8+ Optionen für die Musikindustrie zwischen Internetsperre und Flatrate

In Frankreich droht File-Sharern bald eine einjährige Internetsperre, in Großbritannien wird diskutiert, eine ISP-Flatrate oder Kulturflatrate einzuführen. Welche Optionen gibt es für die Musikindustrie zu überleben?

Natürlich gibt es die Option â€žAlles bleibt beim Alten“:
Anbieter wie iTunes und andere Soundfile-Makler bauen ihr Geschäft schrittweise aus. Musiker leben von der Hoffnung auf erfolgreiche Mundpropaganda – dafür müssen sie immer wieder Goodies verschenken. Labels halten am DRM-Konzept fest, werden aber dennoch zunehmend zu Offline-Event-Vermarktern und damit Dienstleistern. Labels als Marke werden unwichtig. Musikverbände verklagen weiterhin einzelne Filesharer.

Es werden zurzeit jedoch weitere Optionen diskutiert:

1. Das französische Modell – die Internetsperre:
Internet-Provider kooperieren mit Behörden. Sie überwachen die Aktivitäten ihrer Nutzer und melden illegale Aktivitäten. Nutzer, die sich illegal verhalten, werden zunächst angemahnt. Im Wiederholungsfall wird über sie eine zeitlich begrenzte, providerunabhängige Internetzugangsperre verhängt.

2. Das Endgeräte-Modell:
Anbieter von digitalen Endgeräten bieten eine Musik-Flatrate an, wie etwa Nokia Comes With Music, eine Kooperation des Geräteherstellers Nokia mit dem Musikkonzern EMI. Mit dem Gerät erwirbt der Anwender für eine bestimmte Zeit die Möglichkeit, urheberrechtlich geschützte Werke eines bestimmten Lizenzgebers aus dem Internet zu laden. Die heruntergeladenen Werke kann er unbegrenzt nutzen. Im Falle von Nokia kostet die Nutzungslizenz 166 Euro für ein Jahr.

3. Das Abo-Modell bei Diensteanbietern:
Anbieter wie iTunes erwerben Lizenzen von den Labels und direkt von einzelnen Musikern. Kunden können bei ihnen dann monatliche oder jährliche Musik-Flatrates buchen. Die Datz Music Loungeder Musikkonzerne EMI und Warner Music bietet eine Flatrate für 126 Euro pro Jahr an.

4. Die Provider-als-Broadcaster-Flatrate:
Internet-Provider übernehmen eine Broadcaster-Rolle ein. Sie erwerben die Rechte an der Musikdistribution einzelner oder mehrerer Labels und vermarkten diese über spezielle Musik-Flatrates. Der dänische Provider TDC Denmark bietet mit dem Musikdienst PLAY in Kooperation mit rund 30 Musikkonzernen eine solche Flatrate für DRM-geschützte Stücke bereits an. In den Großbritannien gibt es ein ähnliches Angebot von Playlouder. In Frankreich bietet Orange mit Musique Max eine monatliche Musik-Flatrate für 12 Euro – in Kooperation mit EMI, Sony BMG, Universal Music France und Warner Music sowie zwei unabhängigen Labels. T-Mobile überlegt noch.

Eine Umfrage des britischen Marktforschungsinstituts The Leading Question unter über 1300 Filesharern in Frankreich, USA und Großbritannien ergab, dass die meisten das Modell der Provider-Flatrate sowie des jährlichen PC-basierten Abos vorziehen. Allerdings hatten die Befragten keine Möglichkeit eine Option “Alles bleibt wie es ist” zu wählen.


 

Die Kulturflatrate

Eine nationale Kulturflatrate wird derzeit eher am Rande diskutiert. Wie diese sich finanzieren soll, ist unklar. Vermutlich ist dies nur möglich, wenn neben den Endgeräte-Herstellern auch die Internet-Provider eine Pauschale zahlen – die sie dann wieder über den Kaufpreis auf den Kunden abwälzen. Um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden, ist dies am besten über eine europäische Koordinierung zu erreichen.

Zu klären ist hier, nach welchem Schlüssel die Urheber entschädigt werden sollen. Am gerechtesten scheinen die Abrufzahlen zu sein. Die Erhebung der Zahlen muss allerdings datenschutzkonform erfolgen. Das Marktforschungsunternehmen BigChampagne zeigte bereits vor einigen Jahren in einerStudie, dass es möglich ist, datenschutzneutral zu erfassen, wie oft geschützte Werke in Tauschbörsen getauscht werden. Dies könnte als Grundlage für die Auszahlung einer angemessenen Vergütung an die Rechteinhaber dienen. Hinsicht der Vergütungshöhe stellte eine Reihe von Untersuchungen fest, dass eine Pauschalabgabe in Höhe von monatlich fünf Euro gerechtfertigt sei.

Allerdings lässt sich der Verwaltungsaufwand für die Erhebung einer Kulturflatrate nur schwer abschätzen. Es muss geklärt werden, wie die Instanz, die für die Verwaltung der Kulturflatrate zuständig sein, organisiert wird. Entweder sie wird auf privatwirtschaftlicher Basis organisiert oder auf staatlicher. Außerdem müssen Standards für Datenschutz, Rechenschaftspflicht und Transparenz diskutiert werden.

Grundsätzlich muss geklärt werden, welche urheberrechtlich geschützten Werke von einer Kulturflatrate profitieren sollen. In Diskussion sind zurzeit Musikwerke, zur Disposition stehen aber generell alle Bereiche, für die es derzeit Verwertungsgesellschaften gibt, also nicht nur Musik, sondern auch Film, Fotografie und Texte.

Denkbar sind im Moment folgende drei Modelle einer nationalen Kulturflatrate:

1. Die privatisierte nationale Kulturflatrate:
Internet-Diensteanbieter erwerben Global-Lizenzen, die angemeldete Nutzer einen unbegrenzten Zugang zu urheberrechtlichen Werken erlauben. In China hat Google eine solche Lizenz erworben. Ziel ist es, die Aufmerksamkeit der Anwender zu gewinnen. Größter Suchmaschinenanbieter in China ist nämlich immer noch unangefochten Baidu.

2. Die öffentliche nationale Kulturflatrate:
Institutionen wie beispielsweise die nationalen Verwertungsgesellschaften – in Deutschland die GEMA – erhalten Global-Lizenzen, die sie verwalten. Allerdings stellt sich die Frage, zu welchem Preis sie diese erhalten sollen. Zurzeit bezahlen die Endgerätehersteller eine Pauschale an die Gesellschaften, die diese nach verschiedenen Schlüsseln an die Urheber verteilen. Sollen künftig also auch Internet-Provider eine Pauschale an die Verwertungsgesellschaften zahlen? Das bestehende System gilt jedoch als reformbedürftig. Viele Musiker halten die GEMA für zu starr, etwa hinsichtlich einer Implementierung von Creative-Commons-Lizenzen, wie es gerade die niederländischen Verwertungsgesellschaft Buma/Stemra in einem Piloten getestet hat. Die EU-Kommission wiederum kritisiert, die Verwertungsgesellschaften agierten zu intransparent.

3. Die transnationale Kulturflatrate: Eine transnationale Institution vertritt mehrere nationalen Verwertungsgesellschaften. Sie erhält von den Urhebern bzw. Verlagen Global-Lizenzen, die sie verwaltet. Die Endgerätehersteller und Internet-Provider bezahlen eine Pauschale an die Gesellschaften. Die Urheber werden nach Abrufzahlen entschädigt. Voraussetzung hierfür ist, dass die nationalen Verwertungsgesellschaften erst einmal ihre Hausaufgaben hinsichtlich Transparenz erledigen.

Angeregt durch Marcel Weiss/Netzwertig.com, einige Beispiele via MediaFuturist


Beiträge zu verwandten Themen:

  1. Volker Grassmuck über die Kulturflatrate
  2. Matthias Spielkamp über Zahlenspielereien der Musikindustrie
  3. Wie realistisch ist eine Kulturflatrate für Journalisten?

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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4 Responses to 8+ Optionen für die Musikindustrie zwischen Internetsperre und Flatrate

  1. Pingback: Lesezeichen vom 29-01-2009 | PolkaRobot

  2. Alex Merck says:

    Das Problem der diversen Flatrate-Modelle ist, daß damit eine Deckelung der Gesamteinnahmen aller betroffenen Anbieter (jetzt und hier Musik mit den Bereichen Musikinterpreten, Musikkomponisten sowie den jeweiligen Vermarktungspartnern Musikverlag und “Plattenfirma” (Label), bald aber auch Filmfirmen, Buchautoren etc.) geschaffen wird. Das ist eine simple Enteignung (im Ausgleich für eine festgesetzte Zahlung, um die dann Verteilungskämpfe ablaufen) durch populistische Forderungen, gestützt durch Politiker. Ansätze davon sind bereits seit langem vorhanden – Leermedienabgabe ( damals ca. 3 cent pro aufgenommener Stunde auf Cassetten – ca. 0,5 % des entstandenen Schadens), Radiogebühr mit Sendeprivileg (Radiosender dürfen alles senden, was auf Tonträgern erschienen ist und zahlen dafür eine Pauschale von ca. 3% ihrer Einnahmen) – und sind ruinös. Als Nebeneffekt haben sie die Verbreitung innovativer Musik be- bzw. verhindert, da die Sender bei einem Einheitspreis keine Risiken eingehen, noch nicht populäre Musik zu senden. Mit modernen Datenbanken und Preisfestsetzung durch Plattenfirmen/Musiker wäre es leicht möglich, die Sender auf ökonomischem Wege dazu zu zwingen, unbekannte (vielleicht innovative) Musik zu senden, weil diese von Musikern/Labels billiger angeboten würde als bereits etablierte Musiker und Aufnahmen.
    Der ideale Weg für die Musikindustrie, zumindest neue Aufnahmen zu schützen und auf Dauer wieder eine wirtschaftliche Basis herzustellen, wäre eine Einigung auf ein einziges DRM-Schutzsystem weltweit, der komplette Verzicht auf physikalische Verkäufe (Musik auf CDs ist wie jedes Massenvervielfältigungsprodukt nicht schützbar) und klare Vorgaben dazu von allen Musikfirmen an Gerätehersteller und Online-Musikhändler. Das hätte allerdings schon vor 10 Jahren geschehen müssen und können und hätte die Katastrophe teilweise verhindert. Damals gab es allerdings nur wenige Stimmen, die dies klar bei der MIDEM- und anderen Messen sagten.

  3. Jan Huwald says:

    > Zu klären ist hier, nach welchem Schlüssel die Urheber entschädigt werden sollen. Am gerechtesten scheinen die Abrufzahlen zu sein.

    Im Gegenteil, dass wäre furchtbar. Innerhalb der Piratenpartei ist die Kulturflatrate nach länglicher Diskussion insbesondere wegen der Nutzung der Abrufzahlen durchgefallen:
    * sie tragen unterschiedlichen Medien- und Nutzungsformen nicht Rechnung
    * sie lassen sich _legal_ manipulieren und die Ausschüttung quasi beliebig verzerren
    * eine datenschutzkonforme Speicherung, die nicht völlig offen für Betrug ist, kann in den vorherrschenden Protokollstacks (HTTP, IP, Bittorrent, Gnutella, SMTP, …) nicht durchgesetzt werden
    * sie unterbinden eine Wertschätzung durch den Nutzer, da diese erst nach dem Download erfolgen kann

    Ein Forenthread der sich ausschließlich mit der These, dass die Zahl der Downloads kein Wertbildungskriterium sein kann, beschäftigt befindet unter:
    http://forum.piratenpartei.de/viewtopic.php?f=8&t=227

    Ansonsten wird die Kulturflatrate in ähnlich alten Threads im gleichen Forum sowie unter http://wiki.piratenpartei.de/Kulturflatrate zerpflückt. Unter letzter Adresse finden sich auch Links zu gangbaren Alternativen zur KFR

  4. Pingback: KoopTech » Titelgeschichte » Schweden, Großbritannien, Polen: Auf dem Weg zur Kulturflatrate?

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