Wie netzwerken Wissenschaftler? – Interview mit Sören Hofmayer

ResearchGATE.net ist eine Kooperations- und Kontaktplattformen für Wissenschaftler, die vor sieben Monaten von drei Forschern gegründet wurde. Inzwischen haben sich bereits mehr als 22.000 Forscher aus 137 Ländern registriert – die meisten kommen derzeit noch aus dem naturwissenschaftlichen Bereich. Ich habe mich mit Gründer Sören Hofmayer über das vielversprechende Projekt unterhalten.

ResearchGATE - Team

Du hast mit einigen Freunden und Kollegen aus Deutschland und den USA die Plattform ResearchGATE.net gegründet.

Die Gründer Horst Fickenscher, Dr. Ijad Madisch und Sören Hofmayer (von links nach rechts)

Was mich nun etwas rätseln lässt, ist, dass ihr in euren Nutzungsbedingungen beschreibt, dass ihr “keine spezielle Wirkungen oder Ergebnisse” versprechen könnt, die aus der Nutzung des Dienstes resultieren könnten. :)

Was also erwarten sich die 22.000 Menschen dann von ihrer Mitgliedschaft?

Das ist nicht mehr als eine rein juristisch notwendige Formulierung.
Das überwältigende Feedback unserer Mitglieder zeigt, dass die Anwendungen auf ResearchGATE einen wirklichen Mehrwert bedeuten. In der Method-Group beispielsweise tauschen sich Forscher von allen Kontinenten und aus verschiedenen Fachgebieten täglich über Techniken und Methoden aus und finden Ratschläge und Protokolle von Kollegen, mit denen sie sonst wahrscheinlich niemals in Kontakt kommen würden.

Welche Nutzungsarten sind denn am häufigsten?

Wir führen gerade eine Umfrage unter unseren Usern durch – das vorläufige Ergebnis, das wir bisher noch nicht veröffentlicht haben, sieht folgendermaßen aus:

 Interessen von ResearchGATE-Nutzern

Es gibt doch schon Plattformen wie LinkedIn, über die berufliche Kontakte geknüpft werden können. Was war Eure Motivation, so eine eigene Plattform für Wissenschaftler aufzubauen?

Ganz einfach, für unsere Zielgruppe gab es kein solches Netzwerk und wir wussten, dass sie davon enorm profitieren würde. Kommunikation ist im modernen Forschungsprozess unverzichtbar. Die Herausforderung war, das Social-Network-Prinzip um speziell auf Forscher zugeschnittene Tools zu erweitern. Das bedeutet, forschungsbezogene Daten müssen im Vordergrund stehen – genau darauf sind unsere Profile zugeschnitten: Forschungsprojekte, Publikationen, Fähigkeiten im Labor oder in der IT und andere relevante Informationen werden indiziert und sind dadurch suchbar.

Genauso verhält es sich mit den Gruppen, sie bieten wesentlich mehr Funktionen als ein reines Diskussionsforum – so z.B. Anwendungen, um gemeinsam an Dokumenten zu arbeiten – mit Versionshistorie -, Termine abzustimmen oder Umfragen durchzuführen.

Ist das eine Art Wiki?

Das sind alles eigens geschriebene Anwendungen. Das Filesharing-Tool ReStory eignet sich z.B. hervorragend dazu gemeinsam an einem Paper zu schreiben – jeder kann auf die Datei zugreifen, sie runterladen, bearbeiten und wieder updaten. Jede einzelne Version bleibt in der History erhalten. Und das funktioniert mit nahezu jedem Dateiformat.

 ResearchGATE: ReStory

Ich habe gesehen, dass man für die Literaturangaben aus sechs bekannten großen Datenbanken seine bibliographischen Angaben importieren kann.

Ja, das stimmt. Und es werden noch mehr werden! Wir haben mit einem neuen Such-Algorithmus eine Datenbank von mehr als 30 Mio. Publikationen in unsere Community integriert. Semantische und horizontale Literaturrecherche ist nun möglich, Publikationen können bewertet und öffentlich kommentiert werden. Wir wollen also nicht nur Forscher weltweit zusammenführen, sondern entwickeln auch Anwendungen, die Arbeitsprozesse tatsächlich erleichtern können.

ResearchGATE - Publikationen

Habt ihr das in Eurer Freizeit gemacht oder gab es irgendwie auch eine Unterstützung seitens privater oder staatlicher Stellen?

Wir haben in unserer Freizeit neben dem Studium damit begonnen. Mittlerweile werden wir sowohl von staatlichen, als auch privaten Stellen unterstützt und beraten. So haben wir auch ein großes internationales Advisory Network von über 120 Professoren – nur ein Beispiel, einer unserer ersten Unterstützer ist Prof. Heiko von der Leyen, der Gründer des Clinical Trial Centers in Hannover (HCTC).

Habt ihr alles selbst programmiert, Open-Source-Software verwendet oder Programmteile eingekauft?

Alles was Du auf unsere Plattform siehst kommt von uns! 

Respekt! In Deutschland ist ResearchGATE aber noch nicht so bekannt. Etwas bekannter dürfte jedoch Scholarz.net sein.

Das ist nicht unser Eindruck. Von den weit über 20.000 Forschern kommen mehrere Tausend aus Deutschland. Die öffentliche Resonanz ist enorm, neben Fachzeitschriften berichten auch allgemeine Medien wie die Süddeutsche Zeitung oder der Deutschlandfunk über ResearchGATE. Wir haben zahlreiche Kooperationen mit relevanten Forschungseinrichtungen und auch die DFG sieht in ResearchGATE ein bedeutendes Projekt. Zahlreiche Kongresse und Veranstaltungen laden uns ein; viele Blogs verlinken auf uns.

Die größten Bedenken von Wissenschaftlern, eine solche Plattform zu nutzen, könnte sein, zu viel von ihrem laufenden Forschungsvorhaben zu verraten. Wie begegnet ihr solchen Sorgen?

In geschlossenen Gruppen können Forscher sich diskret über ihre neusten Ergebnisse austauschen und den Zugang kontrollieren. Aber es ist ja auch enorm hilfreich, wenn ich als Forscher über die Plattform bereits publizierte Ergebnisse finde, die ich noch nicht kannte.

Ich selbst konnte mich als Medienwissenschaftlerin bei der Anmeldung in kein Forschungsgebiet einordnen. Wie geht ihr mit solchen „Orchideenfächern“ um?

Unser Ausgangspunkt waren die sog. „hard sciences“, aber der Baum an Disziplinen wächst, wir nehmen jedes neue Feld gerne auf!

Vielen Dank für das Gespräch!

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About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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One Response to Wie netzwerken Wissenschaftler? – Interview mit Sören Hofmayer

  1. Trendschau says:

    Schöner Bericht! Ich kannte bislang auch nur scholarz, und nach anfänglichen Zweifeln bin ich inzwischen doch recht überzeugt von solchen Plattformen. Abgesehen davon, dass es zeitgemäße Tools für die Wissenschaftler sind, dürfte es vor allem auch für den Veröffentlichungsprozess interessant sein: bei offline-erfassten Daten von wissenschaftlichen Büchern dürfte sich wohl kein Verlag (oder Privatmann) die Mühe machen, alles in XML zu verwandeln, bei einer Online-Erfassung sollte das eigentlich kein großes Problem mehr darstellen. Die Veröffentlichung in verschiedenste Medienformate wäre dann nur noch ein kleiner Schritt, vielleicht sogar irgendwann nur noch ein Knopfdruck…

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