Chancen sichten – Nachrichten vom Medienumbruch VI

Der Digest zum Medienumbruch in der vergangenen Woche: Was wurde diskutiert? Gibt es ein Licht am Ende des langen Tunnels? Ist es der Linkjournalismus? Was ist die richtige Strategie für die Verleger? Reduzieren und entlassen, oder aufstocken und investieren? 

Harald Staun sondiert in der FAZ die Zukunftschancen des Journalismus – und bleibt bei Jeff Jarvis hängen: Die Links sind es. Nicht nur Google News führe das vor, sondern auch Blogger Matt Drudge mit seinem Drudge Report:

Mit ein wenig Selbstbewusstsein könnte man ja zumindest mal versuchen, ob man als ausgebildeter Redakteur diese Aufgabe besser hinkriegt als ein Automat.

Ein weiteres Vorbild hat Staun auch mit “Media Storm” gefunden:

Wie man aber Nutzer mit phantastisch gemachten Stücken fesseln kann, zeigt etwa das amerikanische Projekt „Media Storm“ mit seinen großartigen Multimedia-Reportagen über so quotenträchtige Themen wie die Zinnminen in Kongo oder Drogenabhängige in New York.

Dass im Internet noch wenig zu verdienen ist, dass der Trend jedoch unaufhaltsam zu sein scheint, führt Holger Schmidt im FAZ-Blog Netzökonom vor. Er präsentiert eine Umfrage des europäischen Online-Werbeverbandes EIAA (PDF):

Nachdem das Internet schon bei Jugendlichen zum wichtigsten Medium geworden ist, scheint es nun auch eine Wachablösung in der Altersgruppe zwischen 25 und 34 Jahren zu geben. (…) Unter 1000 Deutschen nutzt diese Altersgruppe das Internet im Durchschnitt 14,4 Stunden in der Woche, ein Viertel länger als im vergangenen Jahr. Das Fernsehen kommt in Deutschland auf eine durchschnittliche Nutzungszeit von 14,7 Stunden in der Woche, stagniert aber und wird immer stärker zum Begleitmedium, das im Hintergrund läuft.

Daland Segler verweist in der Frankfurter Rundschau (FR) angesichts der nun bekannt gewordenen Pläne für Stellenreduzierungen bei der WAZ, bei Gruner + Jahr, der Süddeutschen Zeitung und Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf  den Kölner Verleger Alfred Neven Dupont, der bei der Verleihung des Theodor-Wolff-Preises den Rat ausgab:

“Stocken Sie Ihren Redaktionsetat auf.”

Und er schließt mit einem Verweis auf DIE ZEIT:

Dem Wochenblatt Die Zeit geht es so gut wie nie, und das hat vermutlich nicht ausschließlich mit der Qualität der einzelnen Beiträge zu tun, sondern eben auch damit, dass den Lesern etwas geboten wird, wonach sie sonst inzwischen lange suchen müssen: Lesestoff im Zeitungsformat.

Natürlich zwingt allein die ökonomische Lage mancherorts auch zu höherem Tempo, vor allem, wenn man nicht wöchentlich, sondern minütlich produziert. Klar, dass so Fehler entstehen, klar aber auch, dass viele Geschichten zu flach bleiben, weil die Zeit für eine gründlichere Recherche fehlt. Weil Segler hier sich direkt auf ”Spiegel Online” bezog, sah sich Christian Stöcker zu einer Replik bemüßigt – die wiederum umgehend zu einer vorbildlich transparenten Fehlerkorrektur in Seglers Artikel führte.

Segler erwähnte aber auch Rupert Murdoch, der kürzlich das Bonmot von Neven DuMont in einer Ansprache im australischen Radio Australian Broadcasting Corporation (ABCausführte. Michael Gisiger hat die Rede etwas genauer angesehen:

Die gedruckten Versionen einiger Zeitungen werden nach Ansicht Murdochs in Zukunft mit Auflagerückgängen rechnen müssen. «Gleichzeitig wird es aber in anderen Bereichen wie Webseiten oder individualisierbaren E-Mail-Nachrichten und Werbung zu Zuwächsen kommen. Im kommenden Jahrhundert ändert sich vielleicht die Vertriebsform, das potenzielle Publikum für unsere Inhalte wird sich aber vervielfachen», erklärte Murdoch. Um dieses Publikum auch im Internetzeitalter erfolgreich ansprechen zu können, müssten die traditionellen Zeitungsbetriebe sich vor allem auf die Qualität ihres Journalismus besinnen. «Unser Geschäft ist es nicht, tote Bäume zu bedrucken. Wir müssen den Lesern einen bedeutenden Journalismus und ein grossartiges Urteilsvermögen bieten». (…)

«Jene Untergangspropheten, die der Zeitungsindustrie den baldigen Tod prophezeien, sind irregeleitete Zyniker. Ich bin davon überzeugt, dass die Zeitung im 21. Jahrhundert zu einer neuen Höchstform auflaufen wird.»

Passend hierzu stellt die Akademie für Publizistik Hamburg die ketzerische “Preisfrage”: “Wozu noch Journalismus Journalisten?” Bis zu 6.000 Zeichen lange Antworten können Journalisten bis zum 31. März 2009 einreichen. Sie dürfen zuvor nicht anderenorts veröffentlicht worden sein. Bepreist ist dies mit 2.000, 1.000 und 500 Euro, gestiftet von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius. Die beste Arbeit wird auf der Medienseite der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht. Eine hauptsächlich aus Journalisten bestehende Jury entscheidet über die Preisträger (via).

Ebenfalls lesenswert:

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
This entry was posted in Medien and tagged , , , , . Bookmark the permalink.

5 Responses to Chancen sichten – Nachrichten vom Medienumbruch VI

  1. Schöne Zusammenfassung.

    Auch wenn sowohl das externe Linken wie Mediastorm natürlich altbekannte Beispiele sind.

  2. Christiane says:

    Klar – irgendwie kam auch in diesen Beiträgen nicht wirklich die zündende Idee herüber …

  3. Sven E. says:

    Eine kleine Korrektur:
    Die Preisfrage 2009 der Akademie für Publizistik Hamburg lautet “Wozu noch Journalisten?”.

  4. Pingback: onlinejournalismus.de - Das Magazin zum Thema » Blog Archive » Die Diskussion der Woche - oder besser: der Zukunft

  5. Pingback: bwl zwei null · Die Zukunft der Zeitungen im Internet: Decision Enabling als Geschäft

Comments are closed.