Wie NGOs kommunizieren, koordinieren und mobilisieren

Im Jahr 2001 organisierten sich innerhalb nur von 75 Minuten über 20.000 Menschen in Manila, um auf einem Boulevard gegen den damals amtierenden philippinischen Präsidenten Estrada zu protestieren. Dabei koordinierten sie sich mit Hilfe von SMS. Für den kalifornischen Internetforscher Howard Rheingold ein Paradebeispiel für so genannte Smart Mobs, die sich mit Hilfe digitaler kooperativer Technologien in kürzester Zeit online wie offline koordinieren können.

Technologies of CooperationEinige Jahre später befasste sich Rheingold in einer Studie mit den so genannten Technologien der Kooperation („Technologies of Cooperation“ – PDF). Darunter verstand er eine große Bandbreite digitaler Systeme und Werkzeuge, die Menschen so unterstützen, dass sie besser kommunizieren und arbeiten können.

In der Studie “Kooperative Technologien für Arbeit, Ausbildung und Zivilgesellschaft” habe ich gemeinsam mit Lorenz Lorenz-Meyer mögliche Anwendungsbereiche dieser kooperativen Technologien untersucht. Unter anderem haben wir überlegt, wie ein sinnvoller Toolmix bei mittelgroßen Nichtregierungs-Organisationen (NGOs) aussehen könnte. Was darf man sich unter diesen Tools vorstellen? Wir zählen dazu alle Kommunikationswerkzeuge – angefangen beim klassischen Telefon und der inzwischen weit verbreiteten E-Mail, über SMS, Chat, Instant Messaging bis hin zu Microblogging-Werkzeugen wie Twitter. Wesentlich sind außerdem Dienste, die das Planen und Managen unterstützen, wie etwa gemeinsame Kalender und To-Do-Listen. Sharing-Tools, die wie etwa Sharing-Plattformen das den Austausch von Informationen oder wie Geodaten-Mashups über mobile Dienste eine räumliche Awareness und Koorientierung ermöglichen, stellen eine weitere große Werkzeuggruppe dar. Ein weiterer Bereich betrifft die Inhalteproduktion und –bereitstellung. Dazu zählen vor allem webbasierte Tools wie Blogs und Wikis. Schließlich gibt es Soziale Netzwerke und andere Werkzeuge, die Menschen ein Identitäts-, Reputations- und Beziehungsmanagement ermöglichen.

Wie können zivilgesellschaftliche Organisationen all diese Werkzeuge für sich nutzen? Um dies beantworten zu können, hilft es sich die zentralen Aufgaben von zivilgesellschaftlichen Stakeholdern vor Augen zu führen:  Sie müssen Ideen entwickeln und Ideen verbreiten. Sie müssen für ihre Ideen eine Öffentlichkeit aufbauen – und möglicherweise Betroffene mobilisieren. Zu den zentralen Erfolgsfaktoren zählen hier die zwei zentralen Ressourcen Geld und Zeit sowie die Fähigkeit, Teilhabe bzw. Partizipation zu organisieren.

Wie können NGOs Ideen weiter entwickeln? Indem sie alle Beteiligten miteinander ins Gespräch bringen. Traditionellerweise werden dafür Arbeitsgruppen eingerichtet, die aus Menschen bestehen, die sich dazu verpflichten, ihre freie Zeit für die gemeinsame Sache tatkräftig zur Verfügung zu stellen. Um online unterschiedliche Akteure einzubinden, sind verschiedene Kommunikations- und Kollaborationsmöglichkeiten wichtig und möglich, wie die folgenden drei Beispiele von Greenpeace, dem Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung und Campact zeigen.

Greenpeace beispielsweise hat für seine rund 3.400 Ehrenamtlichen Ende 2007 ein so genanntes Ehrenamtsportal eingerichtet, das das interne soziale Netzwerk abbildet. Damit ist die Kampagnenkommunikation schneller und direkter geworden. Jeder ist mit einem eigenen Profil in dem Portal vertreten. Auf diese Weise können sich die Menschen leichter kennenlernen – und auch nach Seminaren etwa wiederfinden. Sie geben in ihrem Profil an, welche Interessen sie verfolgen und welche Fähigkeiten sie einbringen. Auf diese Weise kann zum Beispiel ein Mitglied vor einer Aktion schnell herausfinden, wer im Umkreis von 30 Kilometern fotografieren kann. Jedes Mitglied kann ein eigenes, internes Blog einrichten, worüber Informationen festgehalten, aber auch so etwas wie Rundbriefe organisiert werden können. Ein gemeinsamer Kalender sowie Wikis sollen die weitere Zusammenarbeit unterstützen.

Anders als Greenpeace ist der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung keine gewachsene Institution, sondern ein loser Zusammenschluss von Bürgerrechtlern, Datenschützern und Internet-Nutzern, der sich Ende 2005 auf dem Chaos-Computer-Club-Kongress gegründet hat. Jeder kann dem Arbeitskreis formlos beitreten. Der Kern besteht aus 15 Koordinatoren und etwa 40 sehr engagierten Personen. Zu Beginn wurde primär über Mailinglisten kommuniziert. Dabei konnte jede Ortsgruppe eigene Mailinglisten aufbauen. Später wurde ein öffentliches Wiki installiert, um dort gemeinsam Dokumentationen zu erstellen, Argumentationshilfen zu erarbeiten und Pressemitteilungen zu schreiben. Während Demonstrationen werden im Wiki kleine Statusberichte veröffentlicht. Das Wiki ist inzwischen ein wichtiger Kommunikations- und Koordinationsknoten des Arbeitskreises.

Der 2005 gegründete Verein Campact wiederum ist ein Beispiel für eine Meta-Organisation, die nach dem Vorbild von Move on zivilgesellschaftliche Gruppierungen bei der Organisation von Protestaktionen unterstützt. Binnen zwei Tagen will Campact eine Kampagne entwerfen und starten können. Von Online-Appellen und Massenmail-Aktionen bis hin zu Demonstrationen vor Ort nutzt Campact eine Reihe von Online-Offline-Methoden im virtuellen und öffentlichen Raum. Dabei treibt Campact online auch Spenden für die jeweilige Aktion ein. Finanziert wird der Verein durch Spenden sowie 500 Fördermitglieder. Je aktueller, je skandalisierbarer ein politisches Thema ist und je besser die Aussichten, die Forderungen umzusetzen, desto größer die Chancen, dass Campact das Thema adoptiert.

Die drei geschilderten Beispiele zeigen, wie sich die Welten digitaler und realer Aktivisten mit Hilfe kooperativer Technologien miteinander verknüpfen lassen. Dabei spielt je nach Organisations- und Freiwilligenstruktur jeweils ein anderer Toolmix eine Rolle. Entscheidend dafür, welche Werkzeuge verwendet werden, ist, wie hoch die jeweiligen Barrieren sind. Im zivilgesellschaftlichen Bereich ist es besonders wichtig, dass einige technisch und kommunikativ kompetente Personen den anderen ehren- oder hauptamtlich Engagierten nicht nur als Vorbilder, sondern auch als Berater bei einer behutsamen und schrittweisen Einführung zur Seite stehen. Dabei sind vor allem pragmatische Lösungen wichtig. Der Einsatz von Open-Source-Software sollte so erfolgen, dass sie mit möglichst geringem Aufwand an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst werden kann. Außerdem sollte darüber nachgedacht werden, für welche Dienste ein eigener Server verwendet werden sollte und für welche auf einen Anbieter zurückgegriffen werden kann. Wichtig ist, dass der Einsatz der neuen Dienste in der Gruppe zuvor besprochen und möglichst einvernehmlich beschlossen wird.

Der Text erscheint in der Ausgabe Nr. 295 des Magazins Contraste im April 2009. Mehr Hintergründe und Details sind der bald erscheinenden Studie „Kooperative Technologien“ zu entnehmen.

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About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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