Wikipedia und die VG Wort – Interview mit Mathias Schindler von Wikimedia

Mathias Schindler ist seit 2003 Wikipedianer und arbeitet seit 2009 für den Verein Wikimedia Deutschland als Projektmanager. Er ist unter anderem für Content-Kooperationen wie beispielsweise die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bundesarchiv zuständig und beschäftigt sich daher eingehend mit Urheberrechtsfragen. Für mich Anlass genug, um ihn über das Verhältnis von Wikipedia zur VG Wort zu befragen: Können Wikipedianer ihre Texte bei der VG Wort melden?

Mathias Schindler, WikimediaChristiane Schulzki-Haddouti: Wikipedia und Verwertungsgesellschaften – geht das zusammen? Die Wikipedia lizenziert ja alle Inhalte unter einer Open-Content-Lizenz.

Mathias Schindler: Der Versuch, Wikipedia dort zu registrieren, war ein logistisches Chaos. In der bisherigen Lesart beißt sich VG Wort/METIS und die Gnu-Free-Documentation-Lizenz (GFDL) nicht. Laut VG Wort wird auch für frei lizenzierte Werke Geld an die Autoren ausgeschüttet – und bei kollaborativ erstellten Werken ist jeder Autor gleich anteilig berechtigt. Hinzu kommt das Problem des Wikis mit sich ändernden Inhalten. Formal würde ab 10 Prozent Änderung der Artikel als ein neuer Artikel gezählt werden, was bei den Zugriffszahlen von Wikipedia in vielen Fällen ausreichen würde.

Wie würde das konkret aussehen?

Ich habe 2004 den Artikel Barack Obama in der deutschen Wikipedia angelegt. Hier würden sich bei der korrekten Anwendung der 10-Prozent-Regel nicht ein Artikel sondern gefühlte 400 Artikel ergeben. In allen würde ich von der VG Wort weiterhin als Autor geführt werden.

Das würde ja bedeuten, dass Wikipedia ruckzuck den Hauptteil der Ausschüttung einkassieren könnte.

Mit korrekter Anwendung der klassischen Metis-Regeln hätte ich mir jetzt schon ein kleines Haus bauen können.

Da lohnt sich ja die Autorenschaft richtig.

Genau, gemessen an den Zugriffszahlen und der Textmenge wäre das vermutlich der größere Teil des Topfes. Was ja auch völlig okay ist, denn wir sind ja nun einmal eines der meistgelesenen und inhaltsreichsten Onlinewerke. Aber Glück für die restlichen Autoren: Metis läuft noch nicht bei uns. Es haben sich bislang auch nur ein paar Autoren individuell registriert. Zählpixel haben wir derzeit noch nicht aktiv.

Ihr habt ja mit der VG Wort verhandelt – was ist dabei herausgekommen?

Mit der VG Wort hätten wir einen pauschalen Aufschlag für jeden Artikel von 30 Prozent vereinbart und dann die 10-Prozent-Regel ignoriert. Das zumindest war der VG-Wort-Vorschlag. Als wir die Gespräche hatten, war das alles aber noch etwas komplexer. Von den damals 550.000 Artikeln oder so hätten 400.000 die Mindestanforderungen geschafft. Die Foundation hat das dann derzeit nicht weiter verfolgt, solange nicht innerhalb der deutschen Community ein Meinungsbildungsprozess läuft.

Das verstehe ich nicht. Sie kann doch die Verlagsrechte wahrnehmen.

Ein Problem ist die Frage, ob wir ein System wie die VG Wort unterstützen wollen. Außerdem gibt es die noch ungelöste Frage, ob eine Teilnahme an Metis einer Unterstützung gleichkäme. Meine persönliche Antwort ist a) unerheblich, b) nein.

Ich würde darin keine Unterstützung von Metis erkennen wollen, da das System doch staatsvertraglich geregelt ist. Es wäre doch umgekehrt so, dass Metis die Wikpedia unterstützen würde.

Die Rechnung sieht anders aus: Computer, Drucker und Scanner sind in Deutschland etwa 20 Euro teurer wegen der VG Wort. Die Frage ist daher für uns, wie viele Autoren wir weniger haben, weil die Geräte für sie nicht bezahlbar sind. Aber ich finde diese Argumentationskette etwas nervend.

Nunja, es gibt ja auch Gebrauchtgeräte, die sich auch Menschen im Niedriglohnsektor leisten könnten. Außerdem kann man das doch nicht an der digitalen Spaltung festmachen, da es für diese ja einige Gründe mehr gibt als nur die Anschaffungskosten für ein Endgerät. Das hat auch was mit Medienkompetenz zu tun, Alter, Geschlecht, Wohnort usw.

Wir werden aber mit der VG Wort demnächst noch einmal zu tun haben. Die VG Wort hat angekündigt, so etwas wie die Sammelvertretung der Interessen gegenüber Google Booksearch zu übernehmen. Sie will darum entweder den Wahrnehmungsvertrag ändern oder behaupten, dass der bestehende Wahrnehmungsvertrag es erlaubt, im Namen der Autoren Google zu untersagen, die Werke in Google Booksearch zu lassen. In beiden Fällen wäre es mit dem Konzept von frei lizenzierten Werken unvereinbar.

Habt ihr schon mal die VG Wort gefragt, wie sie mit Creative-Commons-lizenzierten Inhalten umgeht?

Wir haben sie damals darauf angesprochen und sie sagen, dass sie davon nicht betroffen seien, weil es ja bei der VG Wort um Nutzungen außerhalb dessen geht, was CC-Lizenzen erlauben. Es geht also um Geld, das abfällt, wenn ich ein CC-Werk unter einen Fotokopierer lege oder in ein Schulbuch einbaue.

Also man kann CC-lizenzierte Werke ohne weiteres melden?

Theoretisch ja, so wie wir es bisher verstanden haben. Im Gegensatz zur GEMA.

Aber umgekehrt kann die VG Wort dann ja nicht solche Werke wiederum uneingeschränkt nach außen vertreten?

Der Trick ist ja, dass man durchaus als Urheber der VG Wort Rechte übertragen kann von Werken, die man bereits unter einer CC-Lizenz veröffentlicht hat. CC-Lizenzen sind einfache, keine exklusiven Rechte. Und die VG Wort will laut Wahrnehmungsvertrag auch keine exklusiven Rechte. Im Gegensatz zur GEMA werden die Rechte nicht pauschal mit der Anmeldung weiter gereicht, sondern nur konkret beim Anmelden der Texte.

Wenn ich nun by-nc-sa-lizenzierte Texte melde, die von Google genutzt werden, dürfte die VG Wort nicht dagegen klagen.

Auf keinen Fall dürften sie es in deinem Namen Google untersagen.

Also müsste VG Wort anfangen zu differenzieren – aber das können sie im Moment nicht, da sie ja gar nicht nach CC-Lizenzen fragen. Eine pauschale Abtretung ist jedenfalls für diejenigen nicht möglich, die Non-Commercial-lizenzierte Texte gemeldet haben. Braucht die VG Wort dann für die Google-Klage nochmal die ausdrückliche Einwilligung der Autoren?

Meiner Ansicht nach braucht die VG Wort dazu noch mal das Okay des Urhebers. Und das darf keine Werke betreffen, die eine weitere Nutzung zulassen. Solange Google CC-lizenzierte Werke lizenzkonform nutzt, ist das ja kein Problem.

Streng genommen dürfte Google bei Non-Commercial-Lizenzen keine Werbung schalten, oder?

Das ist eine offene Debatte. Creative Commons “meint” mit Non-Commercial vor allem das “Gib mir Geld, dann gebe ich dir Content”. Wenn der Content kostenlos zur Verfügung gestellt wird, darf laut CC auch Werbung am Rand stehen. Ansonsten wäre das ja eine Einschränkung der Nutzbarkeit des Inhalts auch auf einer inhaltlichen Ebene. Ich könnte ja ein abgeleitetes Werk erstellen und mich dafür bezahlen lassen, alle zwei Absätze in dem cc-nc-sa-Text werbliche Aussagen einzufügen.

Ist das gerichtlich so bestätigt?

In Australien gab es anderslautende Ansichten. Eine Mobilfunkfirma hat ein Non-Commercial-lizenziertes Bild für eine Werbung genutzt – und dort gab es einen Aufschrei. Die Mobilfunkfirma hat ja kein Geld für das Ansehen des Bildes verlangt, insofern “könnte” man argumentieren, es sei nicht-kommerziell genutzt. Das widerspricht aber dem gesunden Empfinden derjenigen, die es unter Non-Commercial stellen. Ich glaube man hat sich in diesem Fall außergerichtlich geeinigt. In Deutschland gibt es Urteile, ab wann eine Homepage als kommerziell anzusehen ist – und das beginnt sehr früh, da muss gar keine Werbung drauf sein. Eine Journalistin, die auf ihrer Website erwähnt, dass man ihr Aufträge für Artikel erteilen kann, dürfte danach in Deutschland schon unter gewerblich fallen.

Mathias, Danke für das spannende Gespräch!

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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3 Responses to Wikipedia und die VG Wort – Interview mit Mathias Schindler von Wikimedia

  1. HaeB says:

    Interessantes Interview mit einem sehr kompetenten Gesprächspartner. Einige Anmerkungen zu NC-Lizenzen:

    “In Australien gab es anderslautende Ansichten. Eine Mobilfunkfirma hat ein Non-Commercial-lizenziertes Bild für eine Werbung genutzt – und dort gab es einen Aufschrei.” Möglicherweise bezieht sich das auf eine andere australische Mobilfunkfirma bzw. einen anderen, mir unbekannten Fall, aber auf den vielbeachteten Prozess (in den USA) um ein Plakat von Virgin Mobile Australia trifft die Beschreibung nicht zu. Das dort verwendete Foto war unter CC-BY lizenziert, also ohne die Non-Commercial-Einschränkung. Der Fotograf versuchte sich aber darauf zu berufen, er sei von Creative Commons (dem Verfasser des Lizenztexts) ungenügend über die Möglichkeit kommerzieller Nutzung aufgeklärt worden – nicht erfolgreich. Ernstzunehmender war bei diesem Fall die Frage, ob die Persönlichkeitsrechte des abgebildeten Mädchen verletzt wurden. In den USA ist die Privatsphäre gegen öffentliche Abbildungen der Person schwächer geschützt als hierzulande, nämlich durch “publicity rights” nur gegen kommerzielle Nutzung. In diesem Sinne spielte Kommerzialität eine Rolle, aber mit Copyright oder der CC-Lizenz hatte das nichts mehr zu tun. Siehe http://creativecommons.org/weblog/entry/7680.

    “Wenn der Content kostenlos zur Verfügung gestellt wird, darf laut CC auch Werbung am Rand stehen.” – Das geht aus der Formulierung der NC-Lizenzen keineswegs eindeutig hervor. Viele halten sie aufgrund dieser gravierenden rechtlichen Unsicherheiten für ein ziemliches Desaster. Letzten Herbst hat auch Creative Commons selbst die Existenz solcher Probleme implizit anerkannt und eine aufwändige Studie darüber in Auftrag gegeben: http://creativecommons.org/press-releases/entry/9554

    Zu weiteren Nachteilen der Non-Commercial-Lizenzen siehe auch http://freedomdefined.org/NC. Dieser Text stammt von Erik Möller, dem derzeitigen Vizedirektor der Wikimedia Foundation, deren Projekte (wie Wikipedia und Wikimedia Commons) keine Non-Commercial-Inhalte akzeptieren, da sie nicht als frei genug gelten.

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