10+ vernachlässigte Themen des Jahres 2008

Heute hat die Jury der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) in Bonn getagt – und aus einer längeren Liste von Themen, die Rechercheseminare an den Universitäten in Dortmund und Bonn während des Jahres recherchiert hatten, die 10 Themen gewählt, die ihrer Ansicht nach im letzten Jahr die wichtigsten vernachlässigten Themen waren.

Ich denke, es ist eine schöne Auswahl typischer vernachlässigter Themen geworden, die es alle wert sind, von der einen oder anderen Seite erneut beleuchtet zu werden. Mein drei Favoriten waren die undifferenzierte Berichterstattung über Migranten, die Gefährlichkeit von Psychopharmaka sowie das äußerst wirksame Spin-Doctoring zum Thema Uran-Munition.

Auf der Website der INA wird in Kürze auch die Langfassung der Themen zu lesen sein. Die Themen 11 bis 20 werden sich außerdem die nächsten Tage auf dem INA-Blog wieder finden. Es gibt auch eine Reihe von Themen, die bereits eingereicht wurden, aber nicht mehr recherchiert werden konnten. Sie werden dann im Sommersemester in Angriff genommen. Neue Themenvorschläge können jederzeit eingereicht werden.

Möge sich nun der eine oder andere Journalist, die eine oder andere Journalistin ermutigt fühlen, in diesem Jahr endlich diesen Themen nachzugehen. Denn eine Auflistung in der jährlichen INA-Liste ersetzt keine Berichterstattung. Voilŕ:

1. Zu viele Straftäter in der Psychiatrie

Immer mehr Straftäter müssen ihre Strafe in der Psychiatrie verbüßen. Das liegt nicht an einem Anstieg psychisch kranker Angeklagter, sondern an einer veränderten Spruchpraxis der Richter. Entsprechend steigt die Zahl zweifelhafter Einweisungen. Gleichzeitig sind die Hürden für die Entlassung aus dem so genannten Maßregelvollzug gesetzlich erhöht worden – was nach spektakulären Einzelfällen auch medial eingefordert wurde. Die Verurteilten kommen somit schnell in die Forensik hinein und schwer wieder heraus. Für diese veränderte Gefangenenunterbringung zahlt der Staat rund 700 Millionen Euro zusätzlich. Über diese Entwicklung zu berichten bedeutet, Täter auch als Opfer darzustellen. Davor scheuen sich deutsche Medien offenbar.

2. Pharmaindustrie unterwandert Patienten-Blogs

In Blogs und Foren von Patientenorganisationen wirbt die Pharmaindustrie verdeckt für ihre Produkte. PR-Mitarbeiter melden sich dort als Betroffene an und berichten von ihren guten Erfahrungen mit den Medikamenten ihrer Auftraggeber. Für echte Patienten ist dies nicht transparent. Obwohl das Sponsoring von Selbsthilfegruppen vor einigen Jahren Medienthema war, wird diese neue Dimension von schmutzigem Marketing nicht thematisiert.

3. Kupferbelastung der Umwelt durch ersetzbare Bremsbeläge

Bremsbeläge von Kraftfahrzeugen verursachen laut einer Studie des Frauenhofer-Instituts zu hohe Kupferkonzentrationen in deutschen Gewässern und Böden. Von dem Schwermetall gelangt mehr in Gewässer, als die Zielvorgaben der Bund-/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA) erlauben. Auch Böden sind betroffen. Die Werte für Kupfer wurden 2005 an 60 Prozent der Messstellen überschritten. Den größten Teil der Einträge macht der Abrieb von Bremsbelägen aus. Das ist vermeidbar: Längst sind kupferfreie Bremsbeläge auf dem Markt, die wegen eines etwas höheren Preises nicht verwendet werden. Da das Thema überhaupt nicht medial präsent ist, kann von keiner gesellschaftlichen Gruppe auf die Gefahr hingewiesen werden. Auch die Alternativen sind der Öffentlichkeit nicht bekannt.

4. Gefährlichkeit starker Psychopharmaka

Neuroleptika, die zur Behandlung von Psychosen eingesetzt werden, haben starke Nebenwirkungen. Einige Forscher gehen davon aus, dass sie das Leben um mehrere Jahre verkürzen können. Trotzdem verordnen Ärzte diese Medikamente standardmäßig, um schwere Störungen zu behandeln, wenn diese etwa mit einer Selbstmordgefahr verbunden sind. In Deutschland nehmen schätzungsweise mehr als eine halbe Million Menschen Neuroleptika ein. Dennoch ist in der Öffentlichkeit wenig über die möglichen Folgen bekannt.

5. SED-Vermögen: Immer noch in Liechtenstein und anderswo versteckt?

Umgerechnet 255 Millionen Euro aus dem Vermögen der früheren DDR-Außenhandelsfirma „Novum“ wurden im Jahr 2003 der BRD zugesprochen. Sechs Jahre später ist der Öffentlichkeit immer noch nicht bekannt, wie viel von diesem Geld die Bundesrepublik erhalten hat und wofür es gegebenenfalls verwendet wurde. Teilsummen werden weiter auf ausländischen Konten, etwa in Liechtenstein und der Schweiz vermutet. Es fehlen journalistische Berichte, die sich mit der Umsetzung des Gerichtsurteils befassen. Verschleierungsbemühungen aus der Wendezeit bleiben so bis heute erfolgreich.

6. Gefahren durch Uran-Munition in Kriegsgebieten

In den Kriegen im Irak, auf dem Balkan und in Afghanistan wurden mehrere tausend Tonnen Uran-Munition eingesetzt. Missbildungen bei Kindern, Leukämie und andere schwere Krankheiten gelten als mögliche Langzeitfolgen. Eine Veröffentlichung der deutschen Bundesregierung, an der auch renommierte Journalisten mitwirkten, erklärte die Munition jedoch für ungefährlich und bremste damit die Debatte weitgehend aus. Obwohl die Diskussion etwa auf Ebene der UNO unvermindert weitergeht, ist sie in den deutschen Medien kein Thema mehr.

7. Pauschale Berichterstattung über Entwicklungsländer

Deutsche Medien berichten undifferenziert über Entwicklungsländer, wodurch häufig ein falsches Bild entsteht. Ein Beispiel dafür ist die Berichterstattung über HIV-Infektionen in afrikanischen Ländern südlich der Sahara, in denen die Krankheitsraten sehr unterschiedlich sind. Selten wird jedoch so differenziert berichtet. Stattdessen werden allgemeine Aussagen über Aids in „Schwarzafrika“ gemacht. Dabei könnte eine hintergründige Berichterstattung Lösungsstrategien für Länder mit tatsächlich hohen Infektionsraten aufzeigen.

8. Idealisiertes Mutterbild statt Berichterstattung über postnatale Depression

Mutterliebe kommt in den Medien idealisierend zum Muttertag vor. Dass aber 15 Prozent aller Mütter an sogenannten postnatalen Depressionen leiden, bleibt weithin unbekannt. Trotz der Häufigkeit der Erkrankung gibt es in der Öffentlichkeit wenig Verständnis für Frauen, die nicht dem medial vermittelten Ideal der bedingungslosen Mutterliebe entsprechen. Diese schämen sich daher, sich und anderen ihre psychische Verfassung einzugestehen. Deswegen und auch weil die weite Verbreitung der postnatalen Depression in der Öffentlichkeit wenig diskutiert wird, bleiben zwei Drittel aller Fälle unerkannt und ohne Therapie.

9. Undifferenzierte Berichterstattung über Migranten

Migranten sind in der deutschen Berichterstattung nicht mehr generell unterrepräsentiert, aber sie werden immer noch häufig in stereotyper Weise dargestellt. Auf diese Weise verfestigen sich rassistische Vorurteile. Differenziertere Beiträge über die vielfältigen Rollen, die Migranten in der deutschen Gesellschaft einnehmen, sind Mangelware. Immerhin jeder fünfte Einwohner der Bundesrepublik hat einen Migrationshintergrund.

10. Menschenunwürdiger Umgang mit Totalverweigerern in der Bundeswehr

Wer den Kriegsdienst in der Bundeswehr total verweigert, muss mit drakonischen Disziplinar- und Freiheitsstrafen rechnen. Der Wehrpflichtige Matthias Schirmer aus Mecklenburg-Vorpommern wurde für seine Totalverweigerung 2008 mit 33 Tagen Einzelhaft bestraft und weiteren Schikanen ausgesetzt. Laut Bundeswehrgesetz können solche Vorgänge rechtmäßig sein. Über den Fall wurde nur vereinzelt in Lokalmedien berichtet. Was sich in den Kasernen abspielt und was überhaupt Bundeswehrrecht ist, wird kaum öffentlich thematisiert.


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About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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3 Responses to 10+ vernachlässigte Themen des Jahres 2008

  1. somlu says:

    Ich wußte bisher nicht, dass es sowas auch in Deutschland gibt, bisher kannte ich das nur aus den USA. Ganz fein, die werden natürlich auch verlinkt.

  2. Lurch says:

    Das ist doch mein Thema:
    Waldsterben (schlimmer denn je)
    AIDS (gibts das noch?)
    Atomwaffen (wie viele stehen in Deutschland – was machen die Amis noch hier?)
    Vogelgrippe (wo ist die denn abgeblieben)
    BSE (ausgestorben?)
    Krebs (als Mann einer mit 35 Jahren aus heiterem Himmel an Brustkrebs erkrankten Frau finde ich, dass man hier nicht genug auf Vorsorgeuntersuchungen hinweisen kann!)

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