Warum die Medien die Wirtschaftskrise verschliefen

Heute erhielt ich einen Anruf von einem Kollegen, der mich für ein Podium zur Frage “Warum sah niemand die Wirtschaftskrise kommen?” nach kritischen Wirtschaftsprofessoren fragte. Ich musste passen. Ich kenne nur kritische Medienprofessoren. Dabei fiel mir jedoch ein, dass Recherchen der Initiative Nachrichtenaufklärung zu Themen wie “zinsloses Wirtschaftssystem” oder “bargeldloses Wirtschaften” immer daran zu scheitern drohten, dass kein Ökonom gefunden werden konnte, der diese Themen nicht als völlig randständig und irrelevant bewertet hätte. Oder liegt es nur an mir, dass mir keine Namen einfallen, wenn es um systemtheoretische volkswirtschaftliche Ansätze geht? Dabei fiel mir ebenfalls auf, dass dieser Mangel an kritischen Volkswirtschaftlern auch eine Ursache dafür sein könnte, dass der Diskurs über eine kommende Wirtschaftskrise schlicht nicht stattfand.

Doch auch die Medien selbst haben offensichtlich versagt. ”Das böse Erwachen” lautet der Titel der neuen message – Untertitel: “Warum die Medien die Wirtschaftskrise verschliefen”. Der amerikanische Wirtschaftsjournalist Danny Schechter, Mediachannel, bietet hier in einer lesenswerten sechsseitigen Analyse einige Erklärungsansätze für das Versagen des Wirtschaftsjournalismus: 

  • Wenig bis diffamierende Resonanz auf kritische Beiträge.
  • Bequeme und oberflächliche Berichterstattung. 
  • Unkritischer Umgang der Medien mit unkritischen Wirtschaftsexperten.
  • Die persönliche Nähe zu Wirtschaftsführern, zu den “Masters of the Universe”, führt zu einer distanzlosen Nähe zur “verführerischen, einnehmenden Atmosphähre von Wohlstand und elitärem Denken”.
  • Das Fehlen investigativer Berichte über die rücksichtslosen Praktiken beim Handel mit ungesicherten Hypotheken zwischen 2002 und 2007.
  • Medien verdienten Millarden durch Werbung für zielichtige Darlehensgeber und Kreditkartenfirmen.
  • Medien waren der “verlängerte Arm” des Immobiliengewerbes, da sie die Vermarktung von Werbung übernahmen.
  • Europäische Medien berichteten kaum über hohe Investitionen europäischer und asiatischer Banken in ungesicherte Wertpapiere und hinterfragten diese Praktiken nicht.
  • Medien haben Angst, von Unternehmen in Rechtsstreitigkeiten verwickelt zu werden, die so eine “schlechte Presse” bekämpfen wollen.
  • Den Medien fehlt es an Tiefgang und finanziellen Mitteln, weil sie selbst mitten in der Finanzkrise stecken; sie geben weniger Geld für kostspielige Recherchen aus.


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Über Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts fĂŒhrt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie fĂŒhrt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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12 Antworten auf Warum die Medien die Wirtschaftskrise verschliefen

  1. Ich denke, die aktuelle Brand Eins Ausgabe im Speziellen, aber auch frühere Ausgaben sind eine ganz gute Quelle für kritische Wirtschaftsberichterstattung und Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen.

  2. Stimmt, das ist eine gute Quelle. In der aktuellen Ausgabe gab es auch einige schöne Beiträge über die Krise – Stichwort Lehman Brothers. Irgendwie hatte ich aber nicht “den Experten” dort gesehen. Muss ich nochmal gucken.

  3. Jochen Hoff sagt:

    Die Medien haben die Krise nicht verschlafen. Sie haben einfach nur nicht darüber berichtet, weil sie die Anzeigen ihrer Kunden brauchen. Selbst jetzt sind sie eher bereit dabei zu helfen, neue Gimpelfallen aufzustellen, als dass sie über das berichten was passiert.

    Die Schere im Kopf funktioniert und nicht nur bei Banken und deren Taten. Auch in der noch immer existierenden Lobpreisung allen Neoliberalens bleiben sie im alten Trend. Auf Dauer wird das allerdings zu weiteren Leserverlusten führen. Sie sind zu Systemmedien verkommen, die nur noch verlautbaren. Deshalb braucht sie keiner mehr.

  4. Torsten sagt:

    Mir fällt auch nur die Kolumne von Geraint Anderson alias Cityboy im London Paper ein (http://www.arte.tv/de/Kultur-entdecken/2326794.html) . Daraus gingen die Exzesse in der Finanzwirtschaft deutlich hervor.

    Vermutlich hätte man daraus auch die sich entwickelnde Finanzkrise erahnen können.

  5. Marcel Weiss sagt:

    “Dabei fiel mir jedoch ein, dass Recherchen der Initiative Nachrichtenaufklärung zu Themen wie “zinsloses Wirtschaftssystem” oder “bargeldloses Wirtschaften” immer daran zu scheitern drohten, dass kein Ökonom gefunden werden konnte, der diese Themen nicht als völlig randständig und irrelevant bewertet hätte. ”

    Das überrascht mich nicht. Zumindest die Idee “zinsloses Wirtschaftssystem” ist schlicht unsinnig. Zins selbst repräsentiert in den Wirtschaftsmodellen Zeit bzw. Wertzuwachs über Zeit. Es geht nicht ohne. Jeder Ökonom, der Dir etwas anderes erzählt, ist ein Hochstapler.

  6. stadtbote sagt:

    @ Jochen Hoff: Vorsicht mit Verschwörungstheorien! Von der drohenden Immobilienblase in USA, UK und Spanien konnte vor drei Jahren jeder aufmerksame Leser einer guten Tageszeitung wissen. Auch von der Tatsache, dass die Amerikaner jahrelang auf Pump konsumierten. Es gab Bücher,die das Debakel voraussagten, z.B. Max Ottes “Der Crash kommt” . Es war seit 2006 auf dem Markt. Aber ein Bestseller war es damals nicht. Vielleicht schreiben viele Journalisten nicht gern über Negativprognosen, weil sie schon so oft die Erfahrung gemacht haben, dass mit Hurra-Stories mehr Auflage zu machen ist?

  7. Christiane sagt:

    Danke für diesen Hinweis: Schweinezyklus ist “ein Begriff aus der Agrarwissenschaft und bezeichnet eine periodische Schwankung auf der Angebotsseite, wie sie exemplarisch ursprünglich auf dem Markt für Schweinefleisch von Arthur Hanau in seiner Dissertation über Schweinepreise 1927 dargestellt wurde.” Sagt Wikipedia.”

    Ich kannte natürlich den Begriff, aber nicht seine Geschichte.

  8. Pingback: Amys Welt » Blog Archive » Die Genese der Blogosphäre im Medienrauschen.

  9. stadtbote sagt:

    herzlichen Dank! Die digitale Vernetzung, die wohl größte Medienrevolution seit Gutenberg, vollzieht sich tatsächlich in markanten Zyklen. Was im Agrarsektor die Schweinepreise sind, scheinen in diesem Fall die Aussichten auf steigende
    Werbeerlöse zu sein.

  10. … sinkende Werbeerlöse… im Moment geht es ja wieder steil abwärts im Zyklus, wobei mir die Medienrevolution durchaus disruptiv erscheint, während im Schweinezyklus ja immer noch die Hoffnung auf einen baldigen Aufschwung besteht :)

  11. Newtown sagt:

    Dass es keine kritischen Ökonomen gibt stimmt so nicht. Die Bedingungen um Kritik zu äußern und mediales Gehör zu bekommen sind nur ungemein schwer.
    Bestes Beispiel für “kritische” Ökonmen ist Heiner Flassbeck, Peter Bofinger Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand oder von feministischer Seite Mascha Madörin.

    Ein gutes Beispiel dafür dass es auch in Deutschland kritische Ökonomen gibt
    ist die Memorandum Gruppe, die es schon seit mehr als 20 Jahren gibt.

    http://www.memo.uni-bremen.de/ Die Memogruppe veröffentlich jedes Jahr ein Gegengutachten zum Sachverständigtenratgutachten

    ein paar weitere Links:
    http://www.kritische-wirtschaftswissenschaften.de/
    http://www.flassbeck.de/
    http://www.wu-wien.ac.at/vw3/

  12. Herzlichen Dank – auf eine solche Auflistung hatte ich gehofft! Ich werde mir alles mal etwas genauer ansehen. Vielleicht ist das auch ein Thema für die “Initiative Nachrichtenauflärung”?