“Partisanentaktik führt zu Innovationen” – Interview mit Bernd Kriegesmann

Nullfehlerkulturen sind für Innovationen oft schädlich. Entdeckungen haben in Firmen oftmals nur dann eine Überlebenschance, wenn die Entdecker wie Partisanen arbeiten, und die Unternehmensführung dies ausdrücklich zulässt, meint Innovationsforscher Bernd Kriegesmann. Als Professor für Betriebswirtschaft und Präsident der Fachhochschule Gelsenkirchen und Leiter des Instituts für angewandte Innovationsforschung in Bochum hat er schon zahlreiche Unternehmensinnovationen begleitet.

Schulzki-Haddouti: Wie befördert man Innovationen im Unternehmen?

Kriegesmann: Freiräume und Handlungsanreize sind wichtige Bedingungen gerade für Sprunginnovationen. Viele auf “Lean” getrimmte Unternehmen lassen den Mitarbeitern oft keine Luft mehr, über Probleme nachzudenken und etwas Neues auszuprobieren. Eine für die Produktion hochwertiger Produkte unerlässliche Nullfehlerkultur ist für Innovationen häufig schädlich. Deshalb müssen Unternehmen Freiräume öffnen. Sie müssen quasi Parallelorganisationen schaffen, damit Innovationen zugelassen werden und gleichzeitig die für die Produktion wichtige Routine abgesichert ist

Schulzki-Haddouti: Unternehmen müssen also bewusst chaotische Elemente zulassen?

Kriegesmann: Wenn ich Sprunginnovationen voranbringen will, muss ich den Zufall provozieren. Zwar brauchen wir relativ klare Entwicklungslinien für die Zukunft. Doch der Ausbruch aus gewohnten Bahnen wird damit so gut wie unmöglich. Wenn beispielsweise die firmeninterne Auftragsforschung eines Autokonzerns eine Technologie entwickelt, die es erlaubt, bei hohen Geschwindigkeiten und wechselnden Umgebungen stabil telefonieren zu können, wird man dort kaum auf die Idee kommen, diese Technologie den Zulieferern für die Deutsche Bahn anzubieten. Genau hier sind aber die Potenziale, die in vielen Unternehmen überhaupt nicht genutzt werden.

Schulzki-Haddouti: Wie unterstützen Sie die Unternehmen in ihrem Innovationsprozess?

Kriegesmann: Für Sprunginnovationen empfehlen wir eine Art Partisanenstrategie. Die Innovationspartisanen sollen hinter der Routineorganisation agieren können und erst dann auftauchen, wenn sie vom Erfolg ihrer Idee überzeugt sind. Wir beschäftigen uns also mit der Frage, wie wir es schaffen, engagierte Mitarbeiter aus der Routine herauszulösen und zu unterstützen, Innovationsideen über strukturierte Versuchs- und Irrtumsprozesse so zu entwickeln, dass sie auch den internen Controlling-Mechanismen standhalten.

Schulzki-Haddouti: Wie könnte das konkret gehen?

Kriegesmann: In einem Fall hat ein Geschäftsführer an den Aufsichtsgremien vorbei ein Forschungsprojekt gestartet. Er war davon überzeugt, dass die Entscheidungsgremien das Projekt sofort begraben hätten, weil sie auf schnelle Ergebnisse setzen. Er stellte es den Gremien erst dann vor, als die Entwickler einen Erfolg vorzeigen konnten.

Schulzki-Haddouti: In vielen Unternehmen wie BMW oder Volkswagen sind doch bereits die Forschungsabteilungen in eigene Firmen ausgegliedert. Ist das der richtige Ansatz?

Kriegesmann: Partisanen machen keine routinemäßige Auftragsforschung. Nehmen Sie ein Beispiel aus der Bauindustrie. Es gab die Idee eines neuen Baustoffs mit völlig neuen Funktionalitäten. Der Vorstand war von der Idee überzeugt, doch er wollte sie nicht in die eigene Entwicklungsabteilung geben, weil sie dort schnell begraben worden wäre. Deshalb löste er zwei Entwickler aus der Routine und gliederte sie in eine eigene Gesellschaft mit etwas “Spielgeld” aus. Für den Erfolgsfall versprach er ihnen den Geschäftsführerposten. Dieses Projekt war schließlich erfolgreich. Doch diese Vorgehensweise ist keine Erfolgsgarantie. Sie erhöht nur die Wahrscheinlichkeit für den Erfolg.

Schulzki-Haddouti: Es geht also um die Frage, wie ich die Bahnen für den Zufall bereiten kann?

Kriegesmann: Genau. Dabei muss man bereit sein, das bisherige Geschäftsfeld neu zu erfinden. So stellte beispielsweise ein Hersteller für Druckwalzen fest, dass die Nachfrage in seinem Kerngeschäft zurückgeht. Um neue Marktfelder zu erschließen, versuchte er seine Kernkompetenz zu bestimmen. Sie bestand aus der technisch durchaus anspruchsvollen Aufgabe, rollierende Körper mit Polymerverbindungen zu beschichten. Wie aber lässt sich das in neue Anwendungsfelder überführen? Das Unternehmen fand eine Lösung und heute ist es nicht nur Zulieferer der Druck-, sondern auch der Rolltreppenindustrie mit der gleichen technologischen Basis.

Schulzki-Haddouti: Wie lautet hier das Erfolgsrezept?

Kriegesmann: Man braucht ein Projektteam, das aus der Routineorganisation herausgelöst wird. Es muss von einflussreichen Förderern gedeckt werden und es muss unter Handlungsdruck stehen. Dann führt das Projekt zu Ergebnissen. Unternehmen, die das Risiko übernehmen, müssen sich auf der Basis ihrer Kompetenzen oder ungelöster Probleme ihrer Kunden von morgen eigene Orientierung verschaffen. Die Unternehmen entwickeln dabei Lösungen, die die Kunden selbst zum Teil noch gar nicht erkannt haben. Das sind echte Entdeckungsprozesse.

Schulzki-Haddouti: Kann der Staat solche Prozesse fördern?

Kriegesmann: Die Projektförderung hat eine Signalfunktion, aber gleichzeitig auch eine Diskriminierungsfunktion. Denn alternative Aktivitäten finden kaum mehr statt. Am deutlichsten ist dies bei Großprojekten zu sehen. Der Staat sollte sich deshalb aus der Definition solcher Großprojekte heraushalten. Wenn die Unternehmen selbst nicht von ihrer Produktidee überzeugt sind, warum soll dann der Staat sie für gut befinden? Jeder Mittelständler schätzt seine Erfolgsaussichten ab und macht seine Entscheidung nicht von Subventionen abhängig.

Bild: Flickr/CC/Gingerpig2000


Beiträge zu verwandten Themen:

  1. Dänemark fördert “Open Innovation”

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
This entry was posted in Innovation, Interview and tagged , , , , . Bookmark the permalink.

2 Responses to “Partisanentaktik führt zu Innovationen” – Interview mit Bernd Kriegesmann

  1. Pingback: KoopTech » Innovation » 5+ Partisanenstrategien für Journalisten

  2. Pingback: »Partisanentaktik führt zu Innovation« | Tim Schlotfeldt » E-Learning

Comments are closed.