Über die Angst des Journalisten vor dem Journalisten

Als Fachjournalist, der ab und an dem Radio und Fernsehen zu Internet-Themen Rede und Antwort steht, hat man sich schon daran gewöhnt, dass der Redakteur neben der Kamera oder am anderen Ende der Leitung eine andere Wahrnehmung der virtuellen (und realen) Welt hat als man selbst. Da gibt es den unbedarften Volontär, der das Interview zu “20 Jahre WWW” mit den Worten beginnt: “Heute wird das Internet 20 Jahre alt”, um sich dann sklavisch an seine notierten Fragen zu halten, obwohl von Anfang an klar ist, dass sie völlig am Thema vorbeiführen.

Oder der Kollege, der sich selbst schon perfekt auskennt und im Interview seine Thesen unterbreitet, damit der Experte sie bestätige. Und wehe, der Experte wagt es, zu widersprechen. In Live-Interviews kann das richtig lustig werden: “Stimmt es, dass …” “Für den Unbedarften mag das auf den ersten Blick so erscheinen, doch nach etwas Nachdenken erkennt man …”

Alles andere als lustig aber waren meine Erlebnisse der vergangenen beiden Tage, an denen ich pausenlos Interviews zum Thema “Amoklauf-Ankündigung im Internet” geben musste. Schon zu Beginn dieses Marathons war ich schon gründlich angefressen von den Medien, die den Fall in alle Richtungen ausschlachten, bis hin zur Veröffentlichung des Videos der letzen Minuten. Ein Amoklauf ist ein Selbstmord unter entsetzlichen Umständen und dementsprechend sollte sich die Berichterstattung knapp an die wichtigen Fakten halten. Die Bilderflut aus Gewalt und Trauer, die durch alle Medien spülte, verletzt nicht nur die Gefühle der Betroffenen, sondern inspiriert womöglich Nachahmer.

So reagierte ich zunächst unwirsch, fügte mich dann aber in mein Schicksal und hoffte, zumindest in meinen Stellungnahmen sachlich bleiben zu können. In manchen Fällen gelang dies, in anderen brachten mich die Fragen einfach nur in Rage. Da will dann ein Redakteur wissen: “Auf welchen Seiten treffen sich Amok-Interessierte? (zeigen lassen)” Oder: “Ist das Internet ein besonderer Schutzraum für dunkle Gedanken?” Ein anderer fasst zusammen: “Wenn man einen Amoklauf erst kurz vorher im Internet ankündigt, hat die Polizei also keine Chance mehr einzugreifen, stimmt das so?”

Und nun komme niemand auf die Idee, hinter solchen Fragen steckten sensationslüsterne “Unterschichtensender”. Die drei zitierten Fragen stellten Mitarbeiter aus dem öffentlich-rechtlichen Sektor.

Zum Glück handelte es sich bei den schlimmsten Ausrutschern um Aufzeichnungen. So konnte ich die Redakteure überzeugen, dass es kein www.amok-kalender.de gibt, wo man seine Termine eintragen kann. Auch meine These, das Internet sei nicht Brutstätte des Bösen oder Motiv-Fabrik für Amokläufer wurde zögerlich akzeptiert. Und meine Bitte, doch bitte keine Handlungsanweisungen zu senden, fand Gehör.

Dennoch bleibt an schales Gefühl: Was aufgezeichnet wird und was später über den Sender geht, sind oft zweierlei Dinge. Angesichts der deutlichen Intention der Fragesteller besteht die Möglichkeit, dass hinterher etwas geschnitten wird, was man nie so meinte — die Angst des Journalisten vor dem Journalisten.

About Axel Kossel

ist Redakteur bei einem bekannten IT-Magazin.
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2 Responses to Über die Angst des Journalisten vor dem Journalisten

  1. Wittkewitz says:

    Nun es scheint ein bestimmtes Interesse nach solchen Nebenkriegsschauplätzen zu geben, dass in diesem wie in vielen anderen Fällen aus ökonomischen und psychologischen Motiven gespeist wird.

    Zum letzten: Katastrophen stellen die menschliche Vernunft vor die völlig unaufgeklärte Alternative, ist das verständlich oder nicht? Diese Fragstellung impliziert jedoch schon ein derart hohe Reflexionsfähigkeit, dass sie nur für wenige zugänglich ist. Es gibt viele Gründe, an die Omnipotenz des Verstandes und der Vernunft bei der Welterklärung zu GLAUBEN. Die Bodenlosgikeit in die viele Menschen fielen, würden sie solche Katastrophen als Anlaß nehmen, das Unerklärbare anzuerkennen, kann schwere seelische Krisen auslösen und hemmt viele Menschen, den Anteil der menschlichen Existenz an solch nicht-mentalen Zuständen in langfristig in ein asymptotisch Verhältnis zu setzen.

    Im ersten Fall und unter der Maßgabe, die Katastrophe ist erklärbar, wäre aus Expertensicht zunächst zu überprüfen, ob dieselben vermeintlich “leichten” Medikamente (Psychopharmaka heißen sie ja nicht, sie gelten eher als kleine Stimmungsaufheller bzw. stimmungstonisierend) eingesetzt wurden, die auch in anderen Staaten der Welt aus “normalen” Menschen mit leichten seelischen Problemen, Amokläufer im großen oder familiären Kreise machten. Es gab dazu neulich bei Frontal21 einen Beitrag über seltsame Selbstmorde bei denen nicht selten auch Angehörige oder Unbeteiligte zu Tode kamen.

    Da aber die Zulassung dieser Medikamente in Deutschland lange verwehrt oder stark eingeschränkt war, und nun seit kurzem ein massiver Trend zur Verschreibung solcher vermeintlich harmloser Medikamente zu verzeichnen ist – ich lasse mal das Thema Kinder und Psychpharmaka bewußt aus diesem Satz raus, bitte aber das besonders selbst zu recherchieren – ist grundsätzlich ein ebenso starker Anstieg solcher Taten vorhersagbar.

    Beide Ansätze, der rationale und der irrationale sind extrem unbequem und erfordern eine Einstellungsveränderung auf basaler Ebene. Beides ist nicht erwünscht. Deshalb sind sie Fragen der Journalisten nicht Ausdruck schlechter journalistischer Arbeit sondern einfach der naive Wunsch nach mentalen Gestellen, die sowohl die soziale wie auch die persönliche Fassade in bester Cilit-Bang-Manier rein halten von allem nebulösem oder – im Fall der Medikamente – von allem intentional Bösen, das der Kapitalismus als Bestaller der politischen Kaste inauguriert. Der Journalist kann nicht die Grundordnung der Macht, die dort herrscht, in Frage stellen, ohne sich selbst der Lächerlichkeit preiszugeben.

    Wer lange in der Schule und in der Uni oder dem Volonteriat Gehorsam geleistet hat, wird diesen nicht für eine Story an den Nagel hängen, von der er weiß, dass sie in 3 Monaten vergessen ist.

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