtenwert haben, aber dennoch von den Mainstream-Medien im letzten Jahr vernachlässigt wurden. Prof. Stephan Russ-Mohl berichtet über die Ergebnisse und das Projekt in der NZZ. Am Schluss fällt ein Satz, der mir, ehrlich gesagt, etwas weh getan hat. Weil er wahr ist:

Nachahmer hat das Projekt in mehreren Ländern gefunden, darunter Kanada. Doch diese Experimente waren kurzlebig – offenbar haben die Initiatoren den Arbeitsaufwand unterschätzt. Lediglich in Deutschland gibt es einen Versuch, der mehrere Jahre überdauerte: Die Initiative Nachrichtenaufklärung ist jedoch im Vergleich zum amerikanischen Original ein Mauerblümchen geblieben, das in der Medienszene kaum jemand kennt.

Gemeinsam mit Prof. Horst Pöttker, der am Institut für Journalistik an der Uni Dortmund die “Initiative Nachrichtenaufklärung” (INA) verantwortet, habe ich seit 2002 als Leiterin vieler Rechercheseminare in Dortmund und mit Unterstützung von Prof. Caja Thimm auch in Bonn etliche Erfahrungen sammeln dürfen. Deshalb versuche ich mich hier an einer Erklärung:

Zu kleines Projekt?

Warum ist das Projekt in Deutschland noch immer so unbekannt? Daran, dass die INA nur ein kleines Recherche-Seminar wäre, kann es nicht liegen. Seit der Begründung der Initiative Nachrichtenaufklärung im Jahr 1997 wurden mehrere 100 Studierende an fünf Hochschulen auf rund 1000 schwierige Themen angesetzt, die sie erfolgreich erfassten, bewerteten und aufarbeiteten. Derzeit arbeiten drei Seminare hochschulübergreifend an der Uni Dortmund, der Uni Bonn und der Hochschule Darmstadt für die INA. Das Projekt ist also sicherlich nicht zu klein – eher im Gegenteil: Es ist bereits so groß, dass die Koordinierung ohne eine unterstützende Online-Kollaborationsplattform zu aufwändig wäre.

Mangelhaftes Pressearbeit?

Wir haben leider vergeblich versucht, die deutsche Medien- und Bloggerlandschaft für das Projekt zu interessieren. Wir haben einen E-Mail-Verteiler von Redaktionen und Blogger mit über 200 Adressen aufgebaut, die wir in regelmäßigen Abständen aktualisiert haben. Zweimal jährlich erhalten die Redakteure Post – einmal, wenn wir aufrufen, interessante, aber vernachlässigte Themen einzureichen und einmal, wenn wir über die Ergebnisse berichten.

Nun könnte man denken, dass die Ansprache über E-Mail-Verteiler etwas unpersönlich ist und dass man die Redakteure gezielt ansprechen sollte. Tatsächlich haben wir vor zwei Jahren eine studentische Hilfskraft nur damit beschäftigt, Redakteure anzurufen, teilweise sogar in den Redaktionen vor Ort zu besuchen, um sie für das Potenzial der INA zu sensibilisieren. Schließlich recherchieren Studierende über Monate Themen vor, die die Redaktionen mit nur geringem Aufwand als eigene Geschichte aufgreifen und aktualisieren könnten. Außerdem ist die Top-10-Liste auch immer eine Auszeichnungsliste für die Journalisten, die frühzeitig über ein Thema berichtet haben und damit auch eine Art alternativer Journalistenpreis. Aber die besuchten Redakteure schafften es kaum,  irgendetwas jenseits der Meldung “Die Top-10-Themen des Jahres xxxx” zu veröffentlichen. Das Ergebnis dieser Anstrengungen war in etwa dasselbe, als hätten wir gar nichts unternommen.

Natürlich gab es hier und dort auch einige Erfolgserlebnisse. Anfangs etwa freuten wir uns, als der Spiegel im Panorama 20 Zeilen für uns spendierte. Später ärgerten wir uns, weil die Redaktion noch vor der Jurysitzung exklusiv Ergebnisse vermelden wollte (Wie sollte das gehen? Einfach mal aus der Vorauswahlliste nach Gefühl ein paar Themen nehmen??). Wir entschieden, auf exklusive Ansprüche nicht einzugehen, da dies einfach keinen Sinn hat. Dafür wurden wir auch in den größeren Blättern nicht mehr genannt.

Trotz verschiedener Berichte von Nachrichtenagenturen zum Ergebnis, wurden in den Tageszeitungen nur selten die Ergebnisse abgedruckt. Die “taz” gehörte zu den wenigen Tageszeitungen, die tatsächlich einen selbständigen Bericht verfasste. Aber auch sie verfolgte die Geschichten nicht weiter. Wer sehr zuverlässig berichtete und sich auch die Mühe gab, Jury-Mitglieder zu befragen, waren die Radiosender: Vom verschiedenen WDR-Sendern über den NDR, mdr bis hin zu zahlreichen lokalen Sendern.

Die einzige Redaktion, die jemals ein Thema selbständig aufgegriffen hat, so wie wir uns das erhofft hatten, war das „Greenpeace Magazin“ im Jahr 2006. Es ließ den Journalisten Toralf Staud das Thema „Strategie der Abhängigkeit: Irakische Bauern müssen Lizenzgebühren für Saatgut zahlen“ vor Ort im Irak nachrecherchieren. Es präsentierte seine Reportage unter dem Titel „Der vierte Golfkrieg“ in der Mai/Juni-Ausgabe 2006.

Großartig war es auch, als Scarlett Löhrke die INA in einem Beitrag für das Fernsehmagazin “Nano” präsentierte. Sie arbeitete sich richtig ein, um das Projekt auch in seiner medienwissenschaftlichen Bedeutung zu präsentieren. Sie fragte nach Nachrichtenfaktoren und zeigte entsprechende Themen.

Aber das waren leider Einzelfälle.

Abseitige, randständige Themen?

Lag es also an den Themen? Waren sie für die Mainstream-Presse zu irrelevant? Gab es zu viele Meldungen, die sich um Asylbewerber, kranke Menschen oder Menschen in Entwicklungsländern drehten, Meldungen, die für die meisten Menschen einfach nicht wichtig sind? Auch hier führten wir mehrfach eine Recherche durch. Und siehe da, die Themen hatten durchaus das Zeug, auf der Titelseite zu landen. Doch dafür mussten weitere Monate und Jahre verstreichen: So etwa 2001 das Thema „Innenminister Schily behindert Informationsfreiheitsgesetz“. Das Netzwerk Recherche setzte sich später für die Verabschiedung eines für die Bundesbehörden geltenden Informationsfreiheitsgesetzes ein und erarbeitete dafür sogar eine eigene Vorlage. Die rot-grüne Regierungskoalition verabschiedete das Gesetz im Sommer 2005, seit Anfang 2006 ist es in Kraft.

Auch das Thema „Vom Petro-Dollar zum Petro-Euro: Iran plant neue Ölbörse“, das auf der Top-Ten-Liste von 2005 vorgestellt wurde, erhielt einige Beachtung. „Spiegel Online“ diskutierte es in dem Artikel „Die Legende vom Petro-Euro-Krieg“ am 11. März 2006. Am 16. März schafften es die Pläne der iranischen Regierung zu den geplanten Veränderungen im Ölhandel unter dem Titel „Öl – nur noch gegen Euro“ auf die Seite 1 der „Süddeutschen Zeitung“. Anlass für die prominente Platzierung auf der Titelseite waren allerdings weniger die Bemühungen der Initiative Nachrichtenaufklärung als vielmehr warnende Äußerungen des iranischen Führungspersonals.

Ähnlich ist auch die Presseresonanz auf das Thema „Stromfresser Internet“ zu bewerten, das in der Liste für 2006 auf den dritten Platz kam. Einen Tag nach der Bekanntgabe der Top- Ten-Liste stellte ein renommiertes US-Forschungsinstitut eine weit zitierte Studie vor, die zeigte, dass im Jahr 2005 Internet-Server weltweit ganze 14 Kraftwerke komplett auslasteten. 2006 kam noch ein weiteres Thema auf die Liste, das aber erst den Anlass “Olympia” brauchte, um tatsächlich aufgegriffen zu werden: “Über eine Million politische Gefangene in China – unmenschliche Haftbedingungen und Organhandel?”.

Im Jahr 2007 griff der WDR ein Thema aus 2005 auf: Fehler im System: Wie der “Grüne Punkt” ausgehebelt wird. Bei diesem Jury-Thema hatte es sich um eine so ausführliche Recherche gehandelt, die so viele Ansatzpunkte für weitere Recherchen anbot, dass ich mich gewundert habe, dass es zwei Jahre lang dauerte, bis jemand diese quasi auf dem Silbertablett servierten Themen überhaupt aufgegriffen hat. Ebenfalls noch unterbelichtet ist ein weiteres Thema aus dem Jahr 2005, das noch immer seiner gründlichen Aufarbeitung harrt: Deutschland verschläft die Energiewende. Aber auch in den  Topthemen 2007 sind wieder etliche Themen, die noch das Zeug haben, wieder entdeckt zu werden.

Eine prominente Jury?

Liegt es an der Jury, die nicht genügend Strahlkraft entwickelt? Ich glaube nicht. In der INA-Jury haben neben Medienwissenschaftlern regelmäßig bekannte Journalistinnen und Journalisten mitgewirkt. Im Moment gehören zu den Promis Ingrid Kolb (Henri-Nannen-Journalistenschule) Sonia Mikich (Monitor) und Günter Wallraff, in den letzten Jahren waren Thomas Leif (Netzwerk Recherche), Hans Leyendecker (SZ, früher Spiegel) und Christoph Maria Schröder (TV-Reporter) dabei. Natürlich waren sie es, die in der Berichterstattung um Zitate und um Interviews gebeten wurden. In der “Insight” etwa war einmal ein größerer Bericht, für den Hans Leyendecker maßgeblich Rede und Antwort stand. Aber letztlich war der Aufmerksamkeitswert dennoch nicht so groß wie gewünscht.

Ein Jahrbuch?

Wenn es also weder an der Größe der Initiative, der Pressearbeit, noch an den Themen oder der Jury liegt, woran liegt es dann? Auch Peter Philipps, Projektleiter des “Project Censored”, klagt darüber, dass große Medien die seine Initiative tot schweigen. Doch er veröffentlicht seit langem schon ein Jahrbuch, das, so war der NZZ zu entnehmen, eine Auflage von 15.000 Exemplaren erreicht. Auch wir haben 2007 hierfür einen ersten Anlauf unternommen: Mit dem Buch “Verschwiegen? Verdrängt? Vergessen? Zehn Jahre “Initiative Nachrichtenaufklärung“. Doch da wir das Buch praktisch in unserer Freizeit vorbereitet und geschrieben haben, haben wir gemerkt, dass einfach die Manpower und die damit verbundene finanzielle Basis für ein ordentliches Jahrbuch fehlt. Außerdem wurde es zwar von der Fachpresse gut aufgegriffen – aber ansonsten war die Resonanz doch eher spärlich.

Warum also das Große Schweigen?

Teil des Problems kann sein, dass dass die INA-Arbeit auf drei Hochschulseminaren basiert. Hierfür werden jeweils drei Dozenten beschäftigt – einer der drei koordiniert die Zusammenarbeit mit den anderen. Auch ohne die Koordinierungsarbeit ist das Seminar an sich nicht nur für die Dozenten, sondern auch für die Studierenden sehr zeit- und arbeitsaufwändig. Zu jeder Sitzung müssen Ergebnisse gesichtet und bewertet werden. Ist ein Thema abgeschlossen, kommt das nächste dran. Ständig müssen Rechercheprotokolle verfasst und dann am Ende noch Abschlussberichte geschrieben werden. Dieser Arbeitsanspruch passt nicht unbedingt in das übliche Seminarschema, wonach ein Referat für den Schein schon reicht. Allerdings ist mir kaum ein intensiveres Recherche-Training bekannt als dieses …

Hinzu kommt, dass die Studierenden sich auch um die Öffentlichkeitsarbeit kümmern müssen, sie müssen Experteninterviews durchführen, um auf weitere mögliche Themen zu stoßen. Und sie müssen seit diesem Jahr auch bloggen. Das Blog “Der blinde Fleck” ist ein weiterer Versuch, die INA über den jährlichen Jury-Termin in ihrer alltäglichen Arbeit etwas bekannter zu machen.

Nur auch dieses Blog hat bislang nicht allzu große Resonanz erfahren. Das mag daran liegen, dass immer jemand anderes einen Eintrag als “Redaktion” verfasst, den Eintrag nur mangelhaft mit anderen Blogs verlinkt und dass in den Semesterferien so gut wie gar nichts läuft. Auch wird irgendwie aus den meisten Einträgen nicht klar, was sie mit der INA und ihrem Anliegen, auf vernachlässigte Themen und Nachrichten hinzuweisen, zu tun haben.

Natürlich ist auch die Website der INA selbst, die 2004 umfassend renoviert wurde, inzwischen wieder schon veraltet und bräuchte einen richtigen Relaunch. Nur wer soll das konzeptionieren und umsetzen? Die Studierenden, die doch eigentlich über 100 Themen recherchieren müssen?

“Die INA ist medienpolitisch wichtiger als traditionelle Journalistenpreise”

Ich bin jedenfalls – wie auch Stephan Russ-Mohl in der NZZ – davon überzeugt, dass die INA zwar noch im Schatten bekannterer Journalistenpreise steht, medienpolitisch aber die wichtigere Initiative ist. Sie trägt  nämlich selbst ganz aktiv zur Qualitätssicherung im Journalismus bei, indem sie nicht nur erschienene Beiträge sichtet, sondern die Berichtdichte für gesellschaftlich relevante Themen und Nachrichten systematisch auswertet. So führt sie regelmäßig vor,  wie leicht sich Journalisten beeinflussen lassen. Und sie stellt damit ein wichtiges Korrektiv dar.

Es ist nachvollziehbar, dass Redaktionen, die sich in ihrer Arbeit kritisiert fühlen, darüber nicht berichten wollen. Die INA bräuchte deshalb eine stärkere finanzielle und wohl auch institutionelle Unterstützung, um eine eigene publizistische Stärke aufzubauen.

Im Moment ist die INA aber nur eine universitäre Initiative.  Sie ist nur ein loser Zusammenschluss von wechselnden Dozenten, Studierenden und Jurymitgliedern.Sie hat keine eigene Rechtsform. Sie publiziert nur einmal im Jahr, arbeitet aber ständig an zahlreichen Themen. Es wäre notwendig, dass sie ihre Arbeit kontinuierlich präsentiert. Etliche Themen nämlich, die etwa im Frühjahr eingereicht werden, sind Monate später nicht mehr vernachlässigt. Sie wären es aber, wenn sie, nachdem sie überprüft wurden, sofort publiziert würden. Beispiele hierfür könnte ich Dutzende nennen.

Die INA kann aber aus organisatorischen, finanziellen Gründen nicht regelmäßig auf hohem professionellem Niveau publizieren. Denn dafür bräuchte sie eine redaktionelle Begleitung, die die Dozenten im Rahmen ihres Recherche-Seminarauftrags nicht auch noch adäquat erfüllen können.

Was tun?

Eine strukturelle Reform ist daher nötig, die auch berücksichtigt, dass die INA nur dann eine Resonanz finden kann, wenn sie eigene Kontakte zu Menschen, die auf wichtige Themen hinweisen können, sowie zu zivilgesellschaftlichen Medien kontinuierlich aufbaut und betreuen kann. Hierfür braucht es eine personelle Kontinuität. Studierende müssen länger als ein Semester für das Projekt arbeiten können. Dozenten müssen länger als ein Jahr am Projekt arbeiten, um Erfahrungswissen aufbauen zu können.  Die koordinierende Stelle muss über mehrere Jahre hin professionell besetzt werden. Dann könnte man auch die Zusammenarbeit mit weiteren Hochschulen angehen.

Außerdem muss überlegt werden, wie die jährliche TOP-10-Liste in eine Medienlandschaft platziert werden kann, die in einem immer höheren Tempo Nachrichten produziert. Wäre es angemessen, nicht wie bisher die bearbeiteten Themen geheim zu halten, sondern sie, sobald sie fertig recherchiert sind, zu veröffentlichen? In einer Art INA-Magazin auf Basis einer Blog-Software? Und die Top-10-Liste dann aus den Themen zu wählen, die trotz Vorabveröffentlichung zum Zeitpunkt des Jury-Treffens noch immer vernachlässigt sind? Damit könnte der INA eine stetig wachsende Aufmerksamkeit entgegenkommen würde, denn sie wäre dann ebenfalls ein Publikationsorgan, dessen Nachrichten ja durchaus relevant sein können.

Auch könnte die INA zu ausgesuchten Themen weitergehende Analysen anfertigen. Das Project Censored etwa führt zu einigen Themen größere Studien durch, die sie dann unter der Rubrik “Investigative Reporting” veröffentlicht.

Sicherlich gibt es noch weitere Punkte, die man ändern könnte. Kommentare und Anregungen sind sehr willkommen!

Weitere Lektüre

Horst Poettker, Christiane Schulzki-Haddouti (Hg.):
Verschwiegen? Verdrängt? Vergessen?
Zehn Jahre “Initiative Nachrichtenaufklärung”.
VS-Verlag 2007

“Sehr umfassend und systematisch, aber (fast) nirgends langweilig, informiert das Buch über Verdienst und Ansprüche solcher sorgfältig erwogener Medienkritik. Insgesamt ein grundsolides, viele wissenschaftliche und alltägliche Aspekte gründlich kombinierendes, verantwortungsbewusstes Handbuch.” Richard Herding in PUBLIZISTIK

 

Initiative Nachrichtenaufklärung übernimmt “verdienstvolle Aufgabe”. medium magazin 11/2007

“Die Nachrichtenaufklärung schafft es mit dem Buch, den Leser für zu kurz gekommene Themen zu sensibilisieren und die eigene Recherche einmal kritisch zu reflektieren.” INSIGHT, 09/2007

ISBN 978-3-531-15435-0
ca. 250 S. Br. ca. EUR 24,90
Bestellen via Amazon

 

Der Band dokumentiert die Top-Ten-Listen der vergangenen zehn Jahre und gibt Auskunft über Anliegen, Arbeitsweisen und Erfolge dieser zivilgesellschaftlichen Initiative. Verschiedene Expertenbeiträge zur investigativen Recherche zeigen, wie Journalisten dem Problem der medialen Vernachlässigung entgegenwirken können. Unter anderem mit Beiträgen von


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About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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12 Responses to Wie macht man auf vernachlässigte Themen und Nachrichten aufmerksam?

  1. Frank Hamm says:

    > In einer Art INA-Magazin auf Basis einer Blog-Software?

    Ja, das halt ich für eine gute Idee. Wer interessiert sich heute inhaltlich noch für ein Thema, das vor 10 Monaten interessant gewesen wäre? Aufgemacht wie und angelehnt an eine Nachrichten-Website.

    Außerdem quartalsweise ein Zwischenbericht zur Lage der Nation mit nachgefassten Themen (was wurde daraus?).

    Ein Mal im Jahr gibt es dann eine Jahresbilanz mit Preisverleihung (hm, wer gibt den Preis) in verschiedenen Kategorien mit viel Glamour, wo sich Etablierte damit schmücken könnten etwas für die journalistische Qualität zu tun. Der Preis geht nicht an Themen sondern an die Personen – Anreiz und ebenfalls ein bisschen Glamour. Es muss ja nicht gleich ein Oscar sein :-) Ein Anreiz könnten auch Preise für die besten “Nachfasser” sein, die Themen aufgegriffen und besonders wirksam in der Öffentlichkeit positioniert haben.

    So, nur einmal schnell aus der Hüfte geschossen – nicht recherchiert und nicht qualitätsgesichert :-)

  2. Der Personenbezug scheint mir auch wichtig zu sein. Leider kann man ihn nicht in allen Fällen herstellen, da es tatsächlich Themen gibt, die vorher noch gar nicht aufgegriffen wurden – oder in der ausländischen Presse vorkamen, aber eben nicht hier. Man müsste aber tatsächlich irgendwie es schaffen, die Journalisten, die sich mit einem vernachlässigten Thema intensiv auseinandergesetzt haben, irgendwie stärker hervorzuheben. Vielleicht mit einem Event, zu dem sie geladen werden und ihre Recherche-Geschichte erzählen. Oder einfach auch mit einer stärkeren Hervorhebung bei der Themenpräsentation und einem anschließenden Anschreiben, der den Journalisten darüber informiert: Sie haben das Top-X-Thema des Jahres XXXX recherchiert. Das müsste man wirklich nochmal nachdenken.

  3. Für mich persönlich wäre vor allem eine kontinuierliche Nachrichtenquelle ein Anreiz, mich mit der INA und ihren Themen zu befassen. Im Idealfall also ein Blog, das mehr oder weniger regelmäßig befüllt wird.

    Mit dieser Kontinuität kommt, denke ich, auch die Aufmerksamkeit einer – begrenzten – Öffentlichkeit. Sollte sie tatsächlich etwas bewirken – nämlich, dass Themen aufgegriffen werden – dann ist es sicher legitim, die jährliche Top10-Liste in jetziger Form dafür zu opfern.

    Bei einem Blog wäre mir zumindest dann wichtig, dass es von eindeutig erkennbaren Personen geschrieben wird. Ein bloßes “Redaktion” empfinde ich als abschreckender als beinahe jeden noch so peinlichen Nickname, weil der Ansprechpartner dadurch verloren geht.

    Sicher würde das Veröffentlichen von Beiträgen in einem Blog in der aktuellen Lage nicht zu mehr Mainstreammedien-Präsenz der INA führen. Für die Themen würde ich es allerdings nicht sagen. Und dann gibt es ja auch noch die Blogosphäre, die in diesem Jahr mehr als einmal bewiesen hat, dass sie relevante Themen aus der “Gosse” bis auf den Teppich der Mainstreamredaktionen schwemmen kann.

  4. Das sind alles sehr spannende Vorschläge. Aus meiner INA-Dozentinnen-Tätigkeit weiß ich aber: Das größte Problem der INA ist derzeit, dass es gar nicht genügend Themenvorschläge gibt, um annähernd die ihr zugedachte Aufgabe zu erfüllen. Das Blümchen auf der Mauer steht somit noch einsamer da als dargestellt. Mit einer Werbekampagne im Ruhrgebiet – selbstgemacht natürlich – haben wir zumindest einige Einreichungen bekommen: Institutionell herrscht jedoch ein großes Schweigen – die Einreichungen kamen weder aus den Redaktionen noch von NGOs. Ein Relaunch von Blog und Website ist aber auf dem Weg.

  5. Das ist leider kein neues Problem – auch die letzten Jahre gab es nicht genügend Themenvorschläge. Deshalb haben wir 2004 und 2005
    a) systematisch Experteninterviews geführt
    b) Pressemitteilungen von NGOs auf Vernachlässigung geprüft.
    Dabei konnten wir die Anzahl der Themen in etwa verdoppeln.
    2006 haben wir es nicht gemacht, weil die Bonner die INA-Tagung vorbereitet haben. Auch sonst hat das 2006 niemand gemacht, deshalb waren die Ergebnisse auch etwas mager.

    Natürlich stellt sich die Frage, warum man überhaupt Experteninterviews führen oder Pressemitteilungen prüfen sollte sollte, wenn doch die große Allgemeinheit die Vorschläge einreichen müsste. Deshalb denke ich, dass ein Umstieg auf ein regelmäßiges Publizieren der Ergebnisse das Interesse an der INA insgesamt steigern könnte. Die Hitliste hat längst nicht mehr den Zug wie sie noch vor 10 oder 15 Jahren hatte. Schon gar nicht im Internet, wo vieles sich nicht mehr an Hitlisten orientiert, sondern am “Long Tail”. Was würde das bedeuten? Natürlich kein einziges großes Ereignis am Jahresende, sondern eine kontinuierliche, öffentliche Arbeit, die dann durchaus von Ereignissen begleitet werden kann. Damit würde der Recherche-/Dienstleistungscharakter öffentlich noch stärker betont, die Betonung auf dem “Vernachlässigten” würde bleiben – da es ja immer den retroperspektivischen Blick gibt: Was wurde schon berichtet?

    Ich habe von potenziellen Einreichern, die an ihrem “Thema” manchmal auch richtig leiden, öfter gehört, “ach, das ist ja dann erst nächstes Jahr”. Der Jahresrhythmus ist einfach zu groß. Mehr Kontinuität in der Darstellung nach außen, mehr wirklich durchrecherchierte Geschichte nach außen wären gut. Wie viele gute Geschichten sind bei uns einfach im Archiv gelandet? In den USA mag es diese Probleme mit den Einreicherzahlen heute noch nicht in dem Maße geben, weil der Einzugsbereich natürlich um Längen größer ist.

    Das mit dem Relaunch würde mich natürlich interessieren – was ändert sich dabei strukturell? Allein das Design allein bringt meines Erachtens zwar Lob, aber keine wirklichen Verbesserungen für die Arbeit in dem Sinne, als dass mehr Vorschläge oder eine bessere Resonanz zu erwarten wären. Welche Funktion das Blog im Moment hat, ist mir ein wenig schleierhaft. Allein die jüngste Geschichte über Obamas Wahlkampftaktik scheint mir nicht unbedingt vernachlässigt zu sein. Es scheint ein wenig beliebig zu sein, was hier gebloggt wird. Abgesehen davon, dass das Blog in der jetzigen Struktur (Recherche bis zum Jahresende) erstmal eine Zusatzbelastung für alle Beteiligten ist.

  6. Idealerweise wird über die aktuelle Recherche gebloggt. Dafür müsste aber tatsächlich die Grundsatzentscheidung fallen, dass die Themen auch vor der Jurysitzung nicht “geheim” sind, sondern kontinuierlich veröffentlicht werden. Die ist leider noch nicht gefallen und müsste ja – wegen der Struktur der INA – mit der ganzen Jury abgestimmt werden. Bis dahin haben die Studierenden den – wie man ja sieht – nicht sehr präzisen Auftrag, über Recherche, vernachlässigte Themen und potenzielle Gründe für Vernachlässigung zu bloggen. Weil die meisten noch nie gebloggt haben und es ja nun mal den Vorbehalt gibt, das unsere Themen in der Bearbeitung verschwiegen werden müssen, fällt es vielen sehr schwer. Wir werden dieses Semester trotz dieser schwierigen Vorzeichen versuchen, das Profil inhaltlich zu schärfen. Nebenbei, das ist richtig, denn bis Ende des Jahres wird vor allem recherchiert.

  7. Ja, das wäre wichtig, ein klares inhaltliches Konzept für das Blog zu haben. So weiß man gar nicht, was es eigentlich will …

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