16 Entwicklungstendenzen im Medienwandel

Der im Dezember seitens des “Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien” veröffentlichte Medien- und Kommunikationsbericht der Bundesregierung 2008 verdient es mehrfach gelesen zu werden – so umfassend ist er. Ich hatte bereits auf die Agenda für das Urheberrecht inclusive der Problematik der Verwertungsgesellschaften hingewiesen. Heute möchte ich die im Bericht vorgestellten 16 “Wesentlichen Entwicklungstendenzen” zusammenfassen:

  1. Neue Kommunikationsmöglichkeiten und Freiheitsräume
  2. Neue Kommunikationsformen und Verwischung der Grenze zwischen Individual- und Massenkommunikation
  3. Verspartung der Medienangebote, Ausdifferenzierung der Publika, Nutzergruppen, Nutzerinteressen und Tendenz zur Entfremdung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen
  4. Von Nutzern selbst produzierte Inhalte („user generated content“) konkurrieren mit professionell gestalteten Angeboten
  5. Entwertung von Inhalten, sinkende Aufmerksamkeit und Gratismentalität der Mediennutzer
  6. Herausbildung neuer „Meta-Medien“ und „Gatekeeper“
  7. Anonymisierung der Kommunikation
  8. Enormer Zuwachs des Medieneinflusses auf Individuum, Gesellschaft und Politik
  9. Extreme Beschleunigung des Medienbetriebs
  10. Herausbildung neuer Leitmedien
  11. Neue Wertschöpfungsketten und Unternehmensallianzen; Globalisierung und Konzentration in der Medienwirtschaft
  12. Ökonomisierung der Medien
  13. Von der Vielfalt zur Vervielfältigung des Gleichen
  14. Entpersonalisierung und Anonymisierung der Medien
  15. Beeinträchtigung der Transparenz von Medienangeboten
  16. Neue Sicherheitsfragen durch elektronische Individual- und Massenkommunikation

Das ist hocherfreulich, zeigt doch gerade die auf Carta laufende Debatte unter anderem seitens Stephan Ruß-Mohl und Ottfried Jarren, dass der Bericht der Bundesregierung hier ganz offensichtlich den Finger auf wunde Punkte setzt – und dass jede einzelne Entwicklungstendenz eine umfassende Diskussion verdient. Inspiriert wurde der Medien- und Kommunikationsbericht im übrigen, wie Jan-Henrik Schmidt bereits schrieb, vom Hans-Bredow-Institut, das quasi für den Anhang ein wissenschaftliches Gutachten lieferte.

Angesichts der Schwerpunktsetzung aktueller Medienpolitik vermute ich optimistisch, dass es bei einer solch zutreffenden Analyse kaum bei einer “Nationalen Initiative Printmedien” bleiben wird. Gleichwohl ist auffallend, dass außer digitalen Inhalte für Kinder seitens des Medienbeauftragten kaum etwas gefördert wird. Hier scheint es noch großen Bedarf an innovativen Impulsen zu geben.


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About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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5 Responses to 16 Entwicklungstendenzen im Medienwandel

  1. Joachim Graf says:

    Der Bericht, den Kulturstaatssekretär Bernd Neumann vorgelegt hat, ist ein konvergenter Bericht. Konvergieren hier doch kluge Einsichten mit medienpolitischen Auffassungen der Steinzeit. Die Branche wird allerdings damit leben können.
    Das Konkreteste, das der Bericht vorschlägt, ist die Einrichtung eines Computerspielpreises. Der wird wahrscheinlich auch schnell umgesetzt, weil niemand etwas dagegen haben kann (kostet nicht viel, die Branche hofft auf die Aufmerksamkeit bei der Verleihung und die Politiker können sich mal wieder mit ein paar Nerds und bunten Vögeln ablichten lassen).

    Spaßiger sind allerdings die Ungereimtheiten, die aus den unterschiedlichen Interessen der verschiedenen einflußreichen Lobbygruppen herrühren. Auf der einen Seite heißt es richtig, die klassische Trennung von Presse-, Rundfunk- und Filmpolitik sei “weitgehend obsolet” und dass man medien-, kultur-, bildungs-, technologie- und wirtschaftspolitische Fragen stärker verzahnen müsse.

    Auf der anderen Seite geht das schlicht nicht – will man nicht irgend einer Lobbygruppe auf die Füße steigen. Wenn man beispielsweise das öffentlich-rechtliche Fernsehen erhalten und die Internet-Branche nicht subventionieren will (die Filmbranche allerdings schon), wenn man die Buchpreisbindung erhalten und EBooks unter die Preisbindung schieben, PDFs allerdings nicht – dann bekommt man ein Problem.

    Wie sollen gebührenfinanzierte Onlinevideos mit privaten produzierten konkurrieren? Warum werden Bücher preisreguliert, digitale Dokumente allerdings nicht – und wo ist der regulatorische Unterschied zwischen einem E-Book und einem PDF?

    Im zweiten Schritt stellt der Bericht mehr Fragen, als er Antworten gibt. Aber es gibt ja Lobbyisten, die der Politik das in den nächsten Jahren erklären können.

  2. Entspricht auch meinem Eindruck. Gute Analyse – aber mit der real existierenden Medienpolitik nicht in Deckung.

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