5+ Partisanenstrategien für Journalisten

Das Interview mit Bernd Kriegesmann gibt zahlreiche Anregungen für Journalisten, wie sie ihren Beruf innovativ weiterentwickeln können. Für mich sind es die folgenden fünf Partisanenstrategien:

1. Freiräume und Handlungsanreize sind wichtige Bedingungen gerade füráSprunginnovationen

Das bedeutet, dass jeder Journalist, der mehr als 8 Stunden in seiner üblichen Tretmühle arbeitet, sich zeitlich befreien muss. Er braucht freie Zeit, um neue Formate, um Ideen einfach einmal auszuprobieren. Vielleicht sollte man ab und zu, am besten regelmäßig, einfach aus den üblichen Strukturen ausbrechen! Stress abbauen, entschleunigen. Damit wieder neue Ideen wachsen können.

Ich habe beispielsweise mein übliches Arbeitspensum von etwa 10 Stunden reduziert und nehme mir jeden Tag etwa 1 Stunde für dieses Blog Zeit. Ich gönne mir diese Spielwiese einfach, auch wenn ich in der selben Zeit noch wesentlich mehr verdienen könnte. Und jetzt etwa verzichte ich – leichten Herzens – auf einen Teil meiner VG-Wort-Tantiemen, die ich in eben dieser freien Zeit verwalten müsste, um diesen Beitrag zu schreiben. Prioritäten setzen gehört also auch dazu.

Redaktionsleiter müssten ihren Redakteuren etwas Freiraum geben, um eigenen Ideen nachgehen zu gehen. Diese Strategie verfolgt übrigens Google:áGoogle ermutigt seine Softwareingenieure, 20 Prozent ihrer Zeit für eigene Ideen zu verwenden.áAuf diese Weise sind etwa Orkut und Google Earth entstanden. Bei einem 8 Stunden-Tag wären das 2 Stunden. Das ist viel Zeit!

2. Wenn ich Sprunginnovationen voranbringen will, muss ich denáZufall provozieren

Für freie Journalisten bedeutet das: Auch mal Aufträge annehmen, die nicht ins übliche Spektrum fallen. Etwas neues ausprobieren.

Für Redaktionen bedeutet das: Räume schaffen, um gemeinsam Ideen zu entwickeln. Ein freies Wiki zum Beispiel, in dem man auch herumspinnen darf.

3. Die Innovationspartisanen sollen hinter der Routineorganisation agieren können und erst dann auftauchen, wenn sie vom Erfolg ihrer Idee überzeugt sind.á

Redaktionen sollen kleine Entwicklungsteams einrichten, die neben der Spur und mit möglichst wenig Erfolgsdruck seitens des Managements arbeiten dürfen. Wichtig könnte sein, diese Mitarbeiter mit Unabhängigkeit zu belohnen, etwa mit der Aussicht auf ein kleines, eigenes Tochterunternehmen.

Freie Journalisten sollen sich eigene Spielwiesen gönnen: Projekte, die ihr Themenspektrum, ihre Kompetenzen erweitern. In denen sie sich auch mal nicht unbedingt als “Journalisten” verstehen müssen.

4. Man muss man bereit sein, das bisherige Geschäftsfeld neu zu erfinden.á

Jeder Journalist hegt bestimmte Erwartungen, hat über die Jahre ein gewisses Berufsverständnis entwickelt. Offenheit ist die Grundvoraussetzung, um sich zu entwickeln. Vielleicht sollte man sein eigenes Selbstbild öfter in Frage stellen: Wie unabhängig berichte ich wirklich? Was habe ich bisher mit meinen Geschichten bewirkt? Bin ich damit zufrieden? Wie gut recherchiere ich tatsächlich? Bin ich wirklich ein verlässlicher Ansprechpartner für Informanten? Wie nützlich sind meine Texte für meine Leser? Was interessiert meine Leser wirklich?

5. Um neue Marktfelder zu erschließen, muss man seine Kernkompetenz bestimmen.á

Was sind die Kernkompetenzen von Journalisten? Für mich sind es folgende:

  1. Recherche und Monitoring
  2. Die Erschließung und einfache Darstellung komplexer Zusammenhänge.
  3. Trends erkennen und verständlich visualisieren, kontextualisieren, vertonen, vertexten.
  4. Dialog und Moderation: Einen Diskurs, einen Dialog zwischen verschiedene Interessensgruppen anregen und moderieren.
  5. Aufmerksamkeit generieren, Publizität herstellen, Veröffentlichungsprozesse beherrschen.

Was bedeutet das für freie Journalisten und Redaktionen? Viel, sehr viel!

Informationsfluten zu bewältigen fällt zunehmend vielen Menschen schwer. Hier gilt es entsprechende Tools zu finden, anzuwenden und hieraus Recherche- und Monitoring-Dienstleistungen zu entwickeln.

Die Erschließung und Darstellung komplexer Zusammenhänge ist eine Dienstleistung, die auch Unternehmensberatungen anbieten und die sich zunehmend auch in der Bereitstellung von “Whitepapern” auf Verlags-Websites findet.

Die Trenderkennung ist das Feld von Trend- und Zukunftsforschern. Journalisten waren hier schon immer als Übersetzer wissenschaftlicher Ergebnisse tätig, könnten künftig jedoch verstärkt eigene Produkte entwickeln.

Dialog und Moderation sind Tätigkeitsfelder, die Journalisten traditionell besetzen – auf Veranstaltungen, Tagungen, Messen. Es ließen sich aber auch Online-Veranstaltungen vorstellen, in denen Journalisten Diskurse bündeln, anregen und moderieren.

Aufmerksamkeit generieren heißt die neue Mechanismen des Social Web zu erfahren, zu verstehen und neue Produkte zu entwickeln.

Was wäre noch möglich?á
Welche weiteren Ansätze für Innovationsstrategien sind für Journalisten denkbar?


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  1. Wie wir uns im Wandel neu erfinden

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts f├╝hrt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie f├╝hrt ein pers├Ânliches Blog auf ihrer Homepage.
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8 Responses to 5+ Partisanenstrategien für Journalisten

  1. Detlef Borchers says:

    Ist der Partisan nicht ein Kämpfer im okkupierten Feindesland? Ich denke, dass dementsprechend eine journalistische Partisanenstrategie so aussehen muss:

    1.) öfter mal den Kollegen Aufträge wegnehmen. Frei nach Carl Schmitt ist die “Irregularität” die höchste Tugend des Partisanen.
    2.) Die Regel von “Geschäftsfeldern” konsequent verneinen. Siehe Punkt 1.
    3.) Der Partisan schwimmt tellurisch im Volk wie der Journalist unter seinen Lesern. Und der Partisanenjournalist ist, wieder frei nach Schmitt, einer, der die Mobilität zur höchsten Lebensform erkoren hat. Keine verwertbare Tagung ist zu weit weg etc.
    4.) Bei Kernkompetenzen bin ich grundsätzlich sehr, sehr skeptisch. Statt Kernkompetenz würde ich viel bescheidener davon reden, auch mal bereit zu sein, ein Gutachten zu einem beackerten Thema zu studieren, auch wenn es mehr als 300 Seiten hat.
    5.) Trenderkennung den Horxschen Dampfplauderern überlassen, weder Guru noch Urgestein sein, beides ist tödlich für neugierige Journalisten

  2. Beate says:

    Völlig einverstanden mit der Meinung von Detlef!

  3. Christiane says:

    zu 1) fällt mir natürlich auch leider allerhand ein:
    a) Sich nicht an Absprachen mit Informanten halten,
    b) die Freigabe von Dokumenten und Statements ertricksen,
    c) Kollegen attraktive Themen abjagen bzw. bei der Suche nach neuen Themen immer erst mal gucken, was der engste Kollege so schreibt und dann einfach schneller anbieten,
    d) Vorschläge von freien Autoren dankend aufnehmen, aber selbst umsetzen,
    usw. usf. die Liste ist ja endlos.

    Das meinte ich aber nicht :)

  4. Detlef Borchers says:

    Warum gleich so negativ, Christiane?

    a.) Absprachen mit Informanten sind ein ganz heißes Thema. Abseits des Schutzes, den Informanten zu decken, würde ich mich auf keine Absprache einlassen.
    b.) Du glaubst gar nicht, wie mir die besonders in unserer IT-Branche so geliebten Non-Disclosure Agreements zum Halse raushängen. Ansonsten geht es ja vielfach nicht um “Freigabe von Dokumenten”, sondern um Verifikation von Dokumenten, die immer wieder im Postfach aufschlagen. Ja, da muss man tricksen.
    c.) Attraktive Themen abjagen ist natürlich mies, aber wenn Partisanenstrategie, dann bitte mit aller Konsequenz. Oft stellt sich beim Thema “abjagen” nämlich heraus, dass mehrere Leute eine ähnliche Idee zu einem Artikel haben. Oder kennst du eine Partisanengruppe, die einer anderen den Vortritt lässt? Schlimmer sind, das gebe ich zu, die “einfach schneller schreibenden” Anbieter, die mit ein bisserl Google und ohne Nachfragen etc. einen Artikel raushauen. Aber wer bspw. gegen den Agenturjournalismus angehen will, hat schon verloren.
    d.) Ist ein Spezialfall von Redaktionen, den ich komischerweise noch nie erlebt habe, höchstens in der Weise, dass bei einem aktuellen Thema die Redaktion überlegt, wer vor Ort ist.

  5. Alles gut und richtig!
    Mir fehlt ein bißchen die Werte- und Qualitätsdiskussion. Mir fehlt der eigene Anspruch des Journalisten.
    Mir fehlt aber auch, daß das Umfeld ebenso stimmen muß, wie die Einstellung des Journalisten, sonst hat dieser nämlich keine Chance:

    “Aber wäre das nicht ein Zeichen vom Range ‘Wir sitzen alle in einem Boot’, wenn nun alle einfach in einem Boot sitzen würden und die gesammelten Vorstände zugeben würden, Fehler gemacht zu haben, und sich professioneller Hilfe bedienten, diese Fehler nicht nur wieder gutzumachen, sondern sie auch in 7 Jahren nicht schon wieder zu wiederholen, wie es momentan passiert?

    Nein, ich denke da nicht an irgendwelche organisierten Berater, die auch noch das letzte bißchen Widerstand und selbständiges Denken aus einem Verlage rausquetschen und dies als Effizienz-Optimierung und Fitmachen für die Zukunft verkaufen!

    Ich denke an die besten und unbequemsten Journalisten, ich denke an Praktikanten, an Online-Freaks, die ansonsten (zB in der Kantine) von den anderen nur belächelt werden, an alle, die gute Ideen haben, aber nicht zum Zuge kommen, weil alle nur vernünftig denken, und bloß keiner einen Fehler machen und auffallen möchte.

    Ich denke an Wahrheit, Ehrlichkeit und Klarheit, denke an Gefühle der Zusammengehörigkeit und daran den Einzelnen ernstzunehmen. Ich denke an Unvernunft im besten und kreativsten Sinne, denke daran, nicht nur in die Staaten zu reisen, sondern auch von ihnen zu lernen.

    Wir leben in unvernünftigen Zeiten – da kommen wir mit Vernunft und Ruhe, gepflegter Langeweile und stoischer Mutlosigkeit nicht weiter – auch nicht im Vormast.”
    aus: “Verlassen Minderleister Buchholz und Kundrun auch das Sonnendeck?” unter: http://ralfschwartz.typepad.com/mc/2008/12/buchholz-kundrun-vom-sonnendeck.html

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