Können twitternde Politiker die Berichterstattung verändern?

Wie verändert sich die journalistische Berichterstattung, wenn Politiker mehr von sich direkt preisgeben? Oder anders gefragt: Wenn Politiker twittern, ändert das etwas? Wenn sie den klassischen Gatekeeper, den Journalisten einfach umgehen und sich in Zeiten der Many-to-Many-Kommunikation direkt an den Leser, den Nutzer,  den Bürger wenden?

Benedikt Köhler beschäftigt sich seit einigen Monaten intensiv mit Twitter. Er hat eine kleine Anwendung namens TwitterFriends geschrieben, mit der man seinen Dialogfaktor auf Twitter eruieren kann, indem man sieht, mit wem man wie oft Nachrichten ausgetauscht hat. Es ist offensichtlich, dass er Twitter vor allem als Dialogmedium begreift. Während interessanterweise zahlreiche Medien, die einen Twitter-Account haben, Twitter eher als Push-Medium sehen, über das sie auf Nachrichten aufmerksam machen können. Wertvolle Ausnahme hierbei ist “DerWesten“, der tatsächlich in Dialog mit seinen Lesern tritt.

Nun hat Benedikt auf den Twitpic-Stream von Sean McCormack hingewiesen, den Sprecher des US-Außenministeriums. Die Bilder zeigen Sneaks, kleine Einblicke in den Sprecheralltag. Die Perspektive ist dabei die des beobachtenden Akteurs. Wobei Benedikt dies eher als “fast schon ethnologisch teilnehmende Beobachterperspektive” sieht. McCormack selbst schreibt:

“use of twitter is personal and professional. Have tried blend two but nature of my job led me focus more on foreign policy”.

Die kleinen Twitter-Stücke geben auch interessante Einblicke in seine Arbeit:

Briefing today. Olmert remarks on Rice http://tinyurl.com/9s2omj I’ll say reported account simply not true. Was he quoted accurately.Briefing done. Tried correct record on reported Olmert statements re: Rice vote at UN. As reported, Olmert remarks are 100% fiction

Und zuletzt sein Abschieds-Twit als scheidender Sprecher:

Friday/last briefing as spokesman.Livni in Washington on #Gaza. Rice says good-bye to State/Crazy day.embrace the day.out the door.

So interessant dies ist, ich käme nicht zu dem Schluss, dass dies die Vorort-Berichterstattung ersetzen könnte. Benedikt schreibt:

Wenn die politischen und diplomatischen Akteure mit Medien wie Twitter sehr viel schneller und flexibler von Ereignissen wie einer UN-Sicherheitsratssitzung berichten können, wozu brauchen wir überhaupt noch die Dopplung durch die journalistische Berichterstattung? In Zukunft wird die Rolle der Journalisten noch viel mehr darin liegen, die unterschiedlichen Informationsquellen zu sammeln, vergleichen, bewerten und kommentieren. Die Vorort-Berichterstattung wird nicht mehr zu den journalistischen Kernaufgaben gehören. Nachrichtenportale binden in Zukunft zum Beispiel die Twitter-Streams von den wichtigsten politischen und diplomatischen Akteuren vor Ort in aggregierter Form auf ihrer Seite ein und beschränken sich auf das Kommentieren und Bewerten.

Wäre dies der Fall, würden Journalisten nicht mehr als Augenzeugen agieren, der Manipulation seitens Lobbyisten wäre Tür und Tor geöffnet. Nicht nur seitens Fake-Accounts, die man vor einer Einbindung natürlich verifizieren könnte, sondern vor allem seitens der Quellen selbst, die natürlich versuchen, einer Angelegenheit, einem Ereignis ihren Spin zu geben. Das Nachrichtengeschäft bestand schon immer darin, selbst zu bezeugen, was passiert ist. Dabei ist es wesentlich, dass die Berichtenden einen neutralen Standpunkt einnehmen. Ein Regierungssprecher ist davon weit entfernt.

Natürlich kann eine Nachrichtensite solche Twitter-Streams einbinden, wesentlich ist es jedoch, auch die für die Debatte relevanten anderen Streams, etwa des politischen Gegners oder verschiedener zivilgesellschaftlicher Stimmen einzubinden und alle Streams so zu präsentieren, dass dem Leser jederzeit klar ist, wer hier spricht. Das könnte mitunter recht entlarvend werden – wenn etwa ein Stream sich darauf beschränkt, offizielle Statements zu wiederholen. Es könnte jedoch auch ein interessanter Dialog, eine Art Debatte entstehen. Das setzt jedoch voraus, dass überhaupt ein einigermaßen ausgewogenes Twitter-Spektrum vorhanden ist. In Deutschland jedenfalls scheinen sich Unionspolitiker mit dem Twittern noch recht schwer zu tun …

Jedenfalls bestände journalistische Aufgabe darin, relevante Äußerungen und Hinweise in ihre Berichterstattung aufzunehmen. All dies entbindet Journalisten jedoch nicht von der Vorort-Berichterstattung.

Politische Twitter-Accounts in Deutschland

Fake-Accounts

Zivilgesellschaft

Meta-Politik-Twitter

P.S. Nach einem Twitter-Hinweis: Nicole Simon pflegt die deutsche Politik-Twitter-Liste!


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About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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6 Responses to Können twitternde Politiker die Berichterstattung verändern?

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  2. Joerg says:

    Das die Politik momentan auf einmal das Internet entdeckt ist sicher dem amerikanischen Wahlkampf zu schulden und den anstehenden Wahlen hier in Deutschland.
    Leider scheinen aber die Politiker die Möglichkeiten nicht wirklich zu erkennen, die der direkte Draht zum Volk mit sich bringen könnte. Das sieht man schon, wenn man die Twitterliste hier oben durch geht. Da sind einige dabei, deren letzter Beitrag schon mehrere Monate alt ist. Ich bin mir aber sicher, dass die Beitragsfrequenz kurz vor der Wahl wieder zu nimmt. Danach wird das wieder sehr zurück gehen.

    Liebe Politiker – so geht das nicht!!! Wer die jungen Menschen ansprechen will, der sollte sich darüber klar sein, dass sich gerade diese Menschen nicht durch fadenscheinige Manöver hinters Licht führen lassen.
    Nutzt das Internet, aber nutzt es richtig, nicht nur zu Wahlkampfzwecken, um es dann wieder 4 Jahre zu vergessen.

  3. cdv! says:

    Heute abend habe ich mir auch mal Gedanken dazu gemacht (http://prcdv.typepad.com), aber ich bin noch sehr skeptisch. Mir fehlen das Zuhören und der Wille zum Dialog. Und die beiden Aspekte braucht es als Voraussetzung dringend, um mit Positionen, so sie denn vorhanden sind, Gehör zu finden. Auch oder gerade im Social Web.

  4. Tim says:

    Da wären wir bei der Manipulation. der Manipulation seitens Lobbyisten wäre Tür und Tor geöffnet. Wenn man weiss, dass Dr. Köhler seit Januar “Director Digital Strategy & Research” bei der Social Media Marketing- und -PR Agentur ethority ist, bekommen die Zeilen einen sehr unschönen Unterton.

  5. Für mich ist die Frage, ob twitternde P0litiker die Berichterstattung (in den Medien) verändern können, schnell beantwortet. Sie können es nicht, weil sie über Twitter noch viel zu wenig Menschen erreichen. Selbst Obama als “Twitterkönig” hat aktuell weniger als 200.000 Follower. Setzt man das in Relation zur Bevölkerung der USA, relativiert sich der Einfluss von Twitter doch erheblich.

    Freilich werden jetzt die Marketingexperten einwenden, dass man über Twitter Meinungsführer, Early Adopters und Entscheider aller Art erreicht. Aber davon lasse ich mich nicht beeindrucken, die Basis ist einfach noch zu dünn (in Deutschland ohnehin).

  6. Pingback: eDemokratie.ch » Blog Archive » Die NZZ über «Politik 2.0»

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