Risikofaktor Community? Tamedia verabschiedet Facts 2.0 in die Unabhängigkeit

Der Schweizer Verlag Tamedia verabschiedet sich von seinem über eineinhalbjährigen Aggregationsdienst Facts 2.0 und übergibt ihn der Obhut seiner Erfinder. So übernimmt die Schweizer Dependance von “Information Architects” die News-Diskussionsplattform. Christoph Lüscher, bisher Geschäftsführer von FACTS 2.0 und Mitgründer von Information Architects Zürich, führt FACTS 2.0 ab 2009 gemeinsam mit seinen Partnern weiter.

Auf Nachfrage erklärte Lüscher: “FACTS entwickelt sich positiv, kann aber wie viele kleinere und mittlere Sites in der Schweiz die notwendigen Investitionen noch nicht selber tragen. Als Startup im Internetbereich haben wir viele der für Betrieb und Weiterentwicklung von FACTS benötigten Ressourcen inhouse und können FACTS so flexibler voranbringen als Tamedia.”

Es ist eigentlich zunächst kein gutes Zeichen, wenn ein Verlag sein Projekt an die Erfinder zurückgibt, weil er darin keine kurz- oder mittelfristige Perspektive erkennen kann. Es ist aber wiederum ein gutes Zeichen, wenn die Erfinder so von ihrem Projekt überzeugt sind, dass sie es nun auf eigene Verantwortung und eigenes Risiko weiterpflegen wollen. Dies wird jedoch vermutlich nicht mit der selben personellen Ausstattung wie bisher möglich sein.

Ausschlaggebend für den Rückzug von Tamedia mögen vielleicht die seit den letzten Community-Clashs im Frühjahr und Sommer leicht rückläufigen Nutzerzahlen sein – zumindest suggeriert dies ein Abruf der Visitzahlen bei Alexa.

Ein Vergleich mit anderen Aggregationsdiensten zeigt, dass es durchaus hätte besser laufen können. Er erklärt auch, warum es vielleicht nicht die unklügste Entscheidung von Focus Online war, für den kommenden Nachrichtendienst auf eine volatile Community zu verzichten.


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About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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6 Responses to Risikofaktor Community? Tamedia verabschiedet Facts 2.0 in die Unabhängigkeit

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  2. Matthias says:

    Ist das der Abgesang auf die Community ganz allgemein? Noch vor kurzem haben die Consultants ja quasi für jede Würstchenbude die eigene Online-Community postuliert. Ist das im deutschsprachigen Raum generell überholt, oder nur bei den Medienhäusern, oder ist obiges einfach ein Einzelfall?

  3. Christiane says:

    Ich glaube, wir müssen hier noch von Einzelfällen ausgehen. Wobei Facts schon sehr illustrativ ist. Leider.

  4. @Matthias: der Fall Facts 2.0 kann kaum als Beispiel für einen Trend herhalten – ausser für jenen, dass Hinz und Kunz sich Community Organizer nennen darf, ohne die fachliche Kompetenz, eine Community zu organizen. Der Niedergang von Facts 2.0 ist nachweislich selbstverschuldet.

  5. Christiane says:

    Mir kam noch in den Sinn, dass das mit der Community in der Schweiz nochmal um Längen riskanter ist als in Deutschland – weil die hierfür notwendige “kritische Masse” einfach kleiner ist. Die Blog-Szene ist überschaubarer und es gibt daher einfach keinen großen Pool an potenziell interessierten und engagierten Community-Mitgliedern. Verdirbt man es mit einer Handvoll von Multiplikatoren, ist bereits das ganze Projekt gefährdet.

    Wobei die Frage ist, ob Facts als Schweizer Plattform nicht von vornherein eine Zielgruppe avisiert hat, die, weil sie medienaffin und frühadoptierend, immer schon zu klein war, um rasch (wohl binnen 18 Monaten) einen Profitabilität zu erwirtschaften.

    Außerdem stellt sich die Frage, ob das implementierte Community-Management angesichts dieser Marktperspektive nicht von vornherein überdimensioniert war. Denn das bedeutet ja auch, nicht nur einen Programmierer, sondern auch ein Community-Management-Team beschäftigen zu müssen.

    Ich vermute daher, dass solche aufwändigen Projekte erstmal wohl keine Nachahmung finden werden. Der US-Markt ist dafür wohl groß genug – aber im deutschsprachigen Raum sehe ich einfach die “kritische Masse” dafür nicht. Ein Verlag wird sich deshalb wohl eher dafür entscheiden, in das Community-Management für seine redaktionellen Verlagsprodukte zu investieren und die Kommunikation zwischen Community und Redaktion zu verbessern, als ein solches Zwitterprodukt ganz neu aufzusetzen.

  6. Thinkabout says:

    @Christiane:
    Wo war denn dieses implementierte Community-Management zu finden?
    Ich hör(t)e immer, wie brutal viel gearbeitet werden müsste im Team und wie wenig Zeit vorhanden wäre. Auch Sie selbst haben den Großteil der Probleme doch genau darin vermutet.
    Das Problem war wohl viel eher, dass es KEIN Community Management gab, wie Bruder Bernhard richtig vermutet. Die Personen, die dafür hätten sorgen sollen, waren entweder nicht auf der Höhe bzw. sonst abwesend (Chefredaktion) bzw. in ihren Ansprüchen nicht fassbar oder ohne notwendige Distanz (Keeper of the Facts).
    Die komische, distanzlose Verschmelzung mit dem Designer macht(e) das Ganze auch nicht einfacher.
    Nein, die Ressourcen waren nicht überdimensioniert noch zu knapp bemessen.
    Sie verändern sich ja auch nicht. Die Mannschaft macht weiter. Wahrscheinlich mit dem gleichen Bild von Usern wie bisher. Und das wird auch weiterhin das Problem sein. Community Management würde voraussetzen, dass man die Benutzer des Portals als Kunden sieht (und nur daneben oder noch besser danach die Werbeindustrie), und zwar als vollwertige Bestandteile eines Konzepts. Ob das mit der ständig präsenten Assoziation einer tief greifenden Erfahrung aus einem Partnervermittlungsinstitut, verbunden mit dem Anspruch, die Qualität von Webcontent abschliessend definiert zu haben, möglich ist, weiß ich nicht.
    Nein, jetzt habe ich geflunkert: Ich steite es ab. Es ist NICHT möglich. Und der souveräne Umgang mit interner Kritik wird so auch nicht plötzlich gelernt werden.

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